Monatsarchiv: Juni 2011

Gehörlos im Internet

Dieses Interviewportrait mit Jule (a.k.a. @einaugenschmaus) ist wirklich sehr schön geworden!

„Gut, es kommt alles mit Untertitel und Gebärdensprache im Fernsehen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass Du jeden Scheiß angucken musst im Fernsehen!“–>pdf<–

Von Teppichhändlern, Anlageberatern — und Akustikern

Schonmal Gold und Silber im Souk von Aleppo gekauft? Lederjacken in Chinatown oder bestickte Kissenbezüge in Thailand?  Ungefähr so herausfordernd und betrugsgefährdet muss man sich allem Anschein nach den Versuch vorstellen, in Deutschland ein Hörgerät zu kaufen. Im ARD-Magazin Kontraste gab es gestern ein sehr interessantes Stück über

Abzocke bei Patienten – Die Tricks vieler Hörgeräte-Akustiker.

Bemerkenswert finde ich: Die Redaktion sagt, sie habe schon vor der Ausstrahlung ominöse Drohungen erhalten! Und die Krankenkassen sind mit im Boot.

Tipps für die Akustikersuche und den Hörgerätekauf haben wir übrigens hier schon mal gesammelt. Aber langsam bekomme ich das Gefühl, gesetzliche Regelungen über Beratungsprotokolle wie für Anlageberater wären vielleicht angesagt…

(Nachtrag 1: Ich bitte übrigens alle Bodenbelagsfachhändler vorsorglich um Entschuldigung für die stereotype Verwendung ihrer Profession und verstehe, wenn sie mit Akustikern nicht in Verbindung gebracht werden wollen.)

(Nachtrag 2: Der deutsche Schwerhörigenbund fand den Bericht skandalisierend und nicht hilfreich. Siehe auch die Kommentare von Benny, weiter unten.)

Der Knuddelreflex und seine Kehrseite

Die Geschichte des Jungen, der sich ein Bärenkostüm anzog, damit ihn endlich mal jemand umarmte. Habt Ihr vielleicht schon gesehen, aber falls nicht: Schaut Euch mal dieses äußerst beindruckende Video an, das der schweizerische Verein Pro Infirmis hat produzieren lassen. Ein Aufruf zur Annäherung an die Behinderten.

Der Spot drückt gekonnt die Tasten der Rührseligkeit, auch bei mir — aber er zeigt eben auch, und das sehr gut, wie sehr unsere Reaktionen von Äußerlichkeiten und von ästhetischem Empfinden gesteuert sind. Was schön, süß und weich ist, wird geknuddelt. Darauf reagieren wir positiv. Auf das andere–selbstverständlich nicht. Ist ja irgendwie, gefühlsmäßig, auch okay so.  Aber wer sich mal mit dem Thema Intimität und Sexualität bei sichtbar Behinderten befaßt hat, weiß, in welche Probleme das führt.

„Müssen wir uns verkleiden, damit wir uns näherkommen?“ — fragt der Film. Und die allgemein zustimmungsfähige Antwort kann ja nur sein: Nein, das sollte nicht sein. Eine Lösung bietet der Film nicht,  Umarmungen lösen ja keine gesellschaftlichen Probleme (und der Claim von Pro Infirmis am Ende, „Wir schaffen Behinderung ab“, stößt mir in diesem Zusammenhang auch etwas sauer auf).  Aber er führt das Problem eindrucksvoll vor Augen und vielleicht dazu, dass wir demnächst mal jemand mit Wärme begegnen — obwohl wir ihn oder sie nicht besonders appetitlich finden. Einfach weil wir es können und uns dafür entscheiden.

Update: Sehe gerade, Enno hat auch dazu geschrieben…

Und was meint Ihr dazu?

Das Pfeifen im Saal: Unfähigkeit oder Unwilligkeit, mit Hörgeräteträgern zu kommunizieren?

Mir wird gerade erzählt, in München habe ein Künstler sein Konzert genervt unterbrochen und den Saal verlassen, weil im Publikum ein schlecht eingestelltes und/oder schlecht sitzendes Hörgerät pfiff! Weiß jemand was genaues?

Update — Ah, in der Süddeutschen von heute steht, es war bei einem Konzert des Pianisten András Schiff im Herkulessaal. „Ziemlich empfindlich“  habe da ein Hörgerät im linken Rang gepfiffen. Man liest, der Künstler habe abgebrochen, von neuem begonnen, doch das Pfeifen habe nicht aufgehört. „Empörung macht sich breit. Schiff spielt Mozarts B-Dur-Variationen KV 500 zu Ende und  verlässt den Herkulessaal.“ Danke, J., für den Hinweis!

Was soll man dazu sagen? Erstmal: Toll, dass eine/r mit Hörgerät trotzdem ein Konzert genießen kann! Ein Konzert in dieser Weise stören geht natürlich gar nicht. Man knistert ja auch nicht ständig mit Bonbonpapieren. Aber — wenn es denn so ausdauernd störte — warum sagte denn niemand was? In den allermeisten Fällen  zumindest läßt sich das Pfeifen doch durch etwas leiser Stellen des Gerätes oder leichtes ins Ohr Drücken des Ohrstücks beheben. Hat sich niemand getraut, dem Hörgeräteträger oder der Hörgeräteträgerin zu sagen, was los ist? Oder haben sich — die Konzertrezension deutet es ja an –  alle in schweigender Mißbilligung ergangen, so als habe sich ein Trottel ohne Umgangsformen  vor einem very sophisticated Publikum desavouiert? Der Hörgeräteträger, geschnitten wie das Arbeiterkind im elitären Tennisclub? Obwohl ein paar Worte hätten helfen können?