Monatsarchiv: Dezember 2009

Nur beim Kuss gibts keinen Zweifel

Mir ist die Ausrede weggefallen. Mit dem Hörgerät hab ich auf dem linken Ohr eh nicht mehr vieles gehört, also ist mir auch kein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn ich Sprache nicht verstanden hab.

Jetzt dagegen merke ich, wie eigenartig und wie mies das eigentlich ist, ziemlich viel zu hören, aber keine Sprache zu verstehn. Der versteht keine Sprache! Wie klingt denn das, bitte?!

Mein Computer sagt mir Wörter vor, ich muss raten, was es war. Sagt er kite, key oder comb? Klingt alles gleich. Nur kiss, das erkenne ich immer! Ich denke mir, das ist sicher weil es sowas Schönes ist. Kiss!

Philosophie über die Feiertage: Die Welt gesehen — und gehört

Trotz allem: Auch nur ein bißchen Geräusche aus der Umwelt wahrnehmen ist SO fundamental anders als taub oder gehörlos zu sein. Für mich ist es auch fundamental besser — denn wie mog sagt, environmental noises feed the soul — aber das muss für niemand sonst gelten. Ich bin dafür gerade einfach besonders sensibilisiert, weil ich eben aus der Phase der Taubheit komme, das Initiationsritual des elektrischen Hörens im Anschluss an die OP.

Ich kann Euch auch genau sagen, warum es so anders ist: Weil man per Hören ganz unmittelbar in der Welt ist. Man ist einfach — und von überall her um einen herum strömen die Eindrücke auf einen ein, ohne dass man dafür irgendetwas tun müßte. Wie beim Riechen ist man einfach mittendrin, in ihrem Zentrum. Man kann sich gar nicht helfen. Zwei Ohren vorausgesetzt, jedenfalls.

Ganz anders z.B. per Sehen, für mich der wichtigste Ersatz fürs Hören. Sehend tut sich die Welt vor einem auf. Man ist nicht mittendrin, sondern immer an einem ihrer Enden. Das Sehen positioniert einen unweigerlich am Rand. Erst wenn man sich bewegt und den Kopf dreht, kann man — vermittelt — ein Bild der Welt zusammensetzen, in der man ist.

Regen, Traufe, ach was! Es geht aufwärts

Wie es sich gehört, haben mit dem Ende von Weihnachten auch die Unflätigkeiten aufgehört. Nur jetzt hab ich lauter Luftröhrenschnittpatienten um mich! Immerhin, sie reden, auch wenn kaum was zu verstehen ist und zuhören etwas Überwindung kostet. Vor allem bei lieben Menschen.

Frohe Weihnachten!

So, und ab jetzt wird sich erstmal hiermit beschäftigt. Ich wünsche Euch allen Frohe Weihnachten. Macht was draus. Und bei der Gelegenheit: Vielen Dank fürs hier Lesen.

Die Welt mit CI: Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet

Nachdem nochmal an den Einstellungen gedreht wurde, stelle ich nun fest: Ein Glück, dass ich dieses Wunderwerk der Technik habe. Ich weiß zwar nicht genau wie’s kommt, Fakt ist aber, dass seit das CI an ist, die Leute unglaublich unflätig geworden sind! Nur noch Schimpfwörter, sexuelle Anspielungen und Kraftausdrücke!

Mein elektrisches Ohr bewahrt mich gnädig davor, es legt einfach einen Piepton über den Blödsinn. Kann ja auch nichts dafür, dass die meisten Leute so durchgängig fluchen, dass ich nur Piepstöne im Rhythmus ihrer Sprache höre.

Zur Feier des Tages:

Ansonsten klingt durch Gras laufen heute, als wären es Metallstäbchen, Blätter klingen wie Metallfolien. Und auch der Springbrunnen klingt als prallten die Tropfen auf ein Blechdach und nicht die Wasseroberfläche. Interessant.

Die Lehren des Musiklehrers

Mein Musiklehrer aus der 7. Klasse war ein unscheinbarer Mensch. Kleinwüchsig und dünn, mit einer echten Cäsarennase und einer Kopfbehaarung, die sich hinter jenen aus Williamsburg nicht zu verstecken braucht. Wir hielten ihn alle ein bißchen für einen Spinner.

Doch er liebte die Musik. Und das Experimentieren. Ich sehe ihn immer noch genau vor mir: Er hatte uns alle Schlagzeug spielen lassen, die Mädchen wollten nicht, wohl aber wir Jungs. (Drums, yeah! Ich versuchte es genauso zu machen wie ich es in den Rockvideos gesehen hatte und hieb mit beiden Stöcken gleichzeitig hinein!) Schließlich stellte er die snare drum vor uns hin und meinte mit gewichtiger Miene: „Ihr haut immer nur da oben auf das Fell. Aber alles macht Geräusche.“ Dann beugte er seinen schlaksigen Körper hinunter und klopfte und strich gegen alles was die Trommel zu bieten hatte: Ränder, Ständer, Seite, Ständerfuß, ja sogar auf den eigenen, von einem Lederband verzierten Arm und den Boden. Dabei lächelte er.

Er ermunterte uns, Klänge wahrzunehmen und zu machen — und das nicht nur dort wo sie gemeinhin gemacht werden.

Genauso geht es mir gerade wieder: Ich klatsche in die Hände, klopfe an Wände und auf Tische, kratze mit den Fingernägeln am Computer, knistere mit der Chips-, der Lebkuchen- und der Lidl-Tüte. Ich stampfe auf den Boden und schleife meine Füße, was beim Gehen durch die Stadt recht komisch aussieht. Ich sage dabei A! und  a! und sss! und Pft! vor mich hin, drehe die Dusche an und lasse sie gegen den Duschvorhang pladdern. Und ich ärgere mich, dass ich vorhin beim Pinkeln vergessen habe, direkt ins Wasser zu zielen!

Leider waren am Ententeich keine Enten, die für mich quaken wollten. Aber — alles macht Geräusche! Und wichtig ist das deswegen, weil ich die (meisten) zwar vorher auch gehört habe, aber jetzt klingen sie wieder spannend, frisch und knusprig statt des ollen, verwaschenen Impressionismus, den ich gewohnt bin.

War ja ganz spaßig gestern, aber jetzt können wir wieder zum Normalhören* zurückkehren

Elektrisch ist  seltsam und spannend zugleich. Doch wie ich aus meiner reichhaltigen Erfahrung mit Verkehrsunfällen weiß, ist der zweite Tag immer am Schlimmsten. Denn: Da wacht man auf, starrt an die Decke — und es ist immer noch passiert.

Außerdem ist da natürlich doch untergründig die Angst, dass es heute genauso ist wie gestern und auch so bleibt. Oder nur minimal besser wird. Dass ich, nachdem ich nun schon keiner von den  Überfliegern bin, einer von den Ausreißern nach unten bin.

Doch dann wurde es besser als gedacht. Und das lag an meinem Musiklehrer aus der 7. Klasse….

_____

*haha, Ihr wißt, was ich meine

Das erste Mal: Elektrisches Hören

Ich hatte schon alle möglichen Geschichten darüber gehört, wie elektrisches Hören zuallererst klingt. Erstmal nur fzzz, fzzz, fzzz oder nur Gepfeife, mal gleich Sprache mal nicht. Bei jedem anders aber fast immer seltsam. Und als Reaktion Lachen. Oder auch Tränen.

Ich bin sehr ruhig. Dazu trug wohl die Vorgehensweise ihr übriges bei. Zuerst werden alle Kontake durchprobiert, Sinustöne. Ich sollt sagen, wann ich sie gut höre. Als alle durch sind, kommt eine kleine Rede: Ich solle nicht zu viel erwarten, es könne so und so sein, vielleicht würde ich gleich was verstehen, vielleicht aber auch nicht.  Ich dachte nur:  Jaja, nun mach endlich.

Und dann höre ich — ja was eigentlich? Wie so tief es geht mit gespitzten Lippen pfeifen. Wie Xylofontöne aber gepfiffen, nicht geschlagen. Und gaaanz gaannz leise, irgendwie darunter und darin versteckt, die richtigen Geräusche. Gerade so ahnbar, aber nicht wirklich hörbar. Und beileibe nicht verstehbar.

Ich bin immer noch erstaunlich ruhig. Ich verstehe nichts, ich müsste enttäuscht sein. Aber das hier ist so strange, das ist schon wieder spannend. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass das auch besser wird. Lustigerweise –oder glücklicherweise — klingt es eigentlich gar nicht elektronisch, blechern oder so. Sondern ziemlich organisch. Es ist halt nur, dass sich die Geräusche und Stimmen und alles in diesen gepfiffenen Xylofontönen vor mir verstecken.

Dann bekomme ich verschiedene Instrumente vorgespielt…

Weiterlesen

Schlurpf, machte das elektrische Ohr und begann zu arbeiten

Jetzt ist es soweit. Das elektrische Ohr wird in Betrieb genommen. So richtig mit regelmäßigen Inspektionen, in die Werkstatt bringen, Mechaniker Mechatroniker Techniker und wahnsinnigem Stromverbrauch. Nur ne lange Verlängerungsschnur schlepp ich nicht mit mir rum.

Direkt vorher war ich noch nachdenklich: Saß im Wartezimmer und blickte auf eine Zeitschrift hinab. Und merkte, wie unheimlich visuell ich gepolt bin. Das Zucken der Augen von der Zeitschrift hoch, unruhig. Immer wenn wer vorbeiläuft oder reinkommt. Nicht weil ich aufgeregt bin, sondern weil ich sonst nicht weiß, was abgeht und nicht höre, wenn ich gerufen werde. Ob sich das wohl ändert, wenn ich mehr höre? Ob es entspannender wäre? Wäre es ein Verlust, die Leute weniger gut lesen zu können?

Kurz darauf drückt mir mein Techniker die Spule in die Hand, etwas größer als ein 2-Euro-Stück. Die soll an meinen Kopf. Aber wo? Ich bin mir trotz viel Tastens nicht sicher wo genau der Teil des Implantats liegt, wo die Spule hinsoll. Ich suche. Dann: Schlurpf. Die Spule springt an meinen Kopf. Wow, das ist ja wirklich ein ganz eigenartiges Gefühl. Man muss gar nicht viel suchen, die weiß selber wo sie hin will. Funktioniert ganz ohne mich. Ach, genau wie Magnetschmuck, beruhige ich mich.

Und ich habe gleich das erste Geräusch gefunden, dass ich niemals hören werde. Denn das schlurpf stelle ich mir natürlich nur vor. So fühlt es sich an. Und ich werde nie wissen, ob es das wirklich macht, weil ich zu dem Zeitpunkt nie was hören werde. Das Ohr kann sich nicht selbst beim Hören zuhören. Was die anderen erzählen (es macht kein Geräusch) ist mir egal. Für mich macht es ab heute jeden Morgen: Schlurpf.

Und wie hört es sich an damit? Erzähle ich gleich….

Die Weihnachtsverlosung auf Not quite like Beethoven

Gestern sind meine Autorenexemplare gekommen — und als ich mir die so ansah und durchblätterte, dachte ich: Die sind toll! Ein paar kannst Du zu Weihnachten verschenken! Darum starte ich heute eine Verlosung.

Es gibt insgesamt 2x „still“ zu gewinnen, die Weihnachtsausgabe des FROH! magazins, die ich gestern vorgestellt habe. Wie gesagt, ein schönes Heft, nicht nur wegen meinem kleinen Beitrag.

Wer gewinnen mag, schreibe einfach einen Kommentar und wünsche Frohe Weihnachten — auf möglichst sympathische, originelle, lustige, abgefahrene, einfach herzergreifende oder andere Weise, die Euch einfällt .  Mitmachen könnt Ihr bis Dienstag Nacht. Ca. um 24.00Uhr lose ich die zwei Gewinner aus (das müßt Ihr mir einfach glauben), gebe sie bekannt und schreibe eine kurze Email. Dann müsst Ihr mir bis Mittwoch mittag mit der Lieferadresse antworten.

Ich hoffe, Ihr habt Lust darauf und wünsche viel Glück!

Stille und ich — In der Winter-Ausgabe des FROH! Magazins

Ich möchte Euch eine, wie ich finde, äußerst gelungene Ausgabe einer wirklich interessanten Zeitschrift ans Herz legen: Das FROH! Magazin vereint schönes Layout, tolle Fotos und klasse Geschichten.  Ich würde sagen, wer den Stil und die ungewöhnlichen Perspektiven von brand eins mag, wird auch das FROH! magazin mögen. Und:  Es sind 70 97 Seiten vollkommen ohne Werbung. Das muss man erst mal schaffen.

Empfehlen und mich freuen tue ich auch, weil eine kleine Geschichte von mir ihren Weg in das Magazin gefunden hat. Denn mit Stille habe ich ja auch so meine Erfahrungen gemacht:

Ich war 18 als unser Verhältnis den Bach runterging. Stille und ich, ab da wurden wir nie wieder zusammen gesehen. Sie entzog sich mir, schlagartig und dauerhaft. Ich hatte Tinnitus. Es war nie wieder still in meinem Kopf….

Weiter geht’s im Magazin. Doch auch ohne meinen Beitrag könnte ich Euch dieses Heft nur ans Herz legen. In Berlin, Frankfurt, Köln, Nürnberg und Würzburg gibt’s das FROH! in einigen Läden. Ansonsten: Alle Infos und Bestellmöglichkeiten unter http://frohmagazin.de/ Schaut mal rein!

phonophob

Aussehen tut das Wort ja gut: phonophob. Könnte auch auf einem coolen T-Shirt stehen.

Leider fühlt es sich nicht gut an. Mir ist gerade klar geworden, dass ich mit CI wohl den einen Klang wieder werde hören müssen, wegen dem ich froh war, dass mein Gehör schlechter geworden war. Das war nämlich für alle Beteiligten besser so. Für mein Nervenkostüm und für die Stimmung am Tisch.

Es geht um Eßgeräusche. Erwachsenen, womöglich auch noch nahestehenden Menschen zu sagen, es stört mich, wie Du ißt, finde ich dermaßen Fundamentalkritik — das ist nahe dran an es stört mich, wie Du bist.

Jetzt ist mir bange. Ob ich dann Musik auflegen soll? Was Essen angeht, bin ich wirklich empfindlich.

BLOGWICHTELN 2009: Suchen – und Not quite like Beethoven finden

Ich wurde bewichtelt. Und bin entzückt! Es muss sich bei dem Wichtel um einen Abenteurer mit Leib und Seele handeln, jedenfalls standen selbst im Lonely Planet für Bangkok von 1963 nicht so viele Geheimtipps und schmierige Spelunken drin wie sie hier nichtsahnend suchenden Touristen auf meinem Blog empfohlen werden. Ich habe auch eine Vermutung, wer der Wichtel ist. Was mache ich nun mit diesem Wissen? Aber lest selbst, was er gewichtelt hat:

Hier wieder mal eine Reihe von Suchanfragen, deren Urheber Tante Google hierher schickte:

quiet like Beethoven
Sucht hier jemand Informationen über die stille Welt eines prominenten Schwerhörigen – die ja gar nicht so still ist – oder handelt es sich um einen bloßen Tippfehler? Beispielsweise des Blogwichtels, der sich hier einlesen wollte…

Beethoven in out
Was weiß denn ich, ob Beethoven grade in oder out ist – oder weist dieses Blog etwa darauf hin, dass der Autor sich intensiv mit sogenannter E-Musik beschäftige? Vielleicht kann ja Alex DeLarge weiterhelfen, der sich sowohl mit Beethoven als auch mit the old in-out intensiver befasst hat.

Sex mit Björn Borg Augenschmaus?
Tut mir sehr leid, liebe Leserin, oder auch lieber Leser, aber mir liegen keine Informationen darüber vor.

halb aufgerollte Lakritzschnecke asiatisch
Asiatisch as in süß-sauer? Oder wie darf ich das verstehen?

hörgeschädigt
Sorry, Du bist hier falsch

Tamagotchi aufbohren
Technische Diskussionen finden hier zwar durchaus statt, gelegentlich auch über Produkte asiatischer Herkunft; in aller Regel geht es dabei jedoch um etwas komplexere Gadgets bzw. deren Vor- und Nachteile.

Gehirn Rumgeschnippele
Findest Du Deine Wortwahl nicht ein wenig, wie soll ich sagen, flapsig? Respektlos?

hinterhältige Bischöfe tabu
Ich dachte ja immer, in der katholischen Kirche gäbe es keine Tabus. Bei deren hinterhältigen Vertretern erst recht nicht. Aber fundiert kann ich mich dazu nicht äußern.

„lebt man ignorant glücklicher?“
Mag sein. ich habe mir allerdings sagen lassen, dass viele Leute durchaus Freude am Lernen und am Wissen haben. Der Blogwichtel beispielsweise sagt, er freue sich, in meinem Blog eine ganze Menge gelernt zu haben.

Timing, Schwiegeroma standardmäßig einzufangen
Äh, wie meinen?

glitschigen Knutschens
De gustibus…, schon klar. Aber wieso im Genitiv?

künstliche Schildkrötenpanzer ausprobieren
Und was soll das bringen, wenn ich fragen darf? Ich meine, hier findet sich ja durchaus der eine oder andere Text zum Thema Liebe, Sex und Zärtlichkeit, aber das klingt mir doch sehr… kinky.

heruntergezogener Spitznamensfinder
Ich weiß nicht, was Du meinen könntest, aber zum Thema Spitznamen hätten wir ein sehr interessantes Video im Angebot.

furchterregende Herausforderung Toulouse
Was soll an Toulouse, für das mein Französischlehrer immer so geschwärmt hat, denn bitte furchterregend sein? Jetzt schau nicht so betreten, ist doch kein Betroffenheitsblog hier!

Futur II

Ich glaube, niemals in meinem Leben war ein einzelnes Wort so bedeutungsschwanger wie dieses kleine „nachher“.

Eine Freundin rief ohne Vorwarnung an. Und weil ich eigentlich einen Anruf meiner Eltern erwartete — die einzigen, mit denen ich noch telefoniere — ging ich ran. Ich (oder vielleicht besser: sie) hatte Glück: Irgendwie konnte ich aus der Kombination von Tonfall und etwas, das wie ein Name klang, erkennen wer dran war. Mit nur zweieinhalb Sekunden Denkpause, yay.

Sie fragte gleich, ob wir telefonieren könnten oder sie doch lieber eine Email schreiben solle. Aber ich dachte, wenn wir uns eh schon an der Strippe haben kann man’s auch mal versuchen. Schließlich wollte sie eigentlich nur Hallo sagen und sich mit mir verabreden. Weil jetzt gerade alles bißchen hektisch ist bei mir, verabredeten wir uns für nachher. Und als ich aufgelegt hatte, musste ich mich erst mal setzen.

Nachher ist natürlich nachdem mein elektrisches Ohr in Betrieb genommen worden sein wird. Ich liebe ja eigentlich Futur II, das nutzt man viel zu selten. Hier aber läuft es mir kalt den Rücken runter. Wenn ich mich für nachher verabrede oder Termine wie den Ausflug nach Helsinki nächstes Jahr in meinen Kalender eintrage, kriege ich eine kleine Panikattacke: Dann muss ich den Leuten ja anders unter die Augen treten

Ich bin sicher, für die meisten wird’s von außen nicht viel anders aussehen als vorher. Auch bisher war die Reaktion meiner Freunde und Bekannten auf gesichtete CIs eher: Das sah aus wie ein gutaussehender junger Mann. Oder wie ein Hörgerät. Oder: Ach echt, hab ich gar nicht gesehen. Wobei letzteres immer die Leute mit vielen Haaren waren.

Aber für mich fühlt es sich etwa so an als ob ich auf einmal in Orange als Baghwan-Jünger hingehen würde oder zur Frau operiert. Und wenn ich Helsinki im Kalender eintrage, denke ich: Mein Gott, dann wird das ja schon sechs Monate lang Alltag gewesen sein!

Das ist mal ein Futur II!

Aber das Pflupsen ist toll

Nur als kleine Wasserstandsmeldung nach den vielen guten Tipps gestern: Hab’s heute nochmal auf friesisch probiert. Und dann — der mad scientist in mir ist durchgekommen — hab ich den Kandis sogar erst in den Kühlschrank und direkt kochendes Wasser in die Tasse fließen lassen. (Man beachte: fließen lassen, nicht geschüttet!) Das Ergebnis sehr ihr oben, man kann die Sprünge richtig sehen. Außerdem, auf besonderen Wunsch hin, noch etwas gediegene Optik. Nur gehört hab ich nix, jedenfalls nichts was nicht auch Tinnitus gewesen sein könnte. Direkt im Mund hab ich’s dann übrigens doch nicht gemacht, war mir zu heiß.

Aber man soll ja nicht auf die Defizite starren. Das Pflupsen der nichtfriesischen Methode (siehe gestern) ist toll. Wie Steine in den See schmeißen!

Schöne Töne #11 — Kandis trifft Tee

Es liegt ein Berg Arbeit auf meinem Tisch, darum schreibe ich hier gerade nicht so viel. Heute aber habe ich wieder aufregende Expeditionen in fremde Hörwelten unternommen, die nie ein Mensch zuvor an denen ich bisher immer vorbeigehört hab. Und zwar am heimischen Küchentisch.

Das Knacken und Knistern, fragte ich ungläubig, von Kandis wenn er in heißen Tee fällt? Ja, sagte die Freundin, von der ich gerade gar nicht weiß ob ich sie hier beim Namen nennen soll ;-) .  Ja, das sei ein ganz spezielles Geräusch. Wenn die Kandiskristalle vor Hitze bersten.  Ich konnte mich nicht erinnern, das je gehört zu haben. Die Freundin gab zwar zu bedenken, das sei dann vielleicht eher was fürs neue Hören mit CI. Aber ich wollte es trotzdem probieren. Für den Vorher-Nachher-Test.

Da ich keine Ahnung hatte, worauf ich mich einließ, bat ich um genauere Instruktionen. Ich dürfe, so die erfahrene Freundin, den Kandis nicht in die Tasse rumpeln lassen und schon gar nicht sofort mit dem Löffel umrühren. Am besten, riet sie, solle ich ihn ganz langsam reingleiten lassen. Wird gemacht! Ups, da ist mir ein Kristall reingefallen. Da ich ja sowas von ganz Ohr bin, gerade, fand ich das satte Pflupsen wunderschön!

Aber gut, darum ging es ja nicht. Also nochmal…

Hmmmmmm. Ich gucke und lausche. Dann gucke ich weg und halte stattdessen mein Ohr an den Tee. Gut, dass ich das nicht im Café mache. Aber ich höre nichts.

Also schnelle Rückfrage. Wenn der Tee ganz frisch und heiß ist, erfahre ich, sollte ich sehen wie der Zuckerkristall von innen Risse bekommt. Dazu könne ich mir dann ein kleines Geräusch vorstellen, ein bißchen wie das Knacken von trockenem Holz im Kamin.

So sieht das aus. Gehört habe ich leider nichts, also jedenfalls nicht aus dem Tee. Glaube ich zumindest, denn eingebildet habe ich mir alles mögliche. Und dann ist da ja auch noch der hoch pfeifende Tinnitus, der macht, dass ich kleine leise Geräusche nicht höre. Was ich ein bißchen höre und am Kandis schon immer gemocht hab, ist das Klingeln und Klickern beim Umrühren.

Das Knistern und Knacken probier ich dann mit dem elektrischen Ohr nochmal!

Hintergrund und Vordergrund

Man macht sich ja so seine Vorstellungen vom eigenen Leben. Ihr wißt schon, wer man sein möchte. Wo man hin will.  Wer einen begleiten soll. Und was dafür der richtige Soundtrack ist. Das ist alles schwierig genug und meist mit allerhand Anstrengung, Irrwegen und Enttäuschungen verbunden.

Aber so langsam fügt sich ein Bild. Oder manchmal auch ganz plötzlich. Auf einmal Dastehen und das Gefühl haben, ja. Das ist es! Es paßt doch, mein Leben.

Das ist der Moment, in dem man verletzlich wird. Weil man sich mit seinen Gefühlen an Menschen, Lebensumstände und vorgestellte Zukünfte bindet. Dann wird es Glückssache.

Womöglich steht man auf einmal da und ist der einzige, der noch in diesem Bild steht. Die Welt hat sich weitergedreht, alle anderen haben sich anderswohin orientiert. Selbst der Fotograf, der das alles so schön festhalten sollte, ist gegangen.

Ein Hoch auf diejenigen, die dann mutig genug sind zu sagen, ach, war ja ganz schön hier. Die einmal in den Spiegel gucken ob alles sitzt — und sich dann umdrehen und gehen. Man kann nicht alles planen, es kommt sowieso mal so und mal so. Also kann man genauso gut selbst ein paar Entscheidungen treffen. Es ist befreiend, zu agieren, nicht nur zu reagieren. Und mutig.  Weil man Vordergrund und Hintergrund im Leben ganz neu sortieren muss. Weil nicht klar ist, wohin es gehen und wie es werden wird. Weil wenn überhaupt irgendetwas sicher ist, dann nur die paar Dinge, von denen man Abschied nehmen muss. Die vielleicht sogar schon weg sind, nur die eigenen Gefühle haben’s noch nicht mitbekommen.

Ich zähle mich einfach auch mal zu denjenigen.

Was suchst Du? Das Montagsrätsel

Eure Kreativität ist gefragt! Darüber zu lachen, mit was für Suchanfragen die Leute auf einen Blog kommen ist verbreiteter Spaß. Ich mach’s ja auch. Hier und heute dagegen mal was Neues:

In der WordPress-Statistik werden nicht die kompletten Suchanfragen angezeigt, sondern nur bis zu so-und-soviel Zeichen. Da wird dann abgeschnitten. Und ich hab mich schon häufiger gefragt, wie’s wohl weitergeht…

Was meint Ihr, was könnte dieser Mensch gewollt und auf meinem Blog gefunden haben?

du bist behindert! ich kann nicht das t

Na?! Wem fällt das zutreffendste, lustigste und absurdeste ein? Bin ja mal gespannt, was Ihr denkt, was man hier so finden kann…

Wer hätte gedacht, dass der alte Mann so viel Blut in sich hatte

Ich jedenfalls nicht. Ich wußte natürlich, dass es nicht ganz einfach wird. Aber ich hätte nicht gedacht, dass mich das alles so fertig macht. Ich stecke im Nirgendwo, habe etwas getan, dass ich nicht rückgängig machen kann. Und was ich mir davon versprochen habe, liegt ungewiß in der Ferne.

Der Computer wohnt nun in seinem aus Schädelknochen gefrästen Bett, die Elektrode bohrt sich in mein Innenohr. Hinter dem Ohr seh ich aus wie eine gerissene Hose, die jemand wieder geflickt hat.

Und wer hätte gedacht, dass nach unten noch so viel Raum ist, beim Hören? Dass das Wenige, was ich hörte, doch so viel war? Ich jedenfalls nicht. Ich kann mir so heftig vor dem Ohr schnippen, dass es schon in den Fingern weh tut. Ankommen tut trotzdem nichts, aber auch gar nichts.  Ich föne mir die Haare und habe rechts ein doch recht lautes Brausen im Ohr. Links merke ich nicht mal, dass der Fön an ist. Ich schlage aus Versehen die Schranktür zu, so dass ich rechts etwas zusammenzucke. Links — nichts. Vor allem: Trotzdem tut es weh da, einfach von Eindringen der Schallwellen und weil noch irgendwie alles roh ist, vermute ich. Es ist furchterregend.

Man sagte mir: Geduld. Das komme häufiger vor, dass man auch nach ganz vorsichtiger OP erstmal nichts mehr hören könne, das dann aber weitgehend wiederkomme. Na hoffen wir’s. Irgendwie hab ich aber ein schlechtes Gefühl dabei. Es fühlt sich so weg an.

Ich will nach vorne sehen. Aber mir wankt der Boden unter den Füßen. Habe ich schon gesagt, dass ich heilfroh bin, noch ein anderes Ohr zu haben? Auf dem ich zwar sehr schlecht, aber wie ich gerade merke doch sehr viel höre? Ich glaube ohne würde ich jetzt stürzen.

Ich bin die Schlange an der Kasse

Schon komisch. Da laufe ich im Augenblick quasi einohrig herum, bis im Dezember mein neues elektrisches Ohr in Betrieb genommen wird. Mit nur einem Ohr verstehe ich so gut wie gar nichts. Aber trotzdem passiert mir sowas: Ich schnappe was auf in der Unterhaltung (von der ich sonst kaum was mitbekommen habe). Und die Leute fühlen sich ertappt.

Du verstehst aber auch immer das, was Du nicht hören sollst.

Jaja, klar. Immer. Ich glaube, das ist eher eine Art optischer Täuschung. Wie die Schlange an der Kasse, da erwischt man ja schließlich auch IMMER die, die am längsten dauert.

Früher habe ich damit kokettiert. Heute manchmal auch noch. Gemeint ist damit ja meist nichts Schlimmes, nur Dinge, die den Leuten im Nachhinein peinlich sind. Aber eigentlich ist das gar nicht mal so ungefährlich. Denn von da ist es — bei Leuten ohne Hörgerät — nicht weit bis zu: Der hört gar nicht schlecht, der tut nur so. (Und was das für böse Folgen haben kann, wurde hier zuletzt in den Kommentaren bei Schwerhörige in der Schule berichtet.)

Gestatten: Der neue Safer Sex

Ihr dürft nicht denken, so ein Innenohr-Implantat füge sich ins Leben wie ein neues T-Shirt. Nein! Es gilt, alle möglichen Vorkehrungen zu treffen und Herausforderungen anzunehmen, damit mein neues Leben einigermaßen am Schnürchen läuft.

Zum Beispiel fällt — wie ich gestern bei Jule vom Augenschmaus gelernt habe — der äußere Teil des CIs beim Sex extrem leicht ab. Was für sofortigen Tonausfall sorgt und entsprechend störend ist. Oder es baumelt am Kopf herum wie Loriots Nudel. Wunderbar, sehr sexy!

Pragmatisch wie ich bin, habe ich anstatt zu jammern sofort die bestmögliche Lösung für das Problem gefunden. Und nein, liebe Berlinessa, es ist nicht Sekundenkleber.

Ich nehme einfach ein Björn-Borg-Stirnband. Immer. Zu jedem Sex!

Das hat Vorteile. Wenn ich mein Stirnband aufsetze, weiß jede gleich, was die Stunde geschlagen hat. Dann geht’s zur SACHE!

Damit in der Hitze der Nacht alles klappt, liegt also ab sofort ein Stirnband auf meinem Nachttisch. Na, vielleicht noch eins in die Jackentasche, man weiß ja nie…

Sie hörte nur ein leises Schnappen hinter sich. Und dachte:  „Oh GOTT, schon wieder?!“