Monatsarchiv: November 2010

Das Führungsdilemma

Chefsein — eigentlich eine nette Sache. Außer bei den vielen Gelegenheiten, in denen man keinen Plan von der Sache, nicht zur Führung vorgesehen oder schlicht keine Lust auf Im-Zentrum-Stehen und die damit verbundenen Nachteile hat. Aber als Schwerhöriger unter Flotthörenden ist man im Grunde genau dazu gezwungen: Immer Chefsein und die Gesprächsführung übernehmen. Oder aber: In der dahinfließenden Konversation der anderen untergehen, weil mannach kurzer Zeit nicht mehr mit- und reinkommt.

Ich habe das ja schon einmal beschrieben als ich über die Tücken des Abendessens verzweifelte und schließlich Nie wieder Feierabend! wünschte.

Gerade las ich drüben bei Esther von einer interessanten neuen Variante dieses Dilemmas, einem schwerhörigen Gitarristen, der alleine (und ohne Hörgerät) sehr schön spielte, im Duett mit einer Violine aber leider unfähig war, sich wie vorgesehen an ihr zu orientieren und die Begleitung abzugeben. Der Violinist musste folgen — anscheinend recht zähneknirschend.

Tja, Schwerhörige. Zur Führung verdammt. Oder zum Schweigen.

Sag mal, wo hast Du die letzten drei Jahre gewohnt?


[via fuckyeahsubtitles]

Ich liebe Filme. Und Serien. Aber ich bin kein Freund davon, das Internet mit Videos und Streams vollzustopfen. Ehrlich, ich bin mit Text ganz zufrieden. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass ich mit der Tonspur öfters Probleme habe.

Es hat damit zu tun, dass ich gerne Herr über meine eigene Zeit bin und die Dinge in meinem Rhythmus mache. Dass ich entscheide, wie wichtig ich etwas finde und wie viel Aufmerksamkeit ich ihm dementsprechend widmen möchte. Ein Text hat keine Eigenzeit, ich kann ihn in Windeseile überfliegen, vielleicht schnell die Zwischenüberschriften ansehen, Teile überspringen, das Ende lesen. Das mag ich.

Videos dagegen, und ihrer Geschwindigkeit, muss ich mich ausliefern. Sie dauern so lange wie sie dauern und mindestens den Anfang muss ich in ihrem Tempo und ihrer Dauer gucken. Nur das Fernsehprogramm ist noch schlimmer: Da findet das alles noch zu vorbestimmter Zeit statt. Nennt mich eigenwillig, aber — das mag ich oft nicht. Da muss ich schon sehr interessiert sein.

Warum ich das alles schreibe? Eigentlich ist es mir nur eingefallen weil ich überlegt habe, warum mir fuckyeahsubtitles so gefällt  — obwohl die Kombination Bild und eingeblendeter Text doch erstmal ästhetisch nicht so wahnsinnig prall ist. Übrigens, der Dialog oben wird noch besser: „Einige der Nachbarn waren ziemlich seltsam.“

Spaß an der Gepäckkontrolle, oder: Dafür kann das CI doch nichts!

Da man mich gern mal mit einem Terroristen verwechselt — besonders ab Fünftagebart aufwärts — habe ich schon lange eine besondere Beziehung zur Gepäckkontrolle am Flughafen. Fast immer werde ich abgetastet, auch wenn nichts piept — und sehr oft stellt man mir Fragen nach dem woher und wohin. Obwohl es doch auf der Bordkarte sehr deutlich abzulesen ist. Man will mich eben kurz zum Reden bringen.

Zuletzt gestern, als sich der selber auch nicht besser rasierte Abtaster beim innderdeutschen Flug zunächst nach meinen Deutschkenntnissen erkundigte und dann die  Bordkarte verlesen ließ.

Seit ich einigermaßen mit dem elektrischen Ohr klarkomme ist die Gepäckkontrolle auch besonders beliebter Ort für Selbstüberschätzungen meinerseits. Dass ich besser höre bemerke ich nämlich generell daran, dass ich häufiger kleine Schwätzchen mit flüchtigen Begegnungen anfange — beim Bäcker, an der Kasse, an der Bar. Und eben auch an der Gepäckkontrolle. Nur tut Übermut dann eben doch selten gut.

Dieses Mal wurde ich von einer gutaussehenden jungen Dame noch einmal aufgehalten — ob das meine Tasche sei und man noch einmal hineinsehen dürfe. Sicher, meinte ich, das dürfe man. Gerne. Sie holte dann zuerst das Buch raus, das ich gerade lese, und sah es sich an.

Ich, einigermaßen überrascht: „Ist gut, kann ich empfehlen.“

Sie, dreht es um, guckt fragend und liest den Titel: „Das heißt: Die gleiche Musik???!!“

Ich: „An equal music,  ja. Ich weiß gar nicht ob’s das auf Deutsch gibt.“

Sie, blättert kurz darin und liest die Beschreibung auf der Rückseite. Dann macht sie etwas was für mich wie „hmpf“ klingt. Und steckt das Buch zurück in meine Tasche.

Ich, angenehm aufgekratzt von der Tatsache, dass ich so eine Nebenherunterhaltung führen kann, übertreibe es: „Hmpf? Scheint Ihnen, nachdem Sie die Beschreibung gelesen haben, nun doch nicht mehr so interessant?!“

Sie: „Doch doch, darum habe ich doch auch gesagt: Schön!“ Und lächelt.

Ich dagegen möchte im Boden versinken. Aber das war ja auch beim schwerhörigen Frequent Flyer schon so.

Die Welt ist was man draus macht

Wäre die Welt so wie ich sie verstehe, wäre sie — deutlich lustiger. Ich traue mich schon kaum mehr nachzufragen. Aus den letzten Wochen:

Die Bedienung bringt nicht so’n Quark an (wie in dem anderen Café) und hat so nett gelächelt — „Sie ging dich stark an und, äh — wann hat sie geschwächelt?“

Eine Unterhaltung über heute morgen, die richtig lange Zeit in der „Wartelounge“ beim Friseur — „Heute morgen heftiger Wattebauschstreit?“

Die Realität ist dagegen richtig farblos. Ernsthaft lustig wird’s jedoch, wenn zwei Schwerhörige sich miteinander unterhalten. Das durfte ich am Wochenende mal wieder ausprobieren. Anstatt auf so Fragen wie oben nämlich ernüchtert zu werden — erhält man dann zur Antwort: „Ja, genau!“ So als ob es das Normalste von der Welt wäre.

Der Aufhänger

Aufhänger war ich bisher noch nicht. Aber für alles gibt es irgendwann ein erstes Mal. Beim Rheinischen Merkur gibt es gerade ein ganz nettes Stückchen über Hörverlust und Musik zu lesen, in dem Not quite like Beethoven den Aufhänger spielt.

Mir gefällt’s eigentlich ganz gut. Und Euch?

PS: Übrigens wird der Merkur in Bälde eingestellt, also nutzt doch nochmal die Chance und seht Euch auch dies hier an.

Menschen lesen: Wie gut bist Du wirklich?

Schwerhörige und Taube prahlen ja öfters mal mit Ihrer Fähigkeit, Menschen zu lesen. Bei der BBC gibt’s einen hübschen Test, bei dem man echtes Lächeln von falschem unterscheiden muss. Wer also mal Lie to Me spielen will, der klicke hier.

Gefunden hab ich das in den bookmarks von ix. Und lustigerweise hab ich auch genau die gleiche Punktzahl wie er: 14 von 20 richtig erkannt. Wer bietet mehr?

Und wer auf den Geschmack gekommen ist: Hier gibt’s ein ähnliches Spiel mit Lippenlesen.

L’esprit de la Badezimmer

Was dem Volksmund die Treppenhäuser, das sind mir die Badezimmer: Fundgruben schlagfertiger Antworten und plötzlicher Erleuchtungen, die ich zuvor verflixt nochmal doch zuvor gebraucht hätte, als ich im Gespräch nur auf dem Schlauch stand.

Der Franzose hat dafür den wunderbaren Ausdruck „L’esprit d’escalier“. Und auch „Treppenwitz“ ist so gesehen nicht zu verachten, oder?

Bei mir dagegen ist natürlich alles mal wieder ein bißchen anders. Mir fällt nach Episoden, in denen ich unglücklich reagierte, weil ich nicht verstand, meist im Badezimmer ein, was es eigentlich war, das die Leute gesagt haben. Diesmal zum Beispiel „Kennst das ja, bist ja ein alter Hase.“ Das ergibt doch gleich viel mehr Sinn als „Kennst ja den alten Hasen“!

Wenn man dereinst Reden schwingen wird über mich, dann wird man sagen: Er war ein Mann von großem Badezimmerwitz. Was ist es bloß am Gesichtwaschen, das Erkenntnisblitze so befördert?

Filmtipp: Die Stimmen von El-Sayed

Das klingt doch mal wie ein wirklich spannender Dokumentarfilm. Ganz andere Perspektive auf Hörfreiheit und die Konflikte um das elektrische Ohr, die wir hier ja schon häufiger diskutiert haben:

Fast alle Einwohner eines kleinen Dorfes in der israelischen Wüste sind gehörlos. Niemand stört sich daran, niemand trägt ein Hörgerät, eine lokale Gebärdensprache macht Technik unnötig. „Bis“, so die Ankündigung von Arte, „eines Tages ein Vater beschließt, seinen Sohn operieren zu lassen und ihm mittels eines Implantats, die Möglichkeit zu verschaffen, wie ein Nichtbehinderter zu hören.“ (Details)

Heute um 16:45 Uhr bei arte, Wiederholung am 11.11. um 9:10 Uhr.

Heute: Lehrstunde mit Don Draper

Sie sind schwerhörig? Ihr Alltag wird bestimmt vom Nichtverstehen und Nachfragenmüssen? Sie fühlen sich in dieser Monotonie gefangen? Dann bringen Sie Abwechslung in Ihr Leben! Probieren Sie mal was aus! Sagen Sie immer dasselbe, aber jedes Mal anders.

Ansonsten: Also mir wurde von meiner Mutter beigebracht, möglichst „wie bitte?“ zu sagen.

[via off the record]

Gefangen in einer unsichtbaren Welt

Nein, das ist nicht mein Werk. Aber es ist meine Welt. Um ehrlich zu sein, ich habe vor vielen Jahren mal einerecht ähnliche Zeichnung von mir selber gemacht. Darum war ich auch so überrascht, als ich dieses Bild sah. Ich freue mich, dass ich es hier posten darf.

Die Künstlerin hat ihren Weg gefunden, mitzuteilen wie es sich anfühlt, schwerhörig oder gar ertaubt zu sein. Dieses war das zentrale Bild einer Ausstellung. Und nach allem was mir erzählt wurde, ließ sie keinen der flotthörenden Besucher kalt.

Ich hoffe, dass ihnen das Bild bei der nächsten Begegnung mit einem Schwerhörigen wieder eingefallen ist.