Monatsarchiv: Oktober 2011

Vorm Supermarkt sind alle gleich. Auch die Schwerhörigen.

Die meisten Menschen bringen kleinen Fachgeschäften deutlich romantischere Gefühle entgegen als Supermärkten und Warenhäusern. Mir dagegen schlägt das Herz bei letzteren höher. Das mag mit frühkindlichem Staunen im Berliner KaDeWe zusammenhängen und allzu langem Herumhängen in amerikanischen Malls als Teenager. Es hängt aber auch mit meiner Schwerhörigkeit und Ertaubung zusammen. Denn die großen kulturellen Errungenschaft dieser Einkaufstempel sind die Gleichmacherei und die Interaktionsvermeidung.

Ich weiß noch genau, wie ich vor ein paar Jahren eingeschüchtert in Sevilla herumstand — ich brauchte Tomaten, Nähzeug und allerlei anderes und hätte dafür in sieben verschiedene Läden gehen müssen. Das wäre an sich kein Problem gewesen, denn die lagen direkt nebeneinander. Es wäre jedenfalls schneller gegangen und es hätte deutlich mehr Lokalkolorit gehabt, in der Markthalle und beim kleinen Schneider in der Calle Feria vorbeizugehen als zum Corte Inglés (in Deutschland vielleicht Kaufhof vergleichbar und auch mit völlig austauschbarer Atmosphäre). Dennoch ging ich schnurstracks dorthin.

Zugegeben, ich war in einer besonders miesen Situation. Weil ich nicht nur, wie immer, schlecht hörte, sondern auch nicht für alles, was ich brauchte, die spanischen Vokabeln wußte. Aber dafür gibt’s ja Wörterbücher. Keine rettenden Bücher gibt es für die untergründige Panik, die mich beim Gedanken erfasste, in die Läden zu gehen, sagen zu müssen, was ich wollte, und schon vorher zu wissen, dass ich die Nachfragen der Verkäufer — ob diese oder jene Sorte Tomaten, wofür ich das Nähzeug bräuchte — nicht würde verstehen können. Möglich auch, dass ich etwas mehr hätte zahlen müssen als andere, weil ich sowieso als Ausländer auffiel und mich nicht auf das quasi obligatorische nette Schwätzchen einlassen konnte. Ich ging also dorthin, wo ich solange anonym und ungestört herumlaufen konnte, bis ich gefunden hatte, was ich suchte, ganz ohne Zwang, mit einem Verkäufer interagieren zu müssen. Selbst den Preis konnte ich ja schon vorher auf dem Schild nachlesen und er galt für alle.

Kaufhäuser mögen also das „Denkmal der anonymen Konsumgesellschaft“ sein, als das  Baader und Ensslin sie in den 1970ern in die Luft jagen wollten, sie sind aber auch ganz große Konsumdemokratisierer (sehr schön hat das Till Neuscheler in der FAS nachgezeichnet). Und sie erlösen den Schwerhörigen von einer Menge peinlicher Situationen. Wir müssen dort nicht zeigen, dass wir nichtsverstehen. Wir sind dort wie alle anderen auch.

Und Ihr, kennt Ihr das auch? Wenn Ihr nicht schwerhörig seid, geht Ihr im Ausland lieber ins Kaufhaus?

PS: Internethandel wäre ja die naheligende nächste Stufe — vollkommen interaktionsfrei. Aber was man da über sich ergehen läßt, ist ja auch nicht mehr feierlich, wie mir kürzlich und äußerst amüsant dieses (englischen) Video klarmachte.
PPS: Das mit der Anonymität und Interaktionsfreiheit hat natürlich auch seine Schattenseiten, da stimme ich ganz mit Heinrich Böll überein.

Winnetou im Hör-Delirium

Ist das nun bemüht oder ist das erfrischend lustig? Ich schwanke.

Der Traum von der Universalfernbedienung

Seit heute morgen um sieben Uhr überschneidet sich bei mir eine Homeoffice-Phase und eine ausgewachsene Strangsanierung. Ich wollte gerade richtig loslegen, da  — Hämmern und Pochen, dann Reißen und Krachen, schließlich Bohren und Splittern.  Ich war glücklich. Hallo Produktivität!

Dann fiel es mir ein. Ich kann die Handwerker, die gerade mein Bad verwüsten, ja leiser stellen. Ich griff mir die Fernbedienung, richtete sie auf die Quelle des Lärms und stellte eine angenehme Lautstärke ein. Praktischerweise arbeiteten sie einfach weiter, ohne sich von mir stören zu lassen. Ich kann Euch sagen, das ist ein angenehmes und machtvolles Gefühl. So darf das sein, so kann ich arbeiten. Zufrieden wandte ich mich wieder dem Rechner zu um in die Tasten zu hauen.

Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Nur Lautstärke absenken hilft nicht. Mein ganzer Schreibtisch wackelt! Statt zu arbeiten träume ich darum nun von der Universalfernbedienung fürs Leben –  andere Menschen anhalten, Dinge wiederholen, fast forward. Durchgespielt wurde das mal im ganz amüsanten Film „Klick“, in dem ein junger Architekt eine Fernbedienung findet, mit der er sein Leben bedienen kann. Doch da ist das natürlich nicht das Ende, sondern der Anfang der Probleme. Ich bin mir allerdings sicher: Das liegt nur daran, dass auf der Fernbedienung noch ein Knopf fehlte.

Activate — Bewegende Momente online gestellt

Dieses Video macht gerade die Runde. Eine — wie sie sagt — taub geborene Frau hört nach 29 Jahren zum ersten Mal die eigene Stimme. Dank eines Hörimplantats.

Es ist nicht das erste seiner Art. Man suche nur mal bei youtube nach „CI“ und „activation“ und wird erschlagen von der Vielfalt. Ich fand das schon immer irgendwie seltsam.  Einerseits wirklich rührend. Andererseits — ich kann mir für mich nicht vorstellen, einen so privaten Moment im Video dauerhaft öffentlich zu machen. Darüber zu schreiben, aber sicher doch!  Aber Video?
Dann wiederum, vielleicht ist das einfach eine Charakterfrage, wie man intim-fröhliche Momente teilt oder auch nicht. Und was weiß ich schon darüber wie es ist, taub geboren zu sein und zum ersten Mal die eigene Stimme zu hören.