Monatsarchiv: Februar 2011

Das Karussell

Meine Schläfe brennt. Eine Schürfwunde. Und diesmal schmecke ich Gras zwischen den Zähnen. Aber wie das so ist, spucke ich aus, lache, und greife wieder nach der Stange am äußeren Rand des Karussells. Ich renne so schnell ich kann und schiebe es dabei an. Die beiden anderen, auf dem Karussell, lachen auch. Dann springe ich auf und genieße den Drehwurm, der sich langsam meinen Bauch raufwindet.

Wenn wir als Kinder auf den nahegelegenen Spielplatz gingen, wollten wir zum Karussell. Wir trieben es mit aller Kraft an — und manchmal stürzten wir herunter. Natürlich ging es darum, sich möglichst wenig festzuhalten. Die, die drauf blieben, fanden es toll und wollten nur noch schneller im Kreis rasen.

Dieses fast vergessene Gefühl — herunterzufliegen während sich die anderen an der Geschwindigkeit berauschen — habe ich in letzter Zeit wieder kennengelernt. In Kneipen, auf Parties, in Cafés — überall wo sich Gruppen treffen und gelöst unterhalten. Mit dem elektrischen Ohr komme ich gerade so mit, meist. Immer mal wieder bin ich kurz voll dabei. Doch obwohl ich optisch mit am Tisch sitzenbleibe, akustisch treibt mich die Fliehkraft des rasenden Gespräches meterweit weg. Und von dort verstehe ich dann nichts mehr vom dem, was geredet wird.

Großer Frust ist das. Aber man muss auch sehen, woher das kommt. Es kommt daher, dass ich meine Grenzen nicht mehr kenne. Oder noch nicht wieder. Bevor ich ein Innenohrimplantat bekam, wäre ich in diesen Situationen nicht mal raufgekommen, auf das Karussell. Wenn möglich wäre ich der ganzen Situation von vornherein ausgewichen. Jetzt weiß ich noch nicht, wann ich es gar nicht erst versuchen muss. Und das ist auch gut so. Denn auf diese Weise bin ich öfters dabei. Wer nur manchmal runterfliegt, gibt sich nicht auf.

– Dieser Beitrag ist der dritte einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach etwas über einem Jahr elektrisches Ohr. Teil 1: Einmal Blackout und zurück, Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn

Schöne Töne #15 — Lali Puna: Faking the Books

Ui, das ist nun auch schon ein paar Jahre her, dass mir Lali Puna zuletzt über den Weg gelaufen ist.  Nett. Und dieses eigentümliche Zusammenspiel von Bild und Ton — Ich finde, das hat tatsächlich was! Der Bildstil erinnert mich übrigens an Telekolleg, oder die Skigymnastik, die in den in den 1980ern im Fernsehen lief…

Gefällt’s Euch?

[danke, Jürgen, für den Hinweis!]

Digital ist besser? Nicht bei Musik — und Hörgeräten

Wer konnte, zog es vor, ohne Hörgerät zu musizieren. Andere konnten das nicht und lebten in ständiger Angst, ihre alten analogen Hörgeräte könnten kaputtgehen. Digitale Hörgeräte befanden sie für untauglich zum Musizieren.

[Das hat Moira neulich von einem Musikerwissenschaftler gehört.]

White Cube: Der Schwerhörige als Museumsliebhaber

Samstagnacht, 1.30 Uhr morgens, eine Party wie jede andere. Durch Dunkelheit und Musik,  Gelächter und Geschrei der Leute bahnt sich wieder eine dieser bizarren Erkenntnisse den Weg in meinen Geist. Diesmal: Mit starker Schwerhörigkeit sollte eine Vorliebe zur Musealisierung des Lebens einhergehen. Liebhaber freier Wildbahn dagegen — haben’s schwierig.

Wie das Kunstwerk im Museum, so brauche ich diejenigen, mit denen ich mich unterhalten mag: Nicht so wie sie das Leben eben bringt, sondern freigestellt vom Kontext. Hinweg mit den anderen Leuten und ihren Neben- und Störgeräuschen. Nur so verstehe ich: Stillgestellt, neutraler Hintergrund und von schlechtgelaunten Wärtern umgeben, die alle anderen zum leisen Flüstern oder gar ganz zur Stille zwingen und am selber mit dem Kunstwerk interagieren hindern. Das akustische Lebenskonzept des Schwerhörigen heißt: White cube. Suchen oder soweit wie möglich Schaffen.

Bah, denke ich. Langweilig! Und nehme drauf noch ein Bier.

Suchen oder soweit wie möglich Schaffen.

Mir aus dem Herzen

Screenshot Les Diaboliques, 1955

[via fuckyeahsubtitles]