Archiv der Kategorie: Being ‘Not quite like Beethoven’

“Es reicht nicht, schwerhörig zu sein, Baby — Du musst auch noch gut damit umgehen!”

Am Schlimmsten sind diese Momente, in denen man eigentlich nichts als Zuspruch und Motivation braucht — aber dennoch eine ordentliche Watschen bekommt. So wie heute mein Bekannter D.

Als er nach einem Hörsturz plötzlich kaum noch etwas hörte, entschloss er sich ziemlich schnell zu elektrischen Ohren, also Cochlea-Implantaten (CIs). Dann kehrte er wieder ins Berufsleben zurück, allerdings bei einem anderen Arbeitgeber. Telefonieren war ein wichtiger Teil des Jobs. Dem Arbeitgeber und den Kollegen erzählte er zunächst nichts von seiner Schwerhörigkeit. Erst als die Nerven nach ein paar Monaten blank lagen, weil er bei jedem Telefonklingeln in Panik geriet, ob er den Anrufer auch verstehen würde, überlegte er hin und her, ob er es vielleicht doch erzählen sollte. Schließlich erzählte er es. Das Gespräch war wohl nicht schön. Er wurde nach Ende der Probezeit nicht weiterbeschäftigt. Seine ansonsten guten Leistungen hätten keine Rolle gespielt, sondern nur dass er nicht richtig funktioniert habe.

Danach hat er an die 50 Bewerbungsgespräche gehabt und keines davon hatte den gewünschten Erfolg. Immer wieder das Gleiche, sagte er, so viel Aufklärungsarbeit sei noch zu leisten. Immer wenn er das CI offen erwähnt habe, dann sei er in der ersten Runde gescheitert, wenn er es verschwiegen habe, dann oft erst in der zweiten. Die Gesellschaft wisse einfach nicht genug über die Möglichkeiten und Grenzen von Schwerhörigen im Allgemeinen und CI-Trägern im Besonderen. Und die Behörden, die seien eben auch oft nicht hilfreich.

So sehr ich den letzten beiden Sätzen auch zustimme. Bei solchen Geschichten glaube ich, liegt der Hase zumindest teilweise auch anderswo im Pfeffer als bei der Gesellschaft.

Ich sagte also nur sehr kurz: “Och, verdammt, Recht hast Du. Diese Idioten, komm, wird schon. Mach Dir nichts draus, werden schon sehen, was sie davon haben.”

Dann sagte ich: “Wer soll denn den Arbeitgeber aufklären außer Du selbst? Wer, außer Dir selbst, soll den Leuten, die Dir im Vorstellungsgespräch gegenübersitzen, denn einen Eindruck vermitteln auf was sie sich einlassen, wenn sie Dich nehmen? Wer außer Dir soll darüber bestimmen, was Du kannst und was nicht? Wenn überhaupt irgendjemand im Vorhinein eine Einschätzung darüber treffen soll, ist es doch besser, man macht es selbst. Wenn Du herumdruckst oder ganz schweigst, stehen die Chancen gut, dass Du später mal nicht nur ein Problem hast, sondern selbst eins wirst für Deinen Chef. Wenn Du es offen ansprichst und erzählst, wie Du damit umgehst, hast Du die Chance, Dich als Problemlöser zu präsentieren.”

Das ist alles nicht einfach. Als ob es nicht schon schwer genug wäre, nur schwerhörig zu sein. Aber das reicht eben nicht. Und daran kann man nicht nur den anderen die Schuld geben.

Nachstehend “Autor” genannt

nachstehend "Autor" genannt

Yippieh, es wird ein Buch geben vom Herrn Not quite like Beethoven, und es wird im Spätsommer 2013 bei Rowohlt erscheinen. Das freut mich sehr!

Ich hoffe, Euch auch. Jedenfalls könnt Ihr nicht gespannter sein als ich. Lese mir jedenfalls gerade zum ersten Mal mein eigenes Blog wieder richtig durch. Im Augenblick werkeln wir besonders an Cover und Titel. Ich halte Euch auf dem Laufenden…

Ich sollte…

…beim Bezahlen im Restaurant vielleicht doch nicht laut mit der hübschen Kellnerin mitrechnen, wenn ich die Zahlen, die sie sich hin murmelt, nicht verstanden habe? Vielleicht würde sie mich dann nicht ansehen als hätte ich sie gefragt, ob sie zu mir nach Hause kommen will?

Schwerhörigkeit ist schon ein Zustand, der zur heutigen Welt passt

So laut und schrill wie sie ist. Ein bißchen Dämpfung tut da gut.

“Sind Sie krank, oder was?”

Da kämpft man gegen das medizinische Modell von Behinderung und dagegen, ungewollt zum Patienten gemacht zu werden — und dann das.  Im Herzen der dunklen Macht, am größten CI-Zentrum Deutschands habe ich einen Termin zur Inspektion des elektrischen Ohrs. Ganz unbedarft frage ich nach einer Krankschreibung für den Zeit meines Aufenthaltes. Kommt die Anwort:

“Wieso Krankschreibung, sind sie etwa krank?”

“Ruf! Mich! An!” — Und zwar genau so und genau da!

“Hörst Du mich?” Das fragen Freunde von mir gerne, wenn sie mich anrufen. Und ich kann sie sogar verstehen: Sprächen sie einfach los und ich verstünde es nicht, das wäre ja für uns beide doof. Man muss die Frage also grundsätzlich als nett und als Ausweis von Interesse an gelingender Kommunikation bewerten. Nur — was soll ich darauf sagen? Bis dahin haben sie ja noch gar nichts gesagt!

Es ist ein grobes Mißverständnis zu denken, wenn ich auf die Frage mit ja beantwortete, sei alles geritzt. Die Situation anfangs einmal zu checken und bei “okay” einfach loszulegen mag vielleicht unter Flotthörenden funktionieren, nicht aber bei Schwerhörigen. Da ist nicht-nachlassendes Weiterbemühen gefordert. Wie bei allen Dingen, die so etwas erfordern, muss ich meist etwas nachhelfen — und so fahre ich zuweilen in die locker-entspannten Telefoniergewohnheiten meiner Mitmenschen wie die Domina in den verschreckten Sklaven.

“Der Hörer muss so gehalten werden, dass das Mikro direkt vor dem Mund ist! “ Bei mir ist nix mit Telefon zwischen Schulter und Ohr klemmen, nichts mit locker-hängender Handhabung und gedankenlosem Sprechen.

“Nicht so husch-husch, ich will schließlich was davon haben!” Es ist wirklich unglaublich wie viele Leute es noch eilig haben am Telefon, obwohl es inzwischen fast nichts mehr kostet. Wenn jemand schnell redet, hat er mich aber sehr schnell abgehängt. Kann er auch alleine weitergehen.

“Atme anständig, Deine Stimme soll klar und deutlich sein.” Nichts mit hauchen oder piepsen, aber auch nichts mit brüllen. Geh zum Üben notfalls unter der Dusche singen.

Eine Freundin gestand mir neulich, mit mir zu telefonieren, bringe bei ihr die Erinnerung an ihren Balletunterricht zurück.  “Haltung!” “Ausdruck!” “Gerade Wirbelsäule!”
Ich bemühe mich natürlich, das alles nicht so barsch rüberzubringen. Wißterja.

Heute bin ich: In Action

re:publica 12

Hypnose für Schwerhörige

Wie ist das eigentlich, schwerhörig zu sein? Ab heute sage ich: Es ist wie auf der Brücke stehen und auf den Fluss hinunterstarren, wie sich die Wassermassen dahinwälzen, dabei hier und da wirbeln — irgendwo sind da Felsen im Wasser! Ganz dunkel, fast schwarz sieht das Wasser aus, wie es unter mir dahinfließt, fließt und fließt und den Blick gefangen hält.

Und ab und zu taucht irgendwas auf an der Oberfläche. Es wird mitgerissen und verschwindet gleich wieder. Zu kurz um es wirklich zu erkennen.

Das war es dann. Manchmal fällt mir erst ein paar Sekunden später auf, was es eigentlich war, das ich gesehen habe.

So ist das, schwerhörig zu sein. Oft jedenfalls. Zum Beispiel bei diesen Telefonkonferenzen, von denen man manche wirklich nur noch unter Kunst verbuchen kann.

Jahresendfigur mit Böllern

Schon lange hat mich kein ganzer Supermarkt mehr angestarrt. Und das kam so:

Als erstes muss man dazu wissen, dass ich in Sachen Silvesterzündelei sehr wählerisch bin. Jedes Jahr wache ich am Morgen des 31. auf und überlege, wonach mir dieses Jahr der Sinn steht. Heute morgen wachte ich mit zwei Begriffen im Kopf auf: Knallfrösche. Und Raketen. Und zwar genau drei. Das ist nicht viel, dachte ich mir — wie sich herausstellte, war es zumindest für die Drogerie an der Ecke aber zuviel verlangt. Denn wie Ihr ja selber merkt, der Trend geht zum Batteriefeuerwerk. Riesengroß und teuer, sicher schön, aber eben nicht das was ich wollte. Zur Dynamitpackung, groß genug um die S-Bahn endgültig lahmzulegen. Und zur Gemischtwarentüte mit allerlei Unsinn.

Außerdem muss man wissen, dass die Leute sich immer die bescheuertsten Momente aussuchen, um sicherzugehen, dass ich wirklich verstanden habe, was sie mir sagen wollten. In diesem Fall hatte die Kassiererin anscheinend schon zwei-, dreimal quer durch den Raum gebrüllt — doch weil ich so ins Suchen vertieft war und ins Überlegen, wie ich meine Knallfrösche und drei Raketen aus verschiedenen Paketen zusammensetzen und den Rest wegschmeißen/verschenken könnte, hatte ich nichts davon mitbekommen.

Als ich aufsah, war ich das Zentrum allgemeiner Aufmerksamkeit. Ein Kind hing am Arm seiner Mutter und starrte mich fasziniert an. Ein Rentner mit Rollator schien kurz davor, eingreifen zu wollen. “Wie bitte?” fragte ich geübt ins Blaue.

“Auf Feuerwerk gibt’s heut 20 Prozent!” Äh, ja. Na dann. Gekauft. Ich wünsche Euch allen guten Rutsch!

Ich und die Straßenmöbel — verletzungsfrei durch den öffentlichen Raum.

Doink! Es ist ja vielleicht nicht ganz astrein, sich über das obige Video zu mokieren. Die Narbe an meiner Schläfe zeigt, dass ich auch nur im Glashaus sitze. Aber die Situation des unglückseligen Reporters da oben kenn ich nur zu gut: Laufen und dabei woandershin schauen.

Als Schwerhöriger kenne ich nämlich Reden nur als Hauptsache. Reden und dabei Laufen — ziemlich gefährliche Sache. Oder zumindest so hochanstrengend, so dass ich nichts davon habe. Weil ich eigentlich immer zu meinem Gesprächspartner gucken muss um ihn zu verstehen. Ein entspanntes Gespräch beim Spazierengehen? Nicht für mich.

Ich muss aber sagen: Die Narbe ist schon ziemlich alt. Und das elektrische Ohr trägt auch zu deutlich erhöhter Entspanntheit und Sicherheit im schwatzenden Bürgersteigverkehr bei. Wollte ich ja neulich schon sagen. Und bei dem Spaziergang heute durch den Nebel ist mir wieder eingefallen, dass ich’s vergessen hatte.

Vorm Supermarkt sind alle gleich. Auch die Schwerhörigen.

Die meisten Menschen bringen kleinen Fachgeschäften deutlich romantischere Gefühle entgegen als Supermärkten und Warenhäusern. Mir dagegen schlägt das Herz bei letzteren höher. Das mag mit frühkindlichem Staunen im Berliner KaDeWe zusammenhängen und allzu langem Herumhängen in amerikanischen Malls als Teenager. Es hängt aber auch mit meiner Schwerhörigkeit und Ertaubung zusammen. Denn die großen kulturellen Errungenschaft dieser Einkaufstempel sind die Gleichmacherei und die Interaktionsvermeidung.

Ich weiß noch genau, wie ich vor ein paar Jahren eingeschüchtert in Sevilla herumstand — ich brauchte Tomaten, Nähzeug und allerlei anderes und hätte dafür in sieben verschiedene Läden gehen müssen. Das wäre an sich kein Problem gewesen, denn die lagen direkt nebeneinander. Es wäre jedenfalls schneller gegangen und es hätte deutlich mehr Lokalkolorit gehabt, in der Markthalle und beim kleinen Schneider in der Calle Feria vorbeizugehen als zum Corte Inglés (in Deutschland vielleicht Kaufhof vergleichbar und auch mit völlig austauschbarer Atmosphäre). Dennoch ging ich schnurstracks dorthin.

Zugegeben, ich war in einer besonders miesen Situation. Weil ich nicht nur, wie immer, schlecht hörte, sondern auch nicht für alles, was ich brauchte, die spanischen Vokabeln wußte. Aber dafür gibt’s ja Wörterbücher. Keine rettenden Bücher gibt es für die untergründige Panik, die mich beim Gedanken erfasste, in die Läden zu gehen, sagen zu müssen, was ich wollte, und schon vorher zu wissen, dass ich die Nachfragen der Verkäufer — ob diese oder jene Sorte Tomaten, wofür ich das Nähzeug bräuchte — nicht würde verstehen können. Möglich auch, dass ich etwas mehr hätte zahlen müssen als andere, weil ich sowieso als Ausländer auffiel und mich nicht auf das quasi obligatorische nette Schwätzchen einlassen konnte. Ich ging also dorthin, wo ich solange anonym und ungestört herumlaufen konnte, bis ich gefunden hatte, was ich suchte, ganz ohne Zwang, mit einem Verkäufer interagieren zu müssen. Selbst den Preis konnte ich ja schon vorher auf dem Schild nachlesen und er galt für alle.

Kaufhäuser mögen also das “Denkmal der anonymen Konsumgesellschaft” sein, als das  Baader und Ensslin sie in den 1970ern in die Luft jagen wollten, sie sind aber auch ganz große Konsumdemokratisierer (sehr schön hat das Till Neuscheler in der FAS nachgezeichnet). Und sie erlösen den Schwerhörigen von einer Menge peinlicher Situationen. Wir müssen dort nicht zeigen, dass wir nichtsverstehen. Wir sind dort wie alle anderen auch.

Und Ihr, kennt Ihr das auch? Wenn Ihr nicht schwerhörig seid, geht Ihr im Ausland lieber ins Kaufhaus?

PS: Internethandel wäre ja die naheligende nächste Stufe — vollkommen interaktionsfrei. Aber was man da über sich ergehen läßt, ist ja auch nicht mehr feierlich, wie mir kürzlich und äußerst amüsant dieses (englischen) Video klarmachte.
PPS: Das mit der Anonymität und Interaktionsfreiheit hat natürlich auch seine Schattenseiten, da stimme ich ganz mit Heinrich Böll überein.

Der Traum von der Universalfernbedienung

Seit heute morgen um sieben Uhr überschneidet sich bei mir eine Homeoffice-Phase und eine ausgewachsene Strangsanierung. Ich wollte gerade richtig loslegen, da  — Hämmern und Pochen, dann Reißen und Krachen, schließlich Bohren und Splittern.  Ich war glücklich. Hallo Produktivität!

Dann fiel es mir ein. Ich kann die Handwerker, die gerade mein Bad verwüsten, ja leiser stellen. Ich griff mir die Fernbedienung, richtete sie auf die Quelle des Lärms und stellte eine angenehme Lautstärke ein. Praktischerweise arbeiteten sie einfach weiter, ohne sich von mir stören zu lassen. Ich kann Euch sagen, das ist ein angenehmes und machtvolles Gefühl. So darf das sein, so kann ich arbeiten. Zufrieden wandte ich mich wieder dem Rechner zu um in die Tasten zu hauen.

Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Nur Lautstärke absenken hilft nicht. Mein ganzer Schreibtisch wackelt! Statt zu arbeiten träume ich darum nun von der Universalfernbedienung fürs Leben –  andere Menschen anhalten, Dinge wiederholen, fast forward. Durchgespielt wurde das mal im ganz amüsanten Film “Klick”, in dem ein junger Architekt eine Fernbedienung findet, mit der er sein Leben bedienen kann. Doch da ist das natürlich nicht das Ende, sondern der Anfang der Probleme. Ich bin mir allerdings sicher: Das liegt nur daran, dass auf der Fernbedienung noch ein Knopf fehlte.

Die Vorstellungs-Rochade

Ich bin kein Schachspieler, ich habe dafür keine Geduld. Trotzdem habe ich inzwischen den Eindruck, dass man aus dem Spiel allerlei fürs Leben lernen kann. Zum Beispiel die Lösung für ein doch recht peinliches Problem, die Vorstellungs-Rochade. Und die geht so:

Von allen Wörtern sind Namen für Schwerhörige am Schwierigsten zu verstehen. Gut, die drei beliebtesten Vornamen und häufigsten Nachnamen gehen. Aber sonst — ein Horror, erst recht wenn Ausländer involviert sind! Und oft genug aussichtslos. Auch nach fünfmal wiederholen verstehe ich nicht wie mein Gegenüber heißt –  unangenehm wird die Situation schon nach drei erfolglosen Wiederholungen. Ich habe mir angewöhnt, in dem Fall erstmal weiterzumachen, das Thema zu wechseln und das Gespräch irgendwie anders fortzusetzen. Später komme ich dann noch einmal darauf zurück und lasse mir entweder den Namen schriftlich geben (zusammen mit der Telefonnummer, Email-Adresse oder Visitenkarte) oder ich frage jemand anderes nach dem Namen der Person.

Das klappt auch ganz gut. Außer, ich renne mit der neuen Bekanntschaft in alte Bekanntschaft und muss dieser dann jene vorstellen. Auf Parties, Tagungen oder Empfängen passiert das leider recht häufig. Dann kommt die Rochade zum Einsatz. Ich beginne einen Vorstellungsansatz (à la “und das ist…“) und murmele dann unverständlich leise weiter oder verstumme ganz. Es ist erstaunlich wie oft sich das hinter einem Lächeln mit entsprechender Geste verbergen läßt. Als Reaktion darauf stellen sich dann die Leute einander selber vor. Eine elegante Lösung, finde ich, wenn auch mit dem für solche Methoden üblichen Preis: Sollte sich später dann doch noch herausstellen, dass ich den Namen nie verstanden habe, ist das umso peinlicher.

„Da sind ja überall Menschen!“ — Was das elektrische Ohr mit dem Tabakladen gemein hat

Um in einer fremden Stadt anzukommen, um wirklich da zu sein im Gegensatz zum Durchlaufen und wieder Verschwinden wie ein Geist, pflegte Heinrich Böll einen Tabakladen aufzusuchen. So zumindest beschrieb er es in seinem Irischen Tagebuch. Er kaufte nicht mehr als eine Schachtel Zigaretten und ein paar Streichhölzer. Doch diese Transaktion mit einem Einheimischen machte für ihn den Unterschied. Ich fand das schon immer eine schöne Geschichte. Doch wirklich verstanden was Böll damit meinte habe ich erst, als ich ohne die Sprache zu können durch Aleppo streifte,  mich trotz stundenlangen Laufens wie durch eine Glasplatte von den Einheimischen getrennt fühlte und schließlich nach dem Kauf eines Hähnchenspießes feststellte, dass ich mehr getan hatte als nur meinen Hunger zu stillen. Plötzlich war ich dort.

Einen ganz ähnlichen Quantensprung des Da-Seins bescherte mir das elektrische Ohr. Denn Menschen sind zwar überall in meiner Heimatstadt und die Sprache stellt dort auch kein Hindernis dar. Doch wenn jede noch so kleine Unterhaltung, jedes Angesprochenwerden stockt, weil ich nicht verstehe, was mein Gegenüber will — dann gleitet man irgendwann durch die Straßen und erledigt dort nur das, was man zu erledigen hat. Es laufen zwar Leute überall neben einem, doch die Barriere, sie anzusprechen (oder sich ansprechen zu lassen) ist so groß als könne man ihre Sprache nicht. Man geht zwar einkaufen, doch außer der zu zahlenden Summe und einer Reihe Hallos, Bittes und Dankes geschieht nicht viel. Es hat eine gewisse Geisterhaftigkeit. Oder vielleicht auch nur Touristenhaftigkeit. Und das obwohl man nicht in der Fremde sondern ganz zu Hause ist.

Seit ich nun auf der einen Seite elektrisch höre sind überall Menschen. An der Ampel, hnter der Kasse, am Tresen und neben dem Regal. Natürlich rede ich nicht mit all denen. Aber wenn ich angesprochen werde, verstehe ich oft auf Anhieb was los ist. Und erstaunlich oft ergibt sich beim Bezahlen oder beim Warten ein kleiner Wortwechsel und erstaunlich oft bin ich dabei frech, manchmal übermütig oder gar kokett. Die allerallermeisten dieser Menschen sehe ich nie wieder. Und doch sind diese kleinen, nichtsnutzigen Wortwechsel ein großer Gewinn. Meine Welt ist bevölkerter, ich bin in der Öffentlichkeit mehr da. Und es macht Spaß!

Wie ist es denn so, nach anderthalb Jahren mit dem Cochlea Implantat? Weitere Resümees gibt es hier:
Teil 1: Einmal Blackout und zurück
Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn
Teil 3: Das Karussell
Teil 4: Niemanden bitten müssen
Teil 5: Zufrieden mit dem elektrischen Ohr?

Elektrische Ohren: Nachteile? Welche Nachteile?

Ich mache ja gerade Bilanz nach anderthalb Jahren mit Cochlea Implantat: Was sind Vor- und Nachteile? Bislang habe ich eher Positives berichtet. Nun dachte ich, ich mache mich mal an die Nachteile. Und dabei brauche ich Eure Hilfe. Ich sehe nämlich eigentlich keine.

Jedenfalls wenn man es nicht mit Normalhören oder zu mittelgradiger Schwerhörigkeit, sondern mit an Ertaubung grenzender Schwerhörigkeit und Hörgeräten vergleicht. Was ich dann sehe, sind kleinere Unannehmlichkeiten.

Als da wären z.B.:

  • Das Aussehen. Sie sind größer als Hörgeräte. Und speziell Kabel am Kopf zu haben finde ich nach wie vor ästhetisch bedenklich.
  • Leichter Druck am Ohr ab und zu. Denn sie sind schwerer als Hörgeräte.
  • Manchmal Anfälle von: Boa, Du hast dir da den Schädel abfräsen und was in den Kopf setzen lassen! Aber im Großen und Ganzen ist der Umgang erstaunlich schnell natürlich geworden. Kein Ekel mehr.
  • Leichtes Abfallen bei Tätigkeiten wie Sex und die entsprechende Stille wenn dies passiert oder man es proaktiv macht, zumal man immer noch damit rechnen sollte, dass man bei einer CI- OP mindestens ein bißchen Hörvermögen verliert und deshalb die Stille größer ist.
  • Dass man zeitweilig mit Erwartungen der Anderen umgehen muss, man höre ja jetzt vielleicht wieder oder zumindest wenn man sich noch bißchen anstrenge und trainiere (nicht mal böse, sondern manchmal auch nur hoffnungsvoll gemeint).
  • Bei Hüten und Mützen muss man manchmal ein bißchen suchen bis man ein Modell findet, das paßt ohne zu drücken.

Aber mal ernsthaft. Gibt es irgendwelche Nachteile? Was denkt Ihr?

Zufrieden mit dem elektrischen Hören? Über das Leben mit dem Cochlea Implantat

Es herrschte lange Schweigen, hier im Blog, unterbrochen nur von kleinen Lebenszeichen. Und so traurig ich das finde: Es ist in sich ein gutes Zeichen. Es heißt nämlich, dass bei mir hörmäßig alles ziemlich gut läuft. Die Folge: Andere Themen und Probleme drängen sich in den Vordergrund, die Aufmerksamkeit wendet sich ab. Ganz genau wie der Herr Burke schon sagte.

Also genau der richtige Zeitpunkt, um in Sachen elektrisches Ohr ein Resümee zu ziehen. Ich wurde in den letzten Wochen ziemlich häufig gefragt, wie mein Fazit zum Cochlea Implantat (CI) heute sei. “Würdest Du die Entscheidung, genauso noch einmal treffen? Ärgerst Du Dich mit dem Wissen von heute, es erst einmal herausgezögert zu haben? Und wie ist Dein Hörempfinden heute?” Darauf will ich kurz antworten… Weiterlesen

Klassik? Das ist das Härteste!

“Wie hältst Du’s eigentlich mit Konzerten?”, hatte mich Freund O. gefragt. Und mir wurde klar, dass ich eigentlich keine Ahnung hatte. Wie ist es inzwischen mit der Musik, mit etwas über einem Jahr elektrischem Ohr? Eine Frage für die Praxis, dachte ich, und beschloss, es auszuprobieren.

Der O. wählte zielsicher den höchsten Schwierigkeitsgrad aus und führte mich in den Piano Salon, einer alten Fabrikhalle am Pankeufer, in der regelmäßig Konzertestattfinden. An jenem Tag spielte ein japanischer Pianist europäische Klassik. Klassische Klaviermusik!! Einer der härtesten Tests, die man sich für taube und elektrische Ohren denken kann: Kein wummernder, rhythmischer Beat oder Bass, den man spüren und mit dem man grooven kann. Stattdessen Vielstimmigkeit, Melodien, Triolen, Triller und ein enormer Frequenz- und Dynamikbereich, bei dem die Technik nicht annähernd mitkommt. Dazu noch mir unbekannte Stücke, auch das Playback aus dem Kopf konnte ich also vergessen.

Und wie zum Beweis, dass ich zum Hören, nicht zum Sehen hergekommen war, fand sich nur noch ein Platz, von dem aus ich die Rücken anderer Besucher, eine dicke Säule und den Kran an der Decke sehen konnte. Ich konnte mich also auch nicht mit dem Tanz der Finger oder dem Hin- und Herwerfen der Frisur vergnügen. Ich war ganz auf die technikuntertützten Ohren angewiesen.

Ich ergab mich in mein Schicksal — und wurde angenehm überrascht: Es geht! Und es macht Spaß! Das wollte ich nur mal kurz durchgeben. Als nächstes nehme ich dann Sinfoniekonzerte?

(Gehört bimodal, also mit CI und Hörgerät. Nur mit CI dagegen — nicht so prickelnd.)

Gezwitscher hören und sehen

Gezwitscher ist eins der Dinge, die mir die Ertaubung relativ schnell genommen hat. Da ist es ja eigentlich passend, dass ich nun, mit  elektrischem Ohr, es nicht nur wieder höre — sondern eins drauf setze und schriftlich zwitschere: Mit Not quite like Beethoven kann man sich jetzt auch bei Twitter unterhalten.
Lesen wir uns dort? Würd’ mich freuen! –>klick<–

Übrigens, ich bitte um Entschuldigung für die lange Abwesenheit. Ich werde jetzt nach und nach auf die Kommentare antworten.

Das Karussell

Meine Schläfe brennt. Eine Schürfwunde. Und diesmal schmecke ich Gras zwischen den Zähnen. Aber wie das so ist, spucke ich aus, lache, und greife wieder nach der Stange am äußeren Rand des Karussells. Ich renne so schnell ich kann und schiebe es dabei an. Die beiden anderen, auf dem Karussell, lachen auch. Dann springe ich auf und genieße den Drehwurm, der sich langsam meinen Bauch raufwindet.

Wenn wir als Kinder auf den nahegelegenen Spielplatz gingen, wollten wir zum Karussell. Wir trieben es mit aller Kraft an — und manchmal stürzten wir herunter. Natürlich ging es darum, sich möglichst wenig festzuhalten. Die, die drauf blieben, fanden es toll und wollten nur noch schneller im Kreis rasen.

Dieses fast vergessene Gefühl — herunterzufliegen während sich die anderen an der Geschwindigkeit berauschen — habe ich in letzter Zeit wieder kennengelernt. In Kneipen, auf Parties, in Cafés — überall wo sich Gruppen treffen und gelöst unterhalten. Mit dem elektrischen Ohr komme ich gerade so mit, meist. Immer mal wieder bin ich kurz voll dabei. Doch obwohl ich optisch mit am Tisch sitzenbleibe, akustisch treibt mich die Fliehkraft des rasenden Gespräches meterweit weg. Und von dort verstehe ich dann nichts mehr vom dem, was geredet wird.

Großer Frust ist das. Aber man muss auch sehen, woher das kommt. Es kommt daher, dass ich meine Grenzen nicht mehr kenne. Oder noch nicht wieder. Bevor ich ein Innenohrimplantat bekam, wäre ich in diesen Situationen nicht mal raufgekommen, auf das Karussell. Wenn möglich wäre ich der ganzen Situation von vornherein ausgewichen. Jetzt weiß ich noch nicht, wann ich es gar nicht erst versuchen muss. Und das ist auch gut so. Denn auf diese Weise bin ich öfters dabei. Wer nur manchmal runterfliegt, gibt sich nicht auf.

– Dieser Beitrag ist der dritte einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach etwas über einem Jahr elektrisches Ohr. Teil 1: Einmal Blackout und zurück, Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn

White Cube: Der Schwerhörige als Museumsliebhaber

Samstagnacht, 1.30 Uhr morgens, eine Party wie jede andere. Durch Dunkelheit und Musik,  Gelächter und Geschrei der Leute bahnt sich wieder eine dieser bizarren Erkenntnisse den Weg in meinen Geist. Diesmal: Mit starker Schwerhörigkeit sollte eine Vorliebe zur Musealisierung des Lebens einhergehen. Liebhaber freier Wildbahn dagegen — haben’s schwierig.

Wie das Kunstwerk im Museum, so brauche ich diejenigen, mit denen ich mich unterhalten mag: Nicht so wie sie das Leben eben bringt, sondern freigestellt vom Kontext. Hinweg mit den anderen Leuten und ihren Neben- und Störgeräuschen. Nur so verstehe ich: Stillgestellt, neutraler Hintergrund und von schlechtgelaunten Wärtern umgeben, die alle anderen zum leisen Flüstern oder gar ganz zur Stille zwingen und am selber mit dem Kunstwerk interagieren hindern. Das akustische Lebenskonzept des Schwerhörigen heißt: White cube. Suchen oder soweit wie möglich Schaffen.

Bah, denke ich. Langweilig! Und nehme drauf noch ein Bier.

Suchen oder soweit wie möglich Schaffen.

Aus den Augen, noch im Sinn

Als sich die Welt verschiebt, liege ich auf dem Boden. Fragen Sie mich nicht, wie ich dorthin gekommen bin, das tut hier nichts zur Sache. Wichtiger ist, was ich sehe. Nämlich: Die Decke meines Wohnzimmers. Da ist das Loch, das ich einmal hineingeschlagen habe, als ich es nicht lassen konnte, drinnen mit dem Bo zu trainieren. Am Hinterkopf, den Schultern, Po, Schenkeln und Hacken spüre ich die Härte des Bodens. Ich denke: Muss mal wieder die Pflanzen gießen, aus dem Blumentopf neben meinem Kopf riecht es nach sehr trockener Erde.

Auf diese Weise weiß ich genau, wo ich bin. Ich liege in der Mitte meines Wohnzimmers auf dem Boden.

Dann verschiebt sich die Welt. Alles bleibt wie es ist — und doch bin ich auf einmal gleichzeitig in der Küche.

Ich höre den Wasserkocher, der brodelt. Laut und deutlich als könnte ich die Hand danach ausstrecken. Dabei sind sogar noch drei Meter Flur dazwischen. Der Klick beim Ausschalten, so laut als stünde der Kocher direkt neben mir. Als ich dort hinsehe, steht dort nur die Topfpflanze.

Es ist selten, aber zuweilen paßt das Hören und das Sehen nicht zusammen. Ich weiß nicht, ob ich mich noch immer nicht vollständig daran gewöhnt habe oder ob es an der Einstellung des elektrischen Ohres liegt, jedenfalls holt das CI die Dinge ran. Meine Weltverhältnisse sind ganz andere, meine Umgebung endet nicht mehr an den Rändern meines Blickfeldes. Aus den Augen aus dem Sinn, so wie es bei Taubheit ist — das war einmal.

– Dieser Beitrag ist der zweite einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach etwas über einem Jahr elektrisches Ohr