Archiv der Kategorie: Nichtgehörtes

Obey Thoven! No, obey Mozart!

Obey Thoven

Streetart, Beethoven und auch noch Hellblau? Ich konnte schon vor zwei Jahren nicht widerstehen und habe mir das Plakat dieser Obey-Thoven Werbekampagne eines US-Radiosenders für klassische Musik bestellt, die an Shepard Fairey angelehnt war. Wie man an diesem Foto von vor ein paar Tagen sieht, sorgt sie in New York auch zwei Jahre danach noch für Kontroverse. Beethoven hin, Mozart her — sieht immer noch cool aus, oder?

Stammzellen, das Wundermittel gegen Schwerhörigkeit und Taubheit?

Alle paar Monate werde ich nach meiner Einschätzung von Gen- oder Zelltherapien und regenerativer Medizin insgesamt gefragt. Darum hier mal ein Hinweis auf einen guten, aktuellen Artikel von Joachim Müller-Jung, den ich sehr schätze und der den Stand der Dinge, wie ich finde gut zusammenfasst:

Neue Zelltherapien: Stammzellen auf der Schnellstrasse?

Allen, die den neuen Therapien entgegenfiebern, rate ich, vor allem auf zwei Hinweise zu achten: „Zusammen mit einem Cochlea-Implantat” und “Differenzierungsgrad und Lebensdauer”. Im Augenblick sieht es nämlich danach aus, als ob regenerative Therapien nicht statt sondern zusammen mit der Blechtechnik kommen würden. Und wie nachhaltig das Ganze ist, muss man genauso noch sehen wie wie es sich dann anhört, was man da hört. Das kann man so ein Tier ja nicht einfach fragen.

Gute Frage: Können jemals zwei das Gleiche hören?

Woher ich weiß, dass was wir beide “gelb” nennen, für dich und mich gleich aussieht? Ganz einfach: Ich weiß es nicht. Ich kann es auch gar nicht wissen. Niemand kann es wissen. Dennoch funktioniert der ganze Alltag auf solchen Annahmen. Und das ist bei allen Wahrnehmungen so. Da muss man eigentlich gar nicht erst mit einem elektrischen Ohr kommen um sich zu wundern: “wie hört sich denn das für Dich an?”

In den Kommentaren von “Gehört mit 1/40s, Iso 800, Blende 2,8″ haben wir uns richtig darüber gefetzt ob Ganznormalhörende nun je das gleiche hören oder nicht. Daran wollte ich nochmal erinnern, denn heute habe ich in der FAZ einen Text darüber gefunden, wie ungleich wir sehen. Es geht um Frauen, die nicht wie alle anderen nur drei Sehsinneszellentyp besitzen, sondern dazu einen vierten. Die große Frage ist:

Etwa zwölf Prozent der europäischen Frauen seien retinale Tetrachromaten, schätzt Jordan. Die große Frage, der Jordan auf der Spur ist, lautet: Nehmen diese Frauen die Welt auch mit anderen Augen wahr als ein Durchschnittsmensch? Sind sie also nicht nur retinale, sondern auch funktionale Tetrachromaten?

12 Prozent! Das ist doch schonmal überraschend viel für einen richtig großen Unterschied ganz tief unten in der Biologie des Sehens. Ich habe noch nie von solchen physiologischen Unterschieden beim Hören gehört. Es gibt ja glaube ich auch keine so typische Andersartigkeit wie die Rot/Grün-Verwechslung beim Hören, oder?
Aber nach diesem Artikel denke ich: Ist das so unwahrscheinlich? Ich glaube nicht.

Letztlich allerdings bleibt es dabei: Wie sich Sehen oder Hören für andere anfühlt oder anhört, kann man nicht wissen. Auch ohne dass der oder die andere dafür ominöse vierte Zapfen oder elektrische Ohren haben müsste. Schade eigentlich. Oder vielleicht doch ganz gut.

Bordo — Kernkraftwerksingenieure wie Schwerhörige kennen das

Die Geschichte mit der Sächsin, die eine Reise nach Porto wollte, aber ein Flugticket nach Bordeaux erhielt, habt Ihr inzwischen vielleicht schon gehört. Als Fachmann für alles, was in der Kommunikation schiefgehen kann, kann ich den Vorfall und das sich daran anschließende Urteil nicht unkommentiert lassen. Mich wundert, dass in der anschließenden Gerichtsverhandlung  ausschließlich die Reiseveranstalterin Recht erhielt:

Vor einem Stuttgarter Amtsgericht berichtete die L’Tur-Mitarbeiterin, sie habe zweimal in korrektem Hochdeutsch die Flugroute genannt. Als die Kundin keine Einwände geäußert habe, habe sie den Flug gebucht. Das Gericht urteilte daraufhin: „Versteht der Empfänger eine undeutlich gesprochene Erklärung falsch, so geht dies grundsätzlich zulasten des Erklärenden.“ Die Buchung der Stuttgarterin war also gültig, das Urteil rechtskräftig.

Kernkraftwerksingenieure wie Schwerhörige kennen das und erschaudern: Es ist der Alptraum schlechthin. Hier gab es nicht nur ein Versagen, hier versagte nicht nur eine Sicherung, sondern hier versagten zwei hintereinander geschaltete Sicherungssysteme! Wir haben einen GAKU vor uns, einen größten anzunehmenden Kommunikationsunfall!
Nicht nur gibt es ein lautliches Mißverständnis, sondern auf zwei explizite Nachfragen hin gibt es wiederum eins, so dass das ursprüngliche Mißverständnis keinem der Beteiligten auffällt. Willkommen in meinem Alltag.

Wie es Freund Mark ja auch schon formulierte: Wegen der versagenden Sicherungssysteme hätte ich mindestens eine Mitschuld der Reiseveranstalterin gesehen. Denn der Erklärende, zu dessen Lasten laut Gericht die Sache gehen sollte, war ja wohl zwei von drei Mal die Mitarbeiterin.

Übrigens: Der schwerhörige Prozessoptimierer hat für solche Fälle die Lösung bereit: Wer Verstehen sicherstellen will,  muss Kontextinfo dazugeben. Also nicht stur “Bordo, Sie wollen nach Bordo?” wiederholen, sondern so etwas sagen wie: “Sie wollen also nach Bordo in Frankreich.” (Ist übrigens Regel Nummer 10 der Gebrauchsanweisung für Schwerhörige von 2009.) Hier wäre es also mal echt gut gewesen, wenn man sich an den Schwerhörigen orientiert hätte.

Frage des Tages: Wie stellt man eigentlich mit Gebärdensprache Klänge und Geräusche dar?

Wie kann man Geräusche zeigen? Wie stellen Menschen, die nie gehört haben, Klänge dar?

Wer sich dafür interessiert, lese bitte mal diesen Kommentar. Der gibt Antwort und einen kleinen, hochspannenden Einblick in die Möglichkeiten.

Let’s get high on a CI! Oder auch zwei…

Dieser Rausch! Es funktioniert ja nicht immer und nicht bei jedem. Aber wenn das elektrische Hören mit dem Cochlea Implantat funktioniert, dann ist es ein großartiger Trip. Über Wochen, Monat schälen sich aus dem Wlingen und Piepsen spannende Töne und Geräusche heraus — es wird immer besser. Mehr noch: Man weiß schon vorher, dass es immer besser werden wird, jedenfalls solange es keine Komplikationen gibt. Ein unbändiges Hochgefühl, wenn man wie frisch in den Skilift eingestiegen dasitzt, die Aussicht wird immer besser und man weiß, es steht Tolles und Aufregendes bevor. Verstärkt wird das Ganze dann noch durch die Phase nach der Operation, die man in großer Stille verbringt, weil weder Hörgerät noch CI auf dem heilenden Ohr getragen werden.

Von diesem Hochgefühl nimmt man dann gern noch eins. Besonders wenn man merkt, wie langweilig, wie lasch im Vergleich dazu die Suppe ist, die ein Hörgerät dem hochgradig Schwerhörigen hineinspült.

Doch man muss auch das Runterkommen verkraften — und das ist, je nachdem, auch ziemlich heftig. Denn irgendwann, so nach etwa einem Jahr, ist der Skilift zu Ende und die Abfahrt auch. Die steile Verbesserungskurve flacht ab, es wird deutlich wo die neuen Hörgrenzen liegen. Was alles trotz CI nicht funktioniert. Die Mühen der Ebene beginnen. Es ist nur so eine persönliche Beobachtung, aber mein Eindruck ist, dass eine ganze Menge Leute sich genau in dieser Phase für ein zweites CI entscheiden. Ärzte machen es einem dabei leicht, sie bieten den nächsten Schuss und loben seine Vorzüge.

Versteht mich nicht falsch, dies ist keine Warnung vor CIs und auch nicht vor dem zweiten — wenn es denn angezeigt ist und man dies will. Ich will nur auf eine Gefühlsdynamik hinweisen, die ich wichtig finde. Irgendwann kommt das Plateau und sei es nach dem zweiten Hoch. Denn ein drittes wird es nicht geben. Damit muss man sich abfinden (was natürlich leichter fällt, wenn es selbst hoch liegt). Man bleibt schwerhörig. Schwierig ist dabei, dass die Grenzen des CIs nicht einfach so feststehen. Manchmal ist es sogar kaum möglich zu entscheiden, ob man nun wirklich an die Grenzen gestoßen ist oder das elektrische Ohr einfach nur etwas besser eingestellt werden müsste. Das muss man mit seinen Gefühlen ausmachen.

Dies ist Teil 7 einer kleinen Serie über Cochlea Implantate, die ich anderthalb Jahren elektrisches Hören schreibe:

Teil 1: Einmal Blackout und zurück
Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn
Teil 3: Das Karussell
Teil 4: Niemanden bitten müssen
Teil 5: Zufrieden mit dem elektrischen Ohr?
Teil 6: “Da sind ja überall Menschen!”

Sand im Getriebe des Alltags — Schwerhörigkeit als Krisenexperiment

Schwerhörige sind der Sand im Getriebe des Alltags. Da wir uns gerade über Strategien des mehr oder weniger eleganten Vertuschens von Nichtverstehen unterhalten hatten, hier zwei klassische Beispiele für heftige Auswirkungen der unschuldigen Nachfrage “Wie meinst Du das?” Undercover-Soziologen stellten sie systematisch und guckten, was geschah:

Beispiel 1 — Herr C. und Herr K. teilen sich ein Auto. Bei der Übergabe erzählt C., was ihm gestern auf dem Weg zur Arbeit passierte.

C:   Übrigens, ich hatte gestern einen Platten.
K:   Hä, wie meinst Du das?
C  (guckt kurz überrascht, dann abwehrend): Was soll das heißen, “Wie meinst Du das?” Ein platter Reifen ist ein platter Reifen! Das ist, wie ich das meinte. Nichts besonderes. Was für eine verrückte Frage!

Beispiel 2 — S. trifft E. auf der Straße und winkt erfreut. Sie begrüßen sich und dann erzählt S. erst einmal alles was ihm in den letzten Tagen passiert ist. Schließlich fragt er.

S:  Aber genug von mir. Sag mal, wie geht’s Dir?
E:  Hm, wie meinst Du das?
S:  Wie geht es Dir?
E:  Könntest Du nochmal sagen wie Du das meinst, dann kann ich besser antworten?
S  (aggressiv): Hör mal, ich wollte nur höflich sein. Ehrlich, mir doch egal wie’s Dir geht!

Diese Beispiele habe ich aus Harold Garfinkels klassischem soziologischen Buch Studies in Ethnomethodology von 1967 leicht verändert übersetzt (und das 2. Beispiel zudem aus dem US-amerikanischen Kontext geholt). Garfinkel hatte die kluge Idee, unpassendes Verhalten (hier die Nachfrage “wie meinst Du das?” bei sehr einfachen Sachverhalten) ganz gezielt einzusetzen  um die Normen des Zusammenlebens zu erkunden. An der Heftigkeit der Reaktionen auf diese sogenannten Krisenexperimente erkannte er, dass und welche er gefunden hatte. In diesem Fall ging es darum, dass bestimmte Deutungskompetenzen und Kenntnis sozialer Umgangsformen einfach vorausgesetzt werden. Wer dagegen verstößt…

Na, wie findet Ihr das? Kommt Euch das bekannt vor?