Monatsarchiv: Mai 2011

Hochleistungssport ohne Hören: Matt Hamills Gefühl für den Gegner

Gestern nacht hat er leider verloren. Gegen Quinton „Rampage“ Jackson, was keine Schande ist. Trotzdem ist er einer der besten professionellen Ringkämpfer, die es gegenwärtig gibt: Matt Hamill — seinen eindrucksvollen Kampfrekord kann man hier nachlesen. Und Ende dieses Jahres kommt endlich der Film heraus, der erzählt, wie er sich in der High School und als Ringer ohne Hören durchgebissen hat. Muss ich sehen!

Hier noch ein weiteres Video, das sich leider nicht einbinden läßt (über den Film). Und hier ein interessantes Interview mit ihm bei ESPN, in dem er über sein Training mit Hörenden erzählt.

Aus der Reihe: Wer braucht schon zu hören?!

Behinderung, ein Smalltalk-Thema?

Heute mal eine kleine Leseempfehlung:  Domingos de Oliveira hat hier aufgeschrieben, wie man mit Behinderten umgehen sollte. Ich kann das alles unterschreiben!

Was ich interessant finde, ist die Unterscheidung, die er hier aufmacht:

Wir haben aber ein sehr feines Gespür dafür, ob sich jemand tatsächlich für die Behinderung oder für uns als Person interessiert oder nur Smalltalk betreiben möchte.

Ich verstehe natürlich, worum es geht. Nämlich darum, dass man nicht als Freak zum Thema werden und nicht anders behandelt werden möchte als andere. Daher sind wir, also Domingos und ich, vermutlich auch einer Meinung. Ich finde nur die Wortwahl und die Gegenüberstellung interessant und nehme sie zum Anlass für ein paar Überlegungen:

Vielleicht habe ich einfach nicht genug Schlimmes erlebt. (Oder es einfach nicht gehört, hahaha.) Aber ich denke: Man muss auch damit leben, wenn jemand unbedarft die Behinderung anspricht — als Gesprächseinstieg oder mittendrin mal. Für mich selber stelle ich mir gerade sowas vor wie: „Und, empfangen Sie auch Radio Eins mit dem Ding da an Ihrem Kopf?“ Wenn man denn in Geselligkeit machen will, muss man sich dann eben eine passende Antwort überlegen. Die kann dann das Gegenüber gerne auch etwas pieken, falls er z.B. eine große Nase hat, oder so. Dann ist es wieder am Gegenüber, cool und smalltalkish zu reagieren oder sich als beleidigte Leberwurst zu outen.

Das ist nicht einfach, klar, und manchmal hat man auch einfach keinen Bock mehr auf sowas. Aber unbedarfte, poltrige oder großspurige Leute gibt es überall. Das ist aber deren Problem. Und souveräner, vielleicht sogar für die Normalität von Behinderten in der Gesellschaft förderlicher als Entrüstung, eine Standpauke oder eine beleidigte Antwort ist es allemal.

Was denkt Ihr so?

Ashley Fioleks Welt

Mit drei Jahren fuhr sie Motorrad, mit sieben Rennen und jetzt, kaum mehr als 20 Jahre alt, ist sie zweifache US-Motocross-Meisterin und mehr. Ich sage: Wow!

Aus der Reihe: Wer braucht schon zu hören?!

Gangsta Gebärdensprache

Wer sich ahnungslos am falschen Ort im falschen Fußball-T-Shirt erwischen läßt, muss Schläge befürchten. Das weiß man ja. Sagen wir in dem von Dynamo Dresden bei Lok Leipzig. Dass das auch für Gebärdensprache gilt, wußte ich bisher noch nicht. In Florida Beach wurde eine Gruppe Gehörlose mit dem Messer angegriffen, weil man ihre Gebärden für Gang-Zeichen hielt. Denn die Gangs betreiben mit den Händen eine Mischung aus Kommunikation und Fingerakrobatik (siehe auch das Bild oben als harmloses Beispiel), die eine Unbedarfte nicht von Gebärdensprache unterscheiden konnte. Unglaublich!

Unter dem Link oben findet Ihr noch ein Beispielvideo für Gangsta Gebärdensprache.

[Bild via Cakehead Loves Evil, Nachricht via deafread.de]

Mein Vater

„Ist das nicht ein starkes Hörgerät?“, fragte mich Freund P. mit Stolz. Und nach einem Blick auf das Foto, das er mir hinhielt, musste ich zustimmen. Wie ein Weltempfänger sieht es aus, findet Ihr nicht? So als ob er der ganzen Welt zuhören könnte.

„Das ist übrigens mein Vater“, fügte P. hinzu. „1951, da war er 57. Das eine Ohr wurde in der Kindheit durch eine schlecht behandelte Mittelohrentzündung taub, das andere durch einen Geschütz-Abschuss in unmittelbarer Nähe, im 1.Weltkrieg. Ein Trottel von Kriegskamerad hatte vergessen, den Warnruf zum Zuhalten der Ohren zu geben.“

Traurig, wenn einem so etwas widerfährt. Auch heute noch sind ja Krieg und Wehrdienst, neben dem iPod, wohl die größten Schwerhörigkeitsproduzenten. Es zeugt von Größe, diesem Menschen hinterher nicht immer wieder die Schuld zu geben und sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Orgien des „Ach, wäre doch nicht!“ zu ergehen.

P. erzählte weiter: „Das Foto habe ich rausgesucht, weil Du  neulich von Dir selbst als ‘ich als alter Schwerhöriger’ sprachst. Da musste ich an ihn denken. Das Lächeln und freundliche Nicken hatte er auch zur Perfektion gebracht. Wenn das nicht mehr reichte für sein Gefühl, hat er einfach angefangen etwas mit lauter Stimme zu erzählen, das passte zwar oft nicht so direkt, war aber immer interessant. Etwas aus der Zeitung oder aus der Kunst, etwas von Goethe oder von seiner Filmarbeit,von den Lügen der Werbung, die er ja mit Zeichentrickfilmen betrieb. Danach hat er oft freundlich lächelnd das Hörgerät einfach abgeschaltet und hatte Ruhe.

Eine grosse Grund-Zufriedenheit strahlte er trotz der Behinderung aus. Er hatte beide grossen Kriege nach schrecklichen Erfahrungen wundersam überlebt. Er liebte seine Arbeit, das Zeichnen. Und er hatte eine liebende Frau, die alles übernahm, was mit dem Hören zu tun hatte und ihm das ‘übersetzte’. Sie sprach das Wichtige nach, das konnte er dann von ihren Lippen ablesen.“

Lieber P., vielen Dank für die Geschichte und das Foto! Nur eine bißchen komische Bildkomposition ist das. So mit dem Abstellbrett und dem laufenden Wasserhahn im Vordergrund…

„Ich weiss noch ,dass der Fotograf damals das Hören oder Nichthören damit sichtbar machen wollte. Ob das so schwer vorstellbar war?“