Telefonieren ist der Horror für Schwerhörige! So unglaublich anstrengend und voller Mißverständnisse, ich lasse es inzwischen schweren Herzens ganz. Auch privat, von geschäftlich ganz zu schweigen. Wie oft hab ich mir Untertitelung dafür gewünscht – und jetzt stell ich fest, dass es das doch tatsächlich schon gibt! In Echtzeit. Kostenlos. Und wenn Du eins hast, sogar auf dem iPhone. Wirklich Wahnsinn!
Man braucht nicht einmal nen festen Telefonanschluss, Computer mit Internetanschluss und Handy reichen. Auf dem Bildschirm erscheinen fast in Echtzeit die Worte des Gesprächspartners. Mit manchen 3G Mobiltelefonen (und Kopfhörern) geht’s sogar von unterwegs, ohne Computer! Web Captel (bzw. Mobile CapTel) nennt sich der Service und man erreicht ihn unter http://sprintcaptel.com oder http://hamiltoncaptel.com — leider funktioniert das Ganze nur für Anrufe innerhalb der USA. Man loggt sich dort ein, gibt die eigene und die Zielrufnummer ein — ein paar Sekunden später klingelt das Telefon und man kann loslegen.
Heute habe ich es ausprobiert. Und das ist so toll! Ich glaube, Normalhörende können sich gar nicht vorstellen, wie sich das angefühlt hat — „thought I’d died and gone to heaven“, wie der Ami sagt. Nichts weniger. Diese Angstfreiheit! Diese Zuversicht! Wissen, ich kann mit jemandem reden und werde alles mitbekommen. Es ist zum Weinen. Einfach mal aus Impuls jemanden anrufen, vielleicht eine geliebte Stimme hören, sich schnell absprechen, das ist ja auch ein Stück Lebensqualität. Streßfrei Telefonieren – das habe ich schon seit 10 Jahren nicht mehr gehabt. (Ein bißchen was davon bringt ein kleines Werbefilmchen auf sprintcaptel.com rüber — am Beispiel eines verliebten Teenagers. Auf „video demonstration“ klicken.) Und natürlich kann man das Ganze auch geschäftlich nutzen.
„Kann doch gar nicht sein“, habe ich gedacht als ich das alles erzählt bekommen habe. Weil ich mich ein bißchen mit automatischer Spracherkennung beschäftigt habe – und im Moment funktioniert das immer noch nur dann zuverlässig, wenn das System auf Stimme und Sprechweise trainiert wird. Man muss Beispielsätze einsprechen, ansonsten wird viel Mist erkannt. Also nicht praktikabel für Anrufe an Gott und die Welt. Dass da aber ein Mensch sitzt und alles von Hand transkribiert, konnte ich mir auch nicht vorstellen. Zu aufwendig, zu langsam, zu teuer.
Nach bißchen Nachforschen stellte sich dann heraus — es ist beides: Da sitzt einer, hört was der Gesprächspartner sagt, spricht es schnell nach und ein auf ihn trainierter Computer erkennt das. Der Mensch prüft es gleichzeitig noch und verbessert wenn nötig, bevor alles an den eigenen Computer oder das iPhone gesendet wird. Macht insgesamt nicht mehr als 4 Sekunden Verzögerung! Der Transkribierservice, auf den die beiden Webseiten oben zurückgreifen, wird von einer Firma namens Ultratec, Inc. betrieben.
Ist schon bißchen komisch zu wissen, dass da noch jemand in der Leitung hängt. Der dann auch noch alles Nachsprechen muss, was man so sagt, inklusive Schimpfwörter und Liebesgeflüster. Der Arme! Aber man sagte mir, die Leute seien alle trainierte und auf Vertraulichkeit vereidigte Dolmetscher und die Daten würden nach Gesprächsende sofort gelöscht. Dass sie gut bezahlt werden, sagte man mir nicht. Ich halte das für einen Knochenjob.
Denn: Das Ganze gibt’s 24/7, so häufig und so lang man will. Wenn ein Dolmetscher erschöpft vom Stuhl fällt, wird er nahtlos durch einen Kollegen ersetzt. Tagsüber machen sie auch noch auf Spanisch. Also ein Wahn-sinns-aufwand Und trotzdem: Es ist für uns Kunden vollkommen kostenlos. Ja, richtig gehört. Kostenlos telefonieren, alles verstehen — und das auch noch vom Handy!
Die Kosten werden aus diesem Fonds der Bundesstaaten bezahlt, die sich das Geld wiederum von den lokalen Telefongesellschaften holen. Eingerichtet wurde das Ganze durch eine Verordnung (Title IV) aus dem Americans with Disabilities Act (ADA) von 1990 (siehe hier und hier) — also da wo auch Untertitel im US-Fernsehen vorgeschrieben werden (was dieses Beispiel lehrt, habe ich hier beschrieben).
Oh, wie werde ich diesen Service vermissen, wenn ich hier abreise! Ob ich sowas in Deutschland wohl noch erlebe?!
Ich kenne mich ja rechtlich nicht so aus, stelle mir aber vor, sowas müsste man auf Europaebene angehen…






7 Antworten bis hierher ↓
Berlinessa_in_New_York // 24. Juni 2009 um 09:19
Ruf. Mich. An.
Tatjana (hd) // 24. Juni 2009 um 11:02
Wow! Das ist ja echt klasse! Habe mir direkt mal die HP angesehen.
Aber in Deutschland wird es das wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Schade, würde gerne mit meiner sh Freundin telefonieren, oder mit meiner Oma. Aber hier sind sie ja nicht mals in der Lage das Fernsehn ordentlich zu untertiteln…
Enn0 // 24. Juni 2009 um 14:02
Nein, was für ein Wahnsinn. Ich flipp aus. Ich gründ ne Firma. Wer hat mal eben 1 Mio € für mich? Aber sowas von HABEN WOLLEN!
Ole // 24. Juni 2009 um 14:08
Wirklich eine tolle Idee. Das wär mal was für eine tolle „Geschäfts“-idee für einen Gutmenschen aus dem Internet-Umfeld.
Nina // 24. Juni 2009 um 14:21
Oh, das wäre genial, wenn es das auch mal in Deutschland geben würde! Dann könnte ich auch mal so einfach meine Eltern oder meinen Freund anrufen. Aber da wir ja hier (deutschland- und europaweit) nichts annähernd ähnliches wie den ADA haben, kann ich wohl getrost drauf verzichten. Menno!
fafnir // 26. Juni 2009 um 07:39
Schön, wenn die Technik nach Kontaktlinsen, und so noch einige anderen Dingen, mal wieder etwas wirklich nützliches produziert. Ich freue mich auf den ersten Anruf …
Mila // 26. Juni 2009 um 20:08
Genial…wir werden in der alten Welt auch ausprobieren dürfen…bin nur gespannt…wann???