Archiv der Kategorie: Nette Geschichten

Gefahr im Schlafzimmer

Nein, dass seine eigene Frau einmal mit einem Knüppel nach ihm schlagen würde, weil er sich ein Cochlea Implantat hatte einsetzen lassen — das hätte sich Stefan wirklich nicht träumen lassen.

Stefan und Nina waren seit vielen Jahren ein Paar. Sie hatten sich vor 15 Jahren bei einem Betriebsausflug nach Rothenburg ob der Tauber kennengelernt, Stefan war damals 43, Nina 45. Nur zwei Wochen später war Stefan bei Nina eingezogen. Seither hatten sie insgesamt nur 17 Nächte getrennt geschlafen, den großen Rest hatten sie gemeinsam in Ninas auf die Dachterrasse hinausgehendem Schlafzimmer verbracht. Dort war es dann passiert. Nina schwang mit voller Wucht einen Baseballschläger in Richtung Stefans Kopf, und dieser konnte sich nur durch einen mutigen Sprung in die Stehlampe retten. Zu dieser Zeit hatte Stefan sein elektrisches Ohr etwa drei Monate, der gesamte Klang war ihm noch fremd. Doch er freute sich bereits sehr darüber, viele leise Geräusche wieder zu hören und Nina anstrengungsloser zu verstehen.

Den Baseballschläger hatte Nina zwei Wochen vor dem Zwischenfall angeschafft und auf ihrer Bettseite unters Bett gelegt. So fühle sie sich sicherer, sagte sie. Denn in der Gegend von Ninas und Stefans Wohnung häuften sich in jenem Herbst Einbrüche — und eines Abends hatten beide bei der Rückkehr von der Arbeit eine Gestalt im Halbdunkel auf ihrer Terrasse kauern sehen, die sich, als sie das Licht einschalteten, eiligst von dannen machte. Seither lag also der Baseballschläger unter Ninas Betthälfte.

In der fraglichen Nacht war Nina irgendwann aufgewacht, weil sie Geräusche hörte: Jemand schlich durch die Wohnung. Stefan konnte es nicht sein, denn dessen tapsigen, geräuschvollen Gang hätte sie nach 15 Jahren aus tausenden wiedererkannt. Anfangs hatte sie ihm deswegen oft Vorwürfe gemacht, denn wenn er einmal später nach Hause kam oder nachts aufs Klo ging, stapfte und polterte er so, dass Nina jedes Mal aufwachte. Doch dann war ihr klar geworden, dass Stefan selbst nicht mehr hörte, wie geräuschvoll er mitunter war — beim Laufen, beim Atmen etc. Stefan also konnte es nicht sein, der da im Dunkeln immer näher kam.

Stefan war in diesem Moment gerade sehr glücklich. Er war auf dem Rückweg vom Badezimmer ins Bett und setzte ganz vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Seit er das elektrische Ohr hatte, war ihm aufgefallen, wie laut sein Atem mitunter war und wie viele Geräusche er beim Gehen eigentlich machte. Jetzt konnte er richtig schleichen. Das machte Spaß. Und darüber, dachte er, würde sich Nina sehr freuen.

Nina hörte, wie der fremde Mann im Zimmer näher und auf ihre Seite des Bettes kam, nah und näher. Sie griff nach dem Baseballschläger.

–Aus der Reihe: Unerwartete Nebenwirkungen des elektrischen Ohrs–

“Ich entschied, ihnen nicht in die Augen zu sehen…”

Ich glaubte, eine enorm wichtige Entdeckung über Menschen gemacht zu haben. Ich entschied, ihnen nicht in die Augen zu sehen, wenn ich mit ihnen redete oder sie mit mir. Ich sah ihnen auf den Mund. Das einzige, was mich interessierte, war wie die Münder ihre Formen annahmen und ich entschied, dass man den Leuten nur genau auf den Mund sehen müsse, wenn sie redeten, um alles zu wissen was man wissen muss. Ich versuchte, ein Gedicht darüber zu schreiben und ich glaube, es reimte sich.

Das könnte von mir sein. Dass Augen der Spiegel der Seele sein sollen, halte ich ja bekanntermaßen für Propaganda. Doch es ist vom Schriftsteller Ben Marcus, im Gespräch im höchst lesenswerten Blog The Days of Yore, wo erfolgreiche Künstler über die Zeit sprechen bevor sie Erfolg hatten. Auch ganz toll: Jennifer Egan.

Wie hört ein Schwerhöriger in der Kirche? (Mit Klangbeispielen)

Na wie wohl? Er hört, aber er versteht nicht. Das wird einem auf dieser Website mit ein paar Hörbeispielen höchst klar gemacht. Schaut mal vorbei.

(Sehr interessanter Versuchsaufbau! Sie haben nämlich durch das Mikrophon eines Hörgeräts aufgenommen. Und man sieht auch, was Untertitel und Induktion leisten.)
((Und ein ziemlich unterstützenswerter Verein, dieses Hören ohne Barrieren, soweit ich das der Website entnehmen kann.))

Gesichtsgrammatik und Körpersprache – oder: Wie sexy kann eigentlich eine Katastrophendurchsage sein?

Von Lydia Callis, der Gebärdensprachdolmetscherin, die gerade berühmt geworden ist, habt Ihr bestimmt schon gehört. Aber wisst Ihr eigentlich auch, wie ausgefeilt die Grammatik der Gebärdensprache ist? Man könnte sich ja denken: “Konjunktiv zum Beispiel. So komplizierte Möglichkeitsformen oder Bedingtheiten kann man doch nie nur durch Bewegungen rüberbringen!”
Gleichzeitig kenne ich viele, die ein wenig eingeschüchtert sind von der Mimik von Menschen, die sich in Gebärdensprache unterhalten. Es sieht ihnen übertrieben oder sogar grob aus. Nichts könnte falscher sein als dieser Eindruck

Bei mentalfloss bekommt man vorgeführt, wie in American Sign Language Gesicht und Körperhaltung als Teil der Grammatik benutzt werden. Sehr spannend und gut bebildert. Warum Menschen, die Gebärdensprache sprechen, so lebhafte Mimik und Ausdruck haben.
(Wer kein Englisch kann probiere z.B. den Google Übersetzungsdienst.)

Musik ist universal

via @hewritesilent

The Last Deaf

Whoa! Yeah! Jason Bourne in gehörlos. Ein Verschwörungs-Thriller, in dem es um Taube, Gebärdensprache und CIs geht. Das will ich mir ansehen!

Verräterische Erleichterung: Andersartigkeit, Behinderung und Intellekt (achja, und Sex auch)

Mit Bekenntnissen sind die Leute schnell bei der Hand, wenn es um Andersartigkeit und Behinderung geht. Die soll keine Rolle spielen, alle seien gleichberechtigt, das Wesentliche sei für die Augen unsichtbar — sagen sie dann etwa.

Sind sie aber tatsächlich im Alltag mit Andersartigkeit und Behinderung konfrontiert — sagen wir: einem Schwerhörigen, der sich im Gespräch verhält als sei er nicht besonders helle oder gar dement, mit wirklich sehr dicken Menschen, mit heftig Schielenden oder einem Körper, der so feingliedrig und kantig ist, dass er kaum die Sitzfläche des Rollstuhls ausfüllt, auf der er sitzt — sind sie also tatsächlich damit konfrontiert, dann sieht die Sache meist anders aus. Und ich nehme mich da selbst gar nicht mal aus. Da reagieren die Leute dann ungehalten, eingeschüchtert oder sogar angeekelt. Sie sind in ihren Vorstellungen von Normalität und Abweichung und ihren gefühlsmäßigen Gewohnheiten gefangen. Sie sind davon bedrückt.

Ich finde es gut, wenn man dies nicht verleugnet. So zu tun als wäre es nicht da, wenn es doch da ist und einen verunsichert, weil man es nicht gewohnt ist, bringt niemanden etwas. Dazu zu stehen, zumindest sich selbst gegenüber, ist der einzige Weg zu entspanntem Umgang.

Sex mit Behinderten — Zu diesem delikaten Thema hat Hans Ulrich Gumbrecht schon vor einiger Zeit einen Text seines Freundes Klaus Birnstiel in sein Blog geholt. Der Text ist ziemlich provokant, ich finde ihn gut. Schaut mal rein. Was mich heute aber mehr interessiert ist: Gumbrecht hat ihm eine Einführung vorangestellt, in der er beschreibt, wie er die erste Begegnung mit Birnstiel erlebte. Dieser stellte ihm nach einem Vortrag eine Frage:

Es war eine scharfe, provokante und wirklich schwierige Frage. Darin lag eine Erleichterung, denn der reduzierte Körper des Rollstuhlfahrers und seine Differenz wurden so zum Medium einer intellektuellen Präsenz, mit der ich “normal,” fast wie mit der von einem “normalen” Körper gestellten Frage umgehen konnte.

Das finde ich sehr ehrlich gesagt. Und das wiederum finde ich gut.