Monatsarchiv: Januar 2011

Man muss das nicht erst von Google lernen

Zwei Computerbildschirme werden an die Wand projiziert. Auf einem Schirm läuft die Präsentation, auf der anderen Seite wird der Sitzungsverlauf direkt mitprotokolliert.

Wenn Ihr mich fragt: Genau so sollen Meetings gemacht werden. Nicht nur gibt es eine Art Live-Untertitel, die mir beim Verstehen hilft — da haben alle was von. Es gibt ein anständiges Protokoll und ob Ihr’s glaubt oder nicht: Die Sitzung läuft zielgerichteter ab. Probiert es mal aus, müssen ja nicht gleich zwei Beamer sein, zwei Fenster reichen.

In dem FAZ-Portrait der Google-Entwicklungschefin Marissa Mayer allerdings, aus dem das Zitat stammt, wird es als Beispiel ihrer „legendären Sitzungsdisziplin“ angeführt. Dabei sollte es eigentlich die unspektakuläre Norm sein. Wenn Ihr mich fragt.

So müssen sich Schwerhörige nicht so anstrengen, die Qualität der Meetings zu gewährleisten

Zivilbulle

Zu den Segnungen des elektrischen Ohrs gehört ein enormer Gewinn an Nachdruck bei Streitigkeiten auf der Straße. Jedenfalls kombiniert mit der entsprechenden Frisur, die den Knopf am Kopf sichtbar macht. Und den der Uhrzeit nach Mitternacht entsprechenden Augenringen.

Ist das alles gewährleistet, dann verkürzen sich die Auseinandersetzungen mit den schmierigen Gästen meines Lieblingsnachtclubs deutlich. Auf meine höflichen Fragen folgt nicht wie sonst erstmal ein Schwall von „Wart mal, bin beschäftigt!“ s und „Ey, was hassu?“ s, durch den man erstmal durch muss.
Sondern ein klares: „Oh, sofort. Mach ich sonst nie! Müssen Sie gar nicht melden! Bin schon weg!

Menschenbilder: Was macht die Technik aus den Schwerhörigen?

Ich finde es gar nicht prickelnd, wenn man mich krank nennt, obwohl ich es nicht bin. Genau das passiert mir aber als Schwerhöriger mit Technik, soll heißen: im Umgang mit Ärzten, Akustikern und Audiologen. Die nennen mich „Patient“, auch wenn ich nicht aus den Ohren blute. Ärzte  und Arzthelferinnen — gut, die können gewissermaßen nichts dafür. Aber bei allen anderen finde ich es einfach unpassend. Was andere z.B. meine „Krankengeschichte“ nennen, ist meine Hörbiographie.

Da sich hier in den Kommentaren gerade Streit darüber entspann, was das für die Menschen bedeutet, und eine Akustikermeisterin danach gefragt hat, würde ich gerne wissen: Wie seht Ihr das?
Wie sollten die im Zusammenhang mit Hörgeräten und CIs mit Schwerhörigen und Gehörlosen umgehenden Professionellen diese nennen?

Im Wort Patient steckt drin, dass man leidet — weil man krank ist oder einen Unfall hatte. Man kann aber auch, so wie unsere Gesellschaft gerade funktioniert, einfach alle Nutzer medizinischer Leistungen Patienten nennen.

Wegen der psychosozialen Komponente würden manche vielleicht auch das Wort Klient bevorzugen. Darin steckt der Schutzbefohlene, so wie ein Anwalt sich mir rechtlich annehmen und für mich streiten kann, weil ich es selber nicht (oder nicht so gut) kann.

Nutzer oder Benutzer – wikipedia sagt mir dazu, das sei  eine Person, die ein Hilfsmittel zur Erzielung eines Vorteils verwendet.

Und ein Kunde schließlich, ist eigentlich jemand, der etwas kaufen möchte oder gekauft hat, und im Rahmen dessen behandelt wird.

Wenn ich eine Umfrage erstellen will, kriege ich aus irgendwelchen Gründen nur Fehlermeldungen. Daher freue ich mich über Eure Meinung in den Kommentaren! Was sind die Leute, die sich für Hörgeräte oder CIs entschieden haben?

„Gibt’s da auch was ohne Telefon?“ — Zur Berufswahl und Studienwahl für Hörbehinderte

Kürzlich erreichte mich die Frage, was man denn als Schulabgängerin machen sollte, wenn man trotz Hörgerät nicht telefonieren kann und nicht weiß, was man dann lernen oder studieren soll. Denn leider kommt man ja in vielen Jobs um das Telefon nicht herum.
Ich glaube, es gibt auf diese Frage leider keine leichte Antwort. Und eine Liste von Ausbildungen/Studiengängen wäre keine gute. Ich will dazu kurz ein paar Gedanken niederschreiben — und vielleicht fällt Euch auch noch was Hilfreiches ein?

Es sieht erst einmal so aus als habe man es mit Hörproblemen doppelt schwer: Als ob es noch nicht schwer genug wäre zu wissen, welches die richtige Ausbildung oder das richtige Studienfach ist — nun dazu noch das elendige Problem mit dem Telefon. Ich glaube aber, das sieht nur so aus. Es sind ganz genau die gleichen drei Probleme, die alle Schulabgänger haben. Denn wenn es um den Beruf geht, sollte man zunächst über Fähigkeiten nachdenken, nicht über Schwächen. Wie ich das meine, habe ich neulich drüben bei der Caritas erläutert.

Die Fragen sind also: Was liegt mir bzw. kann ich? Was macht mir dauerhaft Spaß? Und was gibt es eigentlich für Jobs (bzw. Arbeitgeber, die für das bezahlen was ich kann und mir am besten noch Spaß macht)?

Alle drei Fragen sind gar nicht so leicht zu beantworten. Man braucht ein bißchen Erfahrung mit sich und der Welt. Bei den ersten beiden hilft nur: Sich Ausprobieren. In der Schule, in Jobs oder Praktika. Ehrenamtlich. Im Verein, wo auch immer. Bei der dritten hilft nur Recherchieren, dort Tätige kontaktieren und sich mit ihnen unterhalten. Was gibt es für Berufe, was geht so vor auf der Welt? Was gibt es für Unternehmen? Was machen die Leute da? Was braucht man, um dort anzufangen?

Als Mensch mit Hörproblemen muss man dabei dann ziemlich genau nach der Art der erforderlichen Kommunikation fragen. Was man kann oder nicht kann gehört einfach zum persönlichen Profil dazu. Und wie bei jeder anderen Frage (z.B. Reichen meine Rechen- oder Englischkenntnisse?) muss ich mich fragen: Klappt das mit meinem Hören? Wie könnte das gehen? Wie könnte ich da zurechtkommen? (Meine Gedanken dazu habe ich in 12 Tipps zusammengefaßt: Taub im Job, trotzdem erfolgreich.)

Das ist alles nicht einfach, denn diese Informationen liegen nicht auf der Straße.  Manchmal dauert es sehr lange, sie zu finden. Und Unsicherheit bleibt.

Ich glaube aber: Das Wichtigste ist, dass man für sich herausfindet, was man kann und was einem Spaß macht. Das sollte an erster Stelle stehen, nicht eine Liste der für Hörbehinderte geeigneten Berufe. Sonst führt das zu den immer gleichen Jobs.

Und Ihr? Was denkt Ihr darüber? Wie gesagt, es geht darum, was man machen soll, wenn man nicht telefonieren kann.

„Warum sollte sich ausgerechnet der Schwerhörige schämen?“ — Günther Beckstein über seine Ertaubung und die Arbeit als Politiker

Schwerhörige in hohen Ämtern gibt es ja einige. Bill Clinton zum Beispiel, der mit zwei Hörgeräten Präsident der USA war. Aber das ist nur leichter Hörverlust. Leute, die ertauben und trotzdem weitermachen, sind schon seltener.
Darum bin ich neugierig geworden als im letzten Herbst berichtet wurde, dass der bayerische Landespolitiker Günther Beckstein langsam sein Gehör verloren hatte und nun ein Innenohrimplantat (CI) trägt. Schon 2004 hatte er — als bayerischer Staatsminister des Innern und stellvertretender Ministerpräsident — einen ersten Hörsturz erlitten. Seit damals trägt er auf einem Ohr ein Hörgerät und ein Tinnitus nimmt ihm die Ruhe.

Ich wollte gerne mehr erfahren. Und da der Franke Beckstein ein offener Mensch ist, kam alsbald folgender Email-Austausch zustande…

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Aus den Augen, noch im Sinn

Als sich die Welt verschiebt, liege ich auf dem Boden. Fragen Sie mich nicht, wie ich dorthin gekommen bin, das tut hier nichts zur Sache. Wichtiger ist, was ich sehe. Nämlich: Die Decke meines Wohnzimmers. Da ist das Loch, das ich einmal hineingeschlagen habe, als ich es nicht lassen konnte, drinnen mit dem Bo zu trainieren. Am Hinterkopf, den Schultern, Po, Schenkeln und Hacken spüre ich die Härte des Bodens. Ich denke: Muss mal wieder die Pflanzen gießen, aus dem Blumentopf neben meinem Kopf riecht es nach sehr trockener Erde.

Auf diese Weise weiß ich genau, wo ich bin. Ich liege in der Mitte meines Wohnzimmers auf dem Boden.

Dann verschiebt sich die Welt. Alles bleibt wie es ist — und doch bin ich auf einmal gleichzeitig in der Küche.

Ich höre den Wasserkocher, der brodelt. Laut und deutlich als könnte ich die Hand danach ausstrecken. Dabei sind sogar noch drei Meter Flur dazwischen. Der Klick beim Ausschalten, so laut als stünde der Kocher direkt neben mir. Als ich dort hinsehe, steht dort nur die Topfpflanze.

Es ist selten, aber zuweilen paßt das Hören und das Sehen nicht zusammen. Ich weiß nicht, ob ich mich noch immer nicht vollständig daran gewöhnt habe oder ob es an der Einstellung des elektrischen Ohres liegt, jedenfalls holt das CI die Dinge ran. Meine Weltverhältnisse sind ganz andere, meine Umgebung endet nicht mehr an den Rändern meines Blickfeldes. Aus den Augen aus dem Sinn, so wie es bei Taubheit ist — das war einmal.

– Dieser Beitrag ist der zweite einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach etwas über einem Jahr elektrisches Ohr

„Durch die Aussortierung der Menschen mit Behinderungen von klein auf ergeben sich keine Berührungspunkte, und daher macht man sich auch nicht die Gedanken“

Ein langes und spannendes Interview mit Bloggerkollegin Jule a.k.a. @einaugenschmaus.

Einmal Blackout und zurück

„Es war toll mit Dir“, sagte sie und zwinkerte mir zu. „Wie wir uns die letzten Tage unterhalten haben!“ Ich begann, mir Sorgen zu machen.

Was sollte man sonst tun, wenn anscheinend lange Abschnitte des eigenen Lebens einfach fehlen. Auch ohne dass Drogen im Spiel wären. Ohne Zweifel war es der jungen Dame ernst: Sie hatte Dinge mit mir genossen, über mehrere Tage, von denen ich keinen Schimmer hatte. Dass sie mich verwechselte, war ausgeschlossen. Zu gut kannte ich sie.

„Äh“, sagte ich. Und lächelte. Gucken und Lächeln kann ich als alter Schwerhöriger aus dem Effeff. Immer gut zum Zeitgewinnen, zumindest besser als ein verdattertes „Ich war gut?“

„Ja“, sagte sie, als habe sie meine Gedanken erraten. „Wollte ich Dir gern sagen.“ Dann drückte sie mich und ging.

Während ich zusah, wie sie in der Ferne verschwand, fiel der Groschen — wie so oft pfennigweise: Wir hatten uns nicht unterhalten. Jedenfalls nicht aus meiner Sicht. Für jemand, der über lange Jahre hinweg ertaubt ist, finden Gespräche nämlich nur dann statt, wenn ich mich mit einer Person absondere und wir uns wechselseitig ansehen. Ich kenne nur à deux, ohne Störung durch Andere — oder gar nicht. Alles andere ist akustisch unmöglich. Gespräche in einer Gruppe von mehr als drei gibt es nicht.

Doch wir hatten die Feiertage über viel Zeit im selben Raum verbracht, zusammen mit noch vier anderen Menschen. In dieser großen Runde hatten wir gegessen, getrunken, gespielt — und geschwatzt. Wie man das halt so macht, alle mit allen, niemand speziell mit jemand speziellem. Ich hatte mich selbst schon gefreut, einigermaßen mitzukommen. Jetzt weiß ich, dass auch die anderen sich gefreut haben, weil sie das Gefühl hatten, ich sei da. Mit ihnen.

Man sieht daran noch einmal, wie fürchterlich eigentlich starke Schwerhörigkeit in einer flotthörenden Gruppe ist — für alle Beteiligten. Wenn jemand körperlich anwesend ist, aber im Gespräch nicht da. Könnte auch geistig erloschen sein. Eine leere Hülle.

Ich habe also mein Repertoire erweitert, an Gesprächsformen und Arten des Nicht-Allein-Seins. Nur die Schablonen im Kopf, die müssen erst noch hinterherkommen.

– Dieser Beitrag ist der erste einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach etwas über einem Jahr elektrisches Ohr

Noch einmal: Sind Behinderte die besseren Arbeitnehmer?

Aufmerksamen Lesern dieses Blogs wird sie bekannt vorkommen — die Überschrift, unter der gerade ein Gastbeitrag von mir für die aktuelle Caritas-Kampagne erschienen ist: Klick hier!

Die Caritas fordert dort für Schule, Politik und Arbeit ein inklusives Miteinander. Ich habe daraufhin versucht, mal pointiert zusammenzufassen, wie ich über Behinderung, Arbeit, Job- und Personalsuche denke. Und ich hoffe, es reizt Euch zu Widerspruch, Zustimmung oder Kommentar.

Als nächstes schreibe ich dann hier mal wieder Beiträge, versprochen!