Architekten sollten ihre Ohren benutzen!

Der Lehrer redet, doch die Hälfte geht völlig an der Klasse vorbei. Oft ist das nicht nur die Schuld des Lehrers, meint Julian Treasure. Und es sei auch kein Zufall, dass viele Patienten in Krankenhäusern nicht schlafen können. Wenn Architekten doch nur ein bißchen mehr auf die Akustik achten würden!
Hochspannender TED-talk. Und das Beste: Auf der TED-Website braucht man nicht zu hören, man kann mitlesen (Transkripte anklicken).

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19 Antworten zu “Architekten sollten ihre Ohren benutzen!

  1. I couldn’t agree more. An official measurement of the ambient noise level in my design studio at work was 63 dB when the students were waiting to hear me address the group, so now I know why I feel on the verge of a heart attack constantly!

  2. It’s incredible, isn’t it? Except that we know darn well what it is like. “Pass the salt, please. And a megaphone!”

  3. Ich hab so etwas ähnliches empfunden als ich als Jugendlicher im Musikverein gespielt habe. 50 hochmotivierte Jugendliche üben Woche für Woche ein halbes Jahr lang, um sich ein zweistündiges Programm draufzuschaffen – nicht diese fürchterliche Humpta-Täterä-Musik, sondern symphonische Blasmusik, vergleichbar mit orchestralen Soundtracks. Sauschweres Zeug, wirklich.
    Und wo findet das Konzert statt? In der örtlichen “Mehrzweckhalle”, also einer Sporthalle mit entsprechendem PVC-Boden, kahlen und hallenden Wänden und nackter Decke. Das Ergebnis ist ein einziger Klangmatsch, weil der Zuhörer nicht nur vom direkten Schall, sondern auch von einem derart lauten Nachhall erreicht wird, dass jede Feinheit verloren geht…
    Dabei war selbst der Probenraum kaum besser. Die Mitglieder des Musikvereins haben das Vereinsheim selbst finanziert und sogar selbst gebaut – und obwohl alles ausgebildete Musiker sind, dachte keiner daran, neben dem Architekten auch einen Raumakustiker zu konsultieren.

    Es scheint einfach kein Bewusstsein dafür zu geben.

  4. Hm, für Profis ist das natürlich keine Entschuldigung. Aber vielleicht liegt es daran, dass sich die meisten Menschen gerade noch vorstellen können, wie etwas aussieht, was sie nicht sehen, in einer Umgebung, die es noch nicht gibt, als wie etwas klingt?

  5. Also, der Profi sagt, es sei nur eine Frage des Geldes (die Antwort gilt irgendwie immer). Masse macht gute Akustik. Und heute sind die Baumaterialien leicht und billig. So wie der Plastikbierbecher. Der gibt dem Schalldruck nach, dem Bierhumpen würde das nicht passieren. Die Architekten wissen das wohl. Angeblich sind’s die Bauherren, die ihre Ohren nicht benutzen.

    Ich hatte diese Woche ein “Klapperdeckchen” aus der Jahrhundertwende in der Hand. Hatte den Ausdruck noch nie gehört. So nannte man diese runden Spitzenuntersetzer, die man zwischen Tasse und Untertasse oder Teller und tiefem Teller legte. Geschepper war nur was für arme Leute. Genauso wie kahle Wände und nackte Fußböden.

  6. Ich kann mir gut vorstellen, dass es zum Teil an “leicht und billig” liegt, aber eben nur zum Teil.
    Klapperdeckchen, was es nicht alles gibt! Das Utensil war mir natürlich bekannt, aber dass es diesen Namen hatte nicht. Schön auch die Abgrenzung nach unten! : )

  7. Ach, das ist ja mal ein interessanter Aspekt: Krach ist vulgär, gedämpfte Akustik ist “Upper Class”. Da ist was dran! Je nach Bildungs- und Einkommensschicht gilt das wohl sicher noch.

    Im öffentlichen Raum (Räumen) gilt Krach als Aufwertung einer Veranstaltung: “Wo es rummelt, ist was los.” Wo viele Menschen sind und einen hohen Geräuschpegel erzeugen, wird etwas Interessantes vermutet, an dem man beteiligt sein möchte (Herdentrieb). Je lauter die Bar oder das Cafe, die Konferenzhalle, die Veranstaltung, desto wichtiger, beliebter wird sie wohl sein, vermutet man. Man möchte es lieber laut als leise, weil leise bedeutet: “Langweilig, niemand da, uninteressant.”

    Lärm und Lautheit in Räumen ist erwünscht, um eine Belebtheit und Beliebtheit vorzutäuschen, die wieder andere herein zieht. Im urbanen Raum funktioniert das. In halligen Cafes und Restaurants ist z.B. der Baustellenlärmpegel des Personals und der Espressomaschinen ausdrücklich gewollt. Wo wenig los ist, wird die Musik aufgedreht. Lautheit / Raumschall ist womöglich sogar das erwünschte Ziel der Architektur?
    Könnte sein.

  8. Ich warte nur noch auf die Gegenbewegung: Mitten in der Stadt an den lautesten Orten ruhige Innenhöfe, leise Cafés, stille Restaurants, in denen es ist als wäre man (ggf. mit der eigenen Gruppe) alleine. Aber vielleicht ist das auch wieder so eine Vorstellung für eine Minderheit mit Bedürfnis nach Distinktion — wie das Klapperdeckchen.

  9. Weil es bei der Architektur von Gebäuden um Massenverwaltung geht (viele Menschen möglichst effektiv abfertigen), bleibt sie wohl so hallig. Es scheint so, dass eine gewisse “Bewegungsfreiheit” vor Akustik gestellt wird, denn ein riesiger karger Raum suggeriert dem Einzelnen zumindest viel Weite. Wenn man akustische Unterteilungen in irgendeiner Form einbauen würde oder auch nur schallschluckende Vorhänge an der Fensterwand … das geht gar nicht. Verpönt.

    Den Gegentrend inszeniert die urbane Subkultur ja schon eine ganze Weile: Wohnzimmergroße plüschig vollgestopfte Cafes und Bars mit dicken Vorhängen und Hirschgeweih an der Wand. Retro-Interieur mit Schallschluckeffekt. Sofa, Stehlampe, Häkeldeckchen auf Tischchen. Kennst du nicht? Beethoven, wo lebst du denn… ;)

  10. Ja, das frag ich mich auch seit geraumer Zeit : )

    Den Trend, den Du beschreibst, kenn ich wohl, ist allerdings nicht was ich vor Augen habe. Das ist dann doch etwas radikaler bzw. da müsste mir die Akustik als Gesichtspunkt doch noch etwas ausgeprägter sein. Bis das mal geschieht, wenn es überhaupt geschieht, dauert, glaube ich, noch ein Weilchen…
    Als besonders leise oder akustisch günstig empfinde ich viele Orte dieser Sorte übrigens meist auch nicht.

  11. Die Sehnsucht nach Stille ist groß, gerade in der Stadt. Insofern gäbe es sicher eine große Nachfrage nach solchen Räumen der akustischen Behaglichkeit. Das Problem ist allerdings der innere Lärm, der lauter wird, je leiser die Umgebung ist. Deswegen vielleicht der Trieb dahin, wo’s rummelt.

  12. Tscha. Leider. Es ist überall zu laut.
    In den Plüsch-Cafes hat man manchmal Ohrensessel. OHRENSESSEL :) Die sind gut für Leute mit Hörtechnik, weil sie auf fast 3 Seiten dämpfen und Geräusche von vorne einfangen. Oder diese tollen 1970er Kugelsessel. Da drin hört man noch weniger Störlärm, versteht aber auch nix, es sei denn, man hockt zu zweit drin …

    Apropo “Stadt”:
    Auf dem Land lösen fette motorbetriebene Geräte auch das leichteste Werkzeug ab. KRACH ohne Ende. War letztens gemütlich zwischen einsamen Wiesen und Feldern unterwegs, traumhaft ruhig. Mitten drin in der stillen Landschaft fünf Häuser. Vor dem ersten tobte einer mit elektrischer Heckenschere herum, gleich daneben kämpfte ein kleines Ömchen mit einem wuchtigen Laubgebläsemonster gegen ein paar Blätterchen in ihrer Hofeinfahrt und dahinter ließ jemand auf knapp 4 Quadratmetern den Rasenmäher dröhnen. Ganz eindeutig:
    Die mögen es laut. Alles andere ist gelogen.

  13. “Ohrensessel” — wie toll ist dass denn? Hatte ich ganz vergessen, dass es die (und den Begriff) gibt! Ich möchte einen. Und ein Café mit welchen!

  14. Musste in Berlin versumpfen, Kreuzberg und so. Da plüscht es gewaltig. Schön wäre ja ein Mitnehm-Ohrensessel, ein Sessel-to-go.

    In den frühen 1970ern gab es futuristische Designermöbel zum Aufpusten, ballonähnliche Objekte, in die man sich zum Pausemachen reinsetzen konnte – mitten in der City. Die Dinger passten zusammengefaltet in eine Handtasche, haben sich aber nicht durchgesetzt. An sowas denke ich oft in lauten Restaurants, oder an einen Geräuschabwehrschirm, den man über 2-3 Leute stülpen kann, um sich besser zu hören.
    Uuiiih, wäre echt `ne Marktlücke!

  15. Ich dachte auch schon an so etwas: Tragbare Paravents, Geräuschabschirmwände, ungefähr so wie die Windschirme für den Nordseestrand, die man mitnehmen und dann z.B. im Café um seinen Tisch herum aufstellen kann um überall tiptop Akustik zu haben.

  16. Ich kann als Akustikingenieur Herrn Carsten Ruhe [sic!] sehr empfehlen. Was ich in seinen Vorträgen und Gesprächen erfahren habe über Raumakustik, im Speziellen für Hörbehinderte, war stets interessant und fundiert. Hr. Ruhe arbeitet mit dem Dt. Schwerhörigen-Bund zusammen.

    In den Wohnzimmer-Clubs und -Bars ist es nicht ruhig. Musik läuft da immer, es gibt Geklapper vom Tischkicker oder Billardtisch, von Stühlen auf Steinboden etc. Ich fand diese Orte akustisch anstrengend. Auch in laut hallende Restaurants gehe ich ungern wieder hin. Am schönsten für mich ist die akustische Situation in Museen und ihren angeschlossenen Gastrobetrieben.

    Paravents wären eine super Idee. Für die Gastronomie würde ich sie durchsichtig nehmen. Man sieht jeden und hat doch Ruhe.

  17. Möchte noch anmerken, dass zumindest bei einigen Städten ein Umdenken bezüglich Laubbläser eingesetzt hat: da sollen wohl nach und nach leisere Elektrolaubbläser angeschafft werden.
    Bei den Privatleuten ist das natürlich anders. Da gilt dann: mein eigener Lärm stört mich nicht.
    Die Mitnahme Paravents fänd ich klasse – wie das wohl aussieht: z.B. als private Telefonzelle unterwegs…

  18. Der Herr Ruhe sieht sehr interessant aus, danke Martin.

    Hmm, wenn Ihr die Paravent-Idee alle so klasse findet, vielleicht lohnt es sich dann doch, mal ein paar Gedanken dahinein zu investieren. : )

  19. Wenn du damit ein Startup gründen willst und Beratung brauchst, kannst du dich gerne an mich wenden …

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