Not quite like Beethoven

Das Harte für die Dame, das Zarte für den Herrn: Wie Schwerhörigkeit Geschlechter-Stereotypen durcheinander bringt

15. August 2009 · 4 Kommentare

Wer mich anschaut, sieht nen Mann. Ganz klar. Breite Schultern, Boxernase, wilder Bartwuchs. Das verwirrt die Leute aber nur umso mehr, wenn ich mit Frauen zusammen bin.

Ich liebe Kaffee. Und hab ganz und gar nichts gegen Alkohol. Aber weil von beidem mein Tinnitus lauter wird und sich Kater auch mit Druck in den Ohren auswirken, trinke ich beides meist recht vorsichtig. Das führt in Bars und Restaurants oft zu skurrilen Situationen.

Outdoor Portrait of Man and Woman, Photo by Wisconsin Historical Society / flickr

Zuerst aufgefallen ist es mir in Andalusien — wo der Kaffee so stark ist, dass ich oft nicht mal Kaffee mit Milch (café con leche) sondern Milch mit Kaffee (leche manchada) bestellt habe. Merke: In Andalusien führte das, damals zumindest, nicht dazu, dass die gleiche Menge Kaffee mit mehr Milch aufgegossen wurde — die Gläser waren immer gleich groß. Außerdem bestellte ich wesentlich öfter Cola oder Wasser als Bier und Wein. Oder wenn, dann eher Bier und tinto de verano als Rotwein oder Härteres.

Meine Freundinnen waren schon immer nicht so zimperlich (und dafür liebe ich sie). Bei ihnen darf es oft ein doppelter Espresso, ein Bier oder manchmal auch ein Schnaps sein. Und wirklich jedesmal wenn café con leche und leche manchada oder Wasser und Bier gebracht wurden, wollte man das Stärkere natürlich vor mich hinstellen. Und war überrascht bis sogar ein wenig unwillig, wenn wir es anders haben wollten. Es paßt einfach nicht, auch in Deutschland nicht, dass der Kerl den Mädchendrink nimmt.

Super Man and Wonder Woman, Photo by San Diego Shooter / flickr

Ähnlich läufts wenn ich mit einer Frau unterwegs bin und Leute nach dem Weg fragen. Sie sprechen fast immer mich direkt an — und sind dann überrascht, wenn ihnen die danebenstehende Frau antwortet, weil ich die Frage nicht so schnell oder gar nicht verstehe. Anstatt dass sie einfach stumm bleibt. Und meistens schauen sie während ihnen geantwortet wird immer mal skeptisch zu mir rüber. Gleiches geschieht, wenn sie nach dem Weg fragt. Dann bekomme ich den Weg erklärt. Kaum jemand schafft es, einfach nur ihr zu antworten und nicht spätestens nach ein paar Sekunden mich anzusehen und ganz offensichtlich mit mir zu reden. Was lustig ist, weil ich ihnen natürlich auf typisch schwerhörig zuhöre.

Besonders skeptisch und durcheinander sehen die armen Leute dann aus, wenn das Ganze mit asiatischen oder schwarzen Begleiterinnen geschieht. So als würde es nicht in ihren Kopf gehen, dass diese sich herausnehmen, mit ihnen zu reden — obwohl sie mich angesprochen haben oder auch ich sie hätte ansprechen können. Und das passiert nicht nur auf dem Land und nicht nur bei Älteren.

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4 Antworten bis hierher ↓

  • Christian // 15. August 2009 um 14:09

    Sehr fein beobachtet – die Stereotypen sind teilweise wirklich stark in unserer Gesellschaft verankert.

  • Elizabeth // 15. August 2009 um 19:42

    It’s strange to get a window onto how bizarrely ghettoized white people can be. My Chinese-American friend on a Fulbright had a row of similar encounters. She was just asked by a polish girl who did not know what to make of her: „It must be so hard for you. You’re not really American, and you’re not really Chinese. It’s like you don’t belong anywhere–I sympathize with you!“ Nice Wisconsin Historical Society photo.

  • Yewa // 16. August 2009 um 15:31

    Bin durch Zufall in Dein blog gestolpert. Bei diesem Beitrag mußte ich sehr schmunzeln. Das kenne ich.

    Mein Mann & ich fahren Motorrad. Jede/r das eigene. Jede/r selbst. :)

    Wie oft passiert es, daß ER gefragt wird und SIE die Antwort gibt, weil SIE manches einfach besser weiß, zB welche Maschine SIE fährt.

    Wir standen an einem Motorradtreff an meiner nagelneuen (auch vom Typ her) Maschine. Seine etwas ältere stand zwar direkt daneben. Man konnte dennoch ohne weiteres meinen, wir wären mit meiner Maschine als Fahrer & Sozia unterwegs. Ein Mann kam auf uns zu & fragte eindeutig meinen Mann:

    - Ist das nicht die neue XY?

    Welch ein Glück für meinen Mann. Das konnte er gerade noch beantworten:

    - Ja.

    - Wie stark ist die denn jetzt?

    Mein Mann zuckt mit den Schultern. Der Kollege ist etwas irritiert. Ich stehe hinter ihm – er hat sich tatsächlich mit seinem breiten Kreuz vor mich gestellt & gab mir das Gefühl, mich zu ignorieren – und sage laut & deutlich:

    - Wenn Du mich fragst, bekommst Du vielleicht eine Antwort. Das ist nämlich meine.

    Er schaute mich ziemlich blöd an…

  • not quite like beethoven // 16. August 2009 um 19:50

    Danke, Christian. Also mich überrascht das immer wieder, gerade bei so Kleinigkeiten wie Getränken. Und auch als wie „weiblich“ viele meiner Kommunikationsverhaltensweisen wahrgenommen werden. Schon lustig — vielleicht komm ich deswegen so gut mit Frauen klar…

    Elizabeth, I think it’s not only white people. Especially with respect to gender I have made similar experiences with all sorts of people.

    Yewa, freu mich, dass Du hergefunden hast. Hoffe Du schaust mal wieder rein. Deine Motorrad-Geschichte ist zu schön! Wobei, wie ist denn Deine Erfahrung unter Motorradfahren? Ich würde denken, dass viele ne Frau mit Ahnung und Begeisterung auch ziemlich sexy finden…

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