Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #6: Gesprächsführung in Teamsitzung und Besprechung

Manchmal denke ich, ich sollte extra Geld dafür nehmen. Einen selbstbewußten Schwerhörigen dabeizuhaben, macht Teamsitzungen und Besprechungen oft kürzer und viel effektiver. Das muss ich zumindest aus den Berichten meiner Kollegen schließen.

Denn man muss ja nicht erst schwerhörig sein, um von Meetings und Sitzungen nicht begeistert zu sein: Ohne  kommt zwar kein Unternehmen und kein Projekt aus. Sie sind aber oft genug unproduktiv und damit eigentlich Zeitverschwendung. Wenn sie so betrieben werden, dass ich als Schwerhöriger auch etwas davon habe, ändert sich das. Und zwar ganz nebenbei.

Man muss sich als Schwerhöriger dazu allerdings die Mühe machen, das Heft in die Hand zu nehmen. Man muss vor allem aktiv zuhören, d.h. das Sprechen der anderen steuern. Und nachfragen — so lange bis wirklich klar ist, worin eigentlich der Punkt besteht, den der Kollege so wortreich, wortkarg, gelangweilt oder aggressiv machen möchte. Und worin der Bezug zum Zweck des Treffens besteht. Über beides sind sich leider die Sprecher oft genug selbst noch nicht klar. Oder es kommt nicht gut rüber. Was ist das Relevante, das Neue, Gute, Schlechte? Worin bestehen die Erfolge oder Probleme für das Unternehmen, die Abteilung, das Team oder das Projekt? Oder auch nur für das konkrete Meeting, denn dessen Ziele — also wann man was erreicht hat und sich wieder trennen kann — sind ja oft genug auch nicht ganz klar.

Der Witz dabei ist: Das muss man als Schwerhöriger sowieso tun. Jedenfalls wenn man in the loop, im Gespräch dabeibleiben will. Denn wenn man nicht alles mitbekommt, oder wenn einen das Gespräch erst einmal hinter sich läßt, dann wird es nur schwieriger. Und hinterher können allerlei Fehler oder Peinlichkeiten passieren.

Darum: Die Gesprächsführung übernehmen, zumindest abschnittsweise. Und auf Schriftlichkeit hinarbeiten (ggf. lassen). Wenn es ein Protokoll gibt, reicht oft die Frage, was denn nun festgehalten oder aufgeschrieben werden soll. Und wenn es keines gibt, sollte man als Schwerhöriger darauf drängen, dass es eins gibt. Muss ja nicht umfangreich sein: Die Effekte für die Gesprächsführung sind mindestens ebenso wichtig wie das Protokoll selbst, an dem man sicher gehen kann, alles oder zumindest das Wichtigste richtig verstanden zu haben.

Gute Erfahrungen habe ich auch damit gemacht, während der Besprechungen für alle sichtbare Notizen auf einer Tafel, einem Whiteboard oder auch einem Rechner mit angeschlossenem Beamer zu machen. Oder machen zu lassen. Dann haben die Sprecher noch beim Reden gleich vor Augen, was von ihrer Rede angekommen ist — und korrigieren sich gegebenenfalls, erläutern oder widersprechen. Als Schwerhöriger bin ich immer dankbar, wenn ich sozusagen Untertitel habe. Und wenn man das im Rechner macht, hat man dann schon die Hälfte des Protokolls.

All das ist anstrengend, klar. Und man hat auch nicht jedesmal Lust darauf. Richtig schwierig aber wird es, wenn man nicht die Position oder den Rang zu all dem hat. Das kommt ja leider oft genug vor. Meine Erfahrung ist aber, dass das nur ein kleines Problem ist — wenn man vor Beginn des Meetings mit allen (oder zumindest den relevanten und weisungsbefugten) Beteiligten geprochen und das Ganze vorbereitet hat. Ich bin zwar zuweilen auf guthörende aber taube Ohren und Abweisung gestoßen, und ich könnte mir vorstellen, dass das je nach Unternehmen, Kollegen und Chef auch wesentlich häufiger vorkommen kann. Aber meist hat es geklappt. Wenn man ersteinmal seinen Stolz und seine Angst geschluckt hat, die Leute um ihre Mithilfe zu bitten. Und höflich, sachlich und zielorientiert die Vorzüge für alle erläutert. Der Ton macht die Musik. Selbstverständlich auch während der Gesprächsführung.

Also: In Teamsitzungen, Besprechungen und Meetings nachfragen, erklären und auf den Punkt bringen lassen. Und auf Schriftlichkeit hinarbeiten. Oder wie seht Ihr das?

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8 Antworten zu “Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #6: Gesprächsführung in Teamsitzung und Besprechung

  1. In einer Art ist dein Blog wie etwa ein Comedy of Manners. Einige knapp geschilderte Figuren sind wirklich lustig, wenn man sie in action vorstellt–der selbstdarsteller bei Veranstaltung Fragenrunde, der longwinded Kollege bei Teamsitzung, der beschimpfender Mann im Bart–und du machst dich selbst ein Teil der Narrative.

    In den USA sind die Studenten, insbesondere die juengere in Humanities, mehr Mitteilungsfreudig im Vergleich zu deutschen, so weit ich hoere. Manchmal kann es interessant sein zu erfahren, wie ist es eigentlich, ein knallhart feministische Muslime/ein schwuler Katholiken/ein orthodox Judin die sich mal rebellieren will, zu sein–statt nur reintheoretische Buecher zu diskutieren.

    Aber es gibt eine Grenze, und manchmal denkt man, du, ich waere gerne erspart, wie deine Mutter dessen Hamlets ähnlich ist oder dein Freund Othello. In den Faellen waere es schoen vom Professor zu hoeren, “Wenn ihr nicht auf dem Punkt bleiben, hole ich der Schwerhoeriger ins Boot.”

  2. Comedy of manners trifft es eigentlich ganz gut. :-)
    Ich finde im Studium ist die Situation im Unterschied zum Job/Unternehmen ein bißchen anders. Einerseits geht’s da ja um Bildung. Andererseits ist die Bindung der Leute an das Seminar, ihr Engagement (bzw. das was man voraussetzen kann), ja leider oft viel niedriger. Jeder studiert für sich, studieren ist (leider?) kein gemeinsames Projekt. Und ich fand es da oft einfach nicht meinen Job, für das Gelingen des Seminars zu sorgen. Der oben beschriebene Aufwand war mir unter den Bedingungen einfach zu anstrengend. Ausnahme: Gruppenarbeit.

  3. Ah, I need Fraank’s smiley–war ironisch gemeint. Wenn mein Hoervermoegen schlechter war, als es ist, wuerde ich es auf keinen Fall so tun. I just meant, since I work as a teaching assistant, dass ist die Gegend wo ich diese Phaenonmen am meisten sehe. Am anderen Arbeitsplatz, wird alles ueber email besprochen.

  4. Pingback: Man muss das nicht erst von Google lernen | Not quite like Beethoven

  5. Ich finde es ziemlich schwierig und sehr anstrengend bei Besprechungen, wie Du schreibst, das Heft in die Hand zu nehmen. Erstens ist Hören ansich schon anstrengend und zweitens ist ja auch nicht jeder der Typ, der sich dann so durchsetzt und jederzeit dazwischen geht, wenn er wieder mal nix verstanden hat. Es ist für manche Menschen vielleicht gut geeignet oder ideal, aber nicht für den überwiegenden Teil der Schwerhörigen, das weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung. Außerdem kommt es auch darauf an, wie groß die Runde ist man kann ja auch nicht ständig den ganzen Verkehr aufhalten. Das kommt nicht immer gut an. Jedenfalls nicht in meiner Firma.
    Natürlich könnten Normalhörende von einer guten Gesprächsdisziplin auch profitieren. Aber es ist ja nicht so, als ob man das nur einmal sagt und dann wird es eingehalten. Es muss immer und immer wieder gesagt werden, da Normalhörende es wieder vergessen…sehr schnell vergessen. Ein weiteres Problem sehe ich auch darin, dass man als Schwerhöriger die vielen kleinen Gespräche zwischen Tür und Angel, die Gespräche in der Kantine gar nicht mitbekommt. Auch dort wird viel ausgetauscht, was wichtig ist und in Besprechungen eben gar nicht so rüber kommt. Ich finde es ist und bleibt einfach schwer und deshalb muss man sehen, dass die Barrierefreiheit endlich ernst genommen wird und Besprechungsräume mit der notwendigen Technik ausgestattet werden, dass ein Protokoll geführt wird (hattest Du schon geschrieben) und dass man aber auch (vor allem, wenn man halt nicht das Heft in die Hand nehmen kann), eine Vertrauensperson hat, die man doch hin- und wieder, ggf. auch nach der Besprechung fragt, was an einzelnen Stellen, die man nicht so mitbekommen hat, genau gesagt wurde. Ich persönlich bin nicht der Typ, der ständig unterbricht und nachfragt. Ich frage schon nach, wenn ich nicht verstehe, vielleicht auch ein zweites Mal….aber dann nicht mehr. Jeder ist auch ein bestimmter Charaktertyp und den kann man ja nicht einfach 100%ig umkrempeln.

  6. Gar keine Frage. Und letztlich muss da sowieso jede und jeder eigene Lösungen finden.
    Dass man nach dem zweiten Mal keine Lust und Kraft hat, noch weiter zu drängeln/aufzuhalten, geht mir auch so. Ganz schlimm. Die Lehre, die ich daraus ziehe ist: So viel wie möglich vor Beginn der Sitzung anregeln, erfragen, klarmachen. Wenn sie erst einmal losgegangen ist, ist es für Vieles zu spät und die Möglichkeiten sind eingeschränkt.
    Was Du über eine Vertrauensperson sagst, unterschreibe ich auch voll und ganz!

  7. Irgendwie erinnert es mich an unsere Besprechungen in der Arbeit. Meine hörenden Kollegen sagen dann immer: “wenn’s wir nicht verstehen, haben wir ja noch die Claudia, die uns nachher alles erklären kann!” Tja, und dann erklärt der Schwerhörige den Hörenden, was der Chef von uns will…

  8. Wir sollten wirklich Geld verlangen. : )

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