Monatsarchiv: Oktober 2010

„Sie sind hier falsch, wir sind hier Akademiker!“

Wie man das heute so macht, meldete ich mich nach meinem Studienabschluss flugs arbeitslos. Brav ordnete ich mich ein, füllte Formulare aus und wartete drei bis vier Stunden. Und als ich endlich hereingebeten wurde, blickte man mich an, blickte auf meine Unterlagen  und sagte den schönen Satz aus der Überschrift.

„Sie sind ja schwerbehindert“, ging es weiter. „Hier sind Sie falsch, Sie müssen ins Schwerbehindertenteam.“

Meinen Einwand, Jobfindung funktioniere über Qualifikationen und das Akademikerteam habe vielleicht etwas mehr Erfahrung und Kompetenz im Finden von Akademikerjobs, ließ man nicht gelten. Ab ins Behindertenteam.

Brauchen Kinder Puppen, die aussehen wie sie selbst?

Eine Männerfantasie. Mädchen bekommen verschwurbelte Rollenbilder, wenn nicht gleich das Ticket in die Magersucht.  Die Argumente gegen Barbie-Puppen sind bekannt.
Also wurden Barbies Maße „normaler“, es gibt ethnische Barbies. Wie Puppen aussehen hat also etwas mit der fürs Kind gewünschten Entwicklung und mit Vorstellungen von Normalität zu tun.

Aber sollten Kinder mit Down-Syndrom darum Puppen mit Down-Syndrom bekommen? Kinder, denen ein Arm fehlt, solche, denen ein Arm fehlt? Und solche mit Hörgerät oder CI eine, mit ebendiesen Gerätschaften hinterm Ohr?

Im amerikanischen Tauben-Forum bin ich drauf gestoßen: Puppen mit Cochlea Implantat. Zum Beispiel diese Seite.

Ich kann mir schon vorstellen, dass es z.B. sinnvoll sein kann, beim Arzt oder Akustiker so eine Puppe zu haben. Um bestimmte Dinge zu erklären oder generell die Situation spielerischer zu gestalten. Aber so für den Alltag, zum Spielen? Ich finde das komisch. Ich kann nicht recht benennen, was mich daran stört. Vielleicht, dass es so wirkt wie eine „Behindertenfamilie“, also eine, die auf Behinderung hin orientiert ist? Genausogut könnte man aber vielleicht auch sagen: Hey, das ist einfach nur extrem lässiger Umgang damit. Aber gut, ich konnte mit Puppen schon früher nicht viel anfagen und finde sie heute noch zuweilen sehr unheimlich.

Und, wie seht Ihr das so? Brauchen schwarze Kinder schwarze Puppen und behinderte Kinder behinderte Puppen?

Das Geheimnis der eigenen Stimme

Sich selbst vom Band reden zu hören, also eine Aufnahme der eigenen Stimme zu hören, finden ja viele unangenehm. Ich aber hätte jetzt gerne mal harte Fakten: Ich würde mich gerne mal hören — und zwar vor anderthalb Jahren.  Denn gerade habe ich jemand getroffen, die ich so lange nicht mehr gesehen hatte. Und sie sagte: „Deine Aussprache ist besser geworden.“

Das schockt erstmal. Denn es heißt ja, dass sie, als wir uns kennenlernten, nicht gut war — was immer das genau heißt. Und es ist doch ein herber Schlag fürs Selbstbewußtsein, zu erfahren, dass das eigene Bild soweit weg war von dem, was man dachte. Die Stimme bringt schließlich nicht wenig an Seele und Persönlichkeit rüber. Oder zumindest wird sie oft so wahrgenommen.

Was war seit unserer letzten Begegnung? Fast ein Jahr mit dem elektrischen Ohr. Und zugegeben, ich habe ja in den letzten Monaten vor dem Eingriff selber gemerkt, dass ich öfters, wenn ich nachlässig wurde, schlurrig redete. Aber die Entschiedenheit, mit der mir das eben gesagt wurde, schockt mich doch etwas. So auffällig soll es gewesen sein?! Gerade weil wir uns so lange nicht gesehen haben, kann sie’s wohl beurteilen.

Der Klang der eigenen Stimme, ein Geheimnis. Schade, dass ich nicht Rush Limbaugh bin, dann hätte ich die Aufnahmen und könnte einfach gucken wie ich damals geklungen habe.

Im Namen des Kindeswohls? Wie mich das Jugendamt Rastatt sprachlos macht

Gerade habe ich es im Taubenschlag gelesen: Das Jugendamt Rastatt schrieb einem Elternpaar einen Brief, sie mögen bitte vorbeikommen, Man wolle sich mit Ihnen unterhalten, sie gefährdeten eventuell das Wohl ihres Kindes.Weil es anscheinend gehörlos ist und sie ihm kein elektrisches Ohr, kein Cochlea Implantat (CI) implantieren lassen wollen.

Gut, zu prüfen ob das Kindeswohl gewahrt ist, ist (u.a.) der Job des Jugendamtes. Einmal eingeschaltet kann es das auch nicht ablehnen. Und ich könnte mir sogar eine akzeptable Variante des Briefes vorstellen. Nämlich den Satz „Unser lnteresse als Jugendamt ist es, zu einer gut begründeten Haltung zu kommen“ ernst zu nehmen und anzunehmen, dass man sich aus erster Hand einfach mal informieren wolle, wie das Leben von gehörlosen gebärdenden Familien denn so sei. Obwohl ich glaube, dass Behörden sowas nicht fallunabhängig machen. Die haben schon genug zu tun.

Dieser Brief aber schlägt dem Fass den Boden aus: Denn die Vorladung und Einzelfallprüfung ist nicht nur menschlich daneben. Sie ist auch sachlich vollkommen ungerechtfertigt. Selbst wenn man mal für einen Moment annimmt, dass das Kindeswohl schon durch die bloße Verweigerung des Implantats gefährdet sein könnte — dann wäre dies der Fall sobald verweigert wird. Man müsste keinen Einzelfall prüfen, kein Elternpaar mit so einen Brief terrorisieren und sie nicht vorladen. Muss man aber den Einzelfall prüfen, dann liegt es nicht an der Frage „CI oder nicht?“ — sondern an der sonstigen Förderung (oder Vernachlässigung) des Kindes. Dann wäre die Wortwahl des Briefes (und der so unschuldig anmutende Betreff  „Vereinbarung eines Gesprächstermins“) im mildesten Fall sachlich grob fahrlässig und menschlich verletzend. Und außerdem: Wenn schon, dann könnte man sich wenigstens die Mühe machen, weniger Grammatikfehler zu machen. Nachlässigkeit obendrein.

So oder so. Bäh, Jugendamt Rastatt, bäh! Ich persönlich kann mir auch nach wie vor nicht vorstellen, dass ein Gericht bestätigen würde, dass nur mit CI das Wohl gehörloser Kinder gesichert ist. Das haben wir ja im Zusammenhang mit dem umstrittenen Artikel von Müller und Zaracko schon diskutiert.

 

Heimkommen zu sich selbst: Ayisha Knight

So viel Andersheit und Minderheit geht eigentlich gar nicht. Taub, Tochter einer weißen, jüdischen Mutter und eines schwarzen Vaters vom Stamm der Cherokee. Dazu lesbisch. Das ist Ayisha Knight.

Beim Def Poetry Jam des amerikanischen TV-Senders HBO hat sie dieses Stück vorgetragen — und es haut richtig rein!  Übrigens, „def“ hat mit „taub“ nichts zu tun, das heißt soviel wie „cool“.

Für unsere schwerhörigen oder tauben sowie nicht der ASL mächtigen Leser: Ayishas Text findet Ihr nach dem Klick.
Danke, L., für den tollen Tip — und die Verschriftlichung! Weiterlesen

Handeln will gelernt sein

Manchmal läßt sich ziemlich exakt beziffern, wie viel Geld man durch Schwerhörigkeit verliert.

Bei einem Gebrauchtmöbelhändler wollte ich meine alten Ledersessel loswerden. Und hatte mir eine schöne Strategie zurecht gelegt. Man soll ja nie die erste Zahl nennen, denn dann hat man eigentlich schon verloren. Das hatte mir damals im Goldsouk von Aleppo ein alter Syrer geflüstert — natürlich nachdem er mich ausgenommen hatte. Sollte ich aber doch die erste Zahl nennen müssen würde ich 90 Euro sagen. Denn das sind, wie man herausstellen kann, noch nicht mal 100. Und dann würde ich mich höchstens auf 50 herunterhandeln lassen.

Ich hatte sogar Glück, der Händler nannte den ersten Preis. Doch was musste ich da hören? Fümn’eißig, nuschelte er. Ich, von so niedrigem Einstieg doch etwas verblüfft, kam ins Stammeln. Ich wollte die Dinger unbedingt loswerden. Jetzt noch meine ursprüngliche Preisvorstellung zu nennen, schien mir dann doch etwas übertrieben. Wir sind ja nicht in Syrien oder Indien, wo man als Tourist besser das vierfache (oder ein Viertel) als Gegenvorschlag nennt.

Also sagte ich, naja, ich hätte mir schon so was wie fünfundfünfzig vorgestellt. Und erntete einen erstaunten Blick. Ich zog die Augenbrauen rauf — und merkte, dass ich ihn falsch verstanden hatte: Er hatte fünundneunzig gesagt!

Tja. Leider kann man dann ja schlecht sagen: Ach, ich hör schlecht, ich meinte eigentlich hundertzwanzig. Oder zumindest verpaßte ich den kurzen Moment, in dem das noch möglich gewesen wäre.

Kostenpunkt diesmal also: 40 Euro.

Der rechte Ort

Und ich wunderte mich noch, warum ich gestern nacht so unstet herumzog und mich erst in dieser Bar wohlfühlte. Da entdeckte ich das Schild. Man entschuldige die Bildqualität — s’war spät.

Elektrosmog: Gesundheitliche Schäden durch Cochlea Implantate?

Ist die elektromagnetische Strahlung der elektrischen Ohren schädlich? Für dieses — hochspekulative! — Thema lege ich mal einen eigenen Eintrag an, denn es interessiert mich sehr — und bisher hat sich die Diskussion unter einem ganz anderen Eintrag entzündet.

Von mir zu Elektrosmog generell: Sehr schwieriges Feld, und wie gesagt: Ich mache mir auch Sorgen, es spricht vieles dafür, sich so ganz grundsätzlich mit möglichst wenig Funkgerätstrahlung zu umgeben.
Ich denke aber auch: Man sollte es aber mit dem Sorgenmachen speziell mit Blick auf Dinge wie CIs auch nicht übertreiben solange nichts konkretes sicher ist. Einmal googlen reicht da nicht, man muss schon versuchen, sich zumindest ein bißchen einen Überblick über die Diskussion verschaffen. Ich finde den Wikipedia-Artikel zu Elektrosmog recht gut.

Und jetzt kopiere ich einfach mal die bisherigen Beiträge (leicht gekürzt) hier ein.

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