Monatsarchiv: August 2011

10 fast völlig aus der Luft gegriffene Fakten

  1. Seriengucken hat bei mir das Filmegucken abgelöst.
  2. Reis kommt bei mir ungesalzen auf den Tisch.
  3. Ich kann auf Japanisch bis fünf zählen.
  4. Ich besiege Dich im Backgammon. Und im 4gewinnt sowieso.
  5. Ich mag Weihrauch.
  6. Leuten, die nicht gerne essen, stehe ich skeptisch gegenüber.
  7. Ich weiß, dass Bielefeld existiert.
  8. Ich konnte mal einen richtig guten Kartentrick, an den ich mich gerne wieder erinnern würde.
  9. Ich habe hier russische Ikonen an der Wand hängen.
  10. Ich glaube, dass Angst und Bequemlichkeit gute Ratgeber sind.

[eine Antwort auf]

Richtig Rechnen: Die Arithmetik von Behinderung, chronischer Krankheit und Makel

Wenn Du bereits eine Behinderung oder chronische Krankheit hast, heißt das nicht, dass Dir nicht obendrein noch anderes widerfahren könnte. (Der Zahlenstrahl ist offen.)

Wenn Du etwas, das Du für einen Makel hältst, entfernen läßt, wirst Du dadurch nie zu jemand, der es nicht hat, sondern allenfalls zu jemand, der es einmal hatte und entfernt hat. (Addition statt Neubeginn.)

Und es kann gut sein, dass es Dir hinterher fehlt — auf Weisen, die Du Dir nie hättest träumen lassen. (Subtraktion ist ein Gefühl.)

Auch durch noch so viel Teilen kannst Du es nie ganz zum Verschwinden bringen. (Division ersetzt nicht persönliche Auseinandersetzung.)

Elektrische Ohren: Nachteile? Welche Nachteile?

Ich mache ja gerade Bilanz nach anderthalb Jahren mit Cochlea Implantat: Was sind Vor- und Nachteile? Bislang habe ich eher Positives berichtet. Nun dachte ich, ich mache mich mal an die Nachteile. Und dabei brauche ich Eure Hilfe. Ich sehe nämlich eigentlich keine.

Jedenfalls wenn man es nicht mit Normalhören oder zu mittelgradiger Schwerhörigkeit, sondern mit an Ertaubung grenzender Schwerhörigkeit und Hörgeräten vergleicht. Was ich dann sehe, sind kleinere Unannehmlichkeiten.

Als da wären z.B.:

  • Das Aussehen. Sie sind größer als Hörgeräte. Und speziell Kabel am Kopf zu haben finde ich nach wie vor ästhetisch bedenklich.
  • Leichter Druck am Ohr ab und zu. Denn sie sind schwerer als Hörgeräte.
  • Manchmal Anfälle von: Boa, Du hast dir da den Schädel abfräsen und was in den Kopf setzen lassen! Aber im Großen und Ganzen ist der Umgang erstaunlich schnell natürlich geworden. Kein Ekel mehr.
  • Leichtes Abfallen bei Tätigkeiten wie Sex und die entsprechende Stille wenn dies passiert oder man es proaktiv macht, zumal man immer noch damit rechnen sollte, dass man bei einer CI- OP mindestens ein bißchen Hörvermögen verliert und deshalb die Stille größer ist.
  • Dass man zeitweilig mit Erwartungen der Anderen umgehen muss, man höre ja jetzt vielleicht wieder oder zumindest wenn man sich noch bißchen anstrenge und trainiere (nicht mal böse, sondern manchmal auch nur hoffnungsvoll gemeint).
  • Bei Hüten und Mützen muss man manchmal ein bißchen suchen bis man ein Modell findet, das paßt ohne zu drücken.

Aber mal ernsthaft. Gibt es irgendwelche Nachteile? Was denkt Ihr?

Eine Prise Analog gibt dem digitalen Meer die Würze

Ich kommuniziere täglich mit sehr, sehr vielen Leuten. Doch es ist fast alles elektronische Kommunikation: Email, dieses Blog hier, das Fratzenbuch, Chat oder Twitter usw. Umso mehr freute ich mich, gestern überraschend einen Brief im Kasten zu finden — mit einem kleinen, ganz echt mit Wachsmalstiften bemalten Dankeschön von den Fünfbücherlingen Melanie und Philippe, bei denen ich letzte Woche laut sagen durfte, welche Bücher ich besitze, die ich einfach besitzen muss. Da sag noch wer, digital sei besser.

Ich sage: Bitteschön!

Verkehrte Welt

Sonnenstand, Platzbeschaffenheit und Fankurve sorgen dafür, dass es nicht egal ist, auf welcher Seite man spielt. Darum wechselt man im Fußball in der Halbzeit die Seiten. Auch in der Ausbildung, in der Politik und generell beim Erwachsenwerden ist es ganz lehrreich, mal zu wechseln und mitzukriegen, wie es ist, derjenige auf der anderen Seite zu sein.

Ich habe heute einen Seitenwechsel vollzogen, mit dem ich im Leben nicht gerechnet hätte:  Der Ertaubte musste telefonieren, und zwar für einen Guthörenden. Eine recht komplizierte Konstruktion aus Anruf bei einer fürs Inland kostenlosen Servicenummer bei gleichzeitig laufender Skype-Verbindung zum Freund im Ausland. Puh!

Aber  ich muss sagen: Was ist noch besser als niemanden bitten müssen? Ganz  einfach: Jemandem helfen zu können. Das Karma-Konto ist auf jeden Fall deutlich ausgeglichener jetzt.

Sand im Getriebe des Alltags — Schwerhörigkeit als Krisenexperiment

Schwerhörige sind der Sand im Getriebe des Alltags. Da wir uns gerade über Strategien des mehr oder weniger eleganten Vertuschens von Nichtverstehen unterhalten hatten, hier zwei klassische Beispiele für heftige Auswirkungen der unschuldigen Nachfrage „Wie meinst Du das?“ Undercover-Soziologen stellten sie systematisch und guckten, was geschah:

Beispiel 1 — Herr C. und Herr K. teilen sich ein Auto. Bei der Übergabe erzählt C., was ihm gestern auf dem Weg zur Arbeit passierte.

C:   Übrigens, ich hatte gestern einen Platten.
K:   Hä, wie meinst Du das?
C  (guckt kurz überrascht, dann abwehrend): Was soll das heißen, „Wie meinst Du das?“ Ein platter Reifen ist ein platter Reifen! Das ist, wie ich das meinte. Nichts besonderes. Was für eine verrückte Frage!

Beispiel 2 — S. trifft E. auf der Straße und winkt erfreut. Sie begrüßen sich und dann erzählt S. erst einmal alles was ihm in den letzten Tagen passiert ist. Schließlich fragt er.

S:  Aber genug von mir. Sag mal, wie geht’s Dir?
E:  Hm, wie meinst Du das?
S:  Wie geht es Dir?
E:  Könntest Du nochmal sagen wie Du das meinst, dann kann ich besser antworten?
S  (aggressiv): Hör mal, ich wollte nur höflich sein. Ehrlich, mir doch egal wie’s Dir geht!

Diese Beispiele habe ich aus Harold Garfinkels klassischem soziologischen Buch Studies in Ethnomethodology von 1967 leicht verändert übersetzt (und das 2. Beispiel zudem aus dem US-amerikanischen Kontext geholt). Garfinkel hatte die kluge Idee, unpassendes Verhalten (hier die Nachfrage „wie meinst Du das?“ bei sehr einfachen Sachverhalten) ganz gezielt einzusetzen  um die Normen des Zusammenlebens zu erkunden. An der Heftigkeit der Reaktionen auf diese sogenannten Krisenexperimente erkannte er, dass und welche er gefunden hatte. In diesem Fall ging es darum, dass bestimmte Deutungskompetenzen und Kenntnis sozialer Umgangsformen einfach vorausgesetzt werden. Wer dagegen verstößt…

Na, wie findet Ihr das? Kommt Euch das bekannt vor?

Elektrische Ohren, kleine Kinder und Gebärdensprache — Ein paar Notizen

Benedikt hat  hier kürzlich noch einmal die „Therapisierung“ der Taubheit bei gehörlosen Babys durch Cochlea Implantate problematisiert und mich gefragt, wie ich dazu stehe.  Wie versprochen hier kurz skizziert ein paar Gedanken. Weiterlesen

Not quite literarisch

Zum Wochenende hier schnell noch der Hinweis: Drüben bei Fünf Bücher werden die Bücher gesammelt, die man einfach besitzen muss — und wenn man sie besitzt, nicht mehr hergeben will. Welche das für mich sind, durfte ich gestern sagen. Eine Einladung zum Stöbern!

„Um Gottes Willen, eine Frage!“ Männer, Frauen — und Schwerhörige

Der Volksmund sagt, Optimisten stöhnen beim Sex jajaja und Pessimisten neineinein. Das klingt ja nun erst einmal gar zu schematisch, doch tatsächlich teilen sich die Menschen in zwei Klassen, wenn sie keinen Plan haben was gerade abgeht.

Ein gutes Beispiel dafür war eine nächtliche Begegnung mit Kitty Koma. Obwohl flotthörig (und auch sonst recht flott), geriet sie neulich in eine Situation, die Schwerhörigen nur allzu bekannt ist: Sie bekam im Lärm der Party nicht mit, was ich sie gefragt hatte, wohl aber, dass ich sie etwas gefragt hatte (Ist da nicht eben die Stimme hochgegangen? Oh Gott, eine Frage!). Wenn das geschieht, ist  innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Antwort verlangt.  Man steht auf dem Präsentierteller. Jedes Zögern wird gedeutet (Hört sie mir gar nicht zu?! Ist die schwer von Begriff?!)

Frau Koma entschied sich, dass die beste Antwort auf meine fragende Körperhaltung „Nein“ wäre. Das irritierte mich kräftig, schließlich hatte ich ihr nur den Organisator des Abends vorstellen wollen. Etwas wozu ich erwarten würde, dass normalerweise eher „ja“ gesagt wird.

Genau aus diesem Grund geben Schwerhörige in solchen Situationen gerne den guten Zuhörer oder nutzen das allseits gefürchtete „jaja“. Weil es das Gespräch am Laufen hält. Ein „nein“ dagegen unterbricht und irritiert. Das „Ja“ ist aber definitiv gefährlicher, weil man sich ja womöglich auf etwas einläßt. In diesem Fall eine Petitesse, im schlimmsten eine Verabredung als Umzugshelfer oder ein Date mit einer schrecklichen Person. Was Frau Koma auf die Idee brachte, das Neinsagen, könnte vielleicht ein Frauendings sein.

Und Ihr? Meint Ihr es ist mehr ein Frauen/Männer- oder ein Schwerhörigendings?

Die nackte Schwerhörigkeit

Die fünf Sinne, Gemälde von Hans Makart aus den Jahren 1872–1879

Ich habe ja eine Schwäche für Allegorien. Die, die da so unschlüssig in der Gegend herumsteht, ist das Hören. Irgendwie passend. Könnte genauso das nackte Schlechthören sein.  Und Ihr, findet Ihr das eine passende Darstellung?

Zufrieden mit dem elektrischen Hören? Über das Leben mit dem Cochlea Implantat

Es herrschte lange Schweigen, hier im Blog, unterbrochen nur von kleinen Lebenszeichen. Und so traurig ich das finde: Es ist in sich ein gutes Zeichen. Es heißt nämlich, dass bei mir hörmäßig alles ziemlich gut läuft. Die Folge: Andere Themen und Probleme drängen sich in den Vordergrund, die Aufmerksamkeit wendet sich ab. Ganz genau wie der Herr Burke schon sagte.

Also genau der richtige Zeitpunkt, um in Sachen elektrisches Ohr ein Resümee zu ziehen. Ich wurde in den letzten Wochen ziemlich häufig gefragt, wie mein Fazit zum Cochlea Implantat (CI) heute sei. „Würdest Du die Entscheidung, genauso noch einmal treffen? Ärgerst Du Dich mit dem Wissen von heute, es erst einmal herausgezögert zu haben? Und wie ist Dein Hörempfinden heute?“ Darauf will ich kurz antworten… Weiterlesen

Niemanden bitten müssen

Es ist nur ein kleines Detail — so klein, dass viele es übersehen: Telefonieren geht. Mit jedem. Es ist aber öfters stressig, nämlich dann, wenn Unbekannte mit unbekannten Wünschen zu schnell oder nicht in den Hörer sprechen. Oder beides. Fast immer ist ja obendrein die Verbindungsqualität schlecht — viel, viel schlechter als Anfang der 1990er, als alle Welt schnurgebunden und am Festnetz telefonierte!

Aber ganz egal, selbst wenn es anstrengend ist: Nicht immer jemanden bitten müssen, sondern einfach zum Hörer zu greifen und selber und schnell was regeln zu können, wenn man z.B. von Behörden fehlerhafte Bescheide bekommt oder wissen will, ob die Eisbahn noch auf hat — das ist so erhebend! Unbezahlbar.

– Dieser Beitrag ist der vierte einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach anderthalb Jahren elektrisches Ohr. Teil 1: Einmal Blackout und zurück, Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn, Teil 3: Das Karussell

Der optimistische Sozialstaat

Es ist ja schön, dass die österreichische Pensionsversicherung sich ihren Optimismus bewahrt hat.  Dass also zu erwarten sei, der Gesundheitszustand werde sich bessern. Nur leider hat Gabriela Pichelmayer bereits 27 Jahre lang das Gegenteil erlebt.

Hatten Sie schon einmal einen Auto- oder Haushaltsschaden? Und mussten Sie dann um die ihnen zustehende Versicherungssumme streiten [...] obwohl Sie jahrelang eingezahlt haben? Ähnlich verhält es sich beim gesetzlichen Pflegegeld. Nur mit dem Unterschied, dass dieses eine Lebensnotwendigkeit impliziert.

Weiterlesen drüben bei holyfruitsalad.

Schwäche als Methode (nicht nur für Poeten)

The poet will naturally write about that which most deeply engrosses him –  and nothing more deeply engrosses a man than his burdens, including those of a physical nature, such as disease. We win by capitalizing on our debts, by turning our liabilities into assets, by using our burdens as a basis of insight. And so the poet may come to have a „vested interest“ in his handicaps; these handicaps may become an integral part of his method [...].

Ich könnte gar nicht mehr zustimmen zu dem, was Kenneth Burke hier geschrieben hat (The Philosophy of Literary Form: Studies in Symbolic Action, 1941). Das ist schon etwas anderes als das klischeehafte „aus den Schwächen Stärken machen“. Den Spruch kann ich übrigens gar nicht leiden.

Und weil Burkes Formulierung so eine schöne Beschreibung dessen ist, was ich mit diesem Blog versucht habe, soll es nun,  mitten im Sommer, wieder aus dem Winterschlaf geholt werden. Man darf hier wieder lesen.