Monatsarchiv: Juli 2010

Danke für die Tiefschläge, Kollege!

Leider muss ich oft grinsen, wenn Kollegen mich mies behandeln — was diese meist nur noch mehr reizt. Aber es ist doch so:  Wenn Dich Kollegen mies behandeln, tun sie’s meist deswegen, weil sie Dich als Bedrohung empfinden.

Gut! Das heißt, wir spielen in der gleichen Liga. Keine falsche Schonung als „Behinderter“.

Dornröschens Sündenbock

Das Tolle an Kindern ist ja, dass man selber nochmal ein bißchen Kind sein kann. Zum Beispiel wenn man auf dem Weg zum See auf dem Beifahrersitz lungert und die gute Freundin hinten der Tochter Märchen vorliest. Hach, denkt man da, kauert sich zusammen und ein paar von den Gefühlen von damals klettern hoch, als einem selbst vorgelesen wurde.

Es ist das erste Mal, dass ich mich über Stau freue. Denn nun sind die Fahrgeräusche weg und ich muss mir vom Vordersitz aus nicht mehr den Kopf verdrehen um zu verstehen. Ich höre allerdings auch immer mehr Sätze, an die ich mich nun gar nicht erinnern kann — und merke, dass wir eine modernisierte Fassung zu hören bekommen, die aus dem Moewig Verlag von María de Calonje, Julian Jordan und Eva Lopez übrigens.

Ist schon klar, Märchen sind mitunter brutal. Aber ist es wirklich so schlimm, wenn das Königspaar die 13. Fee einfach nicht einlädt, weil nun mal nur zwölf goldene Teller da sind? Muss sie stattdessen unbedingt unerreichbar gewesen sein und die Einladung nicht erhalten haben? Muss unbedingt der Koch wegfallen und der Küchenjunge, dem er gerade eine wischt, obwohl diese beiden eines der schönsten Bilder beim Plötzlich-in-den-Schlaf-Fallen-und-100-Jahre-später-wieder-Aufwachen sind? Ganz zu schweigen davon, dass nebenbei einer mit Siebenmeilenstiefeln nach der guten Fee geschickt wird!

Und, liebe Modernisierer, alle Erklärungswut in Ehren — aber es gibt nun wirklich gar keinen Grund, ausgerechnet die Tauben zum Sündenbock zu machen:

Oder wie seht Ihr das?

Ich habe gerade die Hausmärchen der Gebrüder Grimm nochmal aus dem Regal geholt und mich in den Fassungen sofort festgelesen. Beim Herrn Gevatter, hab ich geschaudert, bei den sechs Schwänen gebangt.  Jetzt kommt: Die zertanzten Schuhe….

Finnisches Fingerschütteln — Signmark verbindet Hip Hop mit Gebärdensprache (in Berlin)

Das Hände- und Fingerschütteln hat beim Rappen Tradition, insofern paßt es ja: Die finnische Gruppe Signmark macht Hip Hop mit very sophisticated Fingerschütteln, mit Gebärdensprache. Das hört sich nicht nur gut an, das sieht auch gut aus.

Hier gibt’s einen spannenden Bericht des MDR über die Gruppe und den gehörlosen Frontmann Marko Vuoriheimo. Da sieht man mal wieder, was in einer kreativen Partnerschaft so alles möglich ist. Musiker Sein ohne Hören (oder mit fast nichts hören) — wie das geht finde ich ja immer wieder faszinierend. Und es muss ja nicht immer Evelyn Glennie sein.

Morgen abend (24.7.) treten Signmark in Berlin auf — und zwar im Glashaus bei  Sencity, was man wohl als einen Frontalangriff auf die Sinne bezeichnen muss: Bei dieser Partyreihe gibt’s nicht nur Musik und Lichtinstallation, sondern auch noch „Aromajockeys“, die Gerüche mixen, der Boden ist ein „sensefloor“, so dass man die Musik besser spüren kann, Gebärdensprachtänzer und Massage. Ich finde, das klingt ziemlich wild. Leider kann ich nicht hin. Aber falls wer hingeht, würde mich freuen zu hören wie’s war!

[Auf signmark bin ich übrigens bei jule gestoßen.]

Streitlust — oder: Das nächtliche Scheitern mit der Barrierefreiheit

Wir nahmen die Drinks wie sie kamen. Es war eine dieser noch nicht lang zurückliegenden Nächte, in denen zwar Gewitter vorhergesagt war, in der Realität die Hitze aber durch kein kühles Lüftchen gestört wurde. Ich genieße solche Nächte in der Stadt, die immer etwas von Ausnahmezustand haben. Diese hatten wir stilgerecht schon bei Sonnenuntergang mit einem Singapore Sling begrüßt.

Einige Stunden und Streifzüge später — aus dem Nichts explodierte direkt neben uns heftiger Streit. Laute Worte flogen hin und her, erst über ein Auto hinweg, dann hielt es zwei Helden nicht mehr an ihren Plätzen. Brüste wurden gereckt, Begleiterinnen zerrten an Armen und Hemden. Drama! Auf einmal blitzte ein Schraubenzieher auf, der Abtransport des einen Streithahnes durch einen Freund verhinderte Schlimmeres.

Meine Begleiter erwiesen sich als vollkommen unfähig, mir zu berichten, worum es da gegangen war. Sie hatten zwar verstanden, was gesagt wurde (sagten sie). Doch wollte ich genaueres wissen, sagten sie: „Die haben gar nichts gesagt.“   „Halt so Beleidigungen.“ Kreatives Fluchen und derbe Beleidigen finde ich spätestens seit Käpt’n Haddock spannend, und diesmal war die Eskalation wirklich auffällig. Doch auf mein Plädoyer für Barrierefreiheit und die Bitte, doch irgendeinen Satz, den sie gehört hatten zu wiederholen, kam nur hilfloses Achselzucken.

Da sieht man mal wieder, was für eine Leistung es eigentlich ist, genau zuzuhören. Und wie selten man das eigentlich macht. Nebenher: Was für eine Leistung Dolmetscher eigentlich vollbringen!

Klar, das mit dem Fluchen ist mein Privatvergnügen, ebenso wie die Sehnsucht, Aufgeschnapptes zu verstehen. Aber ich glaube, wenn ich hier Barrierefreiheit haben will, dann muss ich selbst zu den Schreihälsen hingehen. Ich werde sagen: „Hey!“ — und wenn dann jeder denkt, jetzt kommt das übliche „Beruhigt Euch!“ oder „Leiser!“, dann werde ich sagen: „Laßt Euch nicht stören. Schön laut weiter, aber bitte, etwas deutlicher, ja? Ich habe ein Recht darauf, es auch zu verstehen.“
Ist doch wahr: Wer sich schon als öffentliche Darbietung streitet, sollte auch jeden als Publikum akezptieren.

Schöne Töne #14

Es ist kurz nach sechs. Dieses knisternde Britzeln, was ist das bloß? Klingt eigentlich ganz schön. Erwartet hätte ich so früh am Morgen nur das anschwellende Brausen des Verkehrs und die eine oder andere Vogelstimme. Das Übliche halt.

Jetzt aber klingt es fast wie Regen — ein Prasseln, obwohl draußen die Sonne lacht. Dann sehe ich es: Der Herd! Die Milch! Es riecht verbrannt. Schon bildet sich Kruste. Waaahh!!

Bevor ich das elektrische Ohr hatte, hätte diese Geschichte sieben Sätze später begonnen. Das feine Britzeln und Prasseln hätte ich trotz Hörgeräten nicht gehört. Sie hätte aber genauso geendet. Ich notiere mir: Es kommt nicht darauf an, was Du hörst, sondern was Du daraus machst!

Musikalischer Apartheid? Kompositionen für das Cochlea Implantat

Ist das jetzt Ausgrenzung oder Gleichberechtigung? Forschung oder PR?  Das australische Bionic Ear Institute startet gerade ein Projekt, in dem Musik speziell für Träger von Cochlea Implantaten komponiert wird. Hier ein Bericht der australischen Zeitung The Age.

Ausgangspunkt ist was wir gerade so schön in den Kommentaren diskutiert haben: Dass Leute mit elektrischen Ohren Musik ganz anders als ihre normalbiologisch hörenden Freunde wahrnehmen, die direkt daneben sitzen. Und dass viele Musik leider nicht genießen können. Die Komponisten sagen, es werde wahrscheinlich „unkonventionell“. Noch in diesem Jahr sollen die Stücke bei einem Konzert aufgeführt werden.

Ich bin gespannt — aber entzweigerissen. Einerseits denke ich: Die sollen lieber mal die CI-Systeme verbessern, ich will unbehindert Zugang zu jeder Musik. Nich so’n musikalischer Apartheid. Womöglich klingt es dann für normalbiologisch Hörende sogar ganz grauslich!
Oder sollte man es nur pragmatisch sehen? Dass spezielle Bevölkerungsgruppen spezielle Musik haben, ist ja nichts neues. „Schwarze Musik“ ist schon lange kein Schimpfwort mehr, und war schon davor eine Bereicherung. Aber müssten dann nicht CI-Träger selber die Musik komponieren? Nich so’n musikalischer Paternalismus?
Oder geht es letztlich doch nur um gute oder schlechte Musik und was man dafür hält?

Antizyklisch Baden

Andere haben sich am Wochenende die Sonne auf den Bauchnabel scheinen lassen, ich hab geschuftet. Dafür gehe ich heute an den See. Und hoffe, möglichst viele andere sind arbeiten.

Verfolgt Ihr eigentlich die Kommentare? Falls nicht, schaut mal hierher. Da ist übers Wochenende eine spannende Diskussion um die Frage entstanden, ob jemals zwei das Gleiche hören können. Ob wir letztlich alles unterschiedlich wahrnehmen. Und weshalb man trotzdem vergleichen kann. –>klick.

Gehört mit 1/40s, Iso 800, Blende 2,8

Sag mal, wie hörst Du eigentlich? Eine Frage, die man keinem normalen Menschen stellen würde. Sowas thematisiert man im Alltag einfach nicht. Ich höre sie ständig — aber ich höre ja auch nicht Alltag. Jedenfalls seit ich nicht mehr mit den Ohren von Mutter Natur höre, sondern mit der Technik, die die Söhne (aber soweit ich weiß keine Töchter) von Mutter Natur entwickelt haben.

Auch hier im Blog gibt’s ja immer mal wieder Verwirrung darüber, was ich höre — genauer: was ich behauptet habe, mit dem elektrischen Ohr zu hören. Zuletzt hier. Eigentlich, dachte ich daraufhin, müsste ich es wie die Fotografen machen. Fotos sind ja auch technisch erzeugte Wahrnehmungen. Und damit man sich besser drüber unterhalten kann, schreiben viele  ja zu ihren Bildern gleich Kamera- und Objektivmodell sowie Belichtungseinstellungen bei der Aufnahme dazu.
Ich könnte es also so machen: Gehört mit CI500, map 16, AGC 2:1, Standardempfindlichkeit 50%, mcl 18,43, thr 0,14, Sättigung 700 (re) und Phonak Naida, sound recover off (li). Insgesamt zu jedem Höreindruck mehr Fußnoten als in einem Mobilfunkvertrag.

Dass jemals zwei das Gleiche hören, kann man unter den Bedingungen gleich vergessen.

Red Du nur! — Deutschland v. Spanien unter Beobachtung

Halb Deutschland guckt zu — aber eine sieht mehr als andere.  Jules Twitter-Ableseservice @EinAugenschmaus, vor dem keiner der Zurufe, Seufzer und Flüche der Spieler und Trainer sicher ist, ist ein voller Erfolg.
Sie hat es in kürzester Zeit auf über 500 Follower gebracht und in die Zeitung. Heute abend ist ein TV-Team des SWR bei ihr. Und kompromißlos wie sie ist, hat sie gleich noch durchgesetzt, dass der Beitrag zumindest in der Mediathek Untertitel haben muss. Go, Jule!

Ich selbst habe bei der WM bisher eher Unerfreuliches abgelesen — zuletzt ein „Nein, wir lassen hier niemand mehr rein“ als ich den Fehler machte, mich zum Spielgucken in der 11-Freunde-Arena zu verabreden. Das wußte ich also schon 20m vor dem Einlass, doch was bringt das? Heute abend passiert mir das nicht. Es ist für alles gesorgt.
Bin eh mehr für Kneipengucking als für Public-Viewing, wenn ihr versteht, wie ich das meine.

Letzte Woche auf dem roten Teppich

Bild: Adolf-Grimme-Institut / Jens Becker, all rights reserved

Smilla und ich geben Grimme Gothic. Aber Brangelina haben schließlich auch mal klein angefangen.

Der Sound der Sommernacht

Vor die Wahl von zu heiß und zu kalt gestellt wähle ich zu heiß. Immer. Selbst wenn ich was zu tun habe und mir die Brühe läuft, ich mag tropische Schwüle. Und ich mag den Sound der Sommernacht.

Nachts in der Wohnung, alle Fenster auf — und ich habe das Gefühl, die ganze Stadt senkt sich akustisch auf mich nieder. Eine Tür klappt, irgendwo läuft ein Fernseher. Eine schöne Frau mit Absätzen läuft vorbei, jemand singt (ja singt) irgendwo. Sind wir hier in Berlin oder im Film? Von Ferne nähert sich ein Roller. Lautes Seufzen aus der Nachbarwohnung, beantwortet vom Hund der anderen Nachbarwohnung. Ein Mann schreit einen anderen an. Und schließlich kommt eine Gruppe Jugendliche vorbei, sammelt alle Geräusche ein und hinterläßt nur Stille. So scheint es mir jedenfalls.

So nah. All diese Geräusche, die ich sonst nicht hören würde. Wohl weil sonst nicht so viele Leute draußen sind oder ebenfalls ihr Fenster aufhaben. Und ich ein bißchen genauer auch wegen des elektrischen Ohrs. Schön.

Und dann hieß es erstmal…

…anders anziehen. Ich kann wirklich niemandem empfehlen, wenn das Gehirn sich in der Endphase eines aufreibenden Projektes wie ein ausgewrungener Waschlappen anfühlt, mit Klamotten Experimente zu machen. Aus Zeitdruck noch ohne Anprobieren. Und so, dass man dann bei der Preisverleihung, zu der man reist, nur dies im Koffer hat und sonst nix. Mögliches Resultat ist nämlich Zirkusdirektor aus der Provinz.

Zum Glück fand sich doch noch ein Plan B in dem Koffer. Dann zusammen mit Smilla, den Nostalgikern von retro-tv, Herrn Paulsen und der nicht zu vernachlässigenden Unterstützung von Freundin N. und Herrn D. zunächst die Tischgesellschaft des Abends gegründet, was schließlich — vielvielspäter und mit leicht veränderter Besetzung — noch in einen Belastungstext exquisiter Whiskys in Kölner Hausbesetzerkneipen mündete.

Das waren also spannende, extravagante und dazu unglaublich stressige zwei Monate. Jetzt ist der Kater vorbei und der Kopf etwas ausgelüftet, jetzt kann’s auch wieder in den Alltag zurückgehen. Na, erstmal in den Zug zurück nach Berlin…