“Es reicht nicht, schwerhörig zu sein, Baby — Du musst auch noch gut damit umgehen!”

Am Schlimmsten sind diese Momente, in denen man eigentlich nichts als Zuspruch und Motivation braucht — aber dennoch eine ordentliche Watschen bekommt. So wie heute mein Bekannter D.

Als er nach einem Hörsturz plötzlich kaum noch etwas hörte, entschloss er sich ziemlich schnell zu elektrischen Ohren, also Cochlea-Implantaten (CIs). Dann kehrte er wieder ins Berufsleben zurück, allerdings bei einem anderen Arbeitgeber. Telefonieren war ein wichtiger Teil des Jobs. Dem Arbeitgeber und den Kollegen erzählte er zunächst nichts von seiner Schwerhörigkeit. Erst als die Nerven nach ein paar Monaten blank lagen, weil er bei jedem Telefonklingeln in Panik geriet, ob er den Anrufer auch verstehen würde, überlegte er hin und her, ob er es vielleicht doch erzählen sollte. Schließlich erzählte er es. Das Gespräch war wohl nicht schön. Er wurde nach Ende der Probezeit nicht weiterbeschäftigt. Seine ansonsten guten Leistungen hätten keine Rolle gespielt, sondern nur dass er nicht richtig funktioniert habe.

Danach hat er an die 50 Bewerbungsgespräche gehabt und keines davon hatte den gewünschten Erfolg. Immer wieder das Gleiche, sagte er, so viel Aufklärungsarbeit sei noch zu leisten. Immer wenn er das CI offen erwähnt habe, dann sei er in der ersten Runde gescheitert, wenn er es verschwiegen habe, dann oft erst in der zweiten. Die Gesellschaft wisse einfach nicht genug über die Möglichkeiten und Grenzen von Schwerhörigen im Allgemeinen und CI-Trägern im Besonderen. Und die Behörden, die seien eben auch oft nicht hilfreich.

So sehr ich den letzten beiden Sätzen auch zustimme. Bei solchen Geschichten glaube ich, liegt der Hase zumindest teilweise auch anderswo im Pfeffer als bei der Gesellschaft.

Ich sagte also nur sehr kurz: “Och, verdammt, Recht hast Du. Diese Idioten, komm, wird schon. Mach Dir nichts draus, werden schon sehen, was sie davon haben.”

Dann sagte ich: “Wer soll denn den Arbeitgeber aufklären außer Du selbst? Wer, außer Dir selbst, soll den Leuten, die Dir im Vorstellungsgespräch gegenübersitzen, denn einen Eindruck vermitteln auf was sie sich einlassen, wenn sie Dich nehmen? Wer außer Dir soll darüber bestimmen, was Du kannst und was nicht? Wenn überhaupt irgendjemand im Vorhinein eine Einschätzung darüber treffen soll, ist es doch besser, man macht es selbst. Wenn Du herumdruckst oder ganz schweigst, stehen die Chancen gut, dass Du später mal nicht nur ein Problem hast, sondern selbst eins wirst für Deinen Chef. Wenn Du es offen ansprichst und erzählst, wie Du damit umgehst, hast Du die Chance, Dich als Problemlöser zu präsentieren.”

Das ist alles nicht einfach. Als ob es nicht schon schwer genug wäre, nur schwerhörig zu sein. Aber das reicht eben nicht. Und daran kann man nicht nur den anderen die Schuld geben.

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57 Antworten zu ““Es reicht nicht, schwerhörig zu sein, Baby — Du musst auch noch gut damit umgehen!”

  1. Ich staune bei solchen Geschichten immer, dass es noch Arbeitgeber gibt, die es sich leisten können, so leichtfertig qualifizierte Bewerber abzulehnen.
    Aber ich war bei den Gesprächen ja nicht dabei. Weiß nicht, wie er sich verkauft hat.

  2. Ja, das ist die andere Seite. Noch eine andere ist natürlich echte Diskriminierung. Das was mich bei der Sache angesprochen hat, war der Eindruck, dass hier jemand verschämt bis gar nicht mit einem Problem umgeht, was sich dann, wenig wundersam, gegen ihn wendet.

  3. carole lafargue

    …was soll man da schreiben: Fakt ist wenn man es an den Ohren hat und telefonieren soll mit CI – das ist zumindest noch in meinem Fall eine echte Herausforderung und man ist besser immer noch Botschafter in eigener Sache. Ist nicht einfach – kostet viel Nerven bis man die technischen Hilfsmittel alle durchprobiert hat. Im Ergebnis hat das bestmögliche genommen und ist schlauer was andere Anbieter von technischen Hilfsmittel für CI-Träger können oder auch nicht. Schwerhörig oder Ertaubt zu sein ist und bleibt oft genug so wie es ist: Man hat keine gesunden Ohren! Ich bleibe dabei und sag wie es ist… sehr zu empfehlen :-)

  4. Ehrlich gesagt: Einen Job annehmen bei dem Telefonieren wichtig ist halte ich für Menschen mit einem CI für fahrlässig. Zudem frage ich mich ernsthaft , wie es dieser Kollege schaffte, die CIs bzw. die Hörbehinderung über mehrere Monate zu verheimlichen. Das geht doch gar nicht! Der Sprachprozessor hinter dem Ohr ist grösser als das stärkste HdO-Hörgerät, dazu kommen der Draht und der Knopf am Ohr. Verheimlichen bringt nichts ausser Stress und birgt ein grosses Gesunheitsrisiko. Das ist verantwortungslos, sich selbst und den anderen gegenüber. Ich bin mit dieser Strategie bisher sehr gut gefahren: Im Bewerbungsschreiben erwähne ich nichts von der Hörbehinderung, aber am Bewerbungsgespräch gehe ich gleich zu Beginn darauf ein. So vermeide ich peinliche Situationen und ich stehe auch nicht als Lügner da. Wichig ist natürlich, dass man sich am Bewerbungsgespräch gut verkauft. Manchmal frage ich schon vor dem Abschicken der Bewerbung nach (per E-Mail!) wie zentral das Telefon bei diesem Job ist. Ist das Telefon wichtig, das verzichte ich dankend auf eine Bewerbung.

    @not quite like beethoven
    Ich vermute, dass es diesen Kollegen gar nicht gibt. Den hast du für diesen Post erfunden damit du elegant ein sehr wichtiges Thema präsentieren kannst ;-) .

  5. Mut und Kreativität im Umgang mit Handicaps sind leider Mangelware – auf beiden Seiten. Ich bin mit dem offenen Umgang mit der Hörschädigung meist besser gefahren. Ob ich in Sachen Aufklärung mehr erreicht habe, bin ich mir nicht sicher. Aber psychologisch war es für mich besser. Kein Verbiegen, Durchschummeln, Hinterherhetzen. Das gibt Selbstbewusstsein, was es Nicht-Betroffenen leichter (attraktiver?) macht, auf die besonderen Bedürfnisse einzugehen. Weiß Dein Bekannter um seine Stärken? Hat er diese geschickt (Mut/Kreativität) eingesetzt?
    In jedem Fall finde ich es ungerecht, den “Fehler” beim “Behinderten” zu suchen. Behindert ist man nicht, behindert wird man!
    Leider liegt der Schlüssel zu Lösung immer noch bei den Betroffenen.

  6. Dochdoch, Dominik, die Person gibt’s. Mit dieser Geschichte. Ist keine weitere Frau Meyer… : )

    Noch einen wichtigen Punkt, der für Offenheit spricht, ist Vertrauen. Wann und wie man über Schwerhörigkeit und die damit verbundenen Einschränkungen spricht, ist ja ein komplexes Thema. Aber gar nicht darüber sprechen — da kann ich schon verstehen wenn Arbeitgeber das als Vertrauensbruch werten, wenn es Probleme gibt und dann rauskommt.

  7. Hallo, das Thema finde ich sehr interessant. Bei mir würde ich schon sagen, dass es mir anerzogen wurde, mich erst gar nicht mit dem Thema Schwerhörigkeit auseinanderzusetzen. Also, bevor ich in Klasse 5 eingeschult wurde in die Hauptschule, ordnete mein Vater mir an, mich sofort an den Pult zu begeben und der neuen Lehrerin mein Schwerbehindertenausweis zu präsentieren. Ich fühlte mich dermaßen scheiße damit, kann ich sagen, aber was mein Vater sagte, war Gesetz…ich stellte mich am 1. Schultag in der Hauptschule also an den Pult und dann glotzten mich 32 Augenpaare an und ich wär gern im Boden versunken. Ich quetschte ein leises:”Ich bin schwerhörig” hervor,dann wurde ich in der Nähe des Pultes gesetzt.. Das wars dann. Praktischerweise kam mein Bruder, der nur 10 Mon. jünger war als ich, mit in meine Klasse. Geholfen hat er mir allerdings nur selten-. Jedenfalls war es sonst kein Thema, das Schwerhörig sein, ich hatte eine Freundin gefunden, deren Geschwister hörgeschädigt waren und die hatte mir manches Mal gut helfen können mit Mund ablesen und Fingeralphabet unterm Tisch…Der Deutsch- Lehrer stand zum Diktat direkt vor mir, er war der einzige, der auf mich Rücksicht nahm, so schrieb ich gute Diktate. Aber die anderen alle…und ich schwieg dann auch, weil ich mich geschämt habe…Mein Vater und andere lehrten mich, dass ich mich anzupassen hätte, damit ich in der Welt der Hörenden klar komme. Nun, das habe ich getan und nun habe ich seit Jahren mit Erschöpfung zu tun und muss mich jetzt damit auseinandersetzen, das die Behinderung, damit auch diese Eigensinnigkeiten,Eigenwilligkeit einfach auch dazugehören , ich hab eben diese Macken, und möchte es schaffen, endlich hunderprozentig zu mir und allem,was mich ausmacht zu stehen und sein dürfen, wie man ist, auch wenn es anderen nicht gefällt.

    Ich fand das auch immer bescheuert, wenn ich mit meiner Mutter als Kind und Jugendliche unterwegs war… die traf immer irgendjemandem und hielt dann ein Schwätzchen und ich stand blöde daneben. Plötzlich wurde ich angesprochen und ich kam nicht weiter als :”Hm?”, da flötete meine Mutter auch schon:”Du musst lauter reden, meine Tochter hört schwer!” Ich sagte ihr dann kurz darauf, das ich das selber sagen will und vor allem bestimme ich meinen Zeitpunkt selber! Ich hatte bei ihr nie eine Chance, selbst darauf hinzuweisen…andererseits fand ich die aufgezwungenen Small Talks doof und das machte mich ohnehin bockig. Bei Hörenden sage ich zu Anfang immer, das ich schwerhörig bzw. bin ich jetzt fast taub , aber ich habe es manchmal so satt, mich dahingehend zu wiederholen, weil es von anderen ständig vergessen wird. Ich weiß und spürte die Erwartungen anderer. Selbst auf der Berufsschule in Essen, das für Hörgeschädigte ist, sagte ein Lehrer: “Ihr als Hörgeschädigte müsst besser sein als andere. Ihr müsst ihnen beweisen, dass ihr es drauf habt und noch besser, sonst seid ihr draußen.”
    Das finde ich ungeheuerlich, denn wenn ich eines schon sehr früh merkte, dass dieses ewige Leistungsdenken eher kontraproduktiv ist.Ich bin der Meinung, jeder hat seine eigenen Talente und Fähigkeiten und wenn man die weiß oder herausfindet, dann läufts von selbst. Dann arbeitet man wirklich effektiv, weil auch der Spaß dazu gehört und nicht nur die Leistung. Für mich gehört soviel mehr dazu, aber es ist schade: Das will keiner hören und dann heißt es stets:”Na, super,Claudia, sind wir wieder in deiner heilen Welt? Machste wieder den Gut-Menschen?”
    Wobei ich sagen muss, das es gerade heutzutage nicht schlimm ist, ein Gutmensch zu sein, wo jeder nur an sich selbst zu denken scheint.

    Es ist auch nicht unbedingt hilfreich, dass meine Sprache trotz praktischer Taubheit sowas von perfekt ist. Das,was mich früher stolz machte, finde ich nun schon etwas hinderlich…selbst Verschlimmerungsanträge des Schwerbehindertenausweises in Bezug auf meiner Hörfähigkeit werden damit abgelehnt, dass keine Kontaktprobleme bestünden, denn ich spreche ja ausgezeichnet. Es ist ja nicht zu glauben, aber sozial isoliert bin ich trotzdem. Ehrlich gesagt, auch aus Enttäuschung. Viele glauben mir es ja nicht einmal, dass ich fast taub bin.. Auch der frühere Arbeitskollege meines Mannes kam aus dem Wundern nicht raus. Der sagte immer:”Nee, oder?”

    Na, ich echauffiere mich schon wieder. Nichts für ungut.

  8. Ehrlich gesagt… die Story hört sich für mich ziemlich danach an als wäre das CI eine willkommene Ausrede.

  9. Tschap_und_aus!

    An Claudia,
    da bist du nicht alleine. Dieses perverse Denken gegenüber Hörgeschädigten ist leider immer noch usus, weil die allermeisten hörenden Menschen (auch die im Hörgeschädigtenwesen – siehe z.B. dein Beispiel aus Essen) denken, so würden Schwerhörige integriert. Diese Burn-out-Effekte werden zumeist völlig ignoriert.

    Lebe zumindest weiter entspannt so weiter. Ich tu das inzwischen auch und bin da inzwischen völlig schmerzbefreit.

    Dazu gehört z.B. auch bei Bewerbungsgesprächen zu sagen, dass ich unter keinen Umständen persönlich Telefonieren kann und werde. Je nachdem wie die Reaktion der Firma ausfällt biete ich z.B. so was wie Tess als Problemlösung an. Mir ist es inzwischen völlig egal was die Firma denkt, oder vermeintlich will. Entweder sie nimmt mich so wie ich bin, oder die Firma lässt es halt sein. Ich akzeptiere es auch, dass ich gefühlt bei 98% der Firmen so gleich rausfliege. Beim Rest muss man aber auch aufpassen. Nicht selten wird gedacht, dass der behinderte Bewerber sich eh in einer Notlage befindet und eh überall abgelehnt wurde, also diesen man besonders gut ausnutzen, ausbeuten und verarschen kann. Manche sind da ganz geschickt dies zu verbergen. Aber nach lehrreichen Erfahrungen bin ich da inzwischen auch resistent.

    Im Endeffekt bleibt dann nicht mehr viel übrig an echten Jobangeboten für einen hörgeschädigten Bewerber. Der hörgeschädigte Bewerber muss sich in jedem Fall nochmals intensiver Bewerber und Jobs suchen, als nicht behinderte Menschen.

    Natürlich ist dies alles immer ein wenig Branchenabhängig. Aber die Arbeitslosenquote unter Gehörlosen und Schwerhörigen soll nicht gerade gering sein und aus eigener Erfahrung stimmt dies auch wohl so.

  10. Hey … hier is ja was los …

    Zur ignoranten Gesellschaft: Auch ich habe die Vision, dass eines Tages Behinderung nicht mehr nur als Defizit verstanden wird, sondern auch als Ressource. Freund D. scheint mir aber momentan nicht gerade das ideale Medium, diese Message in die Welt zu bringen.

    Wenn mir ein neuer Kollege so ein wichtiges Detail verschweigen würde. wäre ich ziemlich sauer.

    Keine Ahnung, wie lang es dauert, bis man eine Behinderung als Teil seiner Identität akzeptiert. Wenn ich mir überlege, wie viele Leute echt unsicher, verklemmt und reizbar sind, weil sie mit ihrer Rückenbehaarung oder einem Doppelkinn nicht klar kommen, dann finde ich es schon recht viel verlangt, dass Freund D. mit seiner frischen Schwerhörigkeit die Personaler um den Finger wickeln soll.

    Klaro, ihm ne Wanne Selbstmitleid einzulassen und den Rücken zu schrubben, bringt ihn nicht näher an den Traumjob. Aber vielleicht ist dafür auch gerade nicht der Moment? Warum nicht ein bisschen Wunden lecken und in sich gehen? Vielleicht passt sein Beruf einfach nicht mehr?

  11. Ich habe mir lange überlegt, wie eine Lösung für dieses Problem aussehen könnte. Mir fällt aber bis jetzt noch nicht ein, weshalb Hörgeschädigte eine signifikant ausgeprägtere Persönlichkeit haben könnten, um die Probleme zu überdecken, indem sie souverän gemeistert werden. Viele Hörgeschädigte umgehen das Problem, indem sie in ihrer Scheinwelt leben, hier im Beitrag als Isolation dargestellt oder in der anderen Extremvariante – dem Rückzug in die Gehörlosengemeinschaft.

    Hat jemand eine Ahnung, wie man sich so eine Persönlichkeit zulegen kann? Die souveräne Art eines Helmut Schmidt, das Charisma von Steve Jobs, das soziale Geschick einer Oprah Winfrey und noch ein paar weitere Eigenschaften zu kombinieren, ist meines Erachtens zu viel verlangt. Scheint aber auch nötig zu sein, denn bisher sind alle mir bekannten Hörgeschädigten, die Anzahl dürfte in die Hunderte gehen, scheitern an einem souveränen Umgang mit ihrer Hörbeeinträchtigung. Manche davon kläglich, andere durch Isolation/Rückzug. Viele sind auf einem guten Weg, aber das Problem gelöst hat bisher noch keiner.

    Ist das die Quadratur des Kreises für uns?

  12. Guten Morgen allerseits,
    also, Fakt ist zunächst einmal für mich: Ich h a b e ein Defizit. Diese kann man allerdings mittelfristig irgendwie kompensieren, entweder man stellt sich dumm und tut so, als habe man verstanden, man benutzt die Augen permanent und lässt seine Gefühlsantennen wie ein Seismograph ausfahren, was allerdings permanente Anspannung bedeutet.
    Sich zu einer Hörschädigung glas-klar, zu bekennen,mit all seinen Auswirkungen, finde ich sehr schwer, vor allem dann, wenn die Ursprungsfamilie sich eine Welt zurecht gelegt hat, für all die hätte es nach außen hin keine Schwächen zu geben. Manches ist mir erst vor nicht sehr langer Zeit erst bewusst geworden. Haltung zu bewahren und sich nichts anmerken lassen, war die Devise.
    Ich war als Kind sehr wütend, durfte dies aber nicht äußern, denn Erwachsene haben i m m e r recht und Kinder die Klappe zu halten. Ich fühlte mich unverstanden, das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Was hab ich als Kind schon für Eigenheiten gehabt? Ich war einfach nur verträumt und so herrlich unschuldig naiv. Gleichwohl hatte ich wie meine Geschwister zu gehorchen: Wer nicht hören will, muss fühlen. Ich wurde stark kritisiert, wenn ich das Fernsehen für hörende Verhältnisse zu laut hatte. Dann habe ich bereits sehr früh intensivere Gefühle als Normalos gehabt und ich konnte wie ein Wasserfall darüber reden, bis mir schließlich der Mund verboten wurde und dies alles als Einbildung abgetan wurde. Ich hatte mich also i h n e n anzupassen, und ich dachte, das sei normal. Zugleich entwickelte sich bei mir Wut, erst auf die anderen,dann auf mich selbst und ich konnte mir das nicht erklären. Nun sind sie fast alle tot, und ich finde es schade, das die das so machten, ich hätte mir so gewünscht, Anerkennung dafür zu bekommen, dass ich eben einfach da bin oder nur bin. Es war auch so, dass man nur für Leistung anerkannt wurde. Ich neige stets dazu, erst andere zufrieden zu stellen. Und dagegen wehre ich mich nun. Für meine Mutter war ich ein merkwürdiges Kind.Jedenfalls dachte ich immer, wenn was schief lief, war ich immer schuld und irgendwie war ich falsch oder nicht richtig.
    Mir geht es darum, ich bin nicht perfekt, und ich will es nicht mehr sein. Mein Mann sagt, es scheint so zu sein, dass ich meine Behinderung nicht wirklich akzeptiert habe. Das zeigte sich neulich an einer eigentlich typischen Situation. Kürzlich hielten wir ein Familienrat ab, mein Sohn und seine Freundin waren da. Er macht einen Lehrgang, wohnt wegen der Entfernung zum Lehrgang bei seiner Freundin. Nun ist es so, bei ihm war Geld knapp und er wollte von uns “was haben”. Er ist so eine Art Rumpelstilzchen und sieht erst jetzt, das wir selbst geldknapp sind, denn mein Mann sucht seit seiner abgeschlossenen Umschulung als Fachinformatiker seit Jan, 2012. Niemand nimmt ihn, er ist 46, selbst Typ 1 Diabetiker und ehem. 2-fach an Krebs erkrankt gewesen und das ist überstanden. Für viele ist er wohl zu alt, aber mein Mann möchte nichts anderes, als arbeiten. Ich bin seit 20 Jahren Hausfrau und habe seitdem Haus,Hof,Hund und 2 Söhne großgezogen und deren Pubertät war alles andere als einfach. Es hat mich Kraft gekostet, Morbus Meniere vor 12 Jahren bekommen, belegt den Stress auf ziemlich üble Weise. Ich hatte nie wirklich Rücksichtnahme eingefordert, ich dachte, ich brauch das nicht, ich hör noch genug.Und falls ich es mal versuchte, wurde das abgetan irgendwie, und was machte ich um des lieben Friedens willen? Na, die bekamen ihre Tomaten, obwohl ich als Apfelbaum meine Ruhe wollte. Seit einiger Zeit versuche ich, trotz alledem mein Leben zu meistern. Mehr Entspannung reinzubringen, meinem eigenen Rhythmus zu folgen, Pausen zu machen, nicht so perfekt zu sein—also allem hinterher zu räumen ist nicht mehr…Und trotz der Krankheit meines Mannes ist es mir gelungen, immerhin die Morbus Meniere Symptome zu eliminieren, dh,ich hab seit 4 Jahren keine Anfälle mehr. Das habe ich, denke ich, auch dem Umstand zu verdanken, dass ich versuchte, mehr auf mich zu achten. Geblieben ist mir die praktische Taubheit. Jetzt hängt uns das Jobcenter im Nacken, wir mussten uns alle “entblößen”, um etwas Geld von denen zu bekommen. Wir haben sogar 5 qm Wohnraum zuviel, die wollen, das wir ausziehen. Da suche ich jetzt einen Psychologen, der mir bescheinigt, dass ein Umzug mir eher schadet als nützt, denn ich habe es mir hier sehr schön und gut eingerichtet, dass ich mich wohlfühlen kann. Da kommt also unser Sohn und überlegt mit uns, wie wir ihm noch etwas Geld überlassen könnten. Ich sitz da so mit am Tisch und merke gar nicht, das mein Mann und mein Sohn sich inzwischen geeinigt haben. Da rede ich also freimütig weiter und plötzlich fuhr mein Sohn mich an, das wir das Thema schon durch hätten und schimpfte derart und gebrauchte auch ein paar freche Ausdrücke. Die Freundin war auch genervt von meinen Einwürfen und ich verstand nicht, was die nun haben, denn meine Argumente hielt ich für ok. Über die verbale Entgleisung war ich so sehr gekränkt, das ich den Raum verließ und ich meinen Sohn nicht mehr zu sprechen wünschte. Mein Mann versuchte bisher erfolglos zu vermitteln, das da wohl Missverständnisse seien, das ich wohl nicht gemerkt hätte, das das Thema vom Tisch war und zugleich ignorierte mein Sohn die Tatsache, das ich eben nicht anders k a n n…er hat im Gegensatz zu meinem jüngsten Sohn sehr wenig Empathie. Mein Mann sagt, ich müsse dem älteren Sohn immer wieder klar machen, dass ich bestenfalls nur 20 % von dem mitkriege, was da geredet wird, dann 30 % vom Mund abgelesen wird und der Rest eben kombiniert. Ist natürlich immer Arbeit und anstrengend. Trotz aller Bemühungen meinerseits gibts halt immer wieder diese Hör-Pannen. Als ich die Kinder bekommen habe, wollte ich eine gute Mutter und Ehefrau sein. Und ich wollte mich gut einbringen und eben nützlich sein. Mit dieser Perfektion habe ich mir allerdings keinen Gefallen getan…Jetzt will das Jobcenter, das ich demnächst zum berufspsychologischen Test gehe, denn ich hätte ja lange als Hausfrau fungiert und irgendwas müsse man doch mit mir tun…Ich habe ehrlich gesagt Angst, das man mich wohinstecken könnte, was mit mir nicht das geringste zu tun hat. Ich habe meinen eigenen Rhythmus, habe meine Tätigkeiten, die ziemlich alles einschließen. Ich schneide meinen Söhnen heut noch die Haare, gärtnere und nähe Stoffpuppen nach Waldorf-Art. Ich bin ein sehr kreativer Mensch. Leider auch hochsensibel, so sehr, dass ich mich kaum in Räumen aufhalten kann, wo viele Menschen sind. Ich bin ein Staubsauger, der Unsichtbares und Non-verbales aufnimmt wie ein Schwamm. Dann habe ich Stress und fühle mich sehr unwohl. Das ist e i n Grund meines Rückzugs, der 2. Grund, die Enttäuschung über gewisse Mitmenschen, die mich vermutlich nicht verstehen wollen, trotz aller Versuche meinerseits. Mich macht das gelegentlich sehr müde. Ich würde sehr gerne dahin kommen, ich mich komplett so mag mit meinen Macken, wie ich bin und das mich das gleichgültig lässt, was a n d e r e sagen oder tun. Das Jobcenter allerdings regt mich dermaßen auf, weil ich mich in meiner Freiheit beschnitten sehe, es fingt ja mit Hin-zitierungen an und Sanktionsdrohungen, wenn man diesen nicht Folge leistet. Für mich ein enormer Eingriff in das Grundgesetz, das Recht auf freie Entfaltung und Persönlichkeitsrecht. Ich möchte, das Behinderte nicht in einen Topf geworfen werden, denn ein jeder hat Talente und Fähigkeiten, die genutzt werden sollten. Es sollte zum echten Wohle eines jeden einzelnen sein und nicht zum Wohle des Staates, die mir ihrem kranken System sehr viele Menschen in den Abgrund treibt. Und ich finde die Gesellschaft immer noch sehr spießig und intolerant, trotz inzwischen kleinerer positiven Erfahrungen: Es müsste noch viel mehr geschehen, damit andere Menschen begreifen, das das Anders-sein ein normaler Zustand ist.In Gottes Garten hat doch jedes Gewächs seinen Wert!

  13. Beratungstellen empfehlen bei Bewerbungen taktisch genau das, was Dominik schreibt: Nicht im Anschreiben, aber im direkten Gespräch die Hörminderung ansprechen. Und genau angeben, was geht und was nicht geht, denn Umwege für manche Situationen gibt es ja durchaus.

    Aber wenn jemand weiß, dass im Beruf das Telefonieren wegen Hörschäden einfach nicht geht, dann ist es wirklich naiv, wenn irgendwie der “böse” Arbeitgeber das dann verantworten soll. Genauso ist es unsinnig, wenn jemand mit Gehbehinderung bewusst einen Job mit Transportarbeiten annimmt, die er einfach nicht schaffen kann. Das wird ein Eigentor.

    Andererseits ist die Telefoniererei leider sehr verbreitet, die Nachteile aber auch. Als Nicht-Quatscher kann man sich positiv verkaufen: Mehr Konzentration, klare Kommunikation, schnellere Aktion, mehr Tatumsetzung als Gerede, keine Zeitverschwendung, schriftliche Protokolle nutzen dem Team … Das war hier schon mal Thema.

  14. Tschap_und_aus!

    Zum Kommentar von Pia Butzky habe ich noch etwas dazuzufügen.

    Es geht ja sogar weniger um völlig ungeeignete Jobs, sondern darum das nicht wenige AG sich irgendwas hinkonstruieren.

    Ein Gehbehinderter kann i.d.R. Büroarbeiten ohne Probleme erledigen, braucht aber u.U. einen neuen Schreibtisch unter dem der Rolli passt und sonstige Kleinigkeiten. Das allein sind für einige AG schon Gründe diesen gehbehinderten Bewerber abzulehnen. Reicht dies nicht, werden Gründe dazukonstruiert wie, dass der Gehbehinderte nicht so leicht zackig seine Drucksachen vom zentralen Bürodrucker holen kann und dann unmöglich schnell das klingelnde Telefon mit wichtigem Kundenkontakt erreichen kann. Oder einfach nicht zackig und schnell auf zuruf beim Chef auftauchen kann usw. In kurz: “Der Gehbehinderte nicht Systemkonform in die Firma passt, wo Gewohnheiten für alle Ewigkeiten in Beton gegossen und selbst die kleinsten Umstellungen zu teuer, zu umständlich usw. sind.”

    Es ist inzwischen fast völlig egal welche Branche und welchen Job man sich aussucht. Es wird grundsätzlich telefonische Erreichbarkeit erwartet in der Form, dass das Telefon akustisch genutzt wird. Selbst Putzfrauen/männer müssen immer öfters per Handy erreichbar sein um noch mal schnell irgendwelche Anweisungen zu geben, oder Umorganisationen von Arbeitszeiten usw. mitzuteilen. Alternativen wie SMS werden überhaupt nicht toleriert.

    Das ist m.M.n. ein großes Problem für Hörgeschädigte inzwischen.

    Da helfen auch besondere Persönlichkeitsstrukturen nur sehr, sehr wenig. Einzig Vitamin B hilft hier so einigermaßen und selbst so ist es schon schwer. Meine Antwort an Jochen ist: “Ja, es ist die Quadratur des Kreises.”

  15. @Claudia: Lass dir das möglichst ärztlich bescheinigen, dass du nicht belastbar bist wegen Meniere und Hörverlust. Dann musst du das Theater mit dem Jobcenter nicht mitmachen.

    Noch ein Tipp:
    Hast du nicht Lust, deine Puppen für andere anzufertigen und zu verkaufen? Dann kannst du dem Jobcenter deine Selbstständigkeit angeben. Ein Bekannter von mir macht das, er verdient zwar viel zu wenig, bekommt also weiterhin Hartz4, kann aber seine Zeit dazu nutzen, um seine Selbstständigkeit zu verfolgen und muss keine unsinnigen verordneten Jobs mehr machen.

    Andererseits kann es sein, dass du eine Fortbildung bekommst, die dir Spaß machen *könnte*. Es kommt darauf, wie man es sieht. Mir wurde während meiner Arbeitslosigkeit vor ein paar Jahren eine Fortbildung finanziert, von der ich heute noch enorm profitiere. Diese Fortbildung hatte ich mir gewünscht, sie wurde mir nicht aufgedrückt. Also, ich habe da sehr gute Erfahrungen gemacht und bin immer noch froh, dass es finanziert wurde. Als Schwerbehinderte hatte ich sogar richtig nette Sachbearbeiter.
    Unfassbar, eigentlich.

  16. Ja, die schon wieder

    Guter Fake, aber nicht jede(r) fällt auf das konstruierte zu anfangs geschilderte Märchen herein. –> Urheber

    1 CI oder CIs (Plural)?? Du hast die Rückkopplung über das Headset
    unberücksichtigt gelassen und “Störungen” durch Außengeräusche
    anderer im Raum völlig verschwiegen. Out- oder Inbound?
    50 Bewerbungen (die Null nach der 5 ist offensichtlich übertrieben in der Branche für Telemarketing).

    Die närrische Zeit für Perückenträger beginnt erst ab dem 11.11.2012 wieder.
    Als Aprilscherz bist DU etwas zu spät dran.

    End

  17. @Claudia: “Jetzt will das Jobcenter, das ich demnächst zum berufspsychologischen Test gehe …Ich habe ehrlich gesagt Angst, das man mich wohinstecken könnte, was mit mir nicht das geringste zu tun hat.”

    Komm dem zuvor, drehe es um und nutze deine Chance. Es geht in dem Test darum, etwas Passendes für dich zu finden. Wenn du gern nähst und gern kreativ bist, teile das den Leuten mit, bringe sie auf die richtige Spur, lenke sie in deine Richtung. Was würdest du gern machen, wofür kannst du dich begeistern? Gib dem Jobcenter die Aufgabe, etwas mit Nähen und Handarbeiten für dich zu finden. Nutze das Jobcenter für deine Ziele, anstatt Gegner in ihnen zu sehen. ;)

  18. Zuerst einmal: ich habe mich auch die ganze Zeit gewundert, wie ein CI, das ja eigentlich optisch sichtbar sein müsste, längere Zeit u n b e m e r k t sein kann??? Es sei denn, man trägt nen Käppi oder sowas? Ich hab ja schon ein Problem, mir im Winter eine Mütze aufzusetzen, das Hörgerät pfeift sich dann einen von der Seele…dann muss ich meist die Lautstärke drosseln…wenn das nen Fake ist, finde ich das schon scheiße, hier suchen Leute Ansprache und vor allem Austausch!

    An Pia: Deine Idee find ich super, mein Mann und ich dachten daran, nur, wir dachten daran, dass es ein Psychologe sein müsste, der mir dies bescheinigen würde…Reicht es denn, wenn das ein Hausarzt macht?

    Mein Mann hat in allem, was wir tun, eine gewisse Priorität, denn er war Zeit seines Lebens Alleinverdiener…Man weiß ja, das es scheinbar heutzutage nicht mehr so reicht, um über die Runden zu kommen. Also, ehrlich gesagt, kam ich noch nicht auf die Idee, dem Jobcenter zu erzählen, dass ich Puppen nähe..nicht weil ich mich schäme, es ergab sich nicht, die sahen, ich war Hausfrau und auch an Morbus Meniere erkrankt, Kinder erzogen und nebenbei dem Mann beigestanden, als er schwerkrank war…meine Ausbildung kam kurz zur Sprache, 3 Jahre bei einer Stadtverwaltung…Abbruch desselben vor der Abschlußprüfung…da war ich psychisch schon sehr belastet…und e i n Grund für den Abbruch war, das mich dann überhaupt nicht mehr mit diesem Beruf identifizieren konnte, ich war u.a. bei der Ausländerbehörde und dort wurde nicht gerade nett mit diesen Menschen umgegangen, also das waren nur Aktenzeichen und keine Menschen und vom Schreibtisch wurde lapidar über deren Schicksal entschieden…und ich habe so eine große Empathie…das war immer so und ich bin froh, das ich keine Verwaltungsfachangestellte geworden bin. So kalt wie es im Jobcenter manchmal zugeht, also..nee. .es ist in der Tat so, mein Mann ist immer bei so Gesprächen dabei und ich verstehe den Mann hinterm Schreibtisch nicht oder kaum, daher ist mein Mann immer mit, damit er mich bei direkt Anfragen “dolmetschen” kann (ich kann Gebärdensprache nur als Grundlage, als mit dolmetschen meine ich also sprachlich wiederholen, sein Mundbild kenne ich eben besser).
    Da ich leider auch hochsensibel bin, bemerke sehr rasch, was und wer im Raum disharmonisch ist und da muss ich gut geerdet sein, um das auszuhalten…ich werde sehr schnell nervös und hege dann gelegentlich Fluchtgedanken. Nun, ich wusste ja auch nicht, dass ich gar nicht diese Eingliederungsvereinbarung unterschreiben muss…ich dachte ich müsste das und es wird rasch mit Sanktionen gedroht, wenn man es nicht tut…das letzte mal unterschrieb ich, weil ich raus wollte, es war so unangenehm da drin… Also ich meine, die Leute werden alle verarscht und in Situationen getrieben , das Jobcenter verstößt gegen sämtliche Gesetze und in einem Fall, so las ich, haben sie das Grundgesetz sogar umschiffen können, das ist ungeheuerlich. Was mich nur wundert, die Leute haben manchmal keine Kraft mehr sich zu wehren, das aller zermürbt doch sehr, und die Leute sind unwissend und nehmen vieles hin…in Frankreich protestierten die Jobcenter-Mitarbeiter bereits, das die Sanktionen nicht mehr verhängen wollen. Und in Deutschland? Oben haben die sich dahingehend abgesichert, dass es das Streikverbot gibt und von oben herrscht dermaßen Druck, dass die Jobcenter-Mitarbeiter ihre Dinge erfüllen müssen. Es ist dort sehr gespalten, die einen machen kaltherzig weiter aus Überzeugung, dass 90% aller “Kunden” Sozial-Schmarotzer sind und die anderen machen nur deshalb weiter, weil die selber Angst haben, auf der anderen Seite des Schreibtisches zu landen, trotz der gefühlten Unmenschlichkeit…Da frage ich mich, was ist das für ein System geworden?Und das ist nur eines von vielen Systemen in diesem Land, was krankt. Und die Politiker? Die Lügen und mauschelnb, das sich die Balken biegen. Ich glaube nicht mal, das die Wahlen etwas groß verändern werden.

    Nun, ich versuche schon ,meine Puppen zu verkaufen..allerdings noch privat. auf ebay…überall ist allerdings die Konkurrenz groß , deshalb kommt damit noch kaum Geld rein. Mein Mann und ich überlegten bereits, das ich eine Art Nebenjob-Selbständigkeit mache, also im Kleinen, damit ich noch über ihn krankenversichert bleiben kann. Er selbst arbeitet jetzt an einer Selbstständigkeit…ein enormer Schritt, der viel Mut erfordert…

    Es tut mir gut, hier schreiben zu können. Danke für eure Geduld.

  19. Nur schnell zwischen Tür und Angel: Leute, Ihr könnt sicher sein, wenn ich mir die Sache ausgedacht hätte, dann wäre sie etwas ausgefeilter.
    Außerdem: Schon bei halblangen Haaren sieht man ein CI nicht mehr, wenn man nicht danach guckt oder es zufällig sichtbar wird. Ein CI hat keine Rückkopplungsgeräusche, schon die meisten modernen Hörgeräte nicht. Und die Branche ist nicht Telemarketing.

  20. Ein anderes Thema: Schon mal was von auditorisches Hirnstammimplantat gehört?

    http://derstandard.at/1350259770313/Erstes-auditorisches-Hirnstammimplantat-in-Oesterreich

    Es sieht so aus, dass dank diese medizinische Fortschritt irgendwann keine komplett gehörlosen Menschen mehr geben wird.

  21. Ja, die schon wieder

    Hallo Claudia, Du könntest siehe unten viele Tipps allgemein zum SGB II finden.

    Zur Wohnungsgröße gibt es unterschiedliche Verfahrensweisen in den jeweiligen Bundesländern.

    http://www.erwerbslosenforum.de/

    Viel Erfolg beim Schmökern

  22. @ Claudia: Zur ärztlichen Bescheinigung weiß ich nichts Fachliches, aber ein HNO-Arzt, der Meniere und Hörverlust bescheinigt, wäre mir persönlich lieber als die psychologische Schiene. Gerade Meniere-Patienten müssen sich immer dagegen wehren, als “Psychos” abgetan zu werden. Also die konkrete körperliche Schädigung des Innenohres reicht doch völlig aus, um jedem klarzumachen, dass man im Beruf eingeschränkt ist: Schwankschwindel, Drehschwindel, Sturzgefahr, Hörverlust, Tinnitus, Konzentrationsschwäche, Erschöpfung, Schlafstörungen, Ohrendruck/schmerzen, Verständigungsprobleme usw.

    Ein HNO-Arzt, der sich mit der Krankheit auskennt, kann das bestätigen.
    Frag doch mal im Selbsthilfeverein Meniere: http://www.kimm-ev.de/

  23. Ich habe zwar kein Meniere, aber ich würde auch lieber zu einem HNO gehen. Es geht ja nicht nur um das Attest, mit dem man dann die Agentur für Arbeit ein wenig in Schach halten kann. Es geht ja auch darum, dass es etwas ist, das nicht “nur” in Deiner Psyche ist. (Ich will psychische Krankheiten gar nicht verharmlosen, ich meine nur, dass es ein HNO-Bescheid auch bei der Durchsetzung nach außen einfacher macht als ein psychologischer.)

  24. Oh, mein Buddha. Jochen, die Bezeichnungen “Rückzug” oder “Isolation” sind einfach nur falsch. Jeder Mensch, ganz egal ob taub, schwerhörig, hörend, weiblich oder männlich, hat nun mal eine selbst ausgesuchte Gemeinschaft. Die Gebärdensprachgemeinschaft ist nur eine von unzähligen Gemeinschaften in Deutschland. Die Gemeinschaft der tauben Menschen ist eine sehr gute Umgebung für die Selbstverwirklichung. Nicht umsonst haben viele tauben Menschen Erfolg im Berufsleben.

    Shnezena, es ist nicht im Interesse von tauben Menschen, dass die Taubheit irgendwann mal der Vergangenheit angehört.

  25. Oh, mein Buddha? Die Bezeichnung Rückzug ist komplett zutreffend und dein Einwand ist unpassend. Wenn sich jemand in eine Gemeinschaft zurückzieht, um den Kontakt mit anderen Menschen zu vermeiden, dann ist das ein Rückzug. Normale Menschen umgeben sich mit zig verschiedenen Gemeinschaften. Im Berufsleben, im Sportverein, in der Familie, mit den Freunden, mit den Freunden des Lebenspartners, mit den Nachbarn, usw. Wenn man nur noch eine einzelne Gemeinschaft um sich herum hat, ist das eine deutliche Einschränkung.

    Mir widerstrebt es, etwas diplomatisch zu formulieren, das eine Antwort auf deine Aussage des Desinteresses von tauben Menschen darstellen soll. Eine solche absurde Aussage zu treffen ist dreist. Höchstwahrscheinlich bemerkst du das gar nicht, das zeigt nur vielmehr, in welcher Scheinwelt du selbst lebst. Wir hatten das Thema der Scheinwelten bei den Hörgeschädigten schon sehr oft in diesem Blog.

  26. Vielleicht muss man unterscheiden, zwischen Rückzug und Isolation. Ich selbst habe mich bewusst zurückgezogen, einmal aus reiner Notwendigkeit und einmal aus Enttäuschung. Trotzdem bin ich im Kreise meiner Familie involviert, ich möchte sogar sagen, dass ich der Dreh und Angelpunkt war…zumindest solange mein ältester Sohn permant bei uns wohnte. Der ist jetzt wegen eines Lehrgangs unter der Woche bei seiner Freundin, die eine Wohnung hat und was näher zu seinem Lehrgang ist. Wenn er seiner Ausbildung anfängt im nächsten Sommer, kann es sein, dass er permanent wieder da ist. Da die Ausbildung näher bei uns ist. Oder er kann sich ne Bude nehmen, die er sich leisten kann, aber es ist eine Geldfrage.Und mein Ältester ist jemand, der Aufmerksamkeit braucht und den er sich holt manchmal auch darüber, indem er uns und sich selbst Stress macht. Und ich bin sein Gewinn, seine Aufmerksamkeit. Das ist wahnsinnig anstrengend und es ist so, dass ich inzwischen gelernt habe, ihm Grenzen aufzuzeigen, wenns mir zuviel wird, dann geh ich raus und zieh mich zurück, vor allem meine gewohnten Zeiten denk ich nicht daran, die zu seinen Gunsten ausfallen zu lassen. Es sei denn: “Man stirbt ab oder ist wirklich dringend…”
    Richtig isoliert fühle ich mich nicht, denn ich hole mir Infos, die ich brauche. Ich hab zB. die Angewohnheit schon als Kind, die Zeitung von vorn bis hinten zu durchkämmen, auch im Internet zu vergleichen (und zu hinterfragen). Ich bin also recht gut über das meiste informiert über Dinge, Menschen und Situiationen…kann also ganz gut mitreden, wenn zu Hause mal politische Diskussionen entbrennen…ich sage oft Dinge, aus meiner Sichtweise , die die anderen oftmals nicht bedenken oder so, zumindest ist es so, dass gerade eine Behinderung offensichtlich andere Sichtweisen möglich machen, denn ich habe manchmal die Fähigkeit, hinter den Kulissen zu schauen. Manchmal wünsche ich mir eine Kolumme schreiben zu können, denn im Nachhinein stellten sich die meisten meiner Einschätzungen über Situationen als richtig oder zumindest in diese Richtung heraus. Meine Isolation würde ich sagen, ist selbst gewählt, ich werde nicht von anderen gemieden. Noch bevor dieses Morbus Meniere da war, dachte ich, ich müsste mitten im Getümmel sein und wollte permanent alles verstehen. Noch heute ist es so, dass ich innerhalb der Familie gern alles verstehen w i l l, was gesprochen wird, vor allem, wenn alle um den Tisch sitzen und durcheinander reden. Das ist der anerzogenen Perfektionismus einerseits, denn früher hatte ich a l l e s hören sollen, und gehorchen. Andererseits ist es Perfektionismus von mir, weil ich habe immer Angst, etwas Wichtiges an Gesprächen zu verpassen.
    Das verdeutlich meine Situation ganz gut, diese Szene aus meiner Kindheit:
    Damals als ca. 12jährige besuchte meine Familie und ich zu einem dieser Feiertage Oma und Opa und wenn wir kamen, fand eine allgemeine Begrüßung statt. Da sagte mir meine Mutter:”Nu gib doch der Gila die Hand, wie sich das gehört!” Das wollt ich ja, ich wunderte mich bloß, das die Gila die Hand in eine etwas Richtung ausstreckte. Ich starrte sie an und da sagte meine Mutter:”Ich hab dir doch erzählt, dass sie blind ist!” Völlig verstört rief ich:”Nein, das hast du mir nicht gesagt! Das hätte ich doch gewusst!” Mutter sagte:”Ich hab dir das gesagt, du hast wohl wieder mal nicht zugehört oder nicht verstanden!” Da war ich schwer gekränkt und betroffen. Es war Gila, die dann sagte:”Schon gut Claudia, es ist nicht schlimm.” Ich nahm ihre Hand und drückte sie. Gila war noch nicht 30, hatte schon wegen Diabetes später an der Dialyse gehangen und der Zucker war ihr “in die Augen gestiegen”, das heißt, sie erblindete dann. Diese Situation war für mich unvergesslich. Ich wusste es wirklich nicht, hatte wirklich meine Zweifel, ob Mutter mir das gesagt hatte, ich war sicher, das sie es nicht getan hatte und doch: Ich konnte niemals sicher sein! Als Hörende hatte Mutter eher recht als ich, SO WAR DAS! Und ich stand da wie ein begossener Pudel, es war mir soooo peinlich wegen meiner Verfehlung, denn es war typisch für mich.

    Ich gehe dann mal einen guten Ohrenarzt suchen. Danke Euch allen.

  27. @Tschap_und_aus! : „Der hörgeschädigte Bewerber muss sich in jedem Fall nochmals intensiver Bewerber und Jobs suchen, als nicht behinderte Menschen.“

    - Da magst Du Recht haben. Andererseits: Wie stellst Du Dir denn den nicht behinderten Bewerber vor? Mit Kopftuch? Schwarz? Alleinerziehend?

    @Jochen: „alle mir bekannten Hörgeschädigten … scheitern an einem souveränen Umgang mit ihrer Hörbeeinträchtigung.“

    - Würde mich auch interessieren, warum es so schwer ist, damit umzugehen. Vielleicht weil die Einschränkung nicht offensichtlich genug ist? Also zu leicht, sie hinter einer brummeligen Art oder introvertierten Haltung zu kaschieren?

    Und zu der angeblich unabdingbaren Telefoniererei:

    Bei mir auf der Arbeit gilt die Ansage, dass externe Kommunikation möglichst per Mail erfolgen soll, damit man sich bei Problemen auf etwas Schriftliches berufen kann. So kann man andere Abteilungen auch leichter über Vorgänge informieren. Da wir zu mehreren in Büros sitzen, kann man nicht effektiv arbeiten, wenn die Kollegen ständig am Telefon quatschen. Weniger Telefon tut gut.

    @Bengie: „… haben viele tauben Menschen Erfolg im Berufsleben.“

    Danke, dass ich hier auch mal so was lesen darf. Klar werden Behinderte in der Arbeitswelt diskriminiert. Und ich finde es wichtig, wenn die Opfer das benennen. Man macht es sich aber auch zu leicht, wenn man so tut, als hätte man gar keinen eigenen Handlungsspielraum.

    @Claudia: Meine Nachbarin hat einen Hochschulabschluss in BWL (und keine Behinderung). Sie hat sich aber gegen eine Karriere in diesem Bereich entschieden und näht den ganzen Tag Sachen, die sie übers Internet verkauft. Es macht sie anscheinend glücklich. Ich finde toll, was sie macht.

  28. Jochen, ich verstehe schon wie Du das meinst und warum Du das so siehst. Aber ich denke auch, Leben in der Gehörlosencommunity kann man nicht per se als Rückzug definieren. Es kommt doch noch drauf an, wie man es nun macht, das Leben. Und wir machen es uns doch (spätestens ab irgendwann) alle einfacher, kommen aus unserem Kiez kaum noch raus, haben unsere Routinen, umgeben uns mit Leuten die ähnlich ticken wie wir etc. Oft mehr als wir zugeben wollen. (So etwas wie schwerhörig ins Ausland gehen dagegen, das ist mal richtig raus aus der comfort zone. ; )

    Claudia, ohja, diese Situation kenne ich sehr gut. Wenn Leute mir vorwerfen wollen, sie hätten mir ja etwas gesagt, ich es aber nicht gehört. Da musste ich auch erst recht alt werden, bevor ich das ab konnte. Als Kind kommt man da gar nicht raus vor lauter Selbstzweifel.

    flor, “- Da magst Du Recht haben. Andererseits: Wie stellst Du Dir denn den nicht behinderten Bewerber vor? Mit Kopftuch? Schwarz? Alleinerziehend? ” — klasse gesagt!
    Warum es so schwer ist? U.a. denke ich was Du auch sagst. Dazu noch, weil die Symptome von Schwerhörigkeit (wenn man nichts von ihr weiß) dieselben sind wie bei leichter Demenz. Und weil Sprechen/Verstehen so zentral ist, für das “normale” soziale Leben.

  29. Tschap_und_aus!

    An flor und not quite like beethoven,

    ganz einfach. Der nicht behinderte Bewerber entspricht dem Schnitt der deutschen Bevölkerung was bedeutet, dass er keine körperlichen Besonderheiten hat, die ihn in einer beliebigen Tätigkeit einschränken.

    Kopftücher, Hautfarben und Allenerziehend sind keine Behinderungen. Ansonsten ist die Suggestion hinter diesem Vergleich übrigens indiskutabel. Diese Merkmale mit Behinderung zu vergleichen ist stark tendenziös rassistisch.

    Dazu noch Symptome von Schwerhörigkeit mit leichter Demenz vergleichen – äh gehts noch? Das ist sowas von an den Haaren herbeigezogen. Genauso kann ich Symtome von Schwerhörigkeit mit starkem Blutverlust, durch Einwirkung psychoaktiver Substanzen, erworbene Hirnschäden durch Unfall, angeborene geminderte Intelligenz und sonstigem vergleichen. Und alle diese Vergleiche sind purer Schwachsinn.

    Relativieren von Problemen welche Hörgeschädigte plagen, beheben diese auch nicht. Von der hohen Warte des guten sprechens und hören trotz Hörschädigung spricht es sich auch leicht.

  30. Also ich habe Flors Kommentar nicht so verstanden, dass sie gesagt hat, dass es das Gleiche sei. Nur als bedenkenswerten Hinweis, dass wir in unserer Diskussion “die Anderen” nicht allzu gleichartig und problemlos sehen.

    Und zum Thema Demenz: “durch einwirkung von psychoaktiven Substanzen oder erworbene Hirnschäden” würde ich sogar auch noch gelten lassen. ; ) Nicht weil es das gleiche sei, ganz und gar nicht, aber was denkt sich der unkundige Beobachter, wenn einer oder eine auf einfache Fragen nicht antworten kann oder völlig unpassende Antworten gibt, im Gespräch ständig auffallend langsam, 2 Schritte hinterher ist und nicht weiß, was man ihm eben noch gesagt hat?

  31. Und mit genau diesen Eindrücken von anderen bzw. diesem Bild, das man abgibt, hat man zu kämpfen als Schwerhöriger.

  32. Also, ohne das Problem Demenz verharmlosen zu wollen, dazu habe ich einfach zu starke Empathie mit Menschen, denen es nicht gut geht, also ich hab auch ein Problem damit, irgendwie damit verglichen zu werden…Dafür bin ich eigentlich zu aufmerksam, was um mich herum geschieht…
    Fakt ist: Mir sieht man die Hörbehinderung nicht an, obschon sie sehr schwerwiegend ist. Dazu: Man hört sie mir auch nicht an, nicht mal ein Vokal klingt irgendwie verwaschen. Mein jüngster Sohn, nunmehr 17 Jahre alt, hat weiß Gott mehr Empathie mit mir als mein Ältester, der in 3 Monaten 20 Jahre alt wird. Der “Kleine” hatte als Kleinkind selbst Mittelohrentzündungen, damals konnte man mir nicht mehr helfen. Der Junge schaltete gerne als Kindergartenkind auf Durchzug und lächelte zuckersüß, wenn man etwas von ihm verlangte,wie etwa Aufzuräumen, frei nach einem Zitat des großen Schauspielers Gustav Knuth:”Wenn die Pflicht ruft, gibt es viele Schwerhörige!” Das, was anfangs sich als eine “Eigenart” oder Bockigkeit meines Sohnes herausstellte, entpuppte sich als komplett verstopfte Gehörgänge…und das, obwohl ich ihm damals oft Nasentropfen gegeben hatte bei Erkältungen, damit die Schleimhäute nicht zuschwellen…Ich probierte auch Zwiebelsäckchen, aber letztlich konnte ich nicht verhindern und eben wegen dieser Eigenart von ihm dachte ich mir zunächst nichts dabei und er lief unbemerkt 1 Jahr damit rum. Gott sei Dank konnte er kurz vor der Einschulung operiert werden, Paukenröhrchen dann rein und sein Gehör war gut. Zuerst hatte er dann mit multiplem Sprachfehler zu tun und wir suchten mehrere Monate eine Logopädin auf. Dann jedoch sagte er, gerade ein paar Monate im ersten Grundschuljahr:”Mama, ich will das nicht mehr, Ich mach das allein irgendwie.” Er wollte sich vor anderen Kindern keine Blöße geben, und hörte, wie die anderen sprechen. Zum Glück achtete er weniger auf den Inhalt, weil viele Kinder schnell Kraftausdrücke mit nach Hause bringen, ohne zu wissen,was das bedeutet, da schlackern einem schon vor Empörung die Ohren, nein, er hörte hin, w i e etwas gesprochen wird und tatsächlich, seine Aus-Sprache unterschied sich immer weniger von denen der anderen. Er war immer derjenige, der sehr besorgt um mich war, ich dachte, ich müsste immer auf die Kinder aufpassen und die schützen. Wenn er sich mir zuwendet und mit mir spricht, ist er deutlich am sprechen, hält zu mir Augenkontakt und schreibt auch mal was auf, wenn ich ein bestimmtes Wort nicht verstand, dann fällt mein Groschen, er gibt auch Zeichen.
    Beim anderen Sohn ist das anders, der hat also keine richtige Empathie erst mal, das muss man dem erst mal klar machen, heute noch! Neulich hatte mein Mann während eines Gespräches mit ihm als Diabetiker eine Unterzuckerung, sein Blutzucker wies bereits bedenkliche 52 auf. Und mein Mann hatte schon Schweißperlen auf der Stirn,war blass und mein ältester redete weiter auf ihn wegen eines aktuellen Themas ein. Da herrschte ich ihn an, das der Vater erst mal ein paar Tafeln Traubenzucker nehmen muss, der könne sonst nicht mehr alles aufnehmen, was der sagt! Der falle sonst ins “Nirwana”, sagte ich.Mein ältester Sohn sagte, “der Papa macht dat schon.” Manchmal muss ich meinem Mann da helfen, weil sein Bewusstsein bei Unterzuckerung nachlässt und ich mach das dann auch, ich hab schon mit ihm die unglaublichsten Situationen erlebt. Ich muss da helfen, komme was da wolle! Da sagt der Älteste:”Du hälst den Papa für total unfähig! Lass den mal selber machen.” Ich sagte, das der aber leider zu den Kandidaten gehöre, die eine Unterzuckerung nicht mal bemerken! Er kann sich nur grad selbst helfen, wenn er sich alle 2 Stunden misst und das tut der auch. Das ist das, was der ältere Sohn nicht verstehen k a n n.
    Oder der berühmte Blick-kontakt: Ich habe meinen Kindern beigebracht, mich anzuschauen, wenn sie mit mir sprechen. Während der jüngere das richtig macht, ist das beim anderen Sohn total anders. Wenn der was von mir will, soll i c h ihn angucken. Manchmal bin ich gestresst von sein Forderungen nach Aufmerksamkeit, das ich auch mal, um meinen Augen “Pause” zu gönnen, durch die Gegend schweife…dann ruft er:”Mama, du sollst mich angucken, wenn ich mit dir rede.” Dann sage ich:”Du bist sehr anstrengend und ich will jetzt nicht, noch bestimme ich immer noch selbst, wann ich mit jemandem rede, aber zu m e i n e n Bedingungen, nicht zu deinen!” Ich liebe meine Söhne , jeder hat seine eigenen Qualitäten. Sie sind sehr unterschiedlich, der ältere jedoch ist sehr anstrengend und hat noch viel zu lernen, was Mitgefühl angeht, denn er hat auch nicht immer Mitgefühl mit sich selbst. Das ist ein Phänomen, das viele Jugendliche heutzutage haben.
    Schwerhörigkeit oder Taubheit ist nicht einfach zu erkennen, besonders, wenn man “normal” aussieht und normal spricht. Aber ich gehöre auch nicht zu denen, die sofort bei einer menschlichen Begegnung sagen:”Also,ich bin hörgeschädigt oder praktisch taub.” Das geht nur, wenn ich allein unterwegs bin ,mit dem Hund etwa. Wenn mein Mann mitgeht und der ist im Gespräch verwickelt, sag ich meist gar nichts und steh erst mal daneben, ich will ja nicht stören in der Unterhaltung.Dann fühle ich mich etwas unwohl. Oder gucke durch die Gegend, oder guck auf den Hund,was der so macht. Ich hab auch eine angeborene Schüchternheit, ich konnte noch nie gut mit der Tür ins Haus fallen. Die meisten Hörbehinderten oder Hörgeschädigten haben wie ich eine mindestens durchschnittliche Intelligenz. Daher ist der Vergleich mit leichter Demenz etwas seltsam. Manchmal ist mein Gesichtsausdruck eher mit einem Fragezeichen zu vergleichen.Und die Aufmerksamkeit ist eine andere, finde ich. Dann ist da noch die Identität, die ich noch für mich finden muss: Als einst Schwerhörige bin ich nun praktisch taub und spreche ziemlich perfekt. Aber richtig gehörlos scheine ich auch nicht zu sein, denn mittels Hörgerät kann ich noch meine Stimmenlautstärke kontrollieren, habe aber damit auch kein Sprachverstehen. Und ich beherrsche nur sehr wenig Gebärdensprache, grad so, das es ein paar Grundgebärden sind. Und ich bin von Hörenden umgeben. Ich weiß, wie die ticken, die wenigsten wissen, wie ich ticke. Mein Mann und mein jüngster Sohn können halbwegs nachvollziehen, was mit mir ist, aber die anderen? Ein Endlos-Thema, nicht wahr?!

  33. “Als er nach einem Hörsturz plötzlich kaum noch etwas hörte, entschloss er sich ziemlich schnell zu elektrischen Ohren, also Cochlea-Implantaten (CIs). Dann kehrte er wieder ins Berufsleben zurück, allerdings bei einem anderen Arbeitgeber.”
    Ich schätze, dass es einfach alles zu schnell ging, nach dem Motto: “Mach es bloß weg.” In so einem Fall ist doch ganz wichtig, dass Ärzte erklären, wie das Hören danach sein wird, dass eben nicht alles wieder wie vorher ist bzw. vielleicht erst nach Jahren wieder annähernd so gut wird. Ich sach ja immer: Macht eine Reha speziell zu dieser Thematik. Da gibts Angebote!

    Ich blicke jetzt auf 25 Jahre Schwerhörigkeit zurück:
    - wann fühle ich mich je souverän im Umgang mit der Schwerhörigkeit? Immer dann, wenn ich unter Leuten bin, die wissen, dass ich schwerhörig bin und die mich so akzeptieren, wie ich bin. Das sind dann einerseits eben meine besten Freunde und meine Familie – und dann natürlich andere Schwerhörige. Von denen und mit ihnen lerne ich am meisten.
    - Und wann geht’s mir schlecht? Immer dann, wenn ich die anderen im Unklaren lasse. Immer dann, wenn ich nicht offen mit der Sprache herausrücke.

    Den Gedanken finde ich gut, sich im Gespräch beim Arbeitgeber von Anfang an als schwerhörig oder CI-Träger zu bezeichnen und dann als “Problemlöser” zu verkaufen. Also mit welchen Strategien man seine Aufgaben in der Regel erledigt und auch schon gute Erfahrungen gesammelt hat. Das geht natürlich nur, wenn man diese Erfahrungen auch hat – und nicht, wenn man schnell, schnell wieder ins Berufsleben einsteigt, ohne sich mit seinem neuen Hören vertraut zu machen. Schickt man Menschen, die nach einem Unfall einen Rollstuhl brauchen, nicht auch erst in eine Reha?

  34. Claudia, “ein endlosthema” — also bei mir gehts mittlerweile schon fast vier Jahre! ;-) Ich glaube übrigens, dass diese Spannung “von außen sieht es zuweilen etwas tumb aus aber innendrin ist man hochaufmerksam” sehr charakteristisch für Schwerhörigkeit ist.

    Livia, das Schlimme ist: Da war sogar eine Reha, insgesamt mehrere Monate, bevor er wieder in den Job ist (hab ich sträflicherweise unter den Tisch fallen lassen, sorry!).

  35. Pia, ich habe gerade einen Kommentar von Dir im Spamordner gefunden und freigeschaltet (30.10. 21:56h). Keine Ahnung, warum der da drin war….

  36. carole lafargue

    “Es reicht nicht, schwerhörig oder taub zu sein, Baby — Da musst man auch noch gut damit umgehen können!” Wie wahr! Jedem ist diese Kraft zu wuenschen dies zu schaffen…

  37. Nach dem, was Claudia beschreibt (und was ich sonst so in diesem Blog gelesen habe), sieht es für mich so aus, als würden die echten Probleme von Schwerhörigen im Berufsleben gar nicht so sehr darin bestehen, dass man bei bestimmten Tätigkeiten (Telefonieren) passen muss. Sondern vielmehr darin, dass in großen Organisationen so viel über inoffizielle Kommunikation abläuft.

    Ich glaube, die wirklich wichtigen Entscheidungen werden nicht in Meetings getroffen (und stehen dann auch nicht im Protokoll), sondern in irgendwelchen Gesprächen zwischen Tür und Angel. Und man wird allzu oft nicht nach seiner Arbeitsleistung beurteilt, sondern danach, wie man sich beim verbalen Geplänkel im Fahrstuhl anstellt (ein Grund mehr, die Treppe zu nehmen). Viele Mitarbeiter interpretieren das Verhalten des schwerhörigen Kollegen falsch (wenn man sich nicht gut kennt) und denken, er sei irgendwie wunderlich.

    Ich stelle mir diese ständige Sorge, etwas Wesentliches nicht mitzubekommen, ziemlich belastend vor. Erst recht beim Vorstellungsgespräch: Schon allein die Fragen richtig zu verstehen, strengt total an und man kommt dementsprechend unentspannt rüber. Selbst wenn der Arbeitgeber super offen gegenüber Mitarbeitern mit Behinderung eingestellt ist, hat er dann vielleicht das Gefühl, die Chemie stimmt nicht.

    So denke ich es mir zumindest – und vielleicht stimmt das mit der inoffiziellen Kommunikation für manche Berufsfelder überhaupt nicht.

    Im übrigen merke ich, dass ich bei dem Thema Schwerhörigkeit doch ziemlich schnell an die Grenzen meines Vorstellungsvermögens stoße. Was man eigentlich alles nonverbal mitbekommt und wozu man doch die Ohren braucht, ist mir überhaupt nicht bewusst.

  38. Jochen, dein Weltbild scheint mir etwas sonderbar! Sprechen wir über eine fiktive Person Horst. Er ist hörend. Rein theoretisch könnte er sich mit der Mehrheit der Deutschen kommunizieren. Er lebt aber durchgehend in seinem Bundesland und ist überhaupt nicht an Fahrten in anderen Bundesländern interessiert. Er hat Arbeit im Nachbarort und lebt mit seiner Frau in einem gemütlichen Haus am Standrand. Er geht freitags gern zur Kneipe, um altbekannten Leuten zu treffen. Sonst macht er nicht mehr aus seinem Leben. Er ist auch zufrieden! Wie willst du sein Leben dann urteilen? Hat er sich doch in seine Umgebung zurückgezogen? Führt er vielleicht auch ein isoliertes Leben in seiner Umgebung?

    Ein Leben mag dann ein Rückzug oder Isolation bedeuten, wenn sich irgendein Mensch das auch spürt. Das spürt Horst nicht. Und ich sowie die meisten tauben Menschen auch nicht. Leidgeschichte ist eine Seltenheit bei Gesprächthemen unter den tauben Menschen.

    Die Gebärdensprachgemeinschaft hat meiner Schätzung nach 7 Millionen (der Weltverband spricht sogar von 70 Millionen tauben Menschen weltweit) Mitglieds. Natürlich leben nicht alle in einer einzigen Gemeinschaft. Die Gebärdensprachgemeinschaft besteht selbst aus unzähligen Kreisen. Ich habe nur ein Bruchteil gesamter tauber Bevölkerung getroffen.

    Du magst vielleicht gern über Menschen urteilen. Das darfst du auch. Es ist auch deine subjektive Wahrnehmung. Es ist nur mal so, dass mein Leben – meiner eigenen Wahrnehmung nach – überhaupt nicht eingeschränkt sei. Ich schaffe einfach nicht, alle Möglichkeiten meines Lebens völlständig auszuschöpfen. Ich habe tausenden oder zehntausenden Möglichkeiten, was aus meinem Leben zu machen. Der Tag hat leider nur 24 Stunden.

    Du darfst glauben, ein völlig sozial integriertes Leben zu führen. Du lebst in einem Ort A und hast aber vielleicht nie mit Menschen aus dem Ort B oder C zu tun. Du kennst Tanja oder Manuel aus dem Ort K nicht. Sagt das nicht über deinen Rückzug aus? Führst du kein Leben in deine zurückgezogene Umgebung mit von dir selbst freiwllig auserwählten Mitmenschen? In Deutschland sind nicht alle Menschen direkt miteinander vernetzt. Alle leben in eigenen Umgebungen.

  39. Hallo flor,
    es ist zwar gut über 20 Jahre her, aber auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz für mich war das so: Ich zog in einer Nacht und Nebelaktion von Mutter aus nach einem Streit, der das Fass für mich zum Überlaufen brachte. Ich zog nach Essen, dorthin, wo mein damaliger Freund u. späterer 1. Ehemann lebte. Der lebte damals inzwischen nach einem Disput mit dem Lebensgefährten seiner Mutter bei seiner Schwester und war noch in der Ausbildung, 3. Jahr. Ich kannte Essen bereits vom Internat und der Hörgeschädigtenschule her, zumindest in diesem Stadtteil und die Verkehrsmittel wie S-Bahn und Züge. Ich selbst komme vom Land, aus dem Süd-östlichen Teil von NRW. Und als solche fühlte ich mich auch und ich bin ein sehr heimatverbundener Mensch und man kann auch sagen, entsprechend naiv war ich auch (manchmal bin ich es heute noch, das unschuldige Denken eines Kindes). Ich zog zu einem Bekannten, den ich aus der Essener Zeit noch kannte, mein Freund u. seine Schwester wohnten um die Ecke, so konnte ich sie immer sehen. Zuerst hatte ich keine Chance, eine Lehrstelle zu finden, nur eine kleine Vorbildung Wirtschaft u.Verwaltung, die ich nicht bis zum Abi schaffte, weil mich das Thema nicht interessierte. Nur mal ein Beispiel: Ich sprach und verstand Englisch sehr gut. Ich hatte da einen Riesen-Talent,ich hatte Freude an dieser Fremdsprache.Nun war in dieser Kollegschule in Wirtschaft u.Verwaltung das Buisiness-Englisch auf dem Lehrplan. Dann schrieben wir Klausuren. Und ich bekam immer nur eine 4. Der Oberstudienrat Mr. Busch schrieb folgendes: “Claudia, inhaltlich sind Sie gar nicht auf meine Fragen eingegangen. Sie haben dennoch Antworten geliefert. Und weil Ihre Antworten falsch waren , aber in herrlich und in flüssigem, guten und grammatikalisch korrektem Englisch geschrieben wurden, gebe ich Ihnen eine 4.” Ich musste also erst mal zum Sozialamt gehen, um mich an der Miete als Mitbewohnerin des Bekannten zu beteiligen und was zu essen zu haben. Der Freund von meines Freundes Schwester arbeitete bei der Stadt und er empfahl mir, Bewerbungen zu schreiben. Zuerst wurde ich abgelehnt. Dann sagte er, überbrück die Zeit mit irgendwas, das keine Lücke entsteht und weiter bewerben. Da ging ich zu einem DRK-Lehrgang als Schwesternhelferin für 6 Wochen, danach machte ich mehrere Wochen ein Praktikum und arbeitete als rechte Hand der Krankenschwestern. Ich bekam vom DRK dafür etwas Geld und Anerkennung von den Schwestern, die sagten, ich hätte alles richtig gemacht. Ich kann sogar sagen, ohne mich frivol in irgendeiner Weise gegeben zu haben, die kranken Herren der Schöpfung lächelten immer erfreut, wenn sie mich sahen.Aber,es war halt sehr anstrengend, denn ich machte auch Schichtdient und wollte ja auch alles richtig machen. Dieser Lehrgang war dann zu Ende und ich bewarb mich nun als Verwaltungsfachangestellte bei der Stadt nochmal und als Rechtsanwalts und Notargehilfin. Da bekam ich ein Vorstellungsgespräch in Langenfeld, ist schon fast in Velbert. Ich war mutterseelenallein, aber ich musste mich dann auch allein in den Bummelzug setzen und dorthin fahren. Der kleine Bahnhof da war sehr düster und ich hatte Angst. Ich ging dann die kurvige Hauptstraße in den Kleinstadtmäßigen Ort, ins Zentrum. Ich fand auch den Notar sofort, er hatte wohl mehrere Bewerberinnen, wie ich sehen konnte im Wartezimmer. Er empfing mich überaus freundlich und ich spielte sofort mit offenen Karten. Ich erklärte ihm, dass ich hochgradig schwerhörig sei, ich aber sehr gut im Deutschen bin und ausgezeichnet vom Mund absehen könnte. Sogleich machte er auch einen Test: Er blieb also vor mir an seinem Schreibtisch, wandte sich mir zu und diktierte mir einen Text. Und erfreut stellten er und ich fest, dass alles richtig war! Wie habe ich mich gefreut und er gestaunt. Ich fuhr guten Mutes nach Hause und träumte von diesem hochanständigen klugen Beruf. Mutter würde sehr stolz auf mich sein, wenn…ja…wenn..ach hätte mein verstorbener Vater doch sehen können, wie gut ich mich geschlagen hatte! (Heute weiß ich, er war dabei! Ich glaube es einfach.) Wenige Wochen später kam dann ein Brief. Drei , also 3 Din A 4 Seiten vollgeschrieben von diesem so netten Rechtsanwalt und Notar. Es war die netteste Absage meines Lebens. Drei Seiten schrieb er davon, das er so sehr mit sich gerungen habe, denn ich hätte ihm einen fähigen und guten bleibenden Eindruck hinterlassen. Doch nach der Rücksprache mit seinen Mitarbeiterinnen, die sagten, dass sie nicht zutrauten, eine Schwerhörige Auszubildende zu betreuen, scheiterte das Ganze. Er hätte mir gerne eine Chance gegeben und da gab er mir die Adresse eines Chefarztes einer Rehaklinik in der Nähe von Kassel. Der würde mich nehmen,ich sollte es mir überlegen. Es war also die netteste Absage der Welt einerseits und andererseits war ich wahnsinnig enttäuscht, dass andere mir die Chance genommen haben, mich zu bewähren. Ich war so verbittert. Und ich konnte auch nicht nach Kassel gehen, wo doch mein Freund hier war, das wär der Anfang vom Ende (wars später sowieso…), aber so wollte ich nicht gehen. Da bekam ich noch ein Vorstellungsgespräch bei der Stadt Essen. Als Verwaltungsfachangestellte, der Freund der Schwester meines Freundes, sagte, die hätten eine Behinderten-Quote zu erfüllen und ich müsse halt selbstbewusst rüberkommen und meine Sache gut machen. Das hatte er mir so gar eingeschärft und ich hatte mächtig Schiss. Ich wurde eingeladen und es waren sehr viele Bewerber. Als ich dran war, musste ich mit 5 anderen Mitbewerber in ein Raum und weiter vorne saßen dann mindestens 5 Leute vom Personalamt und Azubi_chefs, die uns alles mögliche der Reihe nach irgendwas fragten. Ich habe zwar das meiste verstanden und auch meiner Stimme die Festigkeit gegeben, die sie brauchte. Aber es war für mich irre anstrengend, diese selbstbewusste Person zu spielen. Meine Augen blickten richtig scharf und mega-konzentriert in diese Chef-Runde, nur ja nichts falsch verstehen,war mein Credo.Denn ich war alles andere als selbstbewusst und ich hielt mich eher für ein Schwachmat auf Deutsch gesagt, dass sich noch nicht ganz von einigen Niederlagen der letzten Zeit erholt hatte. Aber ich spielte eine Rolle, ich war erstaunt, wie das möglich war. Aber ich wusste später: Das bin nicht ICH! Ich habe wieder etwas für andere getan, mich anders gegeben als ich war, nur um eine verdammte Chance zu haben. Danach war ich jedenfalls erschöpft, körperlich, geistig und seelisch.Es ging dann alles glatt und gut, bis ich das 2. Lehrjahr antreten musste und im neuen fremden Amt bittere und schmerzliche Erfahrungen erleben musste.
    Ich weiß nicht, wie Vorstellungsgespräche heute sind, aber durch meinen 2. Mann erlebe ich allerdings, das die Konkurrenz noch weniger schläft als vor 20 Jahren. Jetzt hat auch noch der Jugendwahn Einzug gehalten, es wird noch mehr Wert auf Leistung gelegt und man muss anscheinend einiges mehr tun, um sich zu beweisen. Das finde ich sehr, sehr schlimm, da damit das letzte bißchen Mensch-sein und Würde auf der Strecke bleiben kann. Das ist eine Entwicklung, die mich seit langem besorgt, bei Behinderten und Nicht-behinderten.

  40. In unserer bundesweiten Selbsthilfegruppe hörbehinderter Studenten (BHSA e.V.) vermittlen wir in Seminaren die richtigen Strategien im Bewerbungsgespräch. So nutzen wir unter anderem den Begriff “Lösungskompetenz”.

    Man geht nicht hin und sagt “ich bin schwerhörig” und tut dann nichts. Sondern man geht hin und sagt “ich bin schwerhörig und ich bringe diese und jene Hilfsmittel und Lösungen für diese und jene Situationen mit. ich kann zwar nicht X, aber ich kann dafür/deswegen Y und Z besonders gut.” mit Y und Z als Begriffen aus den Qualifikationen, die für den beworbenen Arbeitsplatz gebraucht werden.

    Dazu gehört dann auch, dass man vor dem Gespräch bestimmte Strategien in der Gesprächsführung gelernt und verstanden hat. Dass man weiß, welche Hilfsmittel zu einem passen und in welcher Situation hilfreich sind. Dass man sich also vor dem Gespräch gut vorbereitet hat. Und dann kann man recht leicht Ängste, falsche Vorstellungen oder Vorbehalte beim Arbeitgeber abbauen.

    Die Hörbehinderung, wenn sie eine anerkannte Schwerbehinderung ist, zu verheimlichen, bedeutet auch, Möglichkeiten nicht zu nutzen. Als schwerbehinderter Erwerbstätiger hat man Anspruch auf Nachteilsausgleiche am Arbeitsplatz.

    Das Integrationsamt bezahlt Schriftdolmetscher, neue Hörgeräte, Infrarotanlagen, Mikroportanlagen, besonders starke Telefone, Induktionsschleifen, Gebärdensprachdolmetscher usw. Auch der Arbeitnehmer kann Leistungen beantragen, um den schwerbehinderten Arbeitnehmer anzustellen: z.B. eine bestimmte Gehaltszahlung im ersten Monaten durch das Integrationsamt, Finanzierung für den Umbau des Arbeitsplatzes, Finanzierung von Hilfsmitteln usw.

    Um die Behinderung herumzudrucksen, heißt hier, sich das Leben schwer zu machen.

    Ich bin nicht nur schwerhörig, sondern auch Rollstuhlfahrer. In der Firma, in der ich jetzt arbeite, hat das Integrationsamt den rollstuhlgerechten Umbau der Toilette komplett finanziert. Auch die Spracheingabe, mit der ich diesen Text jetzt gerade schreibe, wurde von diesem Amt bezahlt.

    Das alles wusste mein jetziger Arbeitgeber beim Gespräch noch nicht. Ich habe ihm das alles gesagt. Daraufhin hat er mich angestellt, die Anträge gestellt und dann ging alles von selbst.

    Die Hörbehinderung zu verheimlichen geht leicht nach hinten los. Diese Behinderung sieht man zwar nicht, aber die bekommt jeder mit.
    Etwas zu vermeiden oder nicht zuzugeben heißt auch, Potenziale nicht zu nutzen, sich gar nicht zu informieren, sich gar nicht vorzubereiten. Die Ablehnung des Arbeitgebers ist bei einer solchen Einstellung eigentlich nur logisch.

    Wir geben in unserer Selbsthilfegruppe den Ratschlag, in Bewerbungsschreiben an Firmen die Behinderung nicht anzugeben, aber in Bewerbungsschreiben an öffentlichen Behörden den Besitz eines Schwerbehindertenausweises. Die Behörden müssen (bei gleicher Eignung) den Schwerbehinderten bevorzugen.

    Und etwas zum angeblich unkündbaren Schwerbehinderten: ein schwerbehinderter Arbeitnehmer kann nur mit Zustimmung des Integrationsamtes gekündigt werden. Daher kommt die Vorstellung bei Arbeitgebern, eine Kündigung sei gar nicht möglich.

    Doch wie viele Anträge auf Kündigung des Schwerbehinderten werden vom Integrationsamt bewilligt? Nur 5 %? 10 %? Ich weiß nicht, ob die Zahl noch aktuell ist, aber ich hörte von 75 %! D.h., nur ein Viertel dieser Anträge auf Kündigung werden abgelehnt. So schwer ist es mit der Kündigung des Schwerbehinderten also nicht.

    Außerdem kann das Integrationsamt umgangen werden, wenn man einen beiderseitigen Aufhebungsvertrag abschließt. So habe ich es mal gemacht zu Zufriedenheit beider Seiten.

    Nicht nur Probleme, sondern auch Lösungen kann man mit dem Arbeitgeber besprechen, ihm Lösungen zeigen, ihm falsche Vorstellungen nehmen, bevor es zu einer unfachlichen Ablehnung kommt.

  41. „alle mir bekannten Hörgeschädigten … scheitern an einem souveränen Umgang mit ihrer Hörbeeinträchtigung.“

    - Würde mich auch interessieren, warum es so schwer ist, damit umzugehen. Vielleicht weil die Einschränkung nicht offensichtlich genug ist? Also zu leicht, sie hinter einer brummeligen Art oder introvertierten Haltung zu kaschieren?

    Ich hatte vor allem das Gefühl meine Identität mit jedem Ruck Hörverlust wieder neu suchen und entwickeln zu müssen. Nach einem jeweiligen Hörverlust baute ich mir mühsam ein neues „Leben“ auf. Aber nach jedem „Rutsch“ nach unten ging es wieder nicht und ich musste mich mit der neuen schwierigeren Situation erneut (zurecht)finden. Musste mich wieder neu orientieren, und herausfinden was ist noch machbar, was nicht. All die kleinen alltäglichen Dinge die das soziale Leben ausmachen werden zu einem organisatorischen Spiessrutenlauf um den geeigneten Ort und die passenden Umstände zu finden. Oft ist das so frustrierend, man tut sie dann einfach nicht mehr, und sucht sich eine Entschuldigung für die Freunde, manche Freunde finden es zu kompliziert und haben nicht soviel Lust auf diese Auswahlverfahren.
    Vor allem solche die irgendwann mal normal gehört haben, versuchen das Bild das sie selbst von sich und das die anderen von einem haben möglichst lange aufrecht zu erhalten. Bei mir war es so, dass ich viele Jahre brauchte mit meiner neuen “Unvollkommnheit” zurechtzukommen.
    Auch hat man Tage, da klappt alles bestens und so macht man sich selbst vor, dass alles nicht so schlimm ist. Es braucht Zeit manchmal sehr lange Zeit, zu akzeptieren, dass das Gehör nicht nur kurzzeitig schlechter ist. Man redet sich ein, dass es nicht so schlimm ist, weil die guten Tage gibts ja immer wieder. Man hofft auf ein Wunder, will es einfach nicht wahrhaben, verdrängt es und redet sich ein, dass es wieder vorbei geht oder alles nicht so schlimm ist.

  42. Ja, die schon wieder

    Sehr gut gekontert … Martin. :-)

    Barrieren, jeglicher teils undenkbaren Art werden uns allen
    immer mal wieder
    in unterschiedlichster Form zunächst neuartig begegnen,

    Es bleibt die stetige Herausforderung lebenslang,
    zielgerecht und situationsbedingt
    hierauf zu handeln.

    Ein Stück weit sich im “Rollenspiel” der Realität anpassen,
    aber nicht für jeden Preis verbiegen lassen.

    CU again

    [Sanne & Wortakrobatin]

  43. Ja, die schon wieder

    18:26 Uhr Allemagne

  44. “alle mir bekannten Hörgeschädigten … scheitern an einem souveränen Umgang mit ihrer Hörbeeinträchtigung.“

    Tendentiell ja,doch es gibt schon einige,die damit gekonnt umgehen.
    Doch dies ist ein langer ,steiniger Weg,auch mit Rückschlägen.
    Allein schon das unbedingt nötige”für mich selbst was fordern” ist für viele unüberwindlich.Seit der Hörgeschädigten Reha kann ich das zwar nicht immer,aber immer öfter………..
    Und von wegen “verstecken in die Schwerhörigen oder später auch Gehörlosenszene,es ist schlichtweg entspannender und stressarm mit diesen Menschen.
    Wieso soll ich mich freiwillig mit Menschen abgeben,die auch nach der 32.errinnerung nicht fähig sind,die Hand vor dem Mund wegzunehmen,mich beim Sprechen anzuschauen?,Viel mehr brauch ich nämlich nicht.
    Und mit offenem Umgang mit meinen Schlappohren hab ich weit bessere Erfahrungen gemacht als mit verstecken
    Gruß Frank

  45. Ganz frisch: Fachkräftepotenzial behinderter Menschen

    http://www.behindertenbeauftragter.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2012/PM35_GesprächmitBK_cm.html

    Also: Zeigt euch, lösungskompetent!

  46. Diese Konferenzreihe klingt spannend! Da würde ich gern mal zu einer hingehen. Danke für die hochkompetenten Hinweise, Martin!

    Ja, die schon wieder, nettes Liedchen hast Du da rausgesucht.

    Bubble, ich kann jedes Wort von Dir unterschreiben. Ganz genau so und nicht anders isses!

    Frank, das ist ja auch ein wichtiger Aspekt von sich zurückziehen. Nur so ist es ja möglich, was Schönes/Tolles zu schaffen oder einfach nur gut zu leben. Sonst wäre es ja eher: Ins Kampfgetümmel rein und dort langsam aber sicher aufgerieben werden…

  47. Ich habe in diesem Blog als Hörender sehr viel gelernt über das Leben der Hörberhinderten.
    Danke dafür an nqlb und die vielen Kommentatoren dieses Blog!

    Ich glaube, das hier beschrieben Problem ist für nicht-sichtbare Behinderungen nochmal deutlicher als für sichtbare. Die Strategie, sich mit Problemlösungen vorzustellen, ist allerdings in allen Fällen sinnvoll – übrigens auch, wenn man alleinerziehend ist oder sonstwie nicht optimal “passt”.

    Ich glaube, das Problem kennen auch psychisch-behinderte Menschen, denen man ihre Schwierigkeiten auch meist nicht ansieht, z.B. Angststörungen.

  48. Das freut mich sehr, danke fürs Bescheidsagen.
    Die Sache mit der Unsichtbarkeit des Problems ist wirklich vertrackt. Ich sah gestern einen Film, in der eine Frau in einer Unterhaltung sich etwas merkwürdig benommen hat, von den “Symptomen” her hätte sie gut schwerhörig sein können. Stellte sich dann aber heraus, sie ihr war die ganze Zeit übel und sie machte deswegen nur Pausen und war abgelenkt.

  49. Ja, die schon wieder

    Hello again Martin,
    die Aufnahme (Photographie) im Büro von Herrn Hüppe & Frau Dr. Merkel ist ästhetisch sehr gelungen. *Kompliment*.

    Bei der Gelegenheit öffentlich innigst Danke Schön für die Einbindung von Sprachen internationaler Art (Internetpräsenz).

    Wie lautet eigentlich der Name des Künstlers, welcher das Wandgemälde schuf?

    +++

    Der Kinospot zu sehen ab dem 15.11.2012 gefällt mir besser als die Plakataktion Mensch …

    http://www.bmas.de/DE/Themen/Teilhabe-behinderter-Menschen/Meldungen/2012-11-03-behindern-ist-heilbar-kinospot.html?nn=6246

    Wie beurteilt Ihr den Spot mit DGS und Untertitelung?

    +++

    NqlB @ Könntest Du bitte für psychische Erkrankungen einen Beitrag gesondert eröfffnen?

    +++

    Bis die Tage oder Nächte :-)

  50. Hab den Kinospot einmal mit Ton und einmal ohne gesehen – gefällt mir :-) Ich frage mich nur, wie die Aussage “Behindern ist heilbar” verstanden wird. Hier wird sie auf die gemünzt, die nicht behindert sind. Macht deutlich, dass es von Vorteil ist, wenn die Nicht-Behinderten ihren Blick und ihr Verhalten öffnen.
    Der “souveräne Umgang mit Hörbeeinträchtigung“ – tja, klar, schön wär’s, und ich staune immer, wenn ich jemanden so souverän erlebe. So will ich auch manchmal sein. Und wenn mir’s dann mal wieder passiert, dieses nicht so souverän Sein, dann sag ich mir, ich bin halt ein Mensch.

  51. @Ja, die schon wieder: Das Adenauer Porträt ist von Oskar Kokoschka.

    Und den Spot mag ich nicht. Effektheischerei ohne Message. Was hat der Slogan “Wir müssen de Alltag einfach machen” mit der Szene im Polizeipräsidium zu tun? Soll das inklusiver Alltag sein? Und “Behinderung ist heilbar” – klingt für mich sehr bemüht. Kein schönes sprachliches Bild.

  52. Ich finde den Spot insgesamt auch nicht gelungen. Aber: Das was da gezeigt wird, ist ein reales Problem. Es gab schon einige Fälle, in denen der Polizei nicht erkannt wurde, dass die Leute gehörlos sind, woraus dann große, für die Leute schlimme Verwicklungen entstanden.
    (Ich finde aber im Netz gerade nichts, vielleicht weiß jemand noch, wie einer der Fälle war?)

  53. Unerträglich, dass sowas tatsächlich passiert …

    Was mich ärgert, ist, dass der Spot ein Stereotyp reproduziert, anstatt es zu unterlaufen: Der Mensch mit Behinderung als unverstandener, isolierter und hilfloser Typ, der von einem ohne Behinderung erlöst und “geheilt” wird.

  54. @flor: Ich finde das nicht so. Denn der “Heiler” hat DGS genutzt, sich damit auf die Ebene des GL begeben, seine Sprache gesprochen. Im Gegensatz zu den anderen Polizisten, die am Ende als die Volltrottel da stehen, die anscheinend so blöd waren, nicht mal Gehörlosigkeit geahnt zu haben.

    Ich könnte dir zustimmen, hätte der Spot damit aufgehört, dass der GL zwei CIs angeheftet bekommen hätte und – oh Wunder! – nicht nur hören, nein auch sofort – oh Wunder! – akzentfrei ohne Fehler sprechen gekonnt hätte und somit – oh Wunder! – als geheilt in die Freiheit entlassen worden wäre.

    Zum Glück ist uns dieses Ende erspart geblieben …

  55. Ich weiß nicht. Da sitzt einer gequält rum, er reagiert nicht. Am Ende stellt sich raus, er ist gehörlos. Gut daran: Die Take-Home-Message ist, dass man nun weiß, wenn sowas passiert, ah, er könnte vielleicht gehörlos sein. Was gelernt.Schlecht daran: Take-Home-Message ist auch, Gehörlose muss man erkennen. Selbst können sie nicht darauf aufmerksam machen, was sie brauchen.

  56. Pingback: Behindern ist heilbar — ein gutes Video? | Not quite like Beethoven

  57. Ich habe diese Diskussion mal herauskopiert. Zum Thema Video: Behindern ist heilbar kommentiert bitte ab jetzt in dem neuen Thread: http://notquitelikebeethoven.wordpress.com/2012/11/14/behindern-ist-heilbar-ein-gutes-video/

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