Behinderung: Selbstverwirklichung nur ohne Hörgerät möglich?

Bin ich als Schwerhöriger oder Ertaubter nur halb der Mensch, der ich sein könnte, solange ich Medizintechnik nutze? Also Hörgeräte oder Cochlea Implantate (CIs)?

Darüber habe ich mich gerade überraschend mit der Bekannten einer Freundin gestritten. Überraschend deswegen, weil ich dachte, niemand würde diese Frage rundheraus mit “ja” beantworten. Meine Gesprächspartnerin war jedoch der Ansicht, dass nur das Weglassen jeglicher Geräte und die Verwendung von Gebärdensprache als meine neue Muttersprache mich vollkommen befreien würde. (Die Unterhaltung fand auf Englisch statt, es ging um “self-actualization, also darum, das eigene Potential auszuschöpfen, was übrigens auch das Erkennen von Grenzen beinhaltet, sowohl persönlicher als auch gesellschaftlicher.)

Ich denke immer noch darüber nach, darum wollte ich hier ein bißchen was dazu schreiben. Würde mich freuen wenn Ihr reinschaut.

Ich habe eigentlich überhaupt kein Problem mit dem Wort behindert (leider hängen so wie die Leute es verwenden allzu oft Pauschalisierungen und Stigmatisierung der ganzen Person dran). Ich bezeichne mich selbst als schwerhörig. Wenn es formal wird oder der Kontext es erfordert (und in diesem Blog tut er das oft), dann sage ich auch, ich sei “hörbehindert”. Ich finde das vollkommen korrekt, weil die anatomischen Gegebenheiten in meinen Ohren mich nunmal beim Hören und allem was damit zusammenhängt behindern. Das heißt nicht, dass ich situationsunabhängig oder gar vorwiegend ein “Behinderter” wäre, beileibe nicht. Aber ich bin schwerhörig und damit situationsabhängig mehr oder weniger behindert wenn es ums Hören geht. (Hinter dem mehr oder weniger versteckt sich dann die Frage, ob und inwiefern auch meine Umwelt, Menschen, Organisationen und Gesellschaft mich behindern und was man dagegen tun kann. Aber das ist ein anderes Thema.)

Weil ich diese Situationen nicht alle vermeiden kann und auch nicht will, nutze ich alle möglichen Tricks und Strategien (die zum Teil in diesem Blog beschrieben sind), um die Probleme zu überwinden, die mir meine Schwerhörigkeit bei dem was ich so mache auftischt. Und ich nutze Hörgeräte als Hilfsmittel. Ich weiß sehr genau, dass ich trotzdem schwerhörig, hörbehindert bleibe. Hörgeräte — oder CIs — sind kein Ersatz für meinen Hörsinn und keine Heilung für Taubheit. Aber das behauptet meines Wissens nach auch niemand ernstzunehmendes. Es sind Hilfsmittel, die, wie der Name schon sagt, mir erlauben, bestimmte Ziele unter gegebenen Umständen besser, schneller oder einfacher zu erreichen.

Wenn ich nun unter diesen Bedingungen nach Selbstverwirklichung im Sinne von “self-actualization” strebe, dann bedeutet das für mich, dass ich in meinem Leben, in meiner Identität einen Platz für meine Schwerhörigkeit bzw. Taubheit finden muss. Denn darum geht es: Um das Leben was man — idealerweise unter Berücksichtigung der Umstände, Grenzen wie Potentiale –  führen will. Und wie man das erreichen kann.

Hier zu jemand anderem zu sagen: Du darfst aber keine Hörgeräte oder CIs dabei benutzen und mußt dich von der Beschränkung der Lautsprache frei machen, finde ich gelinde gesagt, etwas daneben. Da finde ich hat jemand sowohl das medizinische wie das kulturelle Modell von Behinderung etwas einseitig verstanden. Ich denke, es geht weniger darum ob und welche Hilfsmittel man nutzt, sondern welchen Gebrauch man von ihnen macht. Ob man damit die eigenen Potentiale besser ausschöpft und so glücklicher lebt.

Nun würde mich interessieren — wie seht Ihr das?

(Die Situation ist natürlich eine ganz andere für Leute, die von Geburt an gehörlos sind oder bereits gebärdende Freunde und Verwandte oder Kollegen haben. Ich bin spätertaubt und habe im Augenblick keinen einzigen gebärdenden Menschen in meinem Leben.)

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41 Antworten zu “Behinderung: Selbstverwirklichung nur ohne Hörgerät möglich?

  1. Ich bin selbst nicht hörbehindert und kann das deshalb vielleicht nicht so gut einschätzen, aber mich machen so Leute grundsätzlich latent aggressiv, die anderen erzählen wollen, wie sie sich selbst verwirklichen müssen. Außerdem finde ich konkret diese (So habe ich es verstanden.) bedingungslose Ablehnung von Hilfsmitteln nicht überzeugend.
    Wie albern wäre ich denn, wenn ich als leicht sehbehinderter (vulgo Kurzsichtiger) mir einredete, ich könne nur ohne Sehhilfe ein ganzer Mensch sein? Ist sicher nicht ganz das Gleiche. Trotzdem.

  2. Ich verbinde den Begriff “Self-Actualization” (ugh) mit diesem Life-Coach/Self-Help Guru/downtown dharma /latte/power-of-positive thinking Scene. Vieles von was Zivilisation genannt wird hat damit zu tun, Leuten Hilfsmittel zu leisten und dabei Zeit zu Sparen–ob Waschmaschine, Bugel, oder doch Brillen oder Hoergeraete. In der anderen Richtung gibt es zB Impfung. Es ist willkuerlich, sich nur auf bestimmte Hilfsmittel bei so einer Verallgemeinerung einzuschranken und nicht zu gestehen, dass jeder in Grosstadt lebender Mensch von hilfender Technik umfangen ist. Wenn alle Schwerhoerige nur auf Gebaerdensprache kommunizieren wuerden, waeren sie mehr (I can’t translate this term) balkanized.

  3. Meine Hörgeräte gehören zu mir und meiner Entwicklung!
    Ebenso wie meine Brille und meine Ersatzzähne.
    Meine geschnittenen Haare und Fingernägel natürlich auch; auch die Klamotten, die ich am Körper trage (heute Früh war -1° Celsius). Auch das Auto, das Navi und das Handy …
    Ich kann – und ich will auch nicht – als ‘selbstverwirklichter’ Nackter jeden Morgen 50 km zur Arbeit traben, um dort schwer hörend und schlecht sehend mein ‘Selbst’ auszuleben.

    jump

  4. Nun, aber wenn ich jetzt mal ein bisschen den advocatus diaboli spielen darf: Ich setzte mal eine Unterscheidung von allgemeinen Hilfsmitteln und Hilfsmitteln die was mit “Behinderung” oder “Krankheit” zu tun haben, voraus und schließe erstere aus dieser Betrachtung aus. Dann ist es doch die Frage, inwieweit all’ die Hilfsmittel, die bei einer wie auch immer geartete “Behinderung” helfen sollen, in Richtung einer Anpassung an “Normalität” zielen. Eine solche Anpassung ist in aller Regel nicht vollständig möglich und braucht auf jeden Fall mehr oder weniger viel (oft sehr viel) Energie.
    Diese Energie könnte u.U. in einer adäquaten Kommunikationsform (wir reden hier ja übers Hören) in sinnvollere Dinge als in eine – oft nicht gelingende – Anpassung fließen.
    Naja, und eine zugegeben sehr radikale Konsequenz kann dann sein, auf solche Hilfsmittel zu verzichten, sich als Angehöriger einer speziellen Kommunikationskultur zu verstehen und zu sagen: die andere sollen die ‘Anpassung’sleistung erbringen – wieso eigentlich nicht?
    Ersetzt doch mal die Vorstellung von Gebärdensprache durch die Vorstellung von immer und überall rein schriftlicher Kommunikation – das sollte doch heutzutage technisch kein Problem mehr sein: Man hat sein Laptop dabei, alle kriegen ‘ne Tastatur (oder wechseln sich ab) – dann wäre die Anpassungsanforderung nur Zehnfingerschreiben …

  5. Hahaha, frauke, danke! Ich wollte mich gerade selber hinsetzen und ein bißchen kontra geben, damit nicht alle nur einer Meinung sind :-)

    Muriel, in diesem Fall war es bedingungslos, ja. Und es ist natürlich auch ein Kreuz mit der Selbstverwirklichung, es heißt ja SELBST und dann will ein ANDERER kommen und einem was erzählen? Aber so ist das halt mit der Pädagogik und dem Lernen. Und manchmal sind radikale Vorschläge ja letztlich doch nicht so schlecht… Wie geht denn das Gedankenspiel bei Dir aus, wenn Du einen stark fehlsichtigen bis blinden Menschen nimmst?

    Elizabeth, “latte”? ;-) Du sagst, wäre balkanisiert (das kann man ürigens auch auf deutsch sagen). Aber die Unterschiedlichkeit und die Grenzen/Abgrenzungen/Ausgrenzungen von Schwerhörigen sind ja trotzdem da. Nur man sieht sie nicht so sehr. Dieses Blog ist Beweis, wie schwer es ist — muss man sich das zumuten?

    Jump, ich finde Du weist auf einen wichtigen Punkt hin: Was “gehört alles zu mir” und was nicht. Meine Gesprächspartnerin hat diese Grenze in der Tat an der Haut gezogen, aber das ist ein bißchen einfach. Andererseits: Die Idee wäre, dass sich das ganze Umfeld mitändert. Dass Du dann nicht zu dieser Arbeit trabst, sondern zu einer anderen. Möglicherweise nicht so weit weg, sicher aber eine, bei der das schwer hören und sehen weniger oder gar keine Rolle spielen würde.

    Frauke, danke fürs Diabolische ;-) Ich denke auch, es ist eine Frage dessen, was man für normal hält oder als normal akzeptieren kann sowie wie und worin man seine Kraft verteilt. Verteilen will. Ich finde auch nicht, dass man KEINE radikalen Konsequenzen ziehen sollte. Und die Umdeutung von “Defiziten” in “Andersheiten” ist gut und wichtig. Aber was für eine Normalität man auch immer nimmt, hat ja Konsequenzen für den sozialen Umgang. Da fallen Leute raus oder neue müssen her. Einigen fällt’s schwer, anderen leichter, einiges ist möglich, anderes nicht. Und ich denke gerade, dass das, egal wie, schwierige Entscheidungen und Kompromisse sind, die viel damit zu tun haben in welchem sozialen Umfeld man lebt. Oder reingewachsen ist. Die Lebenssituation eben. Ob man die mal eben austauschen kann und möchte. Ich glaube das schwierige (und wichtige) bei Spätertaubten ist, dass man akzeptieren muss, dass die alte Identität vorbei ist und eine neue finden muss. Beruflich, unter Freunden, im Leben. Die eigenen Möglichkeiten und Grenzen haben sich verschoben. Gebärdensprache und Verzicht auf Hörgeräte/CIs kann eine Rolle spielen, muss aber nicht. Kommt darauf an. Auch von anderen Anpassung zu verlangen bleibt davon ja unberührt. Übrigens, das mit der Tastatur wäre zwar etwas zugänglicher für “Normale” (nur Schrift, keine andere Sprache) – aber selbst das wäre ein unglaublich radikaler (und, wie ich finde, oft auch unpraktischer) Schritt.

  6. Hm… Ich nehme an, dass da die Konversation auf Englisch stattfand, die Gesprächspartnerin nicht aus Deutschland stammte. Es ist eine kulturelle Sache, dass Hörgeschädigte aus dem Ausland den “Oralismus” als eine sehr deutsche Sache – was er ist – sehen und auch Späthörgeschädigte die sich gegen Gebärdensprache oder für CIs oder Hörgeräte entscheiden als oralistisch geprägt bis “zwangsoralisiert” ansehen.

    Ich habe bereits erzählt, dass ich während meiner Ertaubung auf einer Gehörlosenschule war und da hat diese “Zwangsoralisierung” tatsächlich stattgefunden. Ich solle bloß keine gebärden lernen, nur oral könne ich in der hörenden Welt mithalten, wäre ein relativ normales Leben möglich etc. pp. Damals habe ich das geglaubt. Ich habe auch geglaubt, dass wenn ich mich möglichst unauffällig unter Hörenden bewegen kann (und dazu gehört auch die Kommunikation) bin ich ihnen relativ gleichberechtigt was Beruf und so angeht.

    Dem war nicht so. Und ich bin kein Einzelfall. Ich habe mich jahrelang -meine persönliche Sicht – auf Kosten meiner seelischen und körperlichen Gesundheit für irgendwelche Hörenden und hörende Ziele nicht nur kommunikativ übermäßig verausgabt, hatte Kontakt mit Menschen die von mir vollste Anpassung forderten ohne einen Schritt auf mich zu zu machen, die immer meinten “Schön offen bleiben, dann geht das schon.” etc, Und habe dabei die Realität verkannt. Als ich davor kapituliert hatte, ich benutze absichtlich diesen Begriff aus der Suchttherapie, begann ich zu gebärden. Anders zu kommunizieren. Dem Hörenden auch mal einen Schritt auf mich zu abzuvelangen. Zu Sehen, ich hab nicht die gleichen Möglichkeiten, weder beruflich noch sonst wie, aber wenn ich das annehme, kann ich in dem Rahmen den ich habe Wunder vollbringen. Und da ging es für mich bergauf. Also für mich war die Gebärdensprache eine Tür zu der Welt die mir eigentlich alles was mir möglich ist möglich macht.

    Aber das bin ich, Salomea.

    Es muss für niemanden anderen passen.

    Also für ich nicht sagen, dass Selbstverwirklichung nur in der Gebärdenwelt möglich ist. Ich denke, das hängt auch vom individuellen Grad der Reife und der Akzeptanz der Behinderung und der damit gegebenen neuen Grenzen ab.

    Ich kenne Spätertaubte die es ähnlich sehen wie ich. Einige davon nutzen trotzdem CIs oder Hörgeräte.

    Ich kenne auch Spätertaubte mit CIs oder Hörgeräte, die komplett oral kommunizieren, die Nachteile die sie subjektiv dabei empfinden hinnehmen, aber auch akzeptiert haben, dass ihre Grenzen der Verwirklichung heute andere sind als früher und damit glücklich sind. Mein Kumpel, der Ex-Jura-Student, dem sein Doktortitel heute nichts nützt, weil er Lagerfachkraft umgeschult hat, ist ein mit seinem Leben zufriedener Mann. Trotz Grenzen durch die Ertaubung, unnützem Studium, und auditiv nicht verstehfähiger Kommunikation mit Hörenden. Er kann eine einzige Gebärde: Die für “ertaubt”, falls er das mal einem Gehörlosen sagen muss.

    Und ich kenne Spätis, die derzeit noch auf dem Weg dahin sind sowohl das eine als auch das andere zu akzeptieren, und die vielleicht irgendwo ihren Weg zur Verwirklichung finden.

    Ich halte es also nicht so, dass ich an “richtig” oder “falsch” glaube. Ich denke es hat um das zu be- bzw. verurteilen immer auch eine Herleitung aus der jeweiligen Kultur, oder in diesem Fall auch dem Selbstbild das die Hörgeschädigten im jeweiligem Land haben.

    Liebe Grüße

  7. @Frauke: Mir gefällt das was du im unteren Teil deines Betrages über die Schriftkommunikation schreibst. So habe ich gestern ein Vorstellungsgespräch gemanagt (die Firma kennt die Problematik). Lief ganz gut, und so die Abteilung in die ich soll eine MitarbeiterIN möchte, bin ich vermutlich deren Frau.

  8. Ich hab mich vertippt hab ich gesehen, das heißt natürlich nicht “Also für ich nicht sagen” sondern “Also würde ich nicht sagen” sorry :(

  9. Hallo!
    Habe eben erst Deinen Blog entdeckt und bin beeindruckt.
    Ich finde es schwierig auf einer Kommunikationsform eine Kultur auf zu bauen. Sie wird immer engstiernig und einseitig bleiben wenn man nur sie nutzt. Und um sich zu finden und sein Potential auszuschöpfen sollten man die Angebote nutzen, die die eigene Entwicklung voranbringen. Doch das kann und sollte nur der beteffende Mensch alleine entscheiden, keine soziale Gruppe.
    Das es mehr Kommunikationswege als die gesprochene Sprache gibt, sicher, aber wie praktikabel ist es an der Wursttheke sein Laptop zu zücken und mit der Dame dahinter in Schriftverkehr die Bestellung über die Bühne zu bringen? Klar wäre es hier wünschens wert, wenn es im Supermarkt Möglichkeiten für den Einkauf für Hörbehinderte gäbe, aber so weit sind wir leider noch nicht.
    Warum soll man für solche Situationen keine Hilsmittel nutzen? Viele Menschen werden auch unsicher wenn sie ihr gegenüber nicht verstehen, auf beiden Seiten. Da sind ungewollte Missverständnisse und Verletzungen vorprogrammiert.
    Wenn es Dir hilft, dann entscheide Dich für ein CI. Das hat für mich nichts mit Anpassung zu tun, sondern einfach nur mit evtl. Erleichterung für Dein Leben, mit dem Du glücklich sein mußt!

  10. Vorweg, ich finde jeder behinderte Mensch muss sich für sein Hilfsmittel und Kommunikationsweg selbst entscheiden können. ABER es gibt durchaus eine Tendenz dahin, die Menschen an die Umwelt anzupassen statt die Umwelt an die Menschen, was ich für sehr bedenklich halte.
    Ich finde auch, dass es zwischen Hörgeräten tragen und CI einen riesen Unterschied gibt. Das eine ist für mich ein Hilfsmittel. Das andere ist ein schwerer medizinischer Eingriff, bei dem am Ende niemand weiß, wie er verlaufen wird und was er bringt.
    Allerdings habe ich mich an der Uni schon öfter gefragt, warum stark schwerhörige Menschen – gerade im akademischen Bereich – nicht auch die Gebärdensprache nutzen, zumindest um Vorträge besser zu verstehen. Man hat nicht nur eine Möglichkeit des Verstehens und Kommunizierens zusätzlich zur Verfügung (neben der Lautsprache), sondern lernt auch noch eine andere Sprache kennen. Akademiker können meist ja auch ganz gut Englisch und Gebärdensprache ist im Vergleich zu anderen Sprachen relativ einfach zu lernen, finde ich. Und die Kultur, die einem dazu erschließt, ist ein weiterer Pluspunkt.
    Ich finde also, Gebärdensprache und Hörgeräte sind kein Widerspruch, auch nicht wenn man das soziale Modell von Behinderung vertritt, wie ich es tue. Es geht um die Entscheidungsfreiheit der Menschen. Aber wie frei ist man noch, wenn alle sagen “Was willst Du denn mit der Gebärdensprache? Du hörst ja noch relativ gut.”
    Der letzte Satz, dass Du keinen gebärdenden Menschen in Deinem Leben hast, hat mich etwas stutzig gemacht. Warum denn nicht? Gerade in Berlin gibt es doch so viele Gelegenheiten, nette DGS-Nutzer kennenzulernen.

  11. Durch E-Mail und Skype und Facebook und Twitter und SMS und Co. laufen viele Unterhaltungen, die ich als “Normalhörende” so führe, ausschliesslich schriftlich ab. — Es sollte doch also nicht das unüberwindliche Problem sein, diese Elemente auch in Face-to-Face-Situationen zu integrieren.

    Zum Testen: Ein Handy hat ja jeder, da könnte man zumindest als Backup das Nichtverstandene schnell reintippen und zeigen. Kleiner Aufwand, grosse Wirkung.

    Es ist natürlich eine andere Situation, wenn man hörend sozialisiert wurde und von lauter Plappermäulern umgeben ist, als wenn Schlecht- und Nichthörende zum Freundeskreis gehören, wo Gebärden ganz selbstverständlich Teil der Kommunikation sind. (Wenn’s keiner versteht, kann man sich ja nen Wolf gebärden und es bringt nix.)

  12. Christiane hat etwas geschrieben, dass mir mal genau so von meiner ehemaligen kurz vorm Ertauben stehenden Kommilitonin erzählt wurde, als sie – die nicht die DGS oder LBG kann – zu meinen Dolmetschern (sie hätte für sich planmäßig Mitschreiber haben sollen) gegangen ist und meinte, dass sie die DGS gern lernen wollte. Ich zitiere Christianes Satz: “Was willst du denn mit der Gebärdensprache? Du hörst ja noch relativ gut.” Bei S. war das so, dass sie tatsächlich auf dem einen Ohr noch relativ gutes Sprachverständnis in leiser Umgebung hatte, aber durch ihre Krankheit nie wusste wie lange noch, und dass sie deshalb gern gebärden lernen wollte bevor sie irgendwann ohne Ton da steht. Bei ihrer Erkrankung wäre eine CI-Versorgung auch nicht möglich, das bedeutet Ton aus ist auch Ton aus. Aber die Dolmetscher haben das trivialisiert, sie hätte ja noch Zeit das zu lernen etc. pp. Sie ist dann manchmal zu mir gekommen und hat mich nach gebärden gefragt oder Unterrichtsinhalten die sie im lauten Klassenraum nicht mitbekommen hat. Es wäre also vermutlich gar nicht so verkehrt gewesen, wenn sie JETZT die Chance bekommen hätte zumindest relativ zügig fingern (als im Fingeralphabet buchstabieren) zu lesen oder selber zu können. Auf diese Weise hat mir eine hörende Kommilitonin nämlich ausgeholfen wenn kein Dolmi da war und das hätte S. vermutlich auch schon ein Stück weitergebracht.

    Generell finde ich auch, dass sich das nicht ausschließt. Ich kenne auch mehrere mittelgradig oder sogar nur leichtgradig Schwerhörige die gebärden und das nicht nur im Kontakt mit stärker Hörgeschädigten.

    Zudem was Berlinessa über Handys geschrieben hat fällt mir auch noch etwas ein: Ich habe fast immer einen älteren derzeit nicht SIM-Karten-Versorgten Communicator in der Tasche, Nokia irgendwas, den ich früher als Mobilfax genutzt habe. Ursprünglich hatte ich ihn nur für kreative Einfälle dabei (er hat auch Word und Excel und PowerPoint), mittlerweile nutze ich den aber mit Hörenden so wie Berlinessa das zum Testen vorschlägt. Manche Leute gucken da erstmal recht komisch, aber wenn ich das Ding dann rüberreiche (da kann man die Schrift schön groß machen) dann klärt sich das alles ganz prima.

    Liebe Grüße

  13. Zu der Sache mit der Schriftlichkeit: Ich meinte oben Fraukes “immer und überall”, nicht das wirklich tolle, v.a. durch elektronische Kommunikation ermöglichte Ausweichen.

    Außerdem: Ich sehe Geräte und Gebärden auch nicht als Widerspruch. Persönlich habe ich noch niemand getroffen der mir von Gebärdensprache abgeraten hätte (und noch dazu mit dem Argument, ich hörte zu gut)! Ich hoffe sehr, dass — zumindest inzwischen — nicht ich sondern Christianes und Salomeas Beispiele die Ausnahme sind.

    Salomea, danke für den Hinweis auf internationale Perspektive und deutsche Besonderheit! “Also für mich war die Gebärdensprache eine Tür zu der Welt die mir eigentlich alles was mir möglich ist möglich macht.” Wunderbarer Satz. Nachteile und eigene Grenzen in Kauf nehmen gehört ja überall dazu.

    Nina, hi, freu mich dass es Dir hier gefällt! Ich denke der Witz (und das Schwierige) dabei ist ja, dass man sich für/gegen eine Gruppe entscheidet mit der Entscheidung über die Sprache.

    Christiane, zum letzten Satz: Der Kontakt sich halt nie zufällig ergeben – und ich hab ihn nicht aktiv gesucht. Die Tendenz, von Behinderten Anpassung zu verlangen gibt es, auf jeden Fall. Ich hab die mal ausgeklammert oben, weil ich finde, die Entscheidung für oder gegen technische Hilfsmittel sollte man bei einem selber und dem eigenen Gefühl und Wollen anfangen, weniger bei äußeren Erwartungen. Siehst Du bei den Akademikern eine Tendenz? Würde mich mal interessieren, ich kenne zuwenig schwerhörige Akademiker….

    Berlinessa, tja, zum reden, egal wie, braucht es eben immer zwei. Übrigens: Elektronische Kommunikation macht mich so glücklich :-) In meiner Sammlung fehlt mir nur noch Twitter!

  14. Nein, ich sehe keine Tendenz bei schwerhörigen Akademikern. Dafür kenne ich nicht genug.
    Ich war, bevor das Behindertengleichstellungsgesetz in den Bundestag kam, auf vielen Veranstaltungen und auch Anhörungen dazu. Die Vertreter der Schwerhörigen sind mir am Einprägsamsten in Erinnerung geblieben – wegen ihrer Anfeindungen gegenüber gehörlosen Leuten und der Gebärdensprache. Ich fand überraschend, wie viele Schwerhörige bei den Veranstaltungen DGS verteufelt haben. Aber selbst das ist keine Tendenz, nur bemerkenswert.

  15. Das ist allerdings bemerkenswert — and not in a good way. Wundert mich.

    Wobei ich diese Reibereien zwischen Spätertaubten und kulturell Gehörlosen auch in den USA ein bißchen mitbekommen habe (v.a. zwischen den entsprechenden Verbänden und in Blogs). Mir scheint aber auch da langsam (gaaanz langsam) Entspannung einzutreten. Wär ja gut, Hörbehinderte sollten schon an einem Strang ziehen (auch wenn die einen Untertitel/Schriftlichkeit und die andern Gebärdendolmetscher wollen).

  16. Und da ist wieder der “Oralismus” im Weg oder von mir aus auch die “Starrsinnigkeit der Minderheiten”, je nach dem wie man das definiert.

    Der Grund warum die nicht an einem Strang ziehen (es gibt auf Hörgeschädigtenschulen oft die selbst gemachte messerscharfe Trennung “schwerhörig” – “gehörlos” und die bekriegen sich gegenseitig und halten an ihren Meinungen auch als Erwachsene fest). ist die Kultur. Die Schwerhörigen drängen oft sehr in die hörende Welt, die Gehörlosen wollen da nicht reingedrängt werden. Und das führt dann zu dem Phänomen, dass es auch in anderen Subgruppen gibt: Die verrohren sehr stark. Und viele – nicht alle – mögen die Spätertaubten nicht, so nehmen auch nicht alle Gehörlosenvereine Spätertaubte auf oder heißen Spätertaubte auf Gehörlosentreffs willkommen.

    Der Grund warum die Akademiker so die DGS nicht lieben (mag das Verteufeln hier nicht anwenden) ist AUCH der Oralismus.

    Was bekommst du in den Hörgeschädigtenschulen und teils den Rehaeinrichtungen über DGS gesagt?

    Warum glauben diese Akademiker schlussfolgernd haben sie Akademiker werden können?

    Was aber auch mit eine Rolle spielen könnte ist eben das Problem mit dem Ich-Bild oder Selbstwert und der Assimilation an die Hörenden. Schau mal die Eltern an von Hörgeschädigten, es gibt viele die mit der Hörgeschädigung nicht klarkommen und die Kinder spüren das. Aber das Kind will es doch auch als Erwachsener so gerne den Eltern recht machen und anerkannt werden. Ich hab so wahnsinnig viele Leute beim Abi gehabt, die das nicht für sich sondern für ihre Eltern gemacht haben, um für die ein Stück normaler zu sein. Das geht weiter als das was das hörende Kind macht wenn es auf Druck der Eltern Abi macht. Das geht auf eine trügerische “Normalität”, einen verzerrten Spiegel, auf Biegen und Brechen hin. Und dieser Spiegel heißt auch, die “Normalität” der Umgebung zu spiegeln und da wäre Gebärden halt unnormal…

  17. They fuck you up, your mum and dad
    They may not mean to, but they do
    They fill you with the faults they had
    And add some extra, just for you.

    Philip Larkin

  18. Frauke, mir gefaellt deine Comments, sie sind immer sinvoll. Larkin ist wunderbar. I still like the idea of experimental live-blogging a dinner party. Another Larkin poem:

    Talking in bed ought to be easiest,
    Lying together there goes back so far,
    An emblem of two people being honest.

    Yet more and more time passes silently.
    Outside, the wind’s incomplete unrest
    Builds and disperses clouds about the sky,

    And dark towns heap up on the horizon.
    None of this cares for us. Nothing shows why
    At this unique distance from isolation

    It becomes still more difficult to find
    Words at once true and kind,
    Or not untrue and not unkind.

  19. Mal eine Frage @Frauke von jemandem, der selber keinerlei Hörprobleme hat: Warum wird das Tragen von Hörgeräten mit einer Anpassung an die Normalität gleichgesetzt? OK, irgendwie ist es so, schon klar, aber diese Anpassung findet doch statt, damit man aus der “normalen” Welt auch seinen Nutzen ziehen kann. Analog zu Deinem Argument könnte man ja auch sagen: “Warum eine Fremdsprache lernen? Sollen sich die Ausländer doch mir anpassen. Ich warte, bis alle Literatur übersetzt ist, bzw. ignoriere alles, was ich nicht lesen & verstehen kann.” Kann man machen. Aber ist das sinnvoll? Ist es nicht grundsätzlich eine Bereicherung, jegliches Potenzial zu nutzen, wenn es irgend geht?

  20. Schöne Gedichte muss ich sagen. Kennt jemand das Lied “Shouldn’t have done that” von Depeche Mode. War 1982 auf “A Broken Frame”. Das hat die Thematik dass ein ganz braver Junge später Politiker wird. Hätte aber auch jeder andere (akademische ?) Beruf sein können….

  21. @not quite like beethoven, auch wenn es schon lange her ist, dass du die Frage gestellt hast:
    Jemand mit wirklich starker Sehbehinderung darf natürlich genauso selbst entscheiden, ob er Hilfsmittel nutzen will oder nicht, und gegebenenfalls welche, denn das ist mir das Wich
    tigste bei dem Thema: Jeder, wie er mag. Für mich selbst stehe ich da allerdings auf der Seite von Ute, die das meiner Meinung nach sehr schön ausgedrückt hat.

  22. @Ute: Du fragst “Warum wird das Tragen von Hörgeräten mit einer Anpassung an die Normalität gleichgesetzt?”
    Wie hier schon deutlich wurde, muss man sicherlich zwischen Gehörlosen und Schwerhörigen unterscheiden, vielleicht auch noch die Spät(er)ertauben extra betrachten.

    Was die Gehörlosen angeht: Da ist das entscheidende Thema eben der hier auch schon mehrfach vorgekommene Oralismus, d.h. von Gehörlosen(!), insbesondere in Deutschland, wurde/wird eine Anpassung an die hörende Welt erwartet (Hörgeräte tragen – das hat
    dann oft rein symbolische Charakter, Mund ablesen, selber sprechen/”lautieren” usw.). Wirklich Gehörlose können das aber nicht, weswegen es schon lange und insbesondere in den USA eine Bewegung gibt die die Gehörlosenkultur als Sprach- und Minderheitenkultur betrachtet und für sie kämpft. Mittlerweile ist die Gebärdensprache auch in Europa als Minderheitensprache anerkannt.

    Wenn man das konsequent und politisch betrachtet ist in diesem Kontext das Tragen von Hörgeräten inkonsequent und erst recht ein CI (ähnlich dem Motto: “Homosexualität ist heilbar”) . So, auf diese Weise, kann man tatsächlich zu der Auffassung kommen, dass das Tragen von Hörgeräten eine (reine) Anpassungsleistung an Normalität ist.

    Allerdings: Für Schwerhörige stellt sich das anders dar. Traditionell – dazu hat Salomea ja schon vieles geschrieben – und auch aktuell/persönlich: In der Tat können Hörgeräte für Schwerhörige nützlich sein , wie Du auch schreibst. Man bekommt einfach akustisch etwas oder etwas mehr mit. Das Problem liegt aber auch hier wieder in der Grenzen und in der symbolischen Aufladung:

    1. Grenzen 1: Vielen Leuten (wenn sie denn Hörgeräte bzw. Schwerhörigkeit überhaupt wahrnehmen) ist nicht klar, dass das technische Hilfsmittel “Hörgerät” (übringes im Unterschied zu den meisten Brillen) nur ein Hilfsmittel ist, d.h. der Schwerhörigkeit nur teilweise abhilft. Und dann ist man wieder mit Anforderungen konfrontiert (ähnlich wie bei Gehörlosen und wie hier von nqlb auch oft geschildert) die man nicht erfüllen kann.

    Grenzen 2: Von innen gesehen, also als Hörgeräteträger/in, ist Hören mit Hörgeräten oft unerträglich bzw. eine Belastung: Zum einen ist es anstrengend (wegen der Leistungsgrenzen) zum anderen kann es schmerzhaft sein: Bei mir z.B. ist die Verstärkung so stark, dass sie tatsächlich bereits in den Schmerzbereich hineinragt (“Vorsicht: Dieses Hörgerät verstärkt um bis zu 120 Dezibel und kann daher Hörschäden auslösen” oder so ähnlich heißt es dann in der technischen Spezifikation). Insofern ist oft nicht klar, ob Kosten und Nutzen des Tragens von Hörgeräten in einem angemessenen Verhältnis stehen …

    2. Symbolische Aufladung (kann man auch anders nennen, irgendwas mit sozialen Erwartungen oder eben Anpassung): Hörgeräte stehen auch für mich (die ich ein scheinbar “normales” und sogar “erfolgreiches” Leben führe) dafür, dass ich mich an die “normale” Umwelt anpasse und dies mich – wie unter Punkt 1 geschildert – viel Mühe kostet. D.h.: Ich erfülle die Erwartungen anderer daran, dass ich sie verstehe, auf ihre Kommunikationsform eingehe, usw.

    Insofern passt auch Dein Vergleich mit der Fremdsprache nicht (vielleicht ist das sogar der entscheidende Punkt – fällt mir beim Schreiben so auf): Wenn ich keine Fremdsprache lerne, eröffne ich mir eine neue Welt – unbestritten. Aber ich verfüge über eine Muttersprache, in der ich jederzeit mühelos kommunizieren kann.
    Als Schwerhöriger (und erst recht Gehörloser) kann ich in Lautsprache *nie* mühelos kommunizieren. Insofern ist alles was mich dazu ‘zwingt’ eine Anpassungsleistung an eine Normalität bzw. Mehrheit. Mühelos ist für mich schriftliche Kommunikation oder wäre – wenn ichs denn könnte – Gebärdensprache, also alles was übers Sehen funktioniert.

    Ich hoffe, ich konnte ein bisschen deutlich machen, wieso “Hörgeräte tragen” eine “Anpassung an Normalität” bedeutet? Und das es eben nicht nur um das Nutzen eines zusätzlichen Potentials geht?

  23. Korrektur:
    “Wenn ich keine Fremdsprache lerne” – es muss natürlich *eine* statt *k eine* heißen

  24. @frauke: So ganz verstehe ich deine Argumente aber nicht. Zwar ist mir klar, warum Hörgeräte eine “Anpassung an die Normalität” darstellen, aber warum das etwas Kritikwürdiges sein soll, ist mir unklar.
    Insbesondere den Vergleich mit der Homosexualität finde ich gar nicht überzeugend. Homosexualität hält ja niemanden davon ab, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, Schwerhörigkeit aber schon. Wenn Hörgeräte dabei helfen, kommt es für mich einer bewussten Abschottung von anderen Menschen gleich, sie nicht zu nutzen. Diese Abschottung kann man für sich selbst beschließen; sie anderen aus politischen oder sonstwelchen Gründen aufzwingen zu wollen, finde ich aber ziemlich unverschämt.
    Ich hoffe, ich klinge nicht zu polemisch, ich würde es wirklich gerne versthen.

  25. Wg. Überarbeitung nur ganz kurz: Frauke, ich will mich mal ganz herzlich für Deine ausführlichen und ausgewogenen Kommentare bedanken. Eine echte Bereicherung für dieses Blog, danke!

    Nachtrag: Hups, Muriel, gerade erst Deinen Kommentar gesehen, da muss ich mich entschuldigen und Dich gleich mit einbeziehen. Solche Diskussionen mag ich!

  26. Was ich ohne weiteres verstehen kann, ist die Sache mit der Schmerzgrenze. Kein Thema – warum sollte man sich das antun; da vergeht einem sicher auch der Spaß an der Kommunikation mit Hörenden. Und wenn man als von Geburt an Gehörloser einfach nicht mit der Lautsprache klarkommt – auch logisch, daß man sich dann nicht auf Teufel-komm-raus verbiegen sollte.

    Aber was dies angeht: “D.h.: Ich erfülle die Erwartungen anderer daran, dass ich sie verstehe, auf ihre Kommunikationsform eingehe, usw. ” – das trifft doch auch zu, wenn ich im Ausland lebe und die Landessprache spreche. Und auch dort treffe ich früher oder später auf Grenzen bei der Kommunikation, die Muttersprachler nicht haben. So ganz falsch erscheint mir mein Vergleich noch immer nicht.

    Kann man denn nicht als Muttersprache innerhalb der Gehörlosencommunity die Gebärdensprache nutzen und als “Fremdsprache” in der Hörendencommunity die Lautsprache? Kann nicht jeder einzeln entscheiden, ob und wann und wie er Hilfsmittel nutzt, ohne sich dann gleich “Unterwerfung” oder sonstwas vorwerfen lassen zu müssen? Muß es denn auf ein “Entweder – Oder” hinauslaufen? Mir ist das irgendwie zu dogmatisch…

    @NotQuiteLikeBeethoven: Ich suche in regelmäßigen Abständen immer wieder nach Dir auf Twitter. Ich würde mich _sehr_ freuen, wenn Du dort bald auch einen Account hättest. Mein eigener Twittername ist @terrorzicke. Und ich denke, mit @Ennomane und @fischblog hättest Du schon zwei weitere (übrigens sehr liebe und interessante) Leute für einen Austausch gefunden. ;-)

  27. Ich bin zwar gerade nur auf dem Sprung, kann also nicht lange schreiben, aber mir ist hier doch gerade DER VERGLEICH unter die Augen gekommen. Seit 1999 kommt er mir egal wo ich hingehe immer wieder unter, und ich als Person finde ihn durchaus passend um einem Außenstehenden die “Szenesituation” zu erläutern. Der Vergleich mit der Homosexuellenwelt. Dabei geht es nicht um die Kommunikation sondern das Gruppenempfinden und die Identität (und damit natürlich auch teilweise Selbststigmatisierung).

    Nur ein Beispiel: Diejenigen Lesben und Schwulen die nach ihrem Coming-Out von ihren Familien abgelehnt werden finden oft in der Szene eine “Wahl-Familie” und bekommen dort den Rückhalt und die Geborgenheit und Unterstützung die sie sich dringend wünschen. Der Gehörlose oder als Kind schon Schwerhörige hat oft durch seine Sozialisation und die Trennung von der hörenden Familie (Internatsschulen zum Teil ab 5. Lebensjahr) keine oder nur eine gestörte Beziehung zu seiner leiblichen Familie, findet aber alles das was ein nicht betroffenes Kind im Normalfall bei seinen Eltern findet in der Gehörlosenwelt.

    Und jetzt eine Frage: Wie reagieren Homosexuelle die sich sehr in ihrer Szene heimisch fühlen auf Bisexuelle oder die Schwulen und Lesben, die offen zugeben früher in Heterobeziehungen gelebt und vielleicht sogar Kinder zu haben? Schon mal probiert?
    Heute sind viele gegenüber dem letzten Punkt offener, noch vor einigen Jahren war das ein interner Grund die jeweilige Person zu schmähen.

  28. Eine Anmerkung vorweg: Diese ganze Diskussion beruht darauf, dass ich den advoctus diaboli spiele, ich selbst möchte *ausdrücklich* überhaupt niemandem irgendetwas aufzwingen. Allerdings möchte ich schon etwas mehr Verständis für die Position der Gehörlosen*kultur* erreichen …)

    Und noch eine @nqlb und @Elizabeth: Danke für die Blumen :-))

    @Muriel: “Wenn Hörgeräte dabei helfen, kommt es für mich einer bewussten Abschottung von anderen Menschen gleich, sie nicht zu nutzen.”
    Genau das isses! Wieso maßt Du Dir das Recht an, mir eine *bewusste* Abschottung zu unterstellen, weil ich sage: für mich ist Hören mit Hörgeräten mit Aufwand, Unanehmlichkeiten, “Kosten” i.w.S. verbunden? Wer schottet sich denn hier ab? Doch Du, weil Du nicht bereit bist auf meine Bedürfnisse einzugehen!

    Pardon Muriel, aber das musste mal gesagt werden, ist nicht persönlich gemeint. Aber ich hoffe, Du siehst den Mechanismus? Die anderen, die Normalen entscheiden …

    @Ute: “Kann nicht jeder einzeln entscheiden, ob und wann und wie er Hilfsmittel nutzt, ohne sich dann gleich „Unterwerfung“ oder sonstwas vorwerfen lassen zu müssen? Muß es denn auf ein „Entweder – Oder“ hinauslaufen?”

    Nein, natürlich muss es nicht auf ein entweder- oder hinauslaufen, und eine freiwillige, situationsangemessene Nutzung von Hilfsmitteln wäre natürlich wunderbar. ABER: So ist es ja eben nicht.

    Würde ich keine Hörgeräte nutzen ich
    - hätte keine angemessene Schulbildung (das haben wir schonmal woanders diskutiert)
    - ich hätte nicht studieren können
    - ich könnte den Beruf, den ich habe, sicher nicht ausüben, vermutlich/wahrscheinlich wäre ich HartzIV
    - ich könnte nicht einmal beliebige Sendungen im Fernsehen sehen (erzählt mir nichts von Untertitel, die meisten Sendungen, zumal die mich interessieren, sind nach wie vor *nicht* untertitelt)
    - usw.
    - usf.

    Von freiwilliger Nutzung von Potential kann da wirklich keine Rede sein (übrigens auch wieder im Unterschied zu einem Auslandsaufenthalt: der ist oftmals auch freiwillig)

    Übrigens frustet mich das Ganze hier ungemein.

  29. @frauke: Keine Sorge, ich nehme das nicht übel. Ich antworte aber. Ich maße mir gar kein Recht an, ich stelle nur fest, dass jemand, der mit Hörgeräten in der Lage wäre, sich akustisch zu verständigen, aber keine trägt, sich damit bewusst der akustischen Verständigung verweigert. Genauso verweigere ich mich beispielsweise bewusst der Verständigung per Gebärdensprache, indem ich sie nicht erlerne, obwohl ich das könnte.
    Wäre doch aber gar nicht OK, wenn ich jemandem Vorhaltungen machte, der Gebärdensprache lernt, obwohl er ganz normal hört, und ihm vorwerfe, er könne sich so nicht selbst entfalten und unterwürfe sich dem Diktat der Gehörlosen, oder?
    Das ist überhaupt nicht wertend gemeint, wir haben sicher alle unsere guten Gründe für unsere Entscheidungen. Es ist doch aber nun mal eine Tatsache, dass jemand, der mit Hörgeräten hören könnte, dies aber nicht tut, sich gegen akustische Verständigung entscheidet. Oder nicht?

  30. @frauke: Vielleicht noch als kleine Ergänzung, damit wir uns nicht missverstehen: Ich selbst bin gerne bereit, auf andere Kommunikationsformen auszuweichen, wenn mein Gesprächspartner die bevorzugt. Ich erwarte von niemandem, dass er meinetwegen Hörgeräte trägt, wenn er lieber schriftlich mit mir kommunizieren möchte.
    @not quite like beethoven: Und da ich gerade eh dabei bin, sagte ich auch noch mal Danke für die netten Worte.

  31. Fuer mich ist das Dilemma, das Frauke mit Hoergeraete schildert, sehr durchdringend: wie HG das Hoervermoegen schaden. Ich bin nicht so schwerhoerig dass ich welche brauche, habe dafuer Tinnitus, und Lautstarke (irgendwelche Clubscene, ambulance, Radio in Autos, Ubahn-Musiker mit elektronisher Verstaerker) machen mich verrueckt. Wenn ich ein Geraet tragen sollte, dass Laerm verschlechtert und meine Ohren tatsaechlicht schadet, nur um durch den Tag zu gehen, waere es mir unangenehm. Hoffentlich in der Zukunft waere es zunehmend moeglich, Berufe auszuueben ausschliesslich schifftlich bzw ueber das Internet. Wenn es als “normal” gelte, dass Professore wichtige Punkte von allen Veranstaltungen in PowerPoint und online Forums stellen… (sorry, I need to learn how to make a German subjunctive).

  32. @Frauke: Sorry, wenn Dich meine Beiträge gefrustet haben. Ich zieh mich dann mal lieber aus der Diskussion zurück.

    @NotQuiteLikeBeethoven: Tut mir leid, wenn ich hier gestört haben sollte.

  33. Also erstmal: Ute, Du hast nicht gestört. Ich hoffe doch sehr Du bleibst mir erhalten!

    Ich finde das Homosexualität ein gutes Beispiel ist um deutlich zu machen, dass es bei Gebärdensprache/Gehörlosenkultur um Identität in einer Gruppe geht: Geborgenheit, Unterstützung, Manselbstsein, Ungezwungenheit oder auch Ausgeflipptheit ohne dass wer komisch guckt. Ich verstehe auch die Dynamiken die zur Ausgrenzung von Grenzgängern führen, sehr gut sogar. Gut heißen kann ich sie darum nicht. Das ist doch albern.

    frauke, ich finde Deine Aufzählung “Würde ich keine Hörgeräte tragen, dann…” echt gut, toller Denkanstoß!

    Es ist eben nicht ganz ohne Folgen, sich als Hörbehinderter gegen Geräte zu entscheiden (so man da überhaupt Entscheidungsmöglichkeiten hat, also so sie einem helfen). Wohingegen die Entscheidung Normalhörender gegen Gebärdensprache in der Regel ohne Folgen bleibt. Die Situation ist nicht symmetrisch.

    Das ist recht egal solange Hörgeräte deutlich helfen, also normalerweise solange man bis mittelgradig schwerhörig ist. Ab da spielt auch die Sache mit der Lärmschädigung durch Hörgeräte eine Rolle, Sprachverstehen wird nicht erreicht etc. Und bei CIs stehen die bekannten anderen Nachteile im Raum. Ab da muss man dann entscheiden, welche Nachteile durch Technik man in Kauf zu nehmen gewillt ist für welche Vorteile durch Technik. Finde ich zumindest. Und da spielt dann wieder eine große Rolle, woher man so seine Unterstützung und Kraft kriegt, welcher “Welt” die Familie, der Freundeskreis, das Berufsleben etc. angehört. Ob und welche Familie man selber schon hat. An welcher Stelle der Ausbildung oder des Berufslebens man steht… Wohin man will… (Achtung: Ich rede hier über die Technik, weil ich so den Thread angefangen habe. Nur darum rede ich hier nicht über Gebärdensprache. Die ist selbstverständlich immer eine Bereicherung, wie eine Sprache mehr)

  34. @Ute: Nimms nicht persönlich, es war nicht persönlich gemeint.

    Der Ausdruck “Frust” bezog sich am ehesten darauf, dass ich gemerkt habe, dass mich die Sache emotional sehr viel mehr mitnimmt als ich dachte und wollte.
    Und in zweiter Linie bezog er sich darauf, dass es mir nicht wirklich gelungen ist, mich verständlich zu machen.

  35. Ansonsten:

    Ja, nqlb und auch Muriel, es geht eben genau um GruppenIdentität und um Asymmetrie – und ich denke, dass war auch der Punkt um den sich die allererste Diskussion von nqlb und seiner Freundin drehte.

    Selbstverständlich steht es – prinzipiell – jeder/jedem frei, individuell, nach seiner Fasson selig zu werden, gar keine Frage. Der entscheidende, gesellschaftspolitische(!) Punkt ist aber eben, dass diese Freiheit für Hörbehinderte doch sehr sehr eingeschränkt ist. Und dass – Assymmetrie – die Hörenden, weil in der Mehrzahl – sich dann das Recht rausnehmen zu sagen (Muriel nochmal, das ist nicht persönlich gemeint, aber Du hast so wunderbare Munition geliefert): man würde sich der Kommunikation verweigern.

    (Ein andere Analogie: In diesem unserem Lande gibt es ein Recht auf freie Berufswahl und -ausübung. Arbeitslose verweigern sich also?!?)

    Insofern – nochmal – kann ich absolut verstehen, dass Hörgeräte als Symbol für Anpassung stehen und jemand sagt, wirkliche Selbstverwirklichung sei nur ohne möglich… Schön wärs auf jeden Fall, wenns wirklich möglich wäre. Und aus meiner Sicht kommt man – nochmal: (gesellschafts)politisch – nicht weiter, wenn man immer auf individuelle Freiheit pocht oder um einen letzten Spruch loszuwerden: Freiheit ist immer auch die Freiheit des anders Kommunizierenden ;-)

  36. @frauke: Ich kann mich nicht mehr gegen den Eindruck wehren, dass wir uns eigentlich einig sind und bloß ein bisschen aneinander vorbeireden.
    Ich sage ja gar nicht, dass jeder Schwerhörige Hörgeräte tragen sollte. Ich sage nur, dass jeder Schwerhörige für sich entscheiden (können) sollte, ob er sie tragen will oder nicht. Und wenn ich das richtig sehe, sagst du eigentlich genau das Gleiche, mit dem kleinen Unterschied, dass du bisher immer gesagt hast, wer keine tragen will, muss das auch dürfen, wohingegen ich vorrangig gesagt habe, wer sie doch tragen will, muss das dürfen.
    Nochmal: Das “Verweigern” war gar nich pejorativ gemeint. Aber dass jemandem, der keine Hörgeräte trägt, einiges entgeht, hast du ja selbst schon eindrucksvoll belegt, und nichts anderes wollte ich ausdrücken. Das ist sicherlich nicht schön, aber es ist nun mal so.

  37. @muriel: ja, wir sind uns (teilweise – größtenteils) einig – gar keine Frage.

    Ich versuche nur die ganze Zeit eine über das individuelle was-auch-immer dürfen *hinaus* auf eine weitere Perspektive, nämlich diejenige vorhandener gesellschaftlicher Misstände zu verweisen.

    Du schreibst ja selber: “Aber dass jemandem, der keine Hörgeräte trägt, einiges entgeht, hast du ja selbst schon eindrucksvoll belegt, und nichts anderes wollte ich ausdrücken. Das ist sicherlich nicht schön, aber es ist nun mal so.”

    Ich habe nämlich was gegen das lapidare “aber es ist nun mal so.” Es müsste nämlich längst nicht in dem Maß sein, wie es ist: Untertitelung aller Fernsehsendungen (zumindest im öffentlich-rechtlichen, BBC macht es vor), bilinguale Erziehung und Bildung für alle, die es wollen, vom Kindergarten bis zum akademischen Abschluss (in den USA z.B. möglich) und ähnlich Dinge finde ich schon mehr als wünschenswert.

  38. Ich finde es wunderbar wie wir hier so mitten in sehr grundsätzlichen gesellschaftpolitischen Auseinanderetzungen gelandet sind.
    Asymmetrien und Unfreiheiten gibts ja zuhauf. Ich finde die eigentlichen Fragen beim Zusammenleben, ja Zusammenexistieren sind: Was darf ich anderen zumuten, was kann ich von ihnen erwarten? Und ich glaube da muss man dann doch unterscheiden zwischen der Ebene von Mensch zu Mensch (die Muriel v.a. imSinn zu haben scheint), der Politik von Organisationen und gesellschaftlichen Fragen wie wie man das nun rechtlich umsetzt (auch wenn das alles nicht unzusammenhängend ist). Die Frage inwiefern sich Arbeitslose der Arbeit verweigern finde ich als provokanten Vergleich wunderbar instruktiv.

    NACHTRAG: Ich finde aber auch, dass Hörgeräte nicht als Anzeichen für Anpassung gelten sollten. Anpassung mit negativer Konnotation wohlgemerkt, wie Unterwerfung. Weil “neutral” gesehen, Anpassungen an das was man für die Situation hält und praktische Kompromisse macht man ja ständig. Kann natürlich niemand daran hindern (und CIs kann man natürlich wunderbar als fleischgewordene Unterwerfung deuten!). Aber von der Geräteausstattung von Leuten (oder deren Fehlen) auf die Person hin zu schließen ist halt genauso riskant wie von Hautfarbe und Augenform.

  39. Pingback: Samstag war ich nachdenklich « sprach werk hand

  40. Kleiner – und wie ich finde durchaus interessanter – Nachtrag zum Thema symbolische bzw. gesellschaftliche Bedeutung von Hörgeräten:

    http://parapluie.de/archiv/ohr/hoergeraet/

  41. Danke, frauke, interessanter Artikel!

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