Monatsarchiv: September 2009

Der Radio-Skandal in den 80ern: Mutter nachträglich rehabilitiert

Deutschland in den 1980ern: Es wird Verstecken gespielt; eine kleine Gruppe Erstklässler verteilt sich im ganzen Haus. Die Kreativität wird immer größer. Nicht nur in, unter oder auf Schränken, nein — auch in Topfpflanzen und Wäscheschubladen, unter Teppichen und in Kronleuchtern wird sich versteckt. Der Klassiker, weil im Falle des Erfolgs beleidigend für den Sucher: Hinter der Tür.

Hide-and-Seek, Photo by Stéfan / flickr -- some rights reserved

Nur eines stört. Warum muss diese doofe Mutter nur ausgerechnet mittendrin anfangen, so laut Radio zu hören? Und dann auch noch die ganzen Schmachtfetzen des öffentlich-rechtlichen Radios rauf und runter?!

„Mamaaa! Stell doch das Gedudel mal ab. Ist ja furchtbar,“ ruft der junge Notquite nach kurzer Besprechung unter den Anwesenden, denn es ist sein Haus und seine Mama. Dass sie das erst gar nicht und später widerwillig tut, ärgert ihn. Immerhin hat sie ihm damit vor seinen Freunden widersprochen. Und sowas merken sich Grundschüler.

Im späteren Verhör unter vier Augen, das durch böse gucken und laut reden gleichzeitig der Bestrafung dienen soll, gesteht sie ihm: Sie habe es alles nur aus Liebe getan. Sie habe mitbekommen, dass die anderen den jungen Notquite in seinem Versteck atmen hören konnten. Und habe nur Chancengleichheit herstellen wollen.

Ist mir grad so wieder eingefallen, nachdem ich endlich mal Heat gesehen hab. So Verfolgungsjagden zu Fuß auf Leben und Tod, wo man sich wenn’s nicht mehr weitergeht versteckt, einander auflauert und japst — ich glaub da hätte ich schlechte Karten.

Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #7: Akustisches Überleben beim Geschäftsessen

Säuiges oder schwieriges Essen soll man ja eh sein lassen. Aber auch ohne Artischocken, Rippchen oder Makkaroni mit Tomatensoße sind Geschäftsessen für Schwerhörige schwer. Ein noch unformuliertes Naturgesetz bewirkt, dass wo man sich gern schnell über Mittag trifft, mit dem Team zu Abend ißt oder auch wo das Bankett nach dem Kongress stattfindet gar zu oft ganz furchtbare Akustik herrscht. Schließlich ist es ja der Inbegriff eines Restaurants, dass man dort nicht alleine ißt — am liebsten noch mit Musik im Hintergrund. Und all die Hintergrundgeräusche ersäufen die Sprache, um die es doch geht.

Die Lösung? Wie immer: Initiative ergreifen — und versuchen, Einfluss auf die Wahl von Restaurant und Tischreservierung zu nehmen. Aber was macht eigentlich gute Akustik aus? Wie soll man auswählen oder — wenn man es nicht selbst in der Hand hat — was soll man denen, die auswählen, sagen? Zumal, wenn obendrein für Schwerhörige laut und leise nicht das gleiche bedeutet wie für Normalhörige.

Um es kurz zu machen, es ist ganz einfach: Man muss nur dem kitschigen Italiener oder Griechen möglichst nahe kommen…

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Angenehme Überraschungen

Ich bin ein Freund angenehmer Überraschungen. Und jetzt wünsche ich mir mal ganz doll angenehme Überraschungen für die nächsten vier Jahre.

Ich fang mal wahllos damit an, dass nicht der Atomausstieg rückgängig gemacht wird und keiner diesen komischen Wunschzettel aus Alt-Moabit anfaßt.

Science Fiction kann nicht jeder: Warum hörgeschädigte Figuren in Film und Literatur so selten sind

Es hat mich sehr geärgert, dass es in Literatur und Film kaum hörbehinderte Hauptfiguren gibt. Und dass Schwerhörigkeit einfach als nicht sexy genug gilt, so dass — wenn solche Figuren auftauchen — sie eher gehörlos sind. In den Kommentaren zu dem Beitrag ist damals eine rege Diskussion entstanden.

Weil ich das so interessant fand, hat Salomea mir jetzt einen Text geschickt (danke, Salomea!). Darin erklärt sie, warum es so schwer ist, glaubhaft und spannend über Hörgeschädigte zu schreiben. Und besonders über Schwerhörige.

Eine gute Fiktion lebt nicht nur vom Plot, ergo der Handlung, sondern von den Charakteren die ihn erleben. Ein guter Charakter ist dreidimensional. Er überzeugt dann, wenn sein Schöpfer nicht nur erzählt Karl-Heinz sei ein fröhlicher Mensch, sondern wenn Karl-Heinz‘ Auftreten, sein Habitus und seine Dia- und Monologe das ausdrücken. Erschafft man einen (hör-)behinderten Charakter bedeutet das immer auch ein Stück weit Stigmatisierung. [...]

Schwerhörige sind auch deshalb seltener Thema weil sie bedeutend schwieriger darzustellen sind. Für den nicht betroffenen Autor unterscheiden sie sich zum einen nicht von denen Hörenden, sind jedoch auch um anderen aufwendiger zu erforschen und werden aufgrund der gegebenen Bilder auch von der Leserschaft nur als Alte, die ständig nachfragen akzeptiert. Einen jungen Mann oder eine junge Frau die für sie ganz selbstverständlich über Trendfarben für Hörgeräte nachdenken und Fabrikate vergleichen oder in einer sozialen Situation klarstellen, dass man mit Hörgeräten zwar lauter hört aber das Sprachverständnis sich deshalb nicht bessert wird die Leserschaft ablehnen, weil sie diese Welt nicht versteht. Einen schwerhörigen Schweißer, der während seiner Arbeit die Hörgeräte ablegt wird niemand nachvollziehen wollen, weil er doch mit den Geräten hört. [...]

Hat der Autor im realen Leben sich nie über längere Zeit im Umfeld so einer Person bewegt würde so eine Skizzierung auf einer Art Science Fiction basieren und dieses Genre interessiert nicht jeden und kann auch nicht von jedem umgesetzt werden.

Na, was meint Ihr? Hier der vollständige Text als pdf.

Schöne Töne #8 — Sonderausgabe mit Geschmack!

Es steckt viel Spaß im -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

Oje. Gerade arbeite ich so viel, da bleibt keine Zeit für gut beobachtete Einträge über Schwerhörigkeit wie diesen hier. Aber gerade wegen der Arbeit kann ich sagen: Würde ja gern mal den Menschen kennenlernen, der sich Toffifee ausgedacht hat.

Ich meine — hallo?! Karamell, ne Haselnuss, Vollmilch- Nougatcreme und  noch Bitterschokolade? Wobei man die Bitterschokolade zuerst herausbeißen oder rauslutschen kann, ja muss? Die als süßes Vorspiel auf der Zunge zergeht und einen durch die Wonnen der Milchschokolade Nougatcreme lenkt bis man schließlich krachend die Nuß zerbeißt? Und hinterher noch ein bißchen in der wohligen Wärme des Karamells schwelgt?

Ich kenn das ja schon seit ich klein bin aber wie abgefahren ist das denn eigentlich?! Dazu noch diese wunderbare Verpackung bei der man sich die Toffifees richtig erobern muss. Bis sie schließlich mit einem wunderbar knisternden Knacken aus ihrer Goldhülle springen…

Grausige Geräusche #4

Ich weiß auch nicht wie ich gerade jetzt so mitten in der Nacht darauf komme, aber — kann sich noch jemand an dieses charakteristische Rattern beim Einschalten der toastergroßen Floppy-Disk Laufwerke für den C64 erinnern?  1540 oder 1541 hießen die glaub ich. Ich hab’s gehasst.

Und jetzt überleg ich mir gerade ob es nicht doch eher ein nostalgisch-schönes Geräusch ist….

Würden Sie nach diesem Filmchen ein Hörgerät kaufen?

Tja, hätte die Dame mal meine Tips für Schwerhörige in Teamsitzung und Besprechung beherzigt. Dann wär’s gleich besser gelaufen. Hier sieht man gut wie’s im Job allzu oft zugeht für Schwerhörige.

Ist eine ganz typische Situation, finde ich also ganz gut ausgewählt für Hörgerätewerbung. Auch wenn ich den Spot selbst zu lang finde und das Vorspiel unnötig und nicht so witzig wie die Macher das wohl denken. Übrigens: In den Kommentaren bei youtube wird bemängelt, dass die Darstellerin nicht selbst schwerhörig ist. Das, finde ich, ist doch vollkommen egal. Oder? Wie findet Ihr das Video? Zumindest besser als dieses hier?

Nervensägen III: Unbedarft und borniert

Behindertengroupies machen mich wahnsinnig. Jammerlappen aggressiv und traurig. Noch am Besten komme ich im Alltag mit dem Typ Nervensäge zurecht, den man unbedarft und borniert nennen kann.

Das sind die, die mich behindern und dabei nicht verstehen, warum sie irgendetwas anders machen sollten. Im Dreisatz: Ham wa schon immer so gemacht, da könnte ja jeder kommen, wo kämen wir denn da hin. Ich sagte oben „im Alltag“ weil dieser Typus auch in Behörden vortrefflich gedeiht. Dort aber ist er nicht einfach nur nervig, sondern fatal. Und außerdem ist schwerer was daran zu ändern. Denn so etwas wie diese Dreisatzlogik liegt tief im Wesen der Behördenhaftigkeit überhaupt. Doch ich schweife ab…

Im Alltag sind das die, die auf Bitten, mir etwas entgegenzukommen, mit unbedarfter Borniertheit reagieren. Wie zum Beispiel neulich dieser Mensch im Thai-Restaurant. Ich wollte mit einer Kollegin und meiner Chefin Mittagessen gehen und dabei die Pläne für das nächste Jahr besprechen. Darum ging ich eine Stunde vor dem Essen hin um einen Tisch zu reservieren.

Serenity -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

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Hey Mann, ich bin in meiner schalldichten Kammer!

Bedrucktes T-Shirt von CafePress

Es gibt nicht viele Sprüche über Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit, die ich mir auf ein T-Shirt drucken würde. Aber vielleicht diesen hier.

I can’t hear you, I’m in my imaginary soundproof booth.

Ich glaube der funktioniert nur auf Englisch, vielleicht sogar nur auf Amerikanisch. „Ich kann Dich nicht hören, ich bin in meiner vorgestellten schalldichten Kabine“? Das will ich kurz erklären:

Worum geht’s? Das ganze ist eine Anspielung auf den „imaginary happy place“ — das kommt ursprünglich aus irgendwas psychotherapeutischem und/oder esoterischem: Der ganz persönliche Ort an dem man sich wohlfühlt, glücklich ist und aus dem man Kraft zieht. Sollte man kennen. Und wenn es stressig wird sich vorstellen, man sei dort.

Passend dazu gibt es einen Spruch auf T-Shirts, der den Leuten mitteilt, der Träger sei in seinem „imaginary happy place“. Was hier, in der echten Welt, alles so geschehe, berühre ihn also gar nicht. Davon habe er sich bewußt abgewandt. Über grundloses Lächeln brauche man sich nicht zu wundern. Und gar nicht erst zu versuchen, ihn mit Belanglosigkeiten zu nerven.

Im Grunde drückt das T-Shirt also dasselbe Verlangen nach Ruhe und Ungenervtheit aus, das Madame Modeste neulich so schön beschrieben hat. Obwohl ich vermuten würde, dass sie niemals so ein T-Shirt anziehen würde.

Nachtrag auf Nachfrage hin: Warum nun schalldichte Kammer als „happy place“ für Schwerhörige und Gehörlose? Weil sie dazu eine besondere Beziehung haben. Gehörlose bewegen sie sich metaphorisch darin durchs Leben — es geht um Taubheit positiv gewendet. Und viele Schwerhörige machen darin außerdem nervige, langweilige bis demütigende Hörtests — es ist positiv und ironisch gewendet.

Wie ist es, mit starker Schwerhörigkeit zu leben?

Stellt Euch eine Welt vor, in der alle hinter vorgehaltener Hand flüstern — nur Ihr nicht.

Natalie

Okay, dieses Mal hab ich aufgepaßt…

…und habe die letzte Gruppe noch gesehen!

Marathon, Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

Seit knapp 10 Jahren wohne ich an der Berliner Marathonstrecke, von Abwesenheiten mal abgesehen. Das heißt: Direkt etwa fünf Meter vor meinem Balkon spielt sich das ganze Spektakel ab, mit Lautsprecherdurchsagen, lautem Klatschen und anfeuernden Rufen. Vier Stunden lang. Bestimmt dreimal hab ich’s ganz verpaßt. Und oft war ich total überrascht beim irgendwann Vor-die-Tür-Treten oder Aus-dem-Fenster-Schauen.

Was soll ich sagen — es ist sonntags, ich schlafe ohne Hörgeräte und setze sie auch manchmal erst lange nach dem Frühstück ein.

Sommernachtsträume

Jetzt aber heftig genießen! So langsam werden sie ja kalt, die Nächte. Und ich, schwerhörig, bin fast immer glücklicher wenn ich draußen- als wenn ich drinsitze. Die Chance auf gute Akustik ist einfach größer. Zumindest — und das ist das Wichtigste — kann ich immer sagen: Hey wollen wir uns nicht lieber einfach draußen hinsetzen, auf den Platz, an den Fluss, in den Park? Wohl darum träume ich immer nur von Sommernächten, nie von Winternächten.

Was für eine angenehme Überraschung also, nachdem bei der Ausstellungseröffnung draußen schon gefroren wurde (zugegeben, lag nur an meiner fehlenden Jacke), vor der neuen Bar in der Oranienstraße noch schön warm draußen zu sitzen.

Kurz bevor ich es verliere, weiß ich am besten zu schätzen was ich habe. Und bald fang ich dann wieder an zu träumen…

Das ging ins Auge. Im Ohr wär das nichts geworden.

Das muss ein Scherz sein! Iih, wie eklig! Was das funktioniert?! Hmm, schlau! Das nenn ich mal kreativ. Wahnsinn, worauf die alles kommen. Also schön isset ja nich. Oh mein Gott, IM AUGE!

Das waren so ungefähr meine Gedanken als ich dies las und sah: US-Ärzte geben blinder Frau das Augenlicht wieder indem sie ihr einen Zahn ziehen, ihn aufbohren, eine Plastiklinse hineinsetzen, beides zwei bis drei Monate in die Backe oder die Brust implantieren damit es zusammenwächst und schließlich alles in den Augapfel verpflanzen.

Sie kann jetzt schon Gesichter erkennen, Fernsehgucken und mit einer Lupe Zeitung lesen. Und es soll noch besser werden.

the procedure is spreading in Europe and Japan, and, now, in the United States. In Ireland, a worker’s sight was restored after his cornea was destroyed by red-hot liquid aluminum in an explosion at a recycling plant. [...] A tooth is used, Perez said, because it provides a stable, living platform of tooth, bone and cartilage that can remain alive, get nutrition from the eye and grow into a single piece with the cornea.

Warum das hier in meinem Blog steht? Weil man daran mal wieder sieht, wie unglaublich weniger kompliziert Sehen und Erkennen im Unterschied zu Hören und Verstehen ist. Es ist schon kein Zufall, dass man eine Brille bekommt und wieder gut sieht — und ein Hörgerät oder Cochlea Implantat und immer noch schwerhörig ist.

T-Shirt, keine Socken, Sonne auf der Haut

Lebkuchen 012 -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

Und endlich: Lebkuchen. (Wenn auch keine richtig guten.) Pervers, oder?! Aber ich glaub ich würde Weihnachten auch in Australien glücklich.

Lippenlesen: Team Mensch verliert gegen die Maschine

Einen Wettkampf im Lippenlesen hat ein Forscherteam von der University of East Anglia veranstaltet. Und die Menschen haben verloren.

Zwar müssen sie sich hinter den Ergebnissen nicht verstecken — Mundabsehen ist halt schwierig. Aber sie schafften nur 30%, der Computer 80%. Von der Lippenlesetechnik des Computers könnten in Zukunft aber auch die Menschen profitieren, hoffen die Forscher.

80%, hm. Stellt sich damit jetzt doch die Frage der Überwachung neu? Wie gut Ihr Lippenlesen könnt, könnt Ihr jedenfalls hier prüfen. Probiert’s mal aus, ist ganz amüsant. Nachtrag: Und – leider – nur auf Englisch!

[via jamie berke's deafness blog]

Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #6: Gesprächsführung in Teamsitzung und Besprechung

Manchmal denke ich, ich sollte extra Geld dafür nehmen. Einen selbstbewußten Schwerhörigen dabeizuhaben, macht Teamsitzungen und Besprechungen oft kürzer und viel effektiver. Das muss ich zumindest aus den Berichten meiner Kollegen schließen.

Denn man muss ja nicht erst schwerhörig sein, um von Meetings und Sitzungen nicht begeistert zu sein: Ohne  kommt zwar kein Unternehmen und kein Projekt aus. Sie sind aber oft genug unproduktiv und damit eigentlich Zeitverschwendung. Wenn sie so betrieben werden, dass ich als Schwerhöriger auch etwas davon habe, ändert sich das. Und zwar ganz nebenbei.

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Nur keine Scham beim Arzt

„Oh, Sie haben wenig Zeit. Soll ich mich beeilen?!“

Ich bemühe mich, meiner Stimme eine Mischung aus Unschuld und Mißbilligung zu geben. Schielt dieser neue Arzt doch tatsächlich immer wieder verstohlen auf seine Armbanduhr! Während ich ihm knapp (!) meine Krankengeschichte schildere. Schnösel!!

„Oh äh, tut mir leid…“

Mein Lächeln wird mild-verachtend.

„…ich habe auch Hörgeräte. Das ist meine Fernbedienung.“

Ich blinzele zweimal und lächele weiter.

Das ist aber auch eine blöde Idee, da ne Fernbedienung reinzupacken. Nächstens kommt sie noch ins Handy und ich denke der verschickt währenddessen SMS….

Daumendrücken

Ich bin beunruhigt. Morgen treffe ich jemandem, der ein wichtiger beruflicher Kontakt werden könnte. Weil ich um seinen Arbeitsplatz herum nichts geeignetes kenne und außerdem denke, dass das so besser ist, habe ich ihm die Wahl des Ortes überlassen. Was Ruhiges, habe ich gesagt. Nicht zu voll. Sonst bekäme ich schnell Probleme zu verstehen. Mehr ging nicht. Ich kenne ihn bisher nicht und es ist ein großer Gefallen, dass er sich überhaupt die Zeit nimmt.

Das Problem bei solchen informellen beruflichen Treffen ist, dass sich meine Wahrnehmung von laut und ruhig, von akustisch sauberen und verdreckten Umgebungen enorm von der Normalhörender unterscheidet. Wo meine Freunde ein Lokal oder eine Party als „angenehm ruhig“ oder „geht gerade noch“ empfinden, wird es für mich schon wahnsinnig anstrengend  — oder es geht sogar schon gar nichts mehr.

Wenn schon keine Stille — und die gibt es in Cafés, Bars und Restaurants nur wenn sie fast leer sind, da will ja sonst keiner hin — dann bevorzuge ich kurioserweise das was Normalhörende schon als „anstrengend“ empfinden. Es gibt da so eine Lautstärke bei der alle beginnen lauter und deutlicher zu sprechen weil sie selbst schon nicht mehr gut verstehen. Aber noch nichtalles zu laut ist. Da fühl ich mich wohl. Ich bin da etwas eigen.

So etwas wird mein Gesprächspartner aber sicher nicht freiwillig wählen. Und zu mittag wird es sicher nirgendwo leer sein. Ich kann also wie immer nur hoffen, dass er ein glückliches Händchen hat…

Stille

Mute -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

Stille ist nur für Erwachsene, glaube ich. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass ich mir als Kind oder Jugendlicher mal bewußt Stille gewünscht habe oder das einer meiner Freunde so etwas erzählt hätte. Leiser, nicht so laut — ja. Aber Stille, so richtig absolute Stille? Nein. Viel lieber wollte ich überall Musik hören, die mich durchs Leben und meine Gefühle trug. Und in der Musik (oder auch in sogenannten Räumen der Stille) ist Stille ja eher dazu da, wenige Töne und Geräusche zu akzentuieren. Vielleicht braucht es eine gewisse Lebens- und Lärmerfahrung bevor man auf sowas kommt, wie sich absolute Stille zu wünschen? Oder sie schön zu finden?

Ich habe es gerade so in die Volljährigkeit geschafft, bevor Stille etwas wurde, was ich nie erleben werde. Mit 18 habe ich mir einen Tinnitus zugelegt. Als mir also das erste mal jemand erzählte, wie beeindruckend Stille sei, so richtig absolute Stille, „da ist einfach gar nichts!“ (er hatte sie auf einer Reise in die Wüste erlebt), da waren das für mich schon Geschichten. Er fand das toll, geradezu erhebend.  Jaja, sagte ich darum. Klingt interessant. Denn eins ist meine Welt jedenfalls nicht: still und ruhig. Obwohl viele sich die Welt von Schwerhörigen und Ertaubten so vorstellen.

Mui Ne -- Photo by Marfis75 / flickr, some rights reserved

Dabei ist wirklich absolute Stille gar nicht so leicht auszuhalten. Wenn man wirklich gar nichts hört, beginnt wohl jeder Phantomgeräusche zu hören. Sogar recht schnell, innerhalb von Stunden (wie sich bei Versuchen gezeigt hat, zu denen ich gerade keinen Link finde). Meide die Stille! ist ja auch der Standardratschlag für Tinnitusgeplagte. Lieber leise, angenehme Geräusche als Nichtshören. Wenn keiner mit mir will dann mach ich’s mir eben selber — scheinen Gehirn und Hörnerven zu sagen.

Vielleicht ist die Sehnsucht nach Stille so etwas wie Fasten. Man muss erstmal ein Gefühl für Überfressenheit haben um darauf zu kommen, dass es gut sein könnte. Und dann ist es langfristig ungesund, kann sich kurzfristig aber ganz gut, erholsam, sogar reinigend anfühlen. Die richtige Diät und bewußtes Essen wären jedoch deutlich besser.

„Mir geht’s ja nicht schlecht, und außerdem will ich tanzen“ — Email-Hin-und-Her mit MC Winkel

Eigentlich wollte ich wissen, wie man mit der plötzlichen Diagnose Schwerhörigkeit klarkommt. Es kam anders — und wurde eine Geschichte darüber, wie vielgestaltig die Probleme sind, die sich hinter dem Wort Schwerhörigkeit verbergen. Und der Platz, den sie im Leben einnehmen.

Als MC Winkel kürzlich über seinen neuen Tinnitus schrieb und dabei erwähnte, dass er gerade vom Arzt für schwerhörig erklärt worden war, bin ich neugierig geworden. Ist zwar „nur“ ne Hochtonschwerhörigkeit, aber mittelgradig ist ja nun nicht ganz so wenig: zwischen 40 und 60% Verlust. Und wie geht ein Musiker mit seinen Ohrgeräuschen um — zumal wenn er sie als „Merk-Hoyzer-Collina-Quintett (eigentlich ein Trio, aber die erstgenannten zählen doppelt) mit einem anhaltenden Querflötensolo in Shizz-Dur“ empfindet?

Teezey-- Photo by MC Winkel, all rights reserved

MC Winkel hat als Blogger schon knapp neun Jahre auf dem Buckel. Und das merkt man: Er ist bekannt wie ein bunter Hund und — wenn’s ihm gefällt — sich für keine Aktion zu schade. Dabei sagt er von sich selbst: „Bin halt nur’n Typ, der Quatsch ins Netz schreibt und sich freut, dass Leute das gerne lesen.“ Ich mag die schnodderige Art sehr, mit der er sich selbst immer wieder durch den Kakao zieht. Außerdem tingelt rockt er als Musiker mit der Band Büro am Strand vorwiegend durch Norddeutschland.

Per Email entspann sich folgendes Gespräch…

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Wenn das Licht ausgeht…

Verdammt, inzwischen wird’s aber früh dunkel! Gerade wo’s am nettesten war beim Picknick am Kanal bricht sie herein, die Dunkelheit. Und damit das Unbehagen.

Im Park -- Photo by Iwashere / flickr, some rights reserved

Natürlich hat wieder keiner ne Fackel dabei, geschweige denn mehrere kleine. Ich auch nicht, klar. Das wäre aber für mich eigentlich nötig, damit ich jedes Gesicht in der Runde gut ausleuchten kann. Damit ich ein bißchen was von den Lippen ablesen kann.

Ohne Licht kann ich die Nacht nicht genießen. Klingt verrückt, oder? Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht naß oder so. Aber sonst höre ich nicht nur nicht, sondern sehe auch nicht, was jemand zu mir sagt. Ich kriege nicht mehr mit, was um mich rum passiert. Ich bin in Gesellschaft allein. Und wenn es wirklich stockdunkel ist, ist das ganz schön shiete, das Gefühl. Der absolute Höhepunkt dieser Erfahrungen war ein Paddelausflug auf der Ardèche – dunkel, im Wald, ich kannte die Leute noch nicht und hatte meine Freundin verloren. Und alle redeten Französisch. Waah! Ich hab nichts verstanden und wollte nur noch nach Haus. Dabei war ich da schon lange nicht mehr 16.

Vielleicht sollte ich mir angewöhnen, so eine kleine Campinglampe mit herumzuschleppen. Hat jemand Empfehlungen? Klein, leicht,  stärker als eine Kerze und schönes Licht? Soll ja auch nicht blenden. Gibts sowas? Der Sommer kommt ja bald wieder. Bestimmt.