Monatsarchiv: September 2011

Die Vorstellungs-Rochade

Ich bin kein Schachspieler, ich habe dafür keine Geduld. Trotzdem habe ich inzwischen den Eindruck, dass man aus dem Spiel allerlei fürs Leben lernen kann. Zum Beispiel die Lösung für ein doch recht peinliches Problem, die Vorstellungs-Rochade. Und die geht so:

Von allen Wörtern sind Namen für Schwerhörige am Schwierigsten zu verstehen. Gut, die drei beliebtesten Vornamen und häufigsten Nachnamen gehen. Aber sonst — ein Horror, erst recht wenn Ausländer involviert sind! Und oft genug aussichtslos. Auch nach fünfmal wiederholen verstehe ich nicht wie mein Gegenüber heißt –  unangenehm wird die Situation schon nach drei erfolglosen Wiederholungen. Ich habe mir angewöhnt, in dem Fall erstmal weiterzumachen, das Thema zu wechseln und das Gespräch irgendwie anders fortzusetzen. Später komme ich dann noch einmal darauf zurück und lasse mir entweder den Namen schriftlich geben (zusammen mit der Telefonnummer, Email-Adresse oder Visitenkarte) oder ich frage jemand anderes nach dem Namen der Person.

Das klappt auch ganz gut. Außer, ich renne mit der neuen Bekanntschaft in alte Bekanntschaft und muss dieser dann jene vorstellen. Auf Parties, Tagungen oder Empfängen passiert das leider recht häufig. Dann kommt die Rochade zum Einsatz. Ich beginne einen Vorstellungsansatz (à la „und das ist…„) und murmele dann unverständlich leise weiter oder verstumme ganz. Es ist erstaunlich wie oft sich das hinter einem Lächeln mit entsprechender Geste verbergen läßt. Als Reaktion darauf stellen sich dann die Leute einander selber vor. Eine elegante Lösung, finde ich, wenn auch mit dem für solche Methoden üblichen Preis: Sollte sich später dann doch noch herausstellen, dass ich den Namen nie verstanden habe, ist das umso peinlicher.

Let’s get high on a CI! Oder auch zwei…

Dieser Rausch! Es funktioniert ja nicht immer und nicht bei jedem. Aber wenn das elektrische Hören mit dem Cochlea Implantat funktioniert, dann ist es ein großartiger Trip. Über Wochen, Monat schälen sich aus dem Wlingen und Piepsen spannende Töne und Geräusche heraus — es wird immer besser. Mehr noch: Man weiß schon vorher, dass es immer besser werden wird, jedenfalls solange es keine Komplikationen gibt. Ein unbändiges Hochgefühl, wenn man wie frisch in den Skilift eingestiegen dasitzt, die Aussicht wird immer besser und man weiß, es steht Tolles und Aufregendes bevor. Verstärkt wird das Ganze dann noch durch die Phase nach der Operation, die man in großer Stille verbringt, weil weder Hörgerät noch CI auf dem heilenden Ohr getragen werden.

Von diesem Hochgefühl nimmt man dann gern noch eins. Besonders wenn man merkt, wie langweilig, wie lasch im Vergleich dazu die Suppe ist, die ein Hörgerät dem hochgradig Schwerhörigen hineinspült.

Doch man muss auch das Runterkommen verkraften — und das ist, je nachdem, auch ziemlich heftig. Denn irgendwann, so nach etwa einem Jahr, ist der Skilift zu Ende und die Abfahrt auch. Die steile Verbesserungskurve flacht ab, es wird deutlich wo die neuen Hörgrenzen liegen. Was alles trotz CI nicht funktioniert. Die Mühen der Ebene beginnen. Es ist nur so eine persönliche Beobachtung, aber mein Eindruck ist, dass eine ganze Menge Leute sich genau in dieser Phase für ein zweites CI entscheiden. Ärzte machen es einem dabei leicht, sie bieten den nächsten Schuss und loben seine Vorzüge.

Versteht mich nicht falsch, dies ist keine Warnung vor CIs und auch nicht vor dem zweiten — wenn es denn angezeigt ist und man dies will. Ich will nur auf eine Gefühlsdynamik hinweisen, die ich wichtig finde. Irgendwann kommt das Plateau und sei es nach dem zweiten Hoch. Denn ein drittes wird es nicht geben. Damit muss man sich abfinden (was natürlich leichter fällt, wenn es selbst hoch liegt). Man bleibt schwerhörig. Schwierig ist dabei, dass die Grenzen des CIs nicht einfach so feststehen. Manchmal ist es sogar kaum möglich zu entscheiden, ob man nun wirklich an die Grenzen gestoßen ist oder das elektrische Ohr einfach nur etwas besser eingestellt werden müsste. Das muss man mit seinen Gefühlen ausmachen.

Dies ist Teil 7 einer kleinen Serie über Cochlea Implantate, die ich anderthalb Jahren elektrisches Hören schreibe:

Teil 1: Einmal Blackout und zurück
Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn
Teil 3: Das Karussell
Teil 4: Niemanden bitten müssen
Teil 5: Zufrieden mit dem elektrischen Ohr?
Teil 6: „Da sind ja überall Menschen!“

„Schwerhörige gelten als Personen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit“

Klingt unglaublich, ist aber die Begründung, warum — der dpa zufolge –  eine französische Airline einer Gruppe von ihnen das Mitfliegen verweigert hat.  >>hier Sprachlosigkeit denken<<

Wie kommt man bitte auf sowas? Ich kann verstehen, wenn man Hörbehinderte nicht direkt an den Notausgang setzen möchte. Aber das Mitfliegen verweigern und sie am Flughafen sitzen lassen?! Es prüft ja auch keiner die Englischkenntnisse von Japanern bevor sie in Europa an Bord dürfen.

Das nennt man dann wohl synästhetische Diskriminierung, die Kopplung physisch miteinander unverbundener Bereiche in der eigenen Wahrnehmung.

Angstfrei Plantschen! Poolpartys!

Nur eine kleine Durchsage: In den letzten Monaten mehrten sich die Hinweise und nun sieht es aus, als käme tatsächlich im Herbst wasserdichte Hörtechnik auf den Markt! Ein Sprachprozessor für Cochlea Implantate von Sonova (bzw. Advanced Bionics). Neptune heißt er, passenderweise.

Eine offizielle Seite gibt es noch nicht, Informationen finden sich hier, hier und in Tinas (englischem) Blog.

Das würde ich ja wahnsinnig gern mal ausprobieren! Angstfrei im Wasser plantschen! Schwimmen mit Hören! Poolpartys! Vielleicht sogar lustiges Hören unter Wasser? Ob es wohl Brandung aushält?
Und werden jetzt alle Hörgeräteträger neidisch und lassen sich implantieren?

„Da sind ja überall Menschen!“ — Was das elektrische Ohr mit dem Tabakladen gemein hat

Um in einer fremden Stadt anzukommen, um wirklich da zu sein im Gegensatz zum Durchlaufen und wieder Verschwinden wie ein Geist, pflegte Heinrich Böll einen Tabakladen aufzusuchen. So zumindest beschrieb er es in seinem Irischen Tagebuch. Er kaufte nicht mehr als eine Schachtel Zigaretten und ein paar Streichhölzer. Doch diese Transaktion mit einem Einheimischen machte für ihn den Unterschied. Ich fand das schon immer eine schöne Geschichte. Doch wirklich verstanden was Böll damit meinte habe ich erst, als ich ohne die Sprache zu können durch Aleppo streifte,  mich trotz stundenlangen Laufens wie durch eine Glasplatte von den Einheimischen getrennt fühlte und schließlich nach dem Kauf eines Hähnchenspießes feststellte, dass ich mehr getan hatte als nur meinen Hunger zu stillen. Plötzlich war ich dort.

Einen ganz ähnlichen Quantensprung des Da-Seins bescherte mir das elektrische Ohr. Denn Menschen sind zwar überall in meiner Heimatstadt und die Sprache stellt dort auch kein Hindernis dar. Doch wenn jede noch so kleine Unterhaltung, jedes Angesprochenwerden stockt, weil ich nicht verstehe, was mein Gegenüber will — dann gleitet man irgendwann durch die Straßen und erledigt dort nur das, was man zu erledigen hat. Es laufen zwar Leute überall neben einem, doch die Barriere, sie anzusprechen (oder sich ansprechen zu lassen) ist so groß als könne man ihre Sprache nicht. Man geht zwar einkaufen, doch außer der zu zahlenden Summe und einer Reihe Hallos, Bittes und Dankes geschieht nicht viel. Es hat eine gewisse Geisterhaftigkeit. Oder vielleicht auch nur Touristenhaftigkeit. Und das obwohl man nicht in der Fremde sondern ganz zu Hause ist.

Seit ich nun auf der einen Seite elektrisch höre sind überall Menschen. An der Ampel, hnter der Kasse, am Tresen und neben dem Regal. Natürlich rede ich nicht mit all denen. Aber wenn ich angesprochen werde, verstehe ich oft auf Anhieb was los ist. Und erstaunlich oft ergibt sich beim Bezahlen oder beim Warten ein kleiner Wortwechsel und erstaunlich oft bin ich dabei frech, manchmal übermütig oder gar kokett. Die allerallermeisten dieser Menschen sehe ich nie wieder. Und doch sind diese kleinen, nichtsnutzigen Wortwechsel ein großer Gewinn. Meine Welt ist bevölkerter, ich bin in der Öffentlichkeit mehr da. Und es macht Spaß!

Wie ist es denn so, nach anderthalb Jahren mit dem Cochlea Implantat? Weitere Resümees gibt es hier:
Teil 1: Einmal Blackout und zurück
Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn
Teil 3: Das Karussell
Teil 4: Niemanden bitten müssen
Teil 5: Zufrieden mit dem elektrischen Ohr?

Die Königsfrage (und der Versuch einer Antwort)

Wenn Du eine Sache ändern könntest, um das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, was wäre das?

Das fragte Christiane letzte Nacht in ihrem Blog. Und weil mich die Frage beschäftigt, würde ich das gern auch Euch fragen! Was meint Ihr?

Meine Antwort war übrigens folgende: Mich nerven die Automatismen, diese meist unbewußten, pauschalen und die ganze Person betreffenden Abwertungen (Behinderte sind krank, nicht leistungsfähig, uncool oder häßlich anzusehen etc.). In Wirklichkeit ist doch jeder Mensch ein bißchen anders — ganz egal ob behindert oder nicht, jeder hat andere Stärken und Schwächen, kann, will oder braucht anderes. Und das ändert sich auch noch einmal je nach Lebenssituation.

Darum würde ich vielleicht die pauschalen und die ganze Person betreffenden Aufwertungen abschaffen, also z.B. den “Schwerbehindertenausweis”. Denn der verbindet Stigmatisierung (man ist „ein Behinderter“) mit vergleichsweise ungezielten und im Einzelfall sogar mal ungerechtfertigten Begünstigungen. Ich würde ihn durch ein flexibles und niedrigschwelliges System von beantragbaren Nachteilsausgleichen bzw. deren Finanzierung ersetzen.

Ich denke, es macht durchaus einen Unterschied ob die Logik ist “X ist schwerbehindert, das heißt er braucht und kriegt a, b und c” oder “X erklärt, dass er dieses braucht um jenes machen zu können. Darum kriegt er es”.

Wobei ich durchaus sehe, dass ein „Ausweis“ und pauschale Regelungen auch Vorteile haben. Man muss sich nicht jedesmal die Mühe machen um Hilfen zu bitten. Und man kann besser Gleichstellungsmaßnahmen einführen, also z.B. sagen, dass „Schwerbehinderte grundsätzlich“ zum Vorstellungsgespräch einzuladen sind, wenn sie nicht aufgrund ihrer Unterlagen offensichtlich für den Job ungeeignet sind.

Wie seht Ihr das?

Jetzt neu: Durch Smartphones besser Reden mit Schwerhörigen!

Ein entschiedenes „Das ist doch klar!“ hat schon manche gute Idee verhindert. Darum hier eine kurze Durchsage:

Du hast unverhofft festgestellt, dass Dein Gegenüber schwerhörig ist? Du bist schwerhörig und musst unerwartet einem flotthörigen Gesprächspartner verklickern, was das heißt? Kein Problem! Die erfolgreiche Reihe Besser Reden mit Schwerhörigen — 11 Regeln, von denen auch Andere profitieren gibt es auch als mobile Version.

Speichere noch heute  diesen Link  als Verknüpfung auf dem Home-Bildschirm Deines Smartphones oder als Lesezeichen/Favorit in Deinem mobilen Browser — und schon hast Du die Tipps immer griffbereit in Deiner Tasche! Du kannst den Link auch jederzeit an Freunde und Bekannte schicken, die ihn brauchen könnten.

[Warum das Ganze? Darum]

CI-Helden

Seit ich dieses Blog begonnen habe, suche ich taube Helden, schwerhörige Figuren in (fiktionaler) Literatur und Film. Schwerhörig sind scheinbar nur komische oder schrullige Nebenfiguren, vielleicht noch Opfer von Unfällen.

Wie ein kleiner CI-Held aussehen könnte (der Junge mit dem elektrischen Gehör), das hat mir jetzt tastybytes in einer Illustration gezeigt. Dankeschön!

Was man auch sieht ist allerdings, dass er selbst vielleicht gar nicht der Ansicht ist, unbedingt ein Held sein zu müssen. Und mir zu verstehen gibt, dass ihm meine hochgesteckten Erwartungen an ihn doch eher wurscht sind. Richtig so, so wird das was!

Eine Art Fegefeuer — Schwerhörigkeit und die Fremdsprache VI

Sich mit Krümeln zufriedengeben und aus ihnen das Beste machen. Das kann als Definition von Schwerhörigkeit unter Flotthörenden durchgehen. Schwerhörig  ist, wenn Du dich auch im Kreis der engsten Freunde fühlst wie in einem Ausland, dessen Sprache Du kaum beherrscht. Im Unterschied dazu jedoch wird dies bei Schwerhörigkeit auch mit der Zeit nicht besser. Doch was ist, wenn Schwerhörige tatsächlich ins Ausland gehen? Dann, würde ich sagen, gehen sie durch eine Art Fegefeuer. Warum das so ist und wie man da am besten durchkommt — unten nach dem Klick!

Der Grund für diesen Eintrag ist: Ich hörte kürzlich erstaunt, dass ich einer von ganz wenigen sei, dass es nur ganz wenige Hörgeschädigte gebe, die an einer Universität in den USA waren, ohne dabei ASL, die amerikanische Gebärdensprache, zu verwenden. Schwerhörigkeit scheint für die allermeisten ein unüberwindliches Hindernis. Sie kommen entweder gar nicht auf die Idee eines Auslandsaufenthalts oder schlagen sie sich schnell wieder aus dem Kopf. Darum will ich hier knapp zusammenfassen und aktualisieren, was ich bereits zum Thema schrieb. Und Antwort auf ein paar Fragen geben, die mich immer wieder erreichen. Das Folgende ist meine privatpersönliche Erfahrung mit starker Schwerhörigkeit, Ihr könnt gern ergänzen… Weiterlesen