Archiv der Kategorie: Leben & Arbeiten

Warum man Chefs wie Schwerhörige behandeln sollte

Auszug aus einer E-Mail, die ich gerade erhielt:

Lieber Herr Not quite,

ich muss es Dir ganz schnell erzählen: Dein Blog hat mein Leben verändert!

Ich hatte doch erwähnt, dass ich Probleme mit meiner Oberchefin habe, weil jedes Gespräch mit ihr ein Desaster ist. Der Hinweis, dass Schwerhörigkeit mit Demenz leicht verwechselbar ist, hat mich dann auf Idee gebracht, dass das unser Problem sein könnte (und sie doch nicht dement ist).

Ich hatte heute ein längeres Meeting mit ihr, meinem Abteilungsleiter und zwei externen Dienstleistern und habe alles befolgt, was ich in Deinem Blog gelernt habe. Also habe ich die wichtigsten Punkte vorher schriftlich fixiert und an alle verteilt, eine bestimmte Sitzordnung festgelegt, bei der wir nah zusammensaßen und sie alle im Blick hatte, ich habe Sätze zusammenfassend wiederholt, wenn ich das Gefühl hatte, sie geht einfach so darüber hinweg.

Und siehe da: Ich habe in den vier Jahren mit dieser Frau noch nie ein so gelungenes Meeting erlebt! Dialoge hatten auf einmal Stringenz. Es war wie Magie!

Vielleicht habe ich nur einen glücklichen Tag erwischt. Vielleicht gelingen Meetings einfach besser, wenn man die Kommunikation stärker reguliert.
Vielleicht ist sie aber wirklich schwerhörig.

Ich werde das weiter beobachten. Einstweilen aber erfreue ich mich an dem Gedanken, eine bahnbrechende Entdeckung gemacht zu haben.

Viele Grüße

M., euphorisch und dankbar

Klar, Meetings gelingen einfach besser, wenn man sie vorbereitet und die Kommunikation reguliert. Aber: Hach, was für ein schönes Gefühl, solche E-Mails zu bekommen! Und mal ganz im Ernst, die Dunkelziffer unerkannter Schwerhöriger ist enorm hoch. Allein unter meinen Kollegen habe ich mindestens sieben ausgemacht, die noch “im Schrank” leben, sich nicht geoutet haben und keine Hörgeräte tragen.

Und wie ist das bei Euch?

Nebenbei gesagt, die E-Mail oben ist ganz und gar nicht wie diese hier

Sehr, sehr gut: “Ich würde gern alles mitbekommen.”

Julia Probst im stern-Videointerview darüber, wie es ist, in Deutschland schwerhörig oder gehörlos zu sein.

“Ich würde gern alles mitbekommen.” stern.de spricht mit der gehörlosen Bloggerin Julia Probst über Rundfunkgebühren, Barrierefreiheit im Netz und das Engagement der Politik. 

Nur — wieso lag das so lang in der Schublade? Ist von September 2011….


Viel besser wäre doch: Schwerhörigkeit vermeiden

Wäre es nicht viel besser, das Kind gar nicht erst in den Brunnen fallen zu lassen, anstatt über Leute zu berichten, die mit einem oder zwei Kindern im Brunnen leben? Oder die Werkzeuge für das kinderlose Leben entwickeln? So zumindest verstehe ich einen Kommentar zum Interview mit Günther Beckstein über seine Ertaubung und sein Cochlea Implantat. Ich finde den so wichtig, dass ich darüber gern eine extra Diskussion anzetteln würde:

Es wäre schön, wenn es auch in ähnlichem Umfang eine Berichterstattung über den Hörsturz von Prominenten geben würde und diese Krankheitsform damit viel deutlicher in das Bewußtsein der Menschen kommt. Hier und in ähnlichen Artikeln wird hauptsächlich über die Behebung des Schadens berichtet, der Ansatz an der Vermeidung der Schwerhörigkeit durch Hörsturz ist meist keine Zeile wert.
[...] Der Hörsturz und seine Vorgeschichte (erste Warnhinweise usw.) sind nur wenigen in der Gesellschaft – meist Angehörige von Betroffenen – bekannt. Viele der aufgetretenen Hörstürze wären bei einer gezielten Info-Kampagne vermeidbar. [...] Herr Beckstein sollte seine Popularität nicht nur dazu nutzen Schwerhörigen Mut zu machen, sondern ebenso deutlich in der Öffentlichkeit die Fehlentwicklung in seinem Leben aufzeigen, die zu dieser Situation geführt hat und dieses “Fehlverhalten” in Frage stellen. [...]

Ich finde das auch. Also, dass Krankheitsbild, Risikofaktoren und deren Vermeidungsmöglichkeiten bekannt gemacht werden sollten. Aber ich denke, in diesem speziellen Fall wirken viele Dinge zusammen, die es kompliziert machen:

Mein Eindruck ist, dass über die Bedeutung von Hörhygiene und die Gefahr von Lärmschädigung durchaus berichtet wird. Nur interessiert das in allgemeiner bzw. wissenschaftlicher Form anscheinend kaum jemand. Kann man ja auch verstehen, denn Krach ist in unserer Gesellschaft auch ohne Kopfhörerbeschallung leider allgegenwärtig.

Persönliche Stories aber sind schwer machbar, weil außer bei Knalltraumata oder Leuten, die in lauten Umgebungen arbeiten (beruflicher Gehörschutz!), selten klar ist, woran es denn nun ursächlich liegt, dass jemand Hörprobleme hat. Obendrein kann ich schon verstehen, dass nicht jede ihre gesundheitlichen Probleme öffentlich ausbreiten will, zumal wenn sie in exponierten Positionen oder an der Spitze von Organisationen steht. (Obwohl, hier könnte es einen Trend geben, siehe Jaff Jarvis, Miriam Meckel etc.)

Wenn es nicht direkt um Lärm geht, wird es noch schwerer: Was genau Hörstürze sind, wie sie entstehen und therapierbar sind, ist — soweit ich weiß — immer noch eher unklar. Infusionen zumindest werden meines Wissens nach nur in Deutschland auf breiter Front als Therapie gemacht und Ruhe/ein paar Tage krankschreiben scheint fast die gleiche Erfolgsrate zu haben. (Falls es neue Infos gibt, bitte ich um Korrektur in den Kommentaren.)

Das Rezept “Schone Dich und Du wirst keine Hörprobleme bekommen!” stimmt ja nun auch nicht so ganz. Manchmal kommen die einfach, so wie ja auch Nichtraucher Lungenkrebs bekommen. Man hat nicht immer etwas falsch gemacht, wenn man krank wird oder bleibt. (Ich will das nicht verharmlosen, weder das Rauchen noch Lärm und stressige Lebensweisen. Ich überlege nur, wie genau denn die bessere Berichterstattung konkret aussehen könnte.)

Natürlich kann man auch über die Bedeutung von Entspannung und ein gesundes Verhätlnis zum eigenen Körper berichten, aber auch das wird doch mit dem Wellness-Trend schon gemacht. Nur, dass das dann eben nicht mehr spezifisch mit Hörproblemen oder der Vermeidung von Hörstürzen zu tun hat.

Und wie seht Ihr das?

Kubismus für die Ohren

“Ist das Kunst oder kann das weg?” Ich mag diesen Spruch — und wegen mir kann das wirklich weg: Die Telefonkonferenz.

Heute hatte ich ein besonders schönes Exemplar vor mir. Als Kunstwerk, bei dem es nicht darum geht, zu verstehen, sondern nur irgendwelchen körperlosen Stimmen von dröhnend laut bis kaum wahrnehmbar, rhythmischen Rückkopplungen und abgefahrenen Halleffekten zu lauschen und sie in ihrer zeitlichen Abfolge auf sich wirken zu lassen, ginge es ja noch. Krass und unwirklich, diese Klänge! Klassische Moderne! Kubismus für die Ohren!

Aber als Gespräch, bei dem sich Menschen einander mitteilen wollen und das auch noch effizient? Bitte nicht.  Ist mir echt ein Rätsel wie Flotthörende das ohne zu mucken machen können. Bin zur Abwechslung mal froh, sagen zu können: “Leute, Ihr müsst Euch was anderes ausdenken. Das kann ich nicht, das funktioniert mit mir nicht.” Ich finde, das kann weg.

Ein beeindruckendes Stück: Martin Zierold bei der politischen Arbeit

Schon etwas älter aber wirklich sehr gut: Marijke Engels Text darüber, wie sich Martin Zierold in seine Rolle als erster tauber Bezirkspolitiker Deutschlands  hineinfindet. Auf den wollte ich Euch nochmal hinweisen. Sehr gut geschrieben. Und viel Wahres darüber wo die alltäglichen Probleme für Menschen mit ohne Hören liegen, wenn sie mit Hörenden zusammenarbeiten.

Es ist ein kurzer, kehliger Ruf, lauter als das Stimmengewirr. Alle drehen ihre Köpfe in seine Richtung. Er gebärdet: „Halt! Lasst euch ausreden, das Durcheinander kann man nicht übersetzen!“ Das wirkt sofort. Augenblicklich kehrt die Gesprächsdisziplin zurück.

Man muss selbstbewußt sein für sowas, und einfordern was man braucht.

[Er springt] auf und reißt seinen Tisch um neunzig Grad herum, sodass er jetzt zumindest die übrigen Abgeordneten im Blick hat. „Diese Sitzordnung ist extrem schlecht. Ich kann die anderen nicht sehen, und ich sitze da als absoluter Außenseiter, wie so der kleine Doofe, der auch mitspielen darf“, erklärt er mit schnellen Gebärden den fragend schauenden Fraktionsmitgliedern. Für die nächste Sitzung möchte er auf jeden Fall neben ihnen sitzen, am besten im Hufeisen, damit er das ganze Parlament im Blick haben kann und einfach mehr mitbekommt.

Ich finde es toll, was er leistet! Zwar sind die Schwierigkeiten für komplett taube Menschen etwas anders gelagert als die für Schwerhörige, dennoch habe ich vieles sehr ähnlich erlebt.

Meine eigenen Erfahrungen mit diesem Thema habe ich neulich in Form von Tipps versucht zusammenzufassen: Taub im Job, trotzdem erfolgreich.

Auf dem Weg zum perfekten Werkstatt-Termin: Wie sollte die Anpassung eines elektrischen Ohres ablaufen?

Wer sich für ein elektrisches Ohr entscheidet, entscheidet sich für die Abhängigkeit von Experten und ihren Systemen. Das ist in etwas so, als schnalle man sich ein Auto an die Beine und kriege es nicht mehr ab. Das Ohr muss im ersten Jahr oft nachjustiert werden und später etwa einmal im Jahr zur Inspektion. Ich finde, es ist eine gute Idee, an der Gestaltung dieser Systeme mitzuwirken.

Der Hör-Treff, eine Selbsthilfegruppe besonders für Eltern hörgeschädigter Kinder, hat eine Website aufgesetzt, mit einer “Wunschliste” bzw. Umfrage, wie die Anpass- und Inspektionstermine am besten gestaltet werden sollen. Damit sie möglichst effektiv und angenehm sind. Bisher nämlich hapert es an allen Ecken und Enden — es gibt genügend schlecht eingestellte elektrische Ohren, nicht so netten Umgang mit den Cochlea-Implantat-Trägern, Ingenieure, die mehr mit ihrem Computer als mit den CI-Trägern reden und entsprechend viele genervte CI-Träger.

Bisher am häufigsten bemängelt wurde, so sagten mir die Initiatoren, dass einem bei Inspektion und Nachjustierung nicht automatisch eine Dokumentation der aktuellen Einstellungen und Änderungen mitgegeben wird. Wie beim Arzt also, der einem auch seltenst Einblick in seine Akten und Notizen über einen gewährt.  Dabei sollte das selbstverständlich sein. Es gibt gute Gründe dafür, CI-Träger als Nutzer oder Kunden zu behandeln und nicht als Patienten (–>Menschenbilder — Was macht die Technik aus den Schwerhörigen?)

Das Formular kann man hier erreichen. Im übrigens sehr empfehlenswerten Forum der Gruppe gibt es einen Info-Artikel.

Die Königsfrage (und der Versuch einer Antwort)

Wenn Du eine Sache ändern könntest, um das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, was wäre das?

Das fragte Christiane letzte Nacht in ihrem Blog. Und weil mich die Frage beschäftigt, würde ich das gern auch Euch fragen! Was meint Ihr?

Meine Antwort war übrigens folgende: Mich nerven die Automatismen, diese meist unbewußten, pauschalen und die ganze Person betreffenden Abwertungen (Behinderte sind krank, nicht leistungsfähig, uncool oder häßlich anzusehen etc.). In Wirklichkeit ist doch jeder Mensch ein bißchen anders — ganz egal ob behindert oder nicht, jeder hat andere Stärken und Schwächen, kann, will oder braucht anderes. Und das ändert sich auch noch einmal je nach Lebenssituation.

Darum würde ich vielleicht die pauschalen und die ganze Person betreffenden Aufwertungen abschaffen, also z.B. den “Schwerbehindertenausweis”. Denn der verbindet Stigmatisierung (man ist “ein Behinderter”) mit vergleichsweise ungezielten und im Einzelfall sogar mal ungerechtfertigten Begünstigungen. Ich würde ihn durch ein flexibles und niedrigschwelliges System von beantragbaren Nachteilsausgleichen bzw. deren Finanzierung ersetzen.

Ich denke, es macht durchaus einen Unterschied ob die Logik ist “X ist schwerbehindert, das heißt er braucht und kriegt a, b und c” oder “X erklärt, dass er dieses braucht um jenes machen zu können. Darum kriegt er es”.

Wobei ich durchaus sehe, dass ein “Ausweis” und pauschale Regelungen auch Vorteile haben. Man muss sich nicht jedesmal die Mühe machen um Hilfen zu bitten. Und man kann besser Gleichstellungsmaßnahmen einführen, also z.B. sagen, dass “Schwerbehinderte grundsätzlich” zum Vorstellungsgespräch einzuladen sind, wenn sie nicht aufgrund ihrer Unterlagen offensichtlich für den Job ungeeignet sind.

Wie seht Ihr das?