Monatsarchiv: August 2010

La déformation professionelle

Ich will gar nicht erst anfangen zu behaupten, ich sei noch zu jung für eine Entstellung durch Beruf. Ich finde aber, ich bin noch zu jung für Entstellung durch Schwerhörigkeit.

Seit heute morgen allerdings zweifele ich daran. Der Hals schmerzt und ist ganz schief  vom vielen Kopfrecken gestern abend. Erst eine zeitlang nach links, da wo das elektrische Ohr sitzt. Und dann — deutlich zu lang — nach nach rechts und zwar verdreht, weil ich inzwischen mit dem Innenohrimplantat (links) doch besser höre als mit dem Hörgerät (rechts), auch wenn die schöne Sprecherin rechts (rechts) sitzt. Nicht dass es viel genutzt hätte. Dabei schienen die Leute eigentlich nett, bei dieser Geburtstagsfete. Ich hätte sie gerne kennengelernt.

So einen Boppel am Mittelfinger hab ich schon seit Schulzeiten vom vielen Schreiben. Große Ohren krieg ich eh vom Alter — „damit ich Dich besser hören kann“, da lachen ja die Hühner! Und damit’s mit dem schiefen Hals nix wird, geh’ ich jetzt in die Badewanne.

Rechtzeitig zur letzten Ölung? Die Rückkehr zum Telefon

„Du mußt auflegen“, sagte meine Mutter, „und nochmal anrufen. Das ist billiger.“ Das war vor 20 Jahren, als ich fast jeden Abend stundenlang mit meinem besten Freund telefonierte. 10 Jahre später begann dann die Ertaubung, mich langsam aus der Welt des Telefonierens herauszudrücken. Und jetzt, mit dem elektrischen Ohr, kehre ich langsam dahin zurück.

Angeblich gerade noch rechtzeitig um dem Telefongespräch beim Sterben zuzusehen. Behauptet zumindest Clive Thompson in Wired. Und daran anschließend Martin Weigert bei netzwertig.

Wieder telefonieren zu können war einer der wichtigsten Gründe warum  ich mich zu dem Cochlea Implantat entschloss. Sollte das alles unnötig gewesen sein? Die Welt ist ja tatsächlich eine andere geworden. Man muss nicht schwerhörig sein um die Vorzüge von Email, SMS, chatten, facebook und twitter zu sehen. Weniger störend, gar höflicher, weil zeitversetzt. Man hat’s gleich schwarz auf weiß. Auch andere telefonieren deutlich weniger. Und kürzer.

Ich muss zugeben: Eigentlich bin ich noch nicht zurückgekehrt, in die Welt des Telefonierens. Ich stippe eher immer mal wieder den großen Zeh hinein und schaue wie’s läuft. Und obwohl es öfters lustig läuft habe ich nicht die Parole ausgegeben, man könne und möge mich anrufen. Denn es ist noch immer eine wahnwitzige Aufregung und Anstrengung, wenn ich nicht erkenne wer dran ist oder was sie wollen. Einen Nachmittag auf einen Anruf zu warten ist für mich der Horror. Scheint mir ein schlechter Tausch, meine Ruhe für ein Klingeln zu opfern.

Doch ein paar Dinge lassen sich einfach nur übers Telefon machen. Deine Stimme hören zum Beispiel — ich glaube in einer Fernbeziehung kann dauerhaft keine noch so liebevolle SMS oder Email diese Form von Nähe ersetzen. Bestimmte Dinge recherchieren — es gibt so viel, das nicht im Internet steht und das man auch nicht per Email oder Twitter erfragen kann, zumal bei Unbekannten. Das Verständnis des Anderen zumindest ein bißchen kontrollieren — es lesen doch so einige nur flüchtig oder denken nicht mit, so dass Mißverständnisse passieren oder man 10 Emails oder SMS schreiben muss. Und schließlich noch all die Absprachen und inoffiziellen Informationen, die niemals niedergeschrieben werden sollen — wenn treffen und telefonieren ausscheiden, kann man die gleich ganz vergessen.

Tod des Telefonats? Vielleicht in ein paar Lebensbereichen und Beziehungen. Aber generell nicht mal bei mir als Schwerhörigem. Und Ihr? Wie haltet Ihr’s mit dem Telefonieren?

Angefaßt werden

Ich war noch ganz wund und verunsichert von der Entscheidung, die ich getroffen hatte. Ich hatte ihnen erlaubt, meine Grenze zu durchbrechen und dort zu tun, was sie für richtig hielten. Ich hatte einen Fremdkörper im Kopf. Dauerhaft — eine Maschine noch dazu, die aufgrund irgendwelcher Programme Strom abgibt.

Aus dieser Zeit wollte ich gerne eine Kleinigkeit erzählen. Denn gerade ist ja hier deutlich worden, dass manche es eklig finden, dort am Kopf berührt zu werden, wo direkt unter der Haut das Cochlea Implantat gebettet liegt.

Die Haut darüber, die heilte von alleine. Doch die Seele, die auch nicht so recht klar kam mit dem Fremdkörper, die heilte unter der Berührung anderer. Ein Streicheln, ein Kraulen, ein spürbares Zeichen, dass ich noch immer derselbe war. Dass alles okay, dass ich aufgehoben war — auch mit dem neuen Bestandteil. Zumindest die ersten Male ein fast magisches Erlebnis.

Gar nicht zu vergleichen mit meinen eigenen Selbsterkundungen. Kennt Ihr das?

Zahlreicher. Und ärmer: Jugendliche Schwerhörige in den USA

Auf wieviele Arten ist das erschreckend? In den USA ist einer von fünf Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren zumindest leicht schwerhörig. Das ist das Ergebnis einer Studie, die letzte Woche veröffentlicht wurde [Quelle  JAMA].

Als ob die schiere Menge noch nicht genug wäre: Verglichen mit vor zehn Jahren sind das 30% mehr! Und es kommt noch besser. Jugendliche aus Familien unterhalb der Armutsgrenze waren deutlich häufiger schwerhörig als solche  aus wohlhabenderen. Das Ergebnis sieht einigermaßen solide aus.

Woran es liegt, wissen die Forscher leider nicht. Ist die Schwerhörigkeit eine Folge der Armut? Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ärmere Kinder generell lauter Musik hören. Gut, es sind die USA. Da ist womöglich ihre generelle gesundheitliche Verfassung schlechter. Und die medizinische Betreuung. Unerkannte und unbehandelte Krankheiten und so.

Oder ist vielleicht die Armut eine Folge der Schwerhörigkeit? Eine (nicht an der Studie beteiligte) Ärztin wird mit folgender Vermutung zitiert: Die Familien könnten arm sein, weil schon die Eltern unerkannt schwerhörig waren, dadurch arm wurden oder geblieben sind — und dies nun an die Kinder weitervererbt haben [Quelle].

Wider die Unterschichtenfalle: Beim Projekt GINKO mitmachen

Behindert=arm. Das galt in der Vergangenheit nur allzu oft. Doch auch heute noch heißt es, dass Hörbehinderung sicher zu Status- und Einkommensverlust führt. Auch hier im Blog machen sich viele wegen dieser Gleichung Sorgen  (z.B. hier).

Sicher, es gibt bestimmt auch gutgestellte Hörbehinderte. Doch von denen hört man kaum was, es gibt keine Statistiken. Das Projekt GINKO will das (unter anderem) ändern. Ich wurde gebeten, das Projekt hier bekannt zu machen. Und da ich es für eine gute Sache halte, mache ich das gerne.

GINKO ist eine großangelegte Erhebung. Die Abkürzung steht für Gesetzeswirkungen bei der beruflichen Integration schwerhöriger, ertaubter und gehörloser Menschen durch Kommunikation und Organisation. Untersucht werden soll konkret, ob und inwiefern as Sozialgesetzbuch SGB IX Verbesserungen bewirkt. Das Projekt wird durchgeführt von der Forschungsstelle zur Rehabilitation von Menschen mit kommunikativer Behinderung (FST) e.V. an der Uni Halle-Wittenberg gemeinsam mit dem Deutschen Schwerhörigenbund und dem Deutschen Gehörlosenbund.

Ziele des Projektes sind:

  • Kommunikations- und Organisationsbarrieren am Arbeitsplatz
    zu identifizieren
  • zu zeigen, wo das Sozialrecht hilft und wo noch nicht
  • positive Beispiele aufzuzeigen
  • Arbeitgeber zu informieren, was schwerhörige, ertaubte und gehörlose Menschen leisten können, wenn Teilhabe ernst genommen wird.

Letztlich soll Druck auf die Politik ausgeübt werden. Aber dafür muss eben erst einmal ein möglichst genaues Bild der Lage gezeichnet werden. Und das geht nur wenn möglichst viele mitmachen.

Mehr Details hier. Und hier geht’s zur Umfrage: –>klick<–

Rundfunkgebühren: Warum es gut ist, dass demnächst auch Sinnesbehinderte zahlen

Ich habe länger überlegt, ob die Welt nun auch noch meine Meinung braucht — nachdem bereits hier die Debatte neu begann und zudem Jule und Enno darüber geschrieben haben. Ich denke, ja. Denn eines wird dabei oft übersehen.

Kurz zur Sache: Gegenwärtig sind Schwerhörige, Gehörlose und Blinde von den Rundfunkgebühren befreit (bzw. können dies beantragen). Ab 2013 sollen auch sie bezahlen, allerdings  einen ermäßigten Satz von 1/3.  Die Hörgeschädigtenverbände haben daraufhin in einer gemeinsamen Stellungnahme mitgeteilt, sie seien bereit zuzustimmen — jedoch nur unter Voraussetzungen: 100% Untertitel, 5% Gebärdenspracheinblendung und eine von Hintergrundgeräuschen ungestörte Tonqualität.

Ich finde es politisch klug und unterstütze es,  jetzt lautstark Verbesserung in Sachen Untertiteln und Gebärdenspracheinblendung einzufordern. Der Zeitpunkt ist günstig, die Forderung verdammt nochmal berechtigt und außerdem machbar. Was mich aber stört, ist das vielfach vorgetragene Argument: Wer (mehr oder weniger große) Teile des öffentlich-rechtlichen Fernsehens oder Radios nicht nutzen könne, solle auch nicht dafür bezahlen müssen.

Das Problem, das ich damit habe, ist folgendes: Rundfunkgebühren sind Kinokarten und Zeitungsabonnements nicht vergleichbar. Man zahlt sie nicht für bestimmte Angebote, die man auch guckt und/oder hört. Bzw. zahlt sie eben nicht nicht, wenn man nichts guckt oder hört. Man zahlt sie, damit es überhaupt öffentlich-rechtliche Medienangebote gibt. Es ist der Form nach eher eine Steuer (nur dass sie wegen der gebotenen Staatsferne nicht an den Staat gezahlt wird).

Und darum begrüße ich es, dass Blinde und Hörgeschädigte jetzt auch zahlen sollen (und dabei wegen ihrer Nutzungseinschränkungen etwas weniger). Denn damit sind wir mit im Boot — und können vielleicht sogar noch druckvoller und gerechtfertigter streiten. Denn worüber wir uns streiten sollten ist: Wie soll das gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Medienangebot aussehen?

Das betrifft natürlich die möglichst vollständige Barrierefreiheit und die Frage der Schmonzettenabos. Das betrifft aber auch den Streit um die Angebote der öffentlich-rechtlichen im Internet. Das betrifft die Frage, was außer Programm sonst noch damit finanziert werden soll. Das betrifft den Einfluss der Politik. Und es betrifft die Frage, wer genau wieviel zahlen soll. Oder ob es nicht doch völlig ohne öffentlich-rechtliche Angebote ginge.

Dies sind die wichtigen Fragen. Und all diese werden von dem Scheinargument, es sei ungerecht, zahlen zu müssen wenn man nicht nutze (oder nutzen könne), verdeckt.

Wen das Thema weiter interessiert, dem empfehle ich einen Blick auf die Diskussion auf der dunklen Seite.

The Deaf Man

Wie cool ist das denn?! Wieso ist dieser Film schon drei Jahre alt und ich hab noch nie etwas davon gehört? Und was passiert in den restlichen sieben Minuten?

Ehrlich gesagt, ich bin etwas skeptisch: In der Synopsis heißt es: „the destiny of the deaf is examined through one man’s experience.“ Schicksal? Das klingt etwas melodramatisch. Ich glaube nicht, dass es so etwas gibt wie das Schicksal der Tauben. Aber falls jemand den Film kennt…

[via]

Dies dunkle Röhren

Auch nach nur knapp einer Woche ist die Entwöhnung übel. Knapp einer Woche wohnen im — wie soll ich sagen? — Wohngebiet. Und nun wieder Berlin und die vierspurige Durchgangsstraße vor der Tür.

Es ist ein dunkles Röhren, das ich ohne Hörtechnik höre. Es schwillt an und wieder ab, über Tag ist es nie länger als ein paar Sekunden fort.

Wie kann man Entzugserscheinungen haben von etwas, das gerade in Abwesenheit besteht? Der Entzug vom Entzug vom Lärm. Cold Turkey durch Mangel an Stille, diese highly addictive bitch.

Neue Seite: Taube Helden

Ich habe dem Blog eine neue Seite spendiert. Unter Taube Helden (oben in der Querleiste) sammele ich, was mir so Interessantes an Schwerhörigem und Taubem in Literatur und Film über den Weg läuft.  Über Eure Beteiligung würde ich mich freuen. Danke, Pia, für die Anregung!

Und zur Feier des Tages musste ich nochmal das Video eines meiner Lieblingsschwerhörigen posten. Ich kringele mich jedesmal wenn ich daran denke! Eine Transkription des Gesprochenen gibt es hier.