Monatsarchiv: Dezember 2010

Mehr Schwein 2011

Es ist hier ruhiger geworden in letzter Zeit.  Bevor es nächstes Jahr mit neuer Kraft weitergeht, wollte ich gerne sagen: Vielen Dank, dass Ihr so zahlreich vorbeischaut, vielen Dank für Eure Emails und Kommentare, die dieses Blog erst richtig beleben. Ich wünsche Euch ein glückliches Neues Jahr!

Zuvor heut abend aber erstmal:  Der Untergang.

Aus der Reihe: Passende erste Worte beim Gewecktwerden am 1. Weihnachtsfeiertag

„Aber ich hab doch noch gar keinen Hunger!“

Weihnachtsblockflötentrauma

Gerade entdecke ich einen schön weihnachtlichen Text drüben bei Frau Violinista. Er ist mir zwar nur fälschlich zugeschrieben worden, ich kann aber sagen: Hätte ich auch geschrieben haben können. Nur mit Blockflöten hatte ich nie viel zu tun. Fallera!

Werd’ ich benutzt? Oder bin ich cool?

That’s the whole purpose for people like me, to inspire people like you.

Ich bin nicht Svetlana Kirilenko, die das dort oben irgendwo in der vierten Staffel der Sopranos gesagt hat, die nur ein Bein hat und einen fatalistischen Optimismus pflegt. Doch die Situation, von der sie spricht, kenne ich nur allzu gut: Da gibt es Menschen auf der Welt, die sich für einen interessieren, die womöglich gar Sex mit mir haben wollen, was ja grundsätzlich begrüßenswert ist.
Aber leider aus zweifelhaften Gründen. Weil man nämlich, aus ihrer Sicht, schlechter dran ist als sie. Aber besser lebt als sie.

Ich habe bei solchen Gelegenheiten auch schon äußerst heftig drauf reagiert. Ich wollte lieber wegen was anderem gemocht werden. Und stehe sowieso nicht so auf Jammerlappen und Behindertengroupies. Nur in letzter Zeit frage ich mich, ob es das wirklich wert ist. Eigentlich ist es doch nur ein Kompliment, inspirierend zu sein, oder? Ist es nicht sogar ein bißchen kindisch, zu verlangen, dass einen der oder die andere auf GAR KEINEN FALL wegen irgendwas, das mit der Behinderung zu tun hat, mögen darf? Und ist es nicht überhaupt sehr vermessen, anderen vorschreiben zu wollen, für was sie einen mögen dürfen und für was nicht? Ich meine, das passiert doch auch sonst recht selten, dass es genauso kommt wie man das gerne hätte, oder?

Wie Nichthören an die Dinge bindet. Zumindest an die Espressomaschine

Wer keine dieser Cafeteras zum auf den Herd stellen hat, verpaßt was. Es gibt keinen schöneren Kaffeeton — vor allem morgens und vor allem auf einem Gasherd: Dieses leise Zischen und Brausen der Flamme, die unten an der Espressokanne leckt …  Allein dafür habe ich jahrelang direkt nach dem Duschen ein Hörgerät angezogen. Filterkaffeemaschinen röcheln dagegen nur vor sich hin. Der Mühe nicht wert. Richen tut der Kaffee ja sowieso.

Meine neue Espressomaschine macht zwar wunderbaren Kaffee, aber ganz schlimme Geräusche. Wie ein Generator. Eigentlich ein Grund, sich über den Hörverlust und die morgendliche Stille zu freuen. Leider muss ich ihr dann aber den ganzen Brühvorgang über die Hand auflegen.

Das ist natürlich ein Luxusproblem. Weil ich die Maschine nicht einfach benutze, sondern aus ihr das Optimum herauskitzele. Sie davon überzeuge, die Beste zu sein, die sie sein kann! Denn: Ich unterbreche den Brühvorgang an einer ganz bestimmten Stelle kurz und starte sie dann wieder. Mit Hörzeugs in den Ohren bin ich dabei frei zu tun was immer ich will: Müsli vorbereiten. Benommen aus dem Fenster starren. Oder ein paar Worte mit dem lieben Gast wechseln. Wenn ich den Punkt zum Ausschalten höre, tue ich das.

Ohne Hörzeug dagegen höre ich diesen Punkt nicht. Ich muss die Maschine anfassen und den „Gangwechsel“ spüren. Ich kann nicht weg. Ich bin gebunden. Obwohl, wer weiß, vielleicht schmeckt der Kaffee ja gerade wegen des Handauflegens so gut?!

 

Die Frau als Projektion: Vikram Seths Musikschmonzette „An equal music“



Und dabei fing alles so gut an. Schon nach ein paar Seiten nahm mich die Sprache des Buches gefangen. Ein junger Mann in London, er ist Violinist. Dazu eine junge Frau, Musik — und eine vergangene Liebe, die nach einer Zufallsbegegnung wieder aufflackert. Vermutlich darum heißt das Buch auf Deutsch Verwandte Stimmen. Dies ist jedoch kein guter Titel. Denn vor allem ist das Buch eine wunderschöne, sprachliche Liebeserklärung an die Musik und an das Leben in der Musik.

Daneben fand ich die mit Abstand einfühlsamsten Beschreibungen davon wie es ist, mit Schwerhörigen umzugehen und mit ihnen zu reden. Sie zu lieben. Und wie es ist, langsam das Gehör zu verlieren — als Pianistin.

It probably was getting more difficult for me to hear the piano, but so much of what one hears is in the mind and the fingers anyway.

Wer sich hierfür interessiert, dem kann ich das Buch wirklich uneingeschränkt empfehlen. So wie es dort steht, ist es anrührend. Es ist traurig. Und es stimmt einfach — bis hinein in die Details, etwa die Erwartung des Liebhabers, die Pianistin werde auf die Frage, ob denn an ihrer Ertaubung auch irgendetwas Gutes sei, wohl so etwas antworten wie das Leid der Ertaubung habe sie Tiefgründigkeit gelehrt. Und der dann überrascht ist, als sie erzählt, dass es musikalische Originalität ist, zu der sie gezwungen ist, weil ihr die Orientierung am Spiel Anderer nun verwehrt ist.

Leider steht dieser ganze Reichtum in dem Buch im Rahmen einer äußerst entwicklungsarmen Geschichte. Denn im Grunde ist es die Geschichte eines Jungen, der aus Selbstsucht einen Fehler gemacht hat. Der damit nicht zurecht kommt und fast jeglichen Spaß am Leben verloren hat. Und der erwartet, dass ihn eine Frau aus dem ganzen Elend rettet. Und da sage noch jemand, die Mädchen warteten auf den Märchenprinzen.

Die Frau tut es auch noch, wird verletzt — und bleibt bei allem in ihren Motiven und Gefühlen dermaßen blaß beschrieben, dass ich wirklich nichts anderes sagen kann als: Projektionsfläche. Schließlich, als sie wieder fort ist und der Jüngling im Gram versinkt, gibt es auf der allerletzten Seite ein angedeutetes Erwachsenwerden.

Mit dem schwachen Ende erinnerte das Buch mich stark an Richard Powers Klang der Zeit. Auch so ein dickes Ding über Musik, zum Niederknien schön geschrieben. Aber irgendwann verliert die Geschichte jeglichen Drive, es schien egal wo sie endete, ja ob sie überhaupt endete. Wenn ich nicht zu viel Zeit gehabt hätte, ich hätte beide Bücher nicht zu Ende gelesen. Wirklich merkwürdig, dass sich in diesem so subtile Beschreibungen der Konversation und des Lebens mit Schwerhörigen verbergen.

Ts ts. Und dabei habe ich An Equal Music doch gerade erst noch der Kontrolleurin empfohlen.

***

Weitere Buchbesprechungen bei Not quite like Beethoven: Christiane Krauses S wie Beethoven und David Lodges Deaf Sentence.