Monatsarchiv: Mai 2009

Sommerzeit, Schwimmbadzeit!

Schwerhörige bitte vorher auf elektrische Anhängsel prüfen…

Foto: luh / photocase.com

Grausige Geräusche #1

Wo’s schöne Töne gibt, dürfen grausige Geräusche nicht fehlen: Solche, die ich lieber gar nicht hören würde, bei denen ich froh bin, dass ich sie nicht so genau hören muss. Oder zumindest gerne die Hörgeräte ausschalte. Heute:

Foto: Not quite like Beethoven

Dieses pustende Surren und Summen von Klima- oder Kühlanlagen. Am Schlimmsten, wenn es noch so rhythmisch pulsiert, fast wie ein Schiffsmotor.

Ich weile ja gerade in Boston und muss sagen: Das ist in den USA wirklich ü-ber-all. Büroräume, Museen, Bibliotheken, Cafés,… Furchtbar! Ich vermute mal, dass es durch die Hörgeräte besonders schlimm ist und Normalhörende das nicht so wahrnehmen. Aber für mich ist es nicht nur kaum auszuhalten — es macht auch Verstehen wahnsinnig anstrengend oder unmöglich. Wenn ich gerade nicht verstehen muss, werden sofort die Hörgeräte ausgemacht. Selbst Tinnitus ist besser!

Außerdem: Gesund ist das sicher auch nicht. Ich habe noch nie so viele Leute mit knallroten Augen in den U-Bahnen gesehen wie hier zu Feierabend aus den Büros strömen….

Schöne Töne #2

Vorgestern war’s eher ein Vorwand. Aber jetzt wird die Kategorie „Klänge, die ich gerne mag“ — eingeführt, um ein Billy-Idol-Video von David Fincher zu posten, das sich leider niemand angesehen hat –  zu:

Schöne Töne — solche, bei denen ich froh bin, sie zu hören, oder die ich gerne besser hören würde. Und weil „Musik“ zu ungenau ist, wird das in Zukunft eher Geräusche betreffen.

Foto: Stephen Strathdee / istockphoto.com

Heute: Dieses plätschernde Glucksen beim Laufen durch knöchelhohes Wasser.

Ich wußte lange Jahre nicht einmal, dass es dieses Geräusch überhaupt gibt.  Wie laut und wie wunderschön klar es ist. Denn zum ins Wasser Gehen muss ich immer meine Hörgeräte ablegen.  Hab’s nur ganz zufällig entdeckt als ich einmal doch mit Hörgeräten und nur zum Füßekühlen ins ganz still daliegende Meer gewatet bin — eines Sommers mit ungefähr 20 Jahren in Südfrankreich, am Strand von Marseillan-Plage.

Wie hört Not quite like Beethoven? Eine Hörbiographie

Ich wurde nun schon mehrfach gefragt, wie eigentlich meine „Hörbiographie“ ist. Bislang habe ich das ja immer so in andere Einträge eingeflochten, doch jetzt will ich mal ein bißchen zusammenfassend erzählen. Nach dem Klick!

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Schöne Töne: Cradle of Love

Zur Abwechslung mal kein Eintrag über Schwerhörigkeit, stattdessen einer zum schwerhörig werden. Ich finde ja seit langem, dass kaum wer so rockt wie Billy Idol. Jetzt hat Nadine von Bremen mir Vorwand Anlass gegeben, ein tolles altes Video zu posten. Es lohnt sich, Bild und Ton zu genießen. Regie David Fincher! Also: Aktivboxen anschalten, aufdrehen – und abgehen.

Update: Leider ist die einbettbare Version des Videos nicht ganz komplett. Ich empfehle darum, diese hier direkt auf YouTube anzusehen.

Was mir dabei gerade so auffällt, sehr 90ish vorkommt und mit Hunderten Hip-Hop Videos im Hinterkopf auch gut gefällt (SPOILERALERT!):

  • Es gibt tatsächlich einen videointernen Grund, warum die Frau sich auszieht (heute wäre es wohl „einfach die Musik“ oder sie würde von vornherein halbnackt an der Tür stehen)
  • Sie geht am Ende auch wieder — ebenfalls angezogen
  • Die größte Sorge des Nerds ist seine Einrichtung, er konvertiert nicht zum coolen Typen…

Bei f&art gibt’s übrigens noch mehr Grund zu denken, dass man in den 1990ern vielleicht doch noch mehr Wert auf eine gute Geschichte legte. Hier gucken.

Schwerhörig Kuscheln

„Du gehst immer so auf Distanz, wenn wir kuscheln und knutschen. Bleib doch mal da!“ Das hab ich nun schon häufiger zu hören bekommen. Es ist aber auch verzwickt!

Eigentlich suche ich ja die Nähe. Das ist ja wohl gerade die Definition von Kuscheln und Knutschen wollen.  Und eigentlich braucht man dabei ja auch nicht zu reden. Aber manchmal bietet es sich doch an, es kommt halt vor. Hat ja auch was, so kuscheln, knutschen und nebenher ein bißchen reden. Und wenn ich dann gerade  — wie’s sich gehört und wie ich’s will — in der absoluten Nahdistanz bin, dann habe ich ein Problem:

Wenn ich an ihrem Hals den Duft meiner Liebsten suche oder mich am goldenen Flaum erfreue, der von ihrem Bauchnabel abwärts führt, bin ich in denkbar schlechter Position um was zu verstehen. Nicht nur spricht die Liebste von mir weg. Ich sehe sie nicht einmal sprechen — und da ich immer ein bißchen Lippenlesen zu Hilfe nehmen muss, verstehe ich auch nichts. Ich höre etwas, das wie ein Wort oder ein kleiner Zuruf klingt.

Selbstverständlich lasse ich dann nicht alles stehen und liegen, richte mich auf, bringe unsere Gesichter voreinander und bitte um Wiederholung. Aber ich recke doch den Hals: Was geht da vor? Versuche, ihr Gesicht in mein Blickfeld zu bringen. Halte ich sie in den Armen und wir wechseln ein paar Worte, dann könnte ein zufälliger Beobachter durchaus auf die Idee kommen, ich wollte weder loslassen noch wegsehen, mich aber  gleichzeitig von ihrem schlechten Atem fernhalten.

Klar, theoretisch versteht jede das Problem, wenn ich’s einmal sage. Aber praktisch… fast so schwer wie umarmt schlafen, ohne dass dabei ein Arm einschläft.

Wie das so generell ist mit der Schwerhörigkeit im Bett, und mit dem Flüstern dort, habe ich ja schon berichtet.

Wollen wir tanzen? Ist ja nett, dass Du mir ins Ohr sprechen willst, aber…

Das ist mal wirklich eine typische Hörenden-Reaktion: Sobald es irgendwo ein bißchen lauter wird oder sonstwie schwierig mit dem Verstehen, tendiert der Normalhörende dazu, sich vorzubeugen und einem ins Ohr sprechen zu wollen.

Macht man das mit mir, ist das Ergebnis ein kleines Tänzchen. Du kennst das von wenn einem jemand auf der Straße entgegenkommt, der auf der gleichen Seite an einem vorbei will, an der man auch vorbei wollte. Da grooven ja auch oft beide mehrfach hin und her, bevor es schließlich weitergeht.

Im Fall des Ins-Ohr-Sprechens: Beugt sich mein Gegenüber nach rechts vor, nehm ich ihn dort in Empfang. Beugt er sich nach links, mach ich das gleiche. Stehen wir und sie wandert auf meine Seite, drehe ich mich mit, schummdidumm.

Und alles nur weil das Lippenlesen so wichtig ist….

*Danke, André, für den Kommentar, der mich an diese Geschichten erinnert hat.*

Gehörlose Welt trifft blinde Welt – Nachtrag

Vorgestern habe ich auf ein interessantes Gespräch bei Zeit.de verwiesen. Hier gibt es eine spannende Antwort darauf. Die dort schreibende Bloggerin war nicht begeistert und listet einige interessante Punkte auf, was mit dem Beitrag alles nicht stimmt.

Update: Weitere, auch nicht sehr schmeichelhafte Kommentare gibt’s hier, hier und hier. Und inzwischen auch bei zeit.de selber.

Gebrauchsanweisung für Schwerhörige – Fragen an Euch!

Damit ist die Gebrauchsanweisung für Schwerhörige erst einmal abgeschlossen. Bevor ich demnächst zu Tipps für den beruflichen Bereich weiterschreibe, würde mich interessieren — wie kommt sie an?

Habt Ihr’s schon ausprobiert? Was sind Eure Erfahrungen? Was findet Ihr sinnvoll? Was fehlt?

Freund F. etwa sandte mir gestern folgenden Dialog, der sich nebenbei mit seinem auf beiden Ohren hochgradig schwerhörigen (und schwäbischstämmigen) Steuerberater abspielte:

Er: \“Sie könne sisch gar net vorstelle, wie schlimm des mit de Hörgeräte isch.\“
Ich: \“Ja, ein Freund von mir muss auch Hörgeräte tragen und deshalb…\“
Er: \“Wie war desch?\“
Ich: \“Ein FREUND VON MIR…\“
Er: \“Wer?\“
Ich: \“Ein Kumpel von mir muss auch…\“
Er: \“Ah, ein Kumpel!\“

Regel Nummer 10 funktioniert also. [...] Entschuldigung an alle Schwaben für die (wahrscheinlich nicht mal detailgetreue) Parodie.

Über weiteres Feedback und Kommentare, auch Kritik freue ich mich sehr! Wenn Ihr hier nicht schreiben möchtet, dann auch gerne per Email an die Adresse rechts in der Seitenleiste…

Gebrauchsanweisung für Schwerhörige #11: Blue Steel oder Le tigre?

Wie macht man’s Schwerhörigen leichter und das Gespräch erfolgreich?  11 Regeln von denen auch Andere profitieren.

Regel Nummer 11: Blue Steel oder Le tigre?

Diese letzte Regel ist zum einen dafür da, wenn gar nichts geht. Wenn ich trotz aller Tricks einfach nichts verstehe und wir sprachlos voreinander stehen. Das kommt öfters auf Parties und in Kneipen vor. Leider meist mit netten, mir unbekannten Menschen, die mich kennenlernen wollen. Die Regel ist aber auch sehr grundlegend — und begleitet gewissermaßen alle anderen.

Zoolander's blue steel / otisproductions.comFilmfreunde haben es vielleicht schon gemerkt, der Titel bezieht sich auf einen Film von Ben Stiller: Zoolander ist eine wahnwitzige Geschichte über unglaublich einfältige männliche Supermodels und einen kruden Attentatsplan auf den malayischen Premierminister. Ich finde den Film köstlich!

Derek Zoolanders Markenzeichen und Kapital als Model jedenfalls sind verschiedene, von ihm entwickelte Posen. Das Bild zeigt seinen größten Erfolg: Blue Steel.  Daneben hat er noch eine Handvoll anderer Posen und Blicke patentiert, wie Le tigre und Ferrari. Nur — die sehen alle gleich aus. Im Grunde geht es den ganzen Film über darum, dass Zoolander seine Ausdrucksmöglichkeiten erweitert. Und was man nur mit Blicken so alles anstellen kann.

Also: Auch mit Blicken kann man kommunizieren. Dann braucht’s gar nicht so viele Worte. Wenn also mit mir gar nichts mehr geht — aber auch gerne schon vorher — scheut Euch nicht, mir auch ein bißchen Mimik und Gestik zu schenken. Dann fällt ungünstigenfalls auch das zusammen schweigen leichter.

Zur Übersicht: 11 Regeln für besseres Reden mit Schwerhörigen

Gehörlose Welt trifft blinde Welt – ein spannendes Gespräch

Bei Zeit.de erklären eine blinde Frau und ein gehörloser Mann, wie sie die Welt wahrnehmen und wie sie sich verändert hat. Wirklich sehr spannend. Hier gucken gehen!*

UPDATE: Bitte auch hier reinschauen. Die dort schreibende Bloggerin war nicht begeistert und listet einige interessante Punkte auf, was mit dem Beitrag alles nicht stimmt.

*Vielen Dank an meinen Freund F. für den Hinweis!

Inglourious Basterds: Filme gehören so ins Kino wie der neue Tarantino!

Seit ich ernsthaft schwerhörig bin, möchte ich nur noch in Großstädten leben. Warum? Weil ich Filme liebe. Und nur in Städten von einiger Größe gibt es regelmäßig eine Auswahl guter Filme im Original mit Untertiteln im Kino. Wie heißt es so schön: Dafür werden Filme gemacht. Bei DVDs zuhause läßt sich vielleicht besser essen und kuscheln, aber es ist einfach nicht dasselbe. Zuhause ist was für Fernsehserien.

Poster: Inglourious BasterdsLeider werden Filme mit Untertiteln ja auch in den Großstädten immer weniger, je mehr die kleinen Kinos aussterben, die solche Filme zeigen. Nicht nur in Originalfassung. Sondern auch noch mit Untertiteln. So gesehen bitteres Glück im Unglück, dass sich mit der Ausbreitung der Multiplex-Kinos auch das Programm verschoben hat: Die meisten Filme, die dort laufen, kann man auch gucken ohne zu verstehen, was gesagt wird. Kämpfe, Verwandlungen, Raumschiffe, Explosionen, Verfolgungsjagden und dazu noch eine recht standardisierte Hollywood-Filmsprache — da versteh ich auch so was passiert.  Soll heißen: Ich kann mich mit den Bild- und Soundebenen des Films einigermaßen vergnügen und mir die Details später erzählen lassen. Ich mache das notgedrungen regelmäßig, wenn ich mit meinen Freunden ins Kino gehe. Denn aufs Kinoerlebnis will ich nicht verzichten.

Warum da Quentin Tarantinos neuer Film über eine Bande amerikanisch-jüdischer Nazi-Verklopper im zweiten Weltkrieg gerade recht kommt — nach dem Klick.

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Gebrauchsanweisung für Schwerhörige #10: Erweitere Deinen Wortschatz

Wie macht man’s Schwerhörigen leichter und das Gespräch erfolgreich?  11 Regeln von denen auch Andere profitieren.

Regel Nummer 10: Erweitere Deinen Wortschatz

Mit meinen kleinen Tricks wie Brille aufsetzen, Lippen und Leute lesen verstehe ich wesentlich mehr als ich höre. Wenn ich dann doch einmal etwas  nicht verstehe (also meist alle zwei oder drei Minuten), kannst Du es ein oder zweimal wiederholen. Spätestens dann aber wäre ich Dir dankbar, wenn Du die Strategie wechselst. Sonst kommen wir uns beide nur blöd vor.

Werde kreativ. Umschreibe, was Du meinst mit anderen Worten. Gib mir Stichworte.

Denn: Den Klang dessen, was ich nicht verstanden habe, hab ich mir nach zweimal Wiederholen schon gemerkt. Was Du davor gesagt hast, weiß ich auch (meistens). Mein Kopf arbeitet bereits auf Hochtouren, daraus einen Sinn zu gewinnen. Wenn Du nur wiederholst, ist das für mich nichts Neues, leider. Aber alles was Du mir darüber hinaus gibst, hilft mir bei der Berechnung dessen, was Du gesagt haben musst.

Und ja, was dabei bei mir abgeht, ist so aufwendig und kompliziert wie es klingt.

Zur Übersicht: 11 Regeln für besseres Reden mit Schwerhörigen

Scharf müssen sie sein, die Lippen

Neulich bei Not quite like Beethoven zuhause: Ich am Küchentisch über dem Laptop brütend. Auftritt der Mitbewohnerin, braungebrannt, gutgelaunt und voller Mitteilungsbedürfnis. Zehn Tage Urlaub in Puerto Rico.Foto:  sisk4 / photocase.de

„Ooh, das war soo toll, das mußt Du hören!“

„Moment, warte — ich hol meine Brille.“

Da hat sie aber geguckt. Leider stimmt es. Zumindest um Englisch zu verstehen brauche ich tatsächlich Brille oder Kontaktlinsen. Bin zwar nur bißchen kurzsichtig, sagen wir: Die Welt ist sieht mir leicht impressionistisch aus. Auch schön. Aber für fremdsprachliches an den Lippen Hängen brauche ich absolut scharfe Sicht. Sonst reicht es einfach nicht ganz. Unglaublich, was das bißchen für einen Unterschied macht. Da merke ich auch, wie abhängig ich eigentlich vom Lippenlesen bin.

Waren dann übrigens wirklich nette Geschichten aus Puerto Rico. Will ich auch mal hin…

Von schwerhörig gebombt zum Mehrwert der Schwerhörigkeit: Ein Gespräch mit Bernd Rehling

Sommer 1974. Am frühen Nachmittag des 17. Juli explodiert ohne Vorwarnung eine Bombe im Tower of London. Der ist wie üblich mit Touristen überfüllt. Eine Frau stirbt — neun Schwerverletzte und über 30 leicht Verletzte, meist Kinder. Einige verloren Arme oder Beine. Der Bremer Realschullehrer Bernd Rehling, gerade dreißig Jahre alt, verlor fast sein ganzes Gehör.Foto: Bernd Rehling

Mit Hörgeräten versorgt lehrte er danach noch über 20 Jahre weiter. Und ist heute einer der profiliertesten Akteure in der deutschen Hörbehindertenszene: 1997 gründete er mit einer Gruppe Gleichgesinnter das Informationsportal Taubenschlag und bringt täglich die Presseschau deafread heraus.

Not quite like Beethoven spricht mit Bernd Rehling über die schwierige Zeit als Neu-Schwerhöriger und wie er sich als Lehrer an der Hörgeschädigtenschule selbst neu erfand. Über Segen und Gefahren des Internets für Schwerhörige — und über das Leben zwischen den Welten: weder gehörlos noch normalhörend. Nach dem Klick.

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Not quite like Beethoven wird sozial

Bevor es hier mit Schwerhörigkeit weitergeht: Not quite like Beethoven ist jetzt bald zwei Monate alt, wächst auch — es ist einfach mal an der Zeit, auch sozial zu werden. Ich habe ein bißchen Gefühl für die Bloglandschaft und eine tägliche Dosis in meinem Feedreader entwickelt.

Als ich als Neueinsteiger versucht hab, mich zu orientieren, fand ich lange, unkommentierte Blogrolls gar nicht hilfreich. Darum hab ich mich entschieden, lieber weniger als ich tatsächlich lese aufzuführen. Aber dafür die, die ich besonders mag, auch mit ein paar Worten zu bedenken.

Also — schaut mal rein. Und klickt gern ein bißchen….

Das ist ja unheimlich mit Dir! Schwerhörigkeit und die anderen Sinne

Neulich habe ich gesagt, schwerhörig Sein schaffe Platz im Kopf — leere Ecken, für Schränke zum Beispiel. Daraufhin habe ich einige mißbiligende Emails gekriegt. Und es war ja auch arg platt, das Bild. Jetzt aber mal im Ernst:

Diese räumliche Kästchenmetaphorik stimmt vorne und hinten nicht. Schwerhörig und selbst Taubsein, ist nicht nur ein Loch. Es bedeutet einen ganz anderen Zugang zur Welt, ein ganz anderes In-der-Welt-Sein. Weil das so ist, hört man ja auch mit Hörgeräten nicht „wieder gut“.

Wenn man einen Sinn verliere, hört man oft, würden die anderen schärfer. Das Beispiel sind meist Blinde und ihr Hören. Aber zumindest in meinem Fall ist es nicht ganz richtig. Und ich würde vermuten, dass das auch bei Blindheit so ist. Ich kann schon gut riechen und schmecken, sicher auch besser als manche andere. Jedenfalls wenn ich mir so anschaue was erstaunlich viele Leute klaglos essen oder wie sie sich in AfterShave baden. Aber ich glaube nicht außerordentlich gut. Und ich kann auch nicht schärfer sehen. Ganz im Gegenteil, ich bin etwas kurzsichtig.

Allerdings: Ich kann Leute lesen. Ich bin schon aufgestanden, zu Freunden auf der Nachbarbank rübergegangen und habe sie aufgefangen, weil ich gesehen hatte, dass sie gleich ohnmächtig werden würden. Meins ist ein ganz feines Gefühl dafür, wie Leute so drauf sind, wie es ihnen geht und in welcher Stimmung sie gerade sind. Ganz unwillkürlich schau ich sie mir sehr genau an. Was sie tun, wie sie sich halten, wie sie sitzen, wie sie lachen. Ich sehe die kleinen Anzeichen, wie sie aus ihrem Körper heraus und in die Welt hinein schauen. Und wie sie auf das reagieren, was ihnen dort so passiert. Ängstlich, mürrisch, beleidigt. Oder ruhig, offen und neugierig. Sind sie glücklich?

All das will ja nicht jeder unbedingt immer zeigen. Darum hab ich mir auch schon anhören müssen, dass es ein bißchen unheimlich sei mit mir.

Woher kommt das? Ist es Übung? Ausgleichende Gottesgabe? Vielleicht von beidem ein bißchen…

Stille Welt? Wie sich Schwerhörigkeit anhört

Das hängt natürlich von der Form der Schwerhörigkeit ab. Wenn ich meine erklären soll, dann sage ich meistens:

Ohne Hörgerät: Wie durch eine richtig dicke Wand. Sagen wir, eine Burgmauer. Still ist es dahinter trotzdem nicht, dafür sorgt ein konstant laut pfeifender Tinnitus auf beiden Ohren.

Mit Hörgerät: Wie eine Fremdsprache, die man kaum kann. Nur dass es nicht mit der Zeit besser wird. Weil ich fast ganz taub bin, verstehe ich nur und ab und zu mal ein paar Worte oder einen Satz. Ganz selten, also unter superoptimalen Bedingungen mehr. Manchmal nicht mal das. Und zwar sogar wenn der Sprecher direkt vor mir steht und mit mir spricht. Und zwar obwohl die Hörgeräte die Stimme extrem laut machen.

Gleichzeitig sind durch die Hörgeräte alle Nebengeräusche — eine Klimaanlage, Absatzschuhe, Straßenlärm, Gespräche am Nebentisch oder im gleichen Raum, Musik etc — unglaublich laut und übertonen alles, was ich hören und verstehen will.

Still ist sie also nicht gerade, meine Welt.

Übrigens: Hier kann man sich anhören, wie Schwerhörigkeit klingt (ohne Hörgerät). Leider nur für leichte und moderate Hochtonschwerhörigkeit (gefunden via kelimalia).

UPDATE: Hier gibt es ein Hörbeispiel für meine Schwerhörigkeit.

Gebrauchsanweisung für Schwerhörige #9: Zuwendung zeigen

Wie macht man’s Schwerhörigen leichter und das Gespräch erfolgreich?  11 Regeln von denen auch Andere profitieren.

Regel Nummer 9: Zuwendung zeigen

Also… ich mag auch Dein Profil. Aber ehrlich gesagt: Nur wenn Du nicht sprichst. Wenn Du sprichst, dann schau mich an. Niemand anderes. Um ganz ehrlich zu sein: Am besten schau mich auch dann an, wenn Du gerade mit jemand anderem am Tisch redest. Dass das komisch aussieht macht gar nix. Foto: suschaa / photocase.de

Wenn Du beim Reden unbedingt auch mal anderen Anwesenden in die Augen sehen mußt — soll ja vorkommen — dann bedenke mich ab und zu mal mit ein bißchen Zuwendung. Und vielleicht noch einem knappen Hinweis worum es gerade geht. Das erleichtert mir das Folgen sehr. Wenn Du auf social media wie digg stehst, könnte man vielleicht auch sagen: Tagge die Unterhaltung.

Zur Übersicht: 11 Regeln für besseres Reden mit Schwerhörigen

Auf der Besetzungscouch: Nur Schwerhörige sollen schwerhörige Rollen spielen?

Für die 4. Staffel der Fernsehserie Heroes werden gerade Schauspielerinnen gesucht. Dieser und  dieser Quelle zufolge die wichtigste Anforderung: Schwerhörigkeit. Auf Englisch heißt es „must be hearing impaired“. Heroes

Achja, 25-28 Jahre alt, weiblich, attraktiv, gewitzt und einfühlsam soll die Kandidatin auch noch sein.

Da bin ich ja mal gespannt, was das für eine Figur ist. Denn warum soll man unbedingt schwerhörig sein müssen um eine schwerhörige Rolle zu spielen? Ist das nicht eher eine Frage guter Recherche und Schauspielkunst?

Gut, vielleicht ist genau das das Problem zeitlich und finanziell knapp budgetierter TV-Produktionen. So gesehen schlau, gleich jemand zu nehmen, der Bescheid weiß. Und Schwerhörigkeit weder recherchieren noch gut spielen können muss.

„Let’s put in a cochlear implant“ — Dr. House schenkt Jungen das Gehör

Wer Dr. House guckt, weiß was einen erwartet: Scharfsinn, Wortwitz und Beleidigungen – kurz: unverschämt anstandslose Unterhaltung. Jetzt hat er in den USA Schwerhörige, Gehörlose und Cochlear-Implantierte gegen sich aufgebracht (klicke zum Überblick hier, siehe die Diskussion hier). Zu Recht?

Foto: jmb1977 (flickr.com CC-BY-SA 2.0)Meine Meinung nach dem Klick! Und die darf man ruhig schon vor dem Gucken lesen. Denn House hat in der Folge eigentlich ganz andere Probleme als seinen gehörlosen Fall.

Wer nicht warten will bis die Folge im Herbst in Deutschland läuft, kann sie jetzt schon bei Hulu ansehen. Auf englisch und ganz legal. Mit Untertitel! Schlimmstenfalls sitzt dieser Eintrag jetzt einfach hier und wartet, bis ich ihn im Herbst wieder hochhole.

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