Archiv der Kategorie: Schöne Töne

Schöne Töne #15 — Lali Puna: Faking the Books

Ui, das ist nun auch schon ein paar Jahre her, dass mir Lali Puna zuletzt über den Weg gelaufen ist.  Nett. Und dieses eigentümliche Zusammenspiel von Bild und Ton — Ich finde, das hat tatsächlich was! Der Bildstil erinnert mich übrigens an Telekolleg, oder die Skigymnastik, die in den in den 1980ern im Fernsehen lief…

Gefällt’s Euch?

[danke, Jürgen, für den Hinweis!]

Wie Nichthören an die Dinge bindet. Zumindest an die Espressomaschine

Wer keine dieser Cafeteras zum auf den Herd stellen hat, verpaßt was. Es gibt keinen schöneren Kaffeeton — vor allem morgens und vor allem auf einem Gasherd: Dieses leise Zischen und Brausen der Flamme, die unten an der Espressokanne leckt …  Allein dafür habe ich jahrelang direkt nach dem Duschen ein Hörgerät angezogen. Filterkaffeemaschinen röcheln dagegen nur vor sich hin. Der Mühe nicht wert. Richen tut der Kaffee ja sowieso.

Meine neue Espressomaschine macht zwar wunderbaren Kaffee, aber ganz schlimme Geräusche. Wie ein Generator. Eigentlich ein Grund, sich über den Hörverlust und die morgendliche Stille zu freuen. Leider muss ich ihr dann aber den ganzen Brühvorgang über die Hand auflegen.

Das ist natürlich ein Luxusproblem. Weil ich die Maschine nicht einfach benutze, sondern aus ihr das Optimum herauskitzele. Sie davon überzeuge, die Beste zu sein, die sie sein kann! Denn: Ich unterbreche den Brühvorgang an einer ganz bestimmten Stelle kurz und starte sie dann wieder. Mit Hörzeugs in den Ohren bin ich dabei frei zu tun was immer ich will: Müsli vorbereiten. Benommen aus dem Fenster starren. Oder ein paar Worte mit dem lieben Gast wechseln. Wenn ich den Punkt zum Ausschalten höre, tue ich das.

Ohne Hörzeug dagegen höre ich diesen Punkt nicht. Ich muss die Maschine anfassen und den “Gangwechsel” spüren. Ich kann nicht weg. Ich bin gebunden. Obwohl, wer weiß, vielleicht schmeckt der Kaffee ja gerade wegen des Handauflegens so gut?!

 

Schöne Töne #14

Es ist kurz nach sechs. Dieses knisternde Britzeln, was ist das bloß? Klingt eigentlich ganz schön. Erwartet hätte ich so früh am Morgen nur das anschwellende Brausen des Verkehrs und die eine oder andere Vogelstimme. Das Übliche halt.

Jetzt aber klingt es fast wie Regen — ein Prasseln, obwohl draußen die Sonne lacht. Dann sehe ich es: Der Herd! Die Milch! Es riecht verbrannt. Schon bildet sich Kruste. Waaahh!!

Bevor ich das elektrische Ohr hatte, hätte diese Geschichte sieben Sätze später begonnen. Das feine Britzeln und Prasseln hätte ich trotz Hörgeräten nicht gehört. Sie hätte aber genauso geendet. Ich notiere mir: Es kommt nicht darauf an, was Du hörst, sondern was Du daraus machst!

Was für ein Audiot! — Eine Blogempfehlung

Einer der nettesten Nebeneffekte dieser Grimme-Nominierung ist, dass neue Besucher hierherfinden und ich dadurch  auch interessante Blogs kennenlerne. Das neueste Beispiel ist so spannend, dass ich es Euch hier vorstellen möchte.

Auf Ohrenblicke führt Jens die Welt durch die Ohren betrachtet vor. Das heißt vor allem: In Form von Podcasts.  Jens bezeichnet sich selbst zuweilen als Vollaudiot — darunter versteht er jemand, der in Tönen denkt, mit Geräuschen malt und seine Realität aus Klängen zusammenbastelt. Ich habe mich ein bißchen durch Ohrenblicke und das dazugehörige Lieblingshörer-Forum geklickt, ein bißchen reingehört, habe was verstanden oder auch nicht — und bin begeistert von diesem akustischen Blick auf die Welt. Denn die Themen sind eigenwillig, die Podcasts gut gesprochen. Und selbst wo ich nichts verstanden habe, konnte ich fremde oder unerwartete Klänge genießen.

Der neueste Streich ist eine Reportage vom Blindenfußball. Und dank Jens Beschreibung kann ich mir das lebhaft vorstellen:

Die Rasselbälle verlieren Farbe und Form und verwandeln sich in bewegliche Geräusche – die Spieler werden zu Stimmen, die sich in einem akustischen Raum bewegen.

Außerdem, last but definitely not least, ist dieser Bericht ein schönes Beispiel dafür, was im Internetz und in den Einmann-Medien wie Blogs alles möglich ist. Jens ist nämlich vor kurzem über Not quite like Beethoven gestolpert und hat spontan beschlossen, zumindest probeweise Skripte für seine Podcasts anzubieten. Den Blindenfußball-Beitrag gibt’s nun also zum Mitlesen — und zwar hat sich Jens sogar die Mühe gemacht, sein Sounddesign zu beschreiben!

Ich finde das großartig! Klickt mal bitte rüber und schenkt dem Mann ein wenig Aufmerksamkeit (flattr gibt’s auch).

Touch the Sound: Horchen wird unterschätzt

Klang berühren ist ihr Motto, Musik Spüren ihre Spezialität: Dame Evelyn Glennie ist hochgradig schwerhörig  und erfolgreiche Musikerin. Die Finger wollen hier einfach “trotzdem” reinschreiben, aber gerade das würde sie auf die Palme bringen. Unter Menschen mit eingeschränkter Audio ist sie umstritten, auch hier im Blog kochte die Diskussion schon einmal hoch.

Gestern habe ich Touch the Sound gesehen, einen 100-Minuten Film über ihre Art, Musik wahrzunehmen und zu machen. Der hat mich so beeindruckt, ich muss das kurz beschreiben. Und ich will nochmal auf ihre Vorstellung eingehen, wie man mit Hörproblemen gut leben kann. Die finde ich nämlich ziemlich gut. Weil aber alles zusammen aber ein sehr langer Eintrag geworden wäre, hier schonmal der kurze Hinweis auf den Film vorab. Zur Frage, was man von Evelyn Glennie lernen kann, kommt bald noch was. [Nachtrag:  Klick hier]

Der Film ist, kurz gesagt, wunderbar. Und zwar auch die Bilder. Thomas Riedelsheimer hat eine anderthalbstündige, spannende Reise in die akustische und visuelle Wahrnehmung geschaffen. Hat mich sehr an meinen alten Musiklehrer erinnert, von dem hier auch schon die Rede war: Überall ist Musik, man muss sich nur darauf einlassen. Das hat mich sehr berührt. Man muss sich jedoch tatsächlich darauf einlassen. Denn faßt man die Botschaft des Films in Worte,  ist sie ziemlich einfach. Achtet man nur darauf, ohne sich Bild und Ton ein wenig hinzugeben, zieht sich der Streifen doch etwas. Ich finde aber: Diesen Film sollte man gesehen haben. Und zwar nicht auf youtube, das ist nur als Teaser gedacht!

Oben in dem Filmausschnitt sieht man übrigens ab 5:12 mein Lieblingsinstrument. Und weil so viele verschiedenartige Klänge vorkommen ist der Film auch super zum Hören mit dem Cochlea Implantat! Ich habe immer wieder die Augen zugemacht und einfach nur gehorcht, was ich da höre. Genau das ist für mich die Botschaft des Films: Ob nun vor lauter Arbeit, Routine oder Lärm — Horchen geht im Alltag einfach viel zu oft unter. Horchen wird unterschätzt.

Macht das CI den Subwoofer nutzlos? Über (Nicht-)Basshören mit dem Cochlea Implantat

Als ich auf grün wartete, fuhr gestern einer dieser rollenden Subwoofer an mir vorbei, die man schon auf 200m hört: Dummm, Dumm, Dum-Dum, Dummmm, Dummm. Und immer so weiter. Ich habe keine Ahnung wie tief dieses Geräusch war, aber dem Fahrer hat’s gefallen. Und immerhin: Ich hab es auch gehört. Allerdings wohl mehr mit dem Mini-Akustik-Gehör, das mir geblieben ist, als mit dem neuen, elektrischen.

Gestern kam auch das Gespräch darauf, wie man denn mit Cochlea Implantat (CI) tiefe Töne hören kann, wenn doch technisch nur Frequenzen ab etwa 125hz aufwärts weitergegeben werden. Wie so vieles beim CI fällt die Antwort hauptsächlich in den Bereich Wunder des Gehirns. Ich habe jetzt mal den Bass-Test gemacht. Mit LL Cool J.

CIs sind auf Sprachverstehen hin optimiert, nicht auf Musikhören. Ein biologisches Ohr nimmt noch deutlich Töne unter 125hz wahr — also etwa wenn sehr tiefes Lastwagenbrummen Wände und Boden zum Wackeln bringt. Das elektrische riegelt da (oder in der Nähe dieser Schwelle) einfach ab. So ist das zunächst mal.
Dennoch kann man — das habe ich in den letzten Wochen gemerkt — erstaunlich tiefes Hörempfinden haben. Das Gehirn macht aus dem, was ankommt, mit der Zeit einfach das, woran es gewohnt ist. Oder was es gerne hätte. Schon bei Sprache ist das so: Viele Neu-CI-Träger beschweren sich in den ersten Wochen über helle Mickey-Mouse-Stimmen. Mit der Zeit denkt sich das Gehirn dann: Ach, richtig tief ist jetzt mit diesem Reiz verbunden? Na gut, okay…. Man kann also nicht mal sagen, die tiefen Töne seien nur Einbildung!

Ich habe zum Spaß immer mal Going Back to Cali gehört, das Stück hat seeehr tiefe Bässe. Ehrlich gesagt: Die sind so tief, dass schon die meisten von Euch, die jetzt vielleicht am Computer reinhören, einfach nicht das Equipment haben, um sie richtig zu hören. Und vermutlich ist die Youtube-Version eh im unteren Frequenzbereich beschnitten. Man hat da also sowieso ein ähnliches Hör-Erlebnis wie mit dem CI.

Jedenfalls: Bis vor einer Woche war es kein Vergnügen, das Stück nur per CI zu hören. Flaches, farbloses Geploppe. Inzwischen merke ich bei tatsächlich Bassdruck (auch wenn ich sonst noch nicht alles davon höre, ich rede hier nur über die tiefen Töne). Es klingt voll. Halt so, wie wenn man endlich den Bass aufgedreht hätte. Das ist noch immer weit von natürlicher Empfindung und Hi-Fi entfernt. Aber es klingt endlich nicht mehr wie schlechtestes Kofferradio. Und es klingt tatsächlich tiefer als ich erwartet hätte.

Wer weiß, vielleicht ist also doch genußvolles Musikhören mit CI möglich. Ich meine diesseits des Spinal-Tap-Effekts. Ob wohl auch stocktaube CI-Träger was von Subwoofern haben? Also davon, öfters am untersten Rand stimuliert zu werden…?

Mal an die CI-Träger unter uns: Wie ist das bei Euch? Wie kommen die Bässe aus dem Stück bei Euch an? Habt Ihr einen Subwoofer?

Gib mir Melodie: Musikhören mit dem Cochlea Implantat

Es ist nicht High Fidelity, aber so langsam kommt’s. Ich werde mal an einem Beispiel beschreiben, wie Musik mit dem CI jetzt klingt, so nach drei Monaten CI.  Ein Zwischenstand.  Und ich rede dabei übers Hören NUR mit CI. Keine akustischen Anteile dabei. Denn ich höre übers Audiokabel, im Grunde ein Kopfhörer, der direkt ins elektrische Ohr eingestöpselt wird.

Der Rhythmus ist okay, der Bass auch. Gesang knätscht noch etwas, aber hey, es ist Axl Rose. Problem: Das bekannte Gitarrenriff am Anfang. Vor etwa vier Wochen hab ich das Stück zum ersten Mal seit 120 Jahren gehört und merkte, dass ich das Riff fast überhaupt nicht hören konnte. Der ganze Frequenzbereich war nicht richtig da. Dann, 10 Tage später, versuchte ich es noch einmal und es klang, als zupfte Slash immer nur an der gleichen Saite. Ich konnte die Tonhöhen nicht unterscheiden.

Von damals auf jetzt habe ich plötzlich einen deutlichen Sprung gemacht! So richtig brilliant klingt’s immer noch nicht. Aber immerhin, ich kriege die Tonhöhen und damit die Melodie einigermaßen gehört. Und zwar gehört, nicht erinnert. Achtung, ich sage: einigermaßen. So richtig stimmen tut’s noch immer nicht.

Übrigens: Es heißt natürlich “Every time when I see her face…” — und nicht nur “ab und zu”, das ist ja für die Geschichte nicht unwesentlich. Und wenn ich schon mal am klugscheißern bin: “and if I stared too long”.

So alles in allem ist das Grund zu Feiern! Jetzt kann ich mir so langsam auch unbekannte Stücke vornehmen. Ist schon deutlich besser als damals, als ich der elektrische Anfänger war.