Monatsarchiv: Oktober 2009

Hört sich an wie 3 Kilo zuviel — Wie Hörgeräte Tragen die Welt verändert

Ich bin ja wirklich ein Veteran, was Hörgeräte angeht — in den letzten fast 30 Jahren habe ich bei unterschiedlichen Graden von Schwerhörigkeit sechs verschiedene Modelle getragen. Und mit jedem war die Welt deutlich anders.

Grundsätzlich ist Hörgerätehören, wie soll ich sagen, zweidimensionaler. Auch mit zweien und auch wenn man Geräusche im Raum gut orten kann. Was ich meine ist, dass von dem was man hört Tiefe fehlt. Wie wenn man auf ein Foto der Welt sieht im Vergleich zu wenn man direkt mit den Augen in die Welt guckt. Und so ist es ja auch: Man hört nicht die Lautquellen selbst, sondern eine Lautquelle am Ohr versucht, die anderen so gut es geht darzustellen.

Fotos haben ja alle möglichen interessanten Effekte: Steht ein Mensch halb vor einem anderen, dann hat man in 3D trotzdem eine Ahnung, dass hinter dem ersten was dahinter ist. Dass es da weitergeht. Auf  einem Foto verdeckt der erste streng genommen nicht den zweiten, an der Stelle wo der erste ist, ist einfach nur der erste. Anderes Beispiel: Weil sie so flach wirken, sehen ohnehin schlanke Models zweidimensional noch aus als hätten sie 3 Kilo zu viel.

Schwerhörig und mit Hörgeräten verdecken sich Geräusche und Klänge gegenseitig in ganz anderem Ausmaß. Das leise Kratzen, Schaben und Schleifen was unsere Bewegungen und die der anderen begleitet, das Geschirrklappern und der Straßenlärm, aber auch die Stimme der Sängerin und die Gitarre, das Klavier und die Violine oder ein eigentlich leises Gespräch am Nebentisch: Sie unterliegen nicht den anderen Geräuschen, sie sind nicht auch da. Sie übertünchen sie. Oder sie vermischen sich, verlieren wie Farben ihr eigenes Leuchten und werden zu Brauntönen.

Sicher, die Elektronik ist immer besser geworden. Und je weniger schwerhörig man ist umso geringer der Effekt, weil man besser gezielt nur das was fehlt ersetzen kann. Aber dennoch muss ich auch mit hochgradiger Schwerhörigkeit und optimal eingestellten Geräten sagen: Wenn ich die Geräte herausnehme, kommt zwar deutlich weniger an bei mir.  Das was ankommt, klingt aber um Lichtjahre besser, mehrdimensionaler und auch mitreißender als die Welt mit Hörgeräten. Denn hören ist ja immer auch mit Gefühlen verbunden.

Wirklich zu doof, dass sich die Welt nicht selbst so verändert, dass sie sich für mich gut anhört — wie die Models, die hungern, nur damit sie auf Fotos gut aussehen.

Morgen berichte ich, warum mich ein Hörgerät, das ich die letzten 4 Wochen getestet habe, zum Weinen gebracht hat…

Das himmlische Kind

Der Wind, der Wind — man denkt gar nicht wo überall leichter Wind ist, den man normalerweise nicht bemerkt. Außer als Tontechniker bei der Aufnahme oder eben mit Hörgeräten. Im Grunde bräuchte man da jederzeit einen dicken, fluffigen Fell-Windschutz am Ohr. Ein Glück für die, bei denen der eh angewachsen ist. Pech für alle anderen.

Übrigens, wir reden hier von keinem leisen Flüstern. Sondern von einem markerschütternden Heulen. Auch bei modernsten Hörgeräten ist die Windautomatikerkennungsfunktion noch optimierbar. Wir reden von einem grausigen Geräusch.

Ich liebe das Reden, das Reden liebt mich — äh, nicht mehr

Taboo -- Photo by acroamatic / flickr, some rights reserved

Heute kann ich aber mal dreifach stolz sein auf mich! Nicht nur haben wir gestern zu fünft acht Flaschen Wein den Garaus gemacht und trotzdem noch bei Wasser weitergespielt, nein, mein Team hat auch noch gewonnen. Und es war bei  Tabu. Oje.

Früher fand ich das Spiel toll; immerhin macht es mir ja Spaß, mich auszudrücken. Mich reizt die Herausforderung, behindert zu kommunizieren. Und der Zeitdruck. Das muss mal gesagt werden: Ich war ziemlich gut. Tja, ein großer Wortschatz hilft, hehe.

Inzwischen bin ich zwar immer noch recht gut im Reden — aber das Reden der anderen geht an mir vorbei. Es fällt mir wahnsinnig schwer, Leute zu verstehen, die unter Zeitdruck hechelnd und unzusammenhängend reden. Auch wenn es 30cm vor meiner Nase stattfindet und keine Musik das Gespräch verdreckt. Man muss das ja schon fast Stammeln nennen, was man da bei Tabu so macht.

Außerdem ist es schon vorgekommen, dass ich beim Selberreden nicht mitbekommen hab, dass das gesuchte Wort schon gefunden, also gesagt wurde. Das stellt sich dann zwar im Nachhinein raus — den Punkt kriegt man trotzdem!  Es ist aber so peinlich, dass ich das wirklich nicht oft machen möchte. Was ich bei Tabu auch immer noch kann, ist mit der Karte in der Hand zu prüfen, ob ein verbotenenes Wort gesagt wurde. Wenn ich weiß auf welchen Klang ich horche, klappt das. So verstehen Schwerhörige, darin bin ich geübt.

Ähnliche Probleme hab ich mit Spielen wie Scharaden oder Montagsmalern. Immer dort,wo ich etwas tun und gleichzeitig verstehen muss was andere sagen. Verstehen geht bei mir nur, wenn es die Hauptsache ist. Und richtig raten, ohne mitzubekommen was schon gesagt wurde, was schon mal nicht stimmt und wohin die Spur geht — ist auch nicht einfach. Bei diesen Spielen sitze ich früher oder später nur herum.

Übrigens, hörmäßig einfach weil zum Mitlesen und sehr lustig  war neulich: Anno Domini. Da hat man Karten auf denen absurde Ereignisse stehen und man muss die in die richtige zeitliche Abfolge legen. Wir hatten so eine lustige Variante, wo’s nur um Massenmörder, Kannibalen, Giftmischerinnen, brutale Heerführer und hinterhältige Bischöfe ging…

Schöne Töne #10

Jean-Jacques Perrey (1970), „E.V.A“

Sage mir wer Du bist: Was ist eigentlich das Gegenteil von schwerhörig?

Insofern ist das Bloggen wie das Leben, es bringt einen dazu, Dinge zu tun, die man niemals tun wollte.

Ziemlich am Anfang habe ich mich ja mal über den Begriff „hörgeschädigt“ mokiert. Ich seh schon, dass man nen Oberbegriff für alle möglichen Sorten von Nicht- und Andershören braucht. Aber diese Mischung aus scheinbarer Neutralität und Beleidigung fand ich doof, das wollte ich nicht sein. Den wollte ich nicht benutzen. Seither fand ich mich beim Schreiben öfter in der Situation wieder, dass er gut gepaßt hätte. Manchmal geradezu stur habe ich „hörbehindert“ geschrieben.

Wer schreiben will, muss halt benennen worüber er schreiben will, sonst geht’s nicht. Oder es geht schon, das aber schlecht.

Genauso geht’s mir gerade mit dem Gegenteil von schwerhörig. Was sind Leute, die nicht sind wie ich? Oft ist von „Hörenden“ die Rede, doch das geht mir zunehmend auf den Geist. Hören tu ich ja auch, nur anders. Hörende mag das Gegenteil von Gehörlose sein, aber nicht von Schwerhörige. Nicht-Schwerhörige? Zu sperrig. Also schreibe ich Normalhörende. Aber ehrlich gesagt, das ist auch bäh! Was ist normal, wo sind die Grenzen?

Es ist ja immer auch eine Identitätsfrage. Wie sieht man sich, wie will man sein? Und was sagt man über andere? Das Problem ist ja im Grunde das gleiche wie bei der Diskussion um Behinderung und ihr Gegenteil…

Das Treiben der Anderen

Gerade beim Heimkommen immer wieder dumpfes Pochen gehört. Könnte es das sein? Ich habe keine Ahnung. Dass man am Leben seiner Nachbarn teilhaben kann, ist für mich ähnlich exotisch die Lieblingsgerichte der Pygmäen oder diese Sache mit der Mücke.

Meine Freunde sind mal wieder der Ansicht, das sei auch in diesem speziellen Fall ein Segen — genauso wie bei den Alkoholikern, Junkies und Verrückten. Ich sehe das anders und stelle es mir, ehrlich gesagt, ziemlich aufregend vor zu hören wie’s meine Nachbarn so treiben. Oder zumindest eher belustigend als belästigend.  Außerdem isses bestimmt lehrreich, wer weiß? Spornt es an oder macht es unglücklich, Vergleich zu haben?

Jedenfalls finde ich es ungerecht, dass in hellhörigen Wohnungen nur ich mich wie auf dem Präsentierteller fühlen muss!

Wer will schon schwerhörig sein?!

Die Wahrheit ist, egal ob Ihr Hörproblem behandelt wird oder nicht, Sie werden im Verlauf ihres Berufslebens wahrscheinlich Einkommen verlieren. Die Forschung zeigt allerdings, dass der Verlust bei Hörgeräteträgern nur halb so groß ist.

Marlene Prost: Helping Hard of Hearing Employees [via Jamie Berke]

Es fällt schwer, sich mit einer Gruppe zu identifizieren, zu der man nie gehören wollte und deren Mitglieder zugleich als weniger attraktiv oder weniger intelligent angesehen werden.

Susanne Bisgaard: Hören – Hörverlust – Hörgerät? [danke Frauke!]

Hätt ich genauso gemacht

Alles erlaubt auf’m Klo

Checking emails, sending text messages and making telephone calls while in the company of others are definite breeches of mobile manners. Texting during a date is also strictly forbidden. But 75 percent [of those who participated in a recent survey] had no objections to anyone using laptops, netbooks and cell phones in the bathroom.

Na dann bin ich ja beruhigt. Wobei ich Leute, die regelmäßig auf dem Klo telefonieren, echt unheimlich finde. Oder?

Trau schau wem

Tokyo Subway Map

Gerade einem Ortsfremden bereitwillig, ausführlich und unter Zuhilfenahme des U-Bahnplanes an der Decke des Waggons erklärt, dass er noch etwa 10 Stationen weiterfahren, dann in die orangene und dann die blaue Linie umsteigen müsse. Und was macht der Kerl? Steigt nach vier Stationen aus!

Man soll sich ja nicht immer die für einen schlechteste Variante aussuchen. Aber ich kann nicht ausschließen, dass er gar nicht dahin wollte wohin ich ihn geschickt hab. Womöglich war er nur höflich und wollte mir nicht widersprechen?!

Technologien für Behinderte und der Massenmarkt, bei Untertiteln z.B.

Behinderte (wie Schwerhörige und Gehörlose) sind meist zu wenige. Sie sind kein lukrativer Markt. Manche (wie deutsche Fernsehanstalten) nehmen das als Vorwand, keine Leistungen für sie zu erbringen (wie Untertitel).

Elizabeth hat mich auf einen interessanten Artikel aus der Business Week hingewiesen. Wie viele Technologien, die für Behinderte entwickelt wurden,  zu profitablen Anwendungen für den „normalen“ Massenmarkt geführt haben. Das beste Beispiel: Sprachsteuerung und Sprachausgabe bei Apple Macs, iPods und iPhones, aber auch beim Amazon Kindle oder in Autos von Ford.

Dieses Mainstreaming hat dem Artikel zufolge eine lange Geschichte, z.B. sei als Anwendung für das Grammophon ursprünglich gedacht gewesen, Hörbücher für Blinde zu produzieren. Und genauso stellte sich bei Google heraus, dass ein Werkzeug zur Untertitelung von Videos beim Übersetzen der Untertitel hilfreich war. So entstand das Auto-Übersetzungs-Tool für YouTube, mit dem User den Videos, die sie hochladen, Untertitel in verschiedenen Sprachen hinzufügen können. Auf diese Weise können mehr Menschen die Clips sehen und verstehen.

„Companies could look at designing for accessibility as a sales opportunity. Most features that are accessible for the disabled have great value to everybody,“ says Donald A. Norman, a former Apple vice-president for advanced technology

Wenn ich mir das so ansehe, dann muss ich sagen: Dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, was Untertitel angeht, nicht in die Gänge kommen, wundert mich irgendwie nicht. Ich habe ja schonmal überlegt, dass wir zum einen die Argumente ändern sollten und den Nutzen von Untertiteln für Nicht-Hörbehinderte herausstellen sollten.

Was mich aber wundert ist, dass auch die privaten Fernsehsender, die ja eigentlich innovativ denken sollten (hahaha), nicht stärker in Untertitel- und Übersetzungstechnologien investieren, um relativ einfach die Sprachbarriere zu knacken und sich den europäischen oder sogar globalen Markt zu erschließen.

Ich glaube inzwischen sogar, dass wir eher alle perfekt untertitelt im Internet fernsehen oder externe Untertitelungsgeräte nutzen, bevor bei den öffentlich-rechtlichen überall Untertitel laufen.

Das Leben findet jetzt statt

I think the reason why I do not lose weight is that I am afraid. If I lose weight and still no man finds me attractive then I have nothing to blame.

Ich weiß nicht mehr genau, wo ich diesen Spruch gehört oder gelesen habe. Aber ich finde die Logik, die jemand hier an sich selbst entdeckt, sehr spannend. Und sehr weit verbreitet. Ich denke, es gibt genügend Schwerhörige, die so ähnlich über sich selbst denken: Wenn ich nur normal hören könnte, dann… Ab und zu gehöre ich auch dazu. Denn Gelegenheiten so etwas zu denken, gibt es ja genug.

Und darum möchte ich mal kurz die Gelegenheit nutzen, eine Notiz an mich selbst festzuhalten (und das heißt in diesem Blog ja: für alle): Memento mori!

Okay, das heißt eigentlich Bedenke, dass Du sterben wirst,  aber was damit gemeint ist, ist in diesem Fall dasselbe: Mach es Dir nicht bequem hinter Deiner Behinderung (oder Deinem Körperumfang, Deinen zu kleinen oder zu großen Brüsten, Deinem immer nur schiefen Lächeln und Deinem Haarausfall oder…). Hoffe nicht auf bessere Tage. Das Leben findet jetzt statt. Alles was Du jetzt tust oder läßt, wird Dein Leben gewesen sein.

PS: Auf Deutsch steht da oben: Ich glaube, der Grund warum ich nicht abnehme ist, dass ich Angst habe. Wenn ich abnehme und mich dann immer noch kein Mensch attraktiv findet, dann habe ich nichts mehr, dem ich die Schuld geben kann.

Ausgenutzt und machtlos

Schlimm genug, die Kombination. Vor allem wenn das ganze wegen der Gedankenlosigkeit , nein das stimmt nicht, es ist Rücksichtslosigkeit anderer (aarrrrgh!) ist. Aber wenn dann noch die Schwerhörigkeit hineinspielt, so dass ich trotz mehrfachen Versuchens einfach keine Chance habe (NULL!), daran selber was zu ändern—

–dann ist das eine verdammt beschissene Situation für Freitagabend achtzehnuhrdreissig, wo eigentlich das schöne Wochenende und die gute Laune beginnen sollte. Zumal sich, wegen Schwerhörigkeit, an der Situation wohl erst ab Montag wieder was ändern läßt. Und ich trotzdem das Wochenende über drunter leiden werde.

Übrigens, das Stichwort ist Telefon.

Lob der Glastür, oder: Besser angezogen dank Schwerhörigkeit

Bin ich allein? Und wenn nicht, wer ist draußen? Ich wette diese Fragen habt Ihr Euch noch nicht so häufig gestellt, auch wenn Ihr nicht allein lebt. Ich mach das ständig und darum schlucke ich mein ästhetisches Gefühl und werde ab morgen Fan von Glastüren.

Glass Door -- Photo by Kol Tregaskes / flickr, some rights reserved

Ziemlich häßliche Sache, finde ich eigentlich, diese Zimmertüren — Holzrahmen mit gemustertem Glas. Ich kenne die vor allem aus Neubauten aus den 1970ern und 1980ern, meist ein untrüglicher Hinweis auf fürchterliche Beistelltischchen und Schrankwände im Wohnzimmer. Und wer will sich schon gerne immer ins Zimmer blicken lassen?!

Aber schwerhörig wie ich bin, hab ich sie zu schätzen gelernt. Denn so weiß ich wenigstens, was mich auf der anderen Seite erwartet.

Wenn auf der anderen Seite Party ist, höre ich das natürlich — sonst aber oft so gut wie nichts. Solange ich nicht allein lebe heißt das für mich: Glücksspiel. Ich hab die Öffentlichkeit  in der Wohnung, nix mit „daheim, da lass ich mich gehen“. Ich muss mich eigentlich immer so anziehen und verhalten als seien Fremde in der Wohnung. Vielleicht ein wichtiger Gast (oder schlimmer noch eine Gästin :-) ) meiner Mitbewohnerin. Vielleicht steht auch die Haustür auf und sie spricht gerade mit der Nachbarin oder dem Postboten! Ich hatte schon Zimmer, die zum Flur und solche die zur Küche hin gehen.

Aber vielleicht ist das ja eigentlich gut, man sollte sich ja auch zuhause eh nicht so gehen lassen. Oder? Immerhin bleiben Unterwäsche und Pyjama auf diese Weise unsiffig.

Übrigens, es hört nicht bei der Zimmertür auf: Zuletzt war ich bei meinen Eltern zu Besuch. Hab mich entspannt — und bin ungeduscht, unrasiert, in halbem Schlafanzug und mit Laptop aufs Klo, Zeitungen und Blogs lesen. Nichtsahnend trat ich heraus — und fand mich der Nachbarin gegenüber, die meine Mutter gerade eingelassen hatte. Okayokay, ist ja alles nicht so schlimm. Aber so ganz ohne Vorwarnung?! Ist mir das schon ein bißchen peinlich…

Ein ♥ für Blogs

Neben den bewährten Köstlichkeiten in meinen Blogempfehlungen herz ich diese ausgesuchten Stücke:

zoeedragstripGirlIm KrähennestMC Winkels weBlogTerra Poetica The Diary of Kitty Koma

Gestern gab’s dort Spinnendes, Vermischtes, Angekettetes, Erschreckendes, Auch Ernstes und Genüßliches.

8 Tips zum Gut Schlafen mit Tinnitus

Tinnitus is a bitch! Tagsüber geht ja meist alles noch, man hat was zu tun, ist abgelenkt. Wenn auch manchmal zu abgelenkt um konzentriert zu sein, verdammt! Aber abends, wenn langsam alles ruhig wird und der Kopf aufs Kissen sinkt — dann macht der Ton im Kopf Party!

Was soll man da machen? Generell empfehle ich bei Tinnitus (als betroffener Laie! Und wenn sich keine organische Störung findet!), mal in seinem Leben aufräumen (Ziele hinterfragen und neu setzen, Tagesabläufe überprüfen, Stress abbauen, sich vielleicht mal psychologische Beratung oder Therapie gönnen), Entspannungstechniken lernen (Yoga, progressive Muskelentspannung, autogenes Training) und prüfen, ob ein Hörgerät angezeigt ist. Vielerorts läuft das unter Tinnitus Retraining Therapie.

Speziell zum Schlafen habe ich mit folgenden acht Kniffen gute Erfahrungen gemacht:

  1. Leise und ruhige Hintergrundgeräusche angenehmer Art sind besser als absolute Stille. Vor deren Hintergrund erscheinen die Geräusche im Kopf nur lauter. Leise Musik, ein Hörbuch oder ein Radio kann helfen. Aber nicht jeder kann dabei einschlafen. Muss man halt ausprobieren.
  2. Auch das gute alte Buch zum drüber Einschlafen funktioniert oft. Es geht ums gleiche wie im vorigen Punkt: Ablenkung vom Tinnitus.
  3. Früh aufstehen, Rausgehen, sich vom Licht wachmachen und den Tag über müde machen. Sport machen (aber nicht später als ca vier Stunden vor dem Schlafengehen).
  4. Das Gegenstück: Alle Lichter löschen beim Schlafen, die Vorhänge zuziehen, gegenbenenfalls gegen dunklere ersetzen.
  5. Kein Fernsehen oder Arbeiten/Spielen/Lesen am Computer vor dem Schlafengehen. Irgendwie sind diese Bildschirme immer heller als man denkt, meiner Erfahrung nach dauert es danach, bis ich einschlafen kann.
  6. Stattdessen: Eine Stunde vor der geplanten Einschlafzeit aktiv ruhigwerden, geistig herunterfahren. Durch einen kleinen Spaziergang an der frischen Luft, ein Glas Wasser/Milch oder einfach nur aus dem offenen Fenster starren und ein bißchen ruhig atmen.
  7. Atmen ist sowieso gut. Ruhig. Gleichmäßig. Ein, aus, eeiinn, aauuss, ZZZZzzzzzzzzzzzzz…..!
  8. Progressive Muskelentspannung hat mir in schlimmen Phasen geholfen. Auch einfache Traumreisen (ich stelle mir vor ich bin an schönen Orten, etwa am Meer oder an einem Bach. Und sehe ganz genau vor mir, was ich da mache, wie es sich anfühlt und anhört). Dabei bin ich dann weggeschlummert. Entspannungstechniken haben den Vorteil dass man beschäftigt ist, während man sie macht, also vom Tinnitus abgelenkt ist und trotzdem dabei oder danach einschlafen kann.

Vor nem halben Jahr war ich ja noch zu klein für sowas

Aber diesen Freitag bin ich dabei:

Behinderung: Selbstverwirklichung nur ohne Hörgerät möglich?

Bin ich als Schwerhöriger oder Ertaubter nur halb der Mensch, der ich sein könnte, solange ich Medizintechnik nutze? Also Hörgeräte oder Cochlea Implantate (CIs)?

Darüber habe ich mich gerade überraschend mit der Bekannten einer Freundin gestritten. Überraschend deswegen, weil ich dachte, niemand würde diese Frage rundheraus mit „ja“ beantworten. Meine Gesprächspartnerin war jedoch der Ansicht, dass nur das Weglassen jeglicher Geräte und die Verwendung von Gebärdensprache als meine neue Muttersprache mich vollkommen befreien würde. (Die Unterhaltung fand auf Englisch statt, es ging um „self-actualization, also darum, das eigene Potential auszuschöpfen, was übrigens auch das Erkennen von Grenzen beinhaltet, sowohl persönlicher als auch gesellschaftlicher.)

Ich denke immer noch darüber nach, darum wollte ich hier ein bißchen was dazu schreiben. Würde mich freuen wenn Ihr reinschaut.

Weiterlesen

Da gibts viel zu sehen, da braucht man nicht zu hören. Eine Nacht im Tigerpalast

Tigerpalast 001

Nach Jahren es endlich mit den Eltern in den Tigerpalast schaffen. Feststellen, dass die sorgsam in Internet gekauften Karten für die Vorstellung vor drei Tagen galten. Dabei Scheitern, Garderobiere und Einlasser zu belabern, dass man doch sicher irgendwo am Rande noch ein Plätzchen fände. Dem Vater zusehen, wie er sein altes Motto „Nie aufgeben!“ wieder rauskramt und — als wir schon draußen sind — ein Funkeln in den Augen kriegt, noch einmal reingeht und irgendwie noch den Platzanweiser und Ober überzeugt kriegt, dass wir „um neun nochmal wiederkommen sollen, das kriegen wir schon hin.“

Das Programm gerade ist superb. Ich bin ja sowieso der Meinung dass man nicht immer nur ins Kino gehen sollte, sondern auch immer mal wieder Artistik und Akrobatik braucht. Die intime Atmosphäre im Tigerpalast (und das nette Personal) tun ihr übriges. Je nachdem wie man sitzt baumeln die Damen an Seil und Trapez einen halben Meter neben und über dem Scheitel. Wenn ich es bezahlen kann schleppe ich mein nächstes Date hierher, erst unten ins Restaurant zum Speisen und später in die Show.

Und alles zum Sehen — nur der Conferencier hatte auch drei Nummern zum Hören, die mir leider vollständig entgangen sind. Aber Vorsicht — dieser Herr klaut Ihnen ohne dass Sie’s merken ihre Krawatte vom Hals weg!

Taschendieb im Tigerpalast 003

Schöne Töne #9

Outdoorbüro 01 -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

Outdoorbüro in the Rain 02 -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

Das Geprassel und Getropfe des Regens auf der Markise über meinem Outdoor-Büro

„Guck mal wie toll die Landschaft“: Herbst, heute vor einem Jahr

Als ich klein war und mit meinen Eltern im Urlaub, da mussten Ausflüge gemacht werden und viel — wie meine Eltern sagten, „guck mal wie toll die Landschaft“ — angesehen werden. Landschaft, mhmh, sagte ich, sah pflichtbewußt auf Berge oder Wälder oder Schluchten, die aussahen wie Berge, Wälder oder Schluchten eben aussehen. Und versuchte, den Blick so schnell wie möglich wieder in das Buch senken zu können, das ich immer dabei hatte.

Heute bin ich ein Stadtkind. D.h. viele Leute auf engem Raum, sehen und gesehen werden, Straßenkunst, Mode, Ausstellungen, Cafés, U-Bahnen, Parties auf dem Dach von Hochhäusern oder in grasbewachsenen Industriebrachen sind das Beste.

Aber zumindest ab und zu gehe ich magische Orte besuchen. Für dieses Jahr muss ich mir da noch was überlegen.

White Mountain 01 -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

White Mountain 02 -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

White Mountain 03 -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

White Mountain 04 -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved