Einträge werden als ‘Unerhörtes’ kategorisiert

Ich bin ein Glückskind. Oder zumindest muss ich das annehmen, wenn ich sowas hier lese:
Karin ist schwerhörig, eine von rund 500.000 Menschen, die in Österreich mit dieser Behinderung leben. Den Schulalltag hat die junge Frau gut gemeistert, an der Englischmatura sollte sie scheitern. Die Prüfer ließen sie durchfallen – weil Karin das Hörbeispiel nicht verstand. [Quelle]
Helene Jarmer, eine anfangs angefeindete, gehörlose Bundestagsabgeordnete in Österreich, sagt in dem Artikel, das sei kein Einzelfall. Schwerhörige könnten kaum die Matura, also in Deutschland das Abitur, bestehen. In einem Fall sei ein Schwerhöriger in Englisch wegen schlechter Aussprache durchgefallen worden. Das finde ich entsetzlich, macht mich aber auch nachdenklich.
Wenn ich mich an meine Schulzeit und Prüfungen zurückerinnere, dann haben mir meine Eltern immer gesagt, ich solle ganz früh mit den Lehrern reden — und ich hatte, bis auf wenige Ausnahmen, immer Glück.
Ich erinnere mich an Nacherzählungen in Deutsch und Englisch: Der Lehrer stellte sich direkt vor mich hin und sprach mich direkt an. Ein- oder zweimal durfte ich die nachzuerzählende Geschichte auch lesen, statt hören.
Ich erinnere mich an Hörverstehensübungen mit Filmen und Tonaufnahmen in den Fremdsprachen: Ich verstand schon immer nichts, was aus Lautsprechern kam. Die Aufgabe wurde bei mir nicht gewertet oder über den Daumen aufgerundet. Schließlich bekamen die Lehrer ja auch ansonsten auch einen Eindruck davon, wie hell oder wie doof ich im Kopf war und ob ich ein Gefühl für die Sprache entwickelte. Und ich erinnere mich an eine Spanischprüfung, bei der sich die Prüferin extra mit mir traf und mir die Hörbeispiele in ihrem Büro vorlas — was für mich besere Akustik und die Möglichkeit zum Lippenlesen bot.
Ich erinnere mich sogar an einen Physiklehrer der mir am Ende ganz pauschal eine Note besser gab als ich mir erarbeitet hatte, einfach weil er meinte, er müsse ja auch die mündliche Beteiligung werten und die ziehe meine Note über Gebühr herunter.
Klar, ich erinnere mich auch an Gegenbeispiele. Es gab den Französischlehrer, der steif und fest der Meinung war, dass ich mich verweigerte, ihn gar verspotten wollte. Da war an großzügiges Aufrunden nicht zu denken. Im Gegenteil, es war einiges an gutem Zureden seitens meiner Mutter und seiner Kollegen notwendig, damit er mich nicht durchfallen ließ. (Heute und nebenbei gesagt, er hatte auch Recht, der Französischlehrer.)
Wie die Lage quantitativ ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe nur meine eigene Erfahrung aus den 1980ern und 90ern in mehreren normalen Schulen einer mittleren Großstadt in Westdeutschland . Und sicher, es ist alles auch eine strukturelle Frage. Die institutionellen Förderungsmöglichkeiten für Schwerhörige und Gehörlose sind ohne Zweifel verbesserungswürdig. Aber wenn’s auf der zwischenmenschlichen Ebene, zwischen Lehrern und Schülern, nicht gut läuft, dann helfen auch Gesetze weniger. Klar kann man klagen, aber niemand sollte wertvolle Schul- und Lebenszeit verlieren, nur weil sie auf das Urteil in irgendeiner Sache warten.
Was sagt Ihr dazu? Hatte ich nur unglaubliches Glück?
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Abitur, Fremdsprachen, Hörgerät, Helene Jarmer, Matura, Prüfungen, Schule, schwerhörig, Schwerhörigkeit, Tests
Behinderte (wie Schwerhörige und Gehörlose) sind meist zu wenige. Sie sind kein lukrativer Markt. Manche (wie deutsche Fernsehanstalten) nehmen das als Vorwand, keine Leistungen für sie zu erbringen (wie Untertitel).
Elizabeth hat mich auf einen interessanten Artikel aus der Business Week hingewiesen. Wie viele Technologien, die für Behinderte entwickelt wurden, zu profitablen Anwendungen für den „normalen“ Massenmarkt geführt haben. Das beste Beispiel: Sprachsteuerung und Sprachausgabe bei Apple Macs, iPods und iPhones, aber auch beim Amazon Kindle oder in Autos von Ford.
Dieses Mainstreaming hat dem Artikel zufolge eine lange Geschichte, z.B. sei als Anwendung für das Grammophon ursprünglich gedacht gewesen, Hörbücher für Blinde zu produzieren. Und genauso stellte sich bei Google heraus, dass ein Werkzeug zur Untertitelung von Videos beim Übersetzen der Untertitel hilfreich war. So entstand das Auto-Übersetzungs-Tool für YouTube, mit dem User den Videos, die sie hochladen, Untertitel in verschiedenen Sprachen hinzufügen können. Auf diese Weise können mehr Menschen die Clips sehen und verstehen.
„Companies could look at designing for accessibility as a sales opportunity. Most features that are accessible for the disabled have great value to everybody,“ says Donald A. Norman, a former Apple vice-president for advanced technology
Wenn ich mir das so ansehe, dann muss ich sagen: Dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, was Untertitel angeht, nicht in die Gänge kommen, wundert mich irgendwie nicht. Ich habe ja schonmal überlegt, dass wir zum einen die Argumente ändern sollten und den Nutzen von Untertiteln für Nicht-Hörbehinderte herausstellen sollten.
Was mich aber wundert ist, dass auch die privaten Fernsehsender, die ja eigentlich innovativ denken sollten (hahaha), nicht stärker in Untertitel- und Übersetzungstechnologien investieren, um relativ einfach die Sprachbarriere zu knacken und sich den europäischen oder sogar globalen Markt zu erschließen.
Ich glaube inzwischen sogar, dass wir eher alle perfekt untertitelt im Internet fernsehen oder externe Untertitelungsgeräte nutzen, bevor bei den öffentlich-rechtlichen überall Untertitel laufen.
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Behinderte, Fernsehen, Mainstreaming, Märkte, Technologie, Untertitel, Zielgruppe
Schlimm genug, die Kombination. Vor allem wenn das ganze wegen der Gedankenlosigkeit , nein das stimmt nicht, es ist Rücksichtslosigkeit anderer (aarrrrgh!) ist. Aber wenn dann noch die Schwerhörigkeit hineinspielt, so dass ich trotz mehrfachen Versuchens einfach keine Chance habe (NULL!), daran selber was zu ändern—
–dann ist das eine verdammt beschissene Situation für Freitagabend achtzehnuhrdreissig, wo eigentlich das schöne Wochenende und die gute Laune beginnen sollte. Zumal sich, wegen Schwerhörigkeit, an der Situation wohl erst ab Montag wieder was ändern läßt. Und ich trotzdem das Wochenende über drunter leiden werde.
Übrigens, das Stichwort ist Telefon.
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Behinderung, Gedankenlosigkeit, Machtlosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Schwerhörigkeit, Telefonieren
Bin ich als Schwerhöriger oder Ertaubter nur halb der Mensch, der ich sein könnte, solange ich Medizintechnik nutze? Also Hörgeräte oder Cochlea Implantate (CIs)?
Darüber habe ich mich gerade überraschend mit der Bekannten einer Freundin gestritten. Überraschend deswegen, weil ich dachte, niemand würde diese Frage rundheraus mit „ja“ beantworten. Meine Gesprächspartnerin war jedoch der Ansicht, dass nur das Weglassen jeglicher Geräte und die Verwendung von Gebärdensprache als meine neue Muttersprache mich vollkommen befreien würde. (Die Unterhaltung fand auf Englisch statt, es ging um „self-actualization, also darum, das eigene Potential auszuschöpfen, was übrigens auch das Erkennen von Grenzen beinhaltet, sowohl persönlicher als auch gesellschaftlicher.)
Ich denke immer noch darüber nach, darum wollte ich hier ein bißchen was dazu schreiben. Würde mich freuen wenn Ihr reinschaut.
(mehr…)
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Anpassung, Behinderung, Cochlea Implantat, Gebärdensprache, Hörbehinderung, Hörgeräte, Hilfsmittel, Leben, Medizintechnik, Normalität
Man denkt ja immer mal über Sex nach. Seit Madoves Kommentar hat mich folgendes Szenario beschäftigt: Verstehen tu ich gut, wenn man mir in die Augen sieht und laut und deutlich artikuliert. Außerhalb gewisser Spiele nicht unbedingt der Normalfall im Bett. Leider bietet sich bei all den Flüstereien, Seufzern und vielleicht gurgelnden Lauten, die man da so hört, aber auch Nachfragen und Wiederholen lassen nicht unbedingt an.
Und jetzt kommt’s: Zumindest laut Filmen, Büchern und Zeitschriftenkolumnen rutscht einem ja, wenn man nicht aufpaßt, vor lauter Gehenlassen und Hingabe schnell mal der Name der Wunschperson raus. Statt der, die gerade mit einem den Himmel stürmt. Ich meine, ich würde sowas ja NIE tun, aber egal…
Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass ich das nicht verstehen würde. Denn ich bin ja zur Ganzheitlichkeit verdammt — verstehe ja grundsätzlich kaum etwas akustisch und klaube mir, was gesagt wurde, aus allerlei Kontextinformationen zusammen. Alles Überraschende, nicht zur Situation passende verstehe ich eher nicht. Darum haben Schwerhörige auch mit Witzen und Pointen so ihre Probleme. Wenn nicht klar ist, was gesagt werden könnte, im Kopf also eine Vorstellung möglicher Sätze herrscht, wird’s schwer. Darum hab ich ja auch schonmal gefürchtet, dass Schwerhörigkeit spießig macht.
Beim Sex den Namen eines Abwesenden zu sagen, ist so dermaßen out of context, ich würde nicht mal auf die Idee kommen, „wer?“ zu fragen. Ich würde einfach annehmen, dass ich gemeint bin oder mein Name gesagt wurde. Das alles läuft so automatisch, ich würde vielleicht nicht einmal merken, dass das was komisches gesagt wurde.
Aber vielleicht lebt man ignorant glücklicher?
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Kommunikation, schwerhörig, Schwerhörigkeit, Sex, Verstehen

Alle Modebloggerinnen mögen mir verzeihen, ich tue ihnen selbstverständlich total unrecht. Und eigentlich gibt es nicht mal einen Grund, dass ich ausgerechnet Bloggerinnen nehme. Geschweige denn Modebloggerinnen. Aber ich stelle mir das grad schön einfach vor. Dann würde ich den ganzen Tag Fotos bloggen von mir in tollen Anziehsachen — und ich würde massenhaft Kommentare kriegen wie „ich liebe es“ und „oohh, schöön“, ab und zu auch mal ein „Du solltest etwas abnehmen“ aber da würd ich drüber stehen. Schließlich hätte ich noch 20 andere Kommentatorinnen, die das Gegenteil behaupten.
Worum geht’s hier überhaupt? Darum, dass ich mir selbst mal wieder tierisch auf den Sack gehe! Ich habe diese ganze Unsicherheit satt, die mit Schwerhörigkeit einhergeht!! Jemand zu sagen, dass man schwerhörig ist, bedeutet zu sagen, dass man Verstehen niemals garantieren kann — und schon steht man ganz schnell als schwach da. Ich hab’s einfach satt jedesmal zu Beginn eines Gespräches den Fluss zu unterbrechen und das zeigen zu müssen, was andere für Schwäche halten!
Und selbst wenn ich den Leuten sofort und zu Beginn unseres Kennenlernens erkläre, dass ich schwerhörig bin — sie kapieren es trotzdem nicht! Oder vielleicht auch doch, wer weiß. Jedenfalls bin ich trotzdem ein komischer Typ für sie, der komisch reagiert und komisch still ist und komische Sachen sagt. Oder je nach Gefühlslage der andere Person für sie arrogant/deprimiert/besoffen/traurig/doof herumsteht.
Verstehe ich ja auch irgendwie. Ich meine diese ganzen Facetten von dem was Schwerhörigkeit bedeutet, füllen in diesem Blog ja schon hunderte Einträge. Das alles kann der simple Satz „Ich hör schlecht, Du mußt deutlich sprechen, kannst Du das bitte nochmal sagen?!“ gar nicht transportieren. Ich mache den Leuten darum auch keinen Vorwurf.
Aber es ist so verdammt anstrengend, den Leuten keinen Vorwurf zu machen! Ich möchte einfach mal wieder jemand treffen, der oder noch besser die mich einfach froh/glücklich/zufrieden macht! Meine Seele hätte’s nötig. Stattdessen hängen überall nur Typen rum, die selber so unsicher und aufs gut wegkommen bedacht sind, dass sie mich einfach über die Klinge springen lassen sobald es nötig scheint. Das ist meistens eher früher als später. Noch bevor ich fünfmal „wie bitte“ gesagt hab.
Oder es gibt diese, die in mir mehr sehen als ich bin. Die von dem was sie für meine Souveränität halten fasziniert sind — und später die Flucht ergreifen sobald sich herausstellt, dass ich nicht nur ihr Fels in der Brandung sein kann. Kann nicht mal jemand ne App fürs iPhone programmieren, so was wie Google Latitude Nettitude, das anzeigt, wo im Umkreis von 0,2km die nächsten einfach netten Menschen sind? Solche, die der Seele guttun?
Solange es das nicht gibt, ist es gut, ein paar enge Freunde zu haben. Ich weiß das zu schätzen. Und ich weiß auch dass ich durch diese ganzen Erfahrungen stark bin und auch sehr viel zu geben habe. Ich weiß Kleinigkeiten zu schätzen und bin ein dankbarer Mensch. Aber es macht mich alles so unglaublich müde, manchmal.
Und da stelle ich mir halt grad vor — so ne Modebloggerin, das wär doch was… Verdammt, dabei kann ich nicht mal Teile von coolen Songtexten posten, weil ich schon lange die Texte nicht mehr verstehe.
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Google latitude, Modebloggerinnen, Schwäche, schwerhörig, Schwerhörigkeit, Unsicherheit
Behindertengroupies machen mich wahnsinnig. Jammerlappen aggressiv und traurig. Noch am Besten komme ich im Alltag mit dem Typ Nervensäge zurecht, den man unbedarft und borniert nennen kann.
Das sind die, die mich behindern und dabei nicht verstehen, warum sie irgendetwas anders machen sollten. Im Dreisatz: Ham wa schon immer so gemacht, da könnte ja jeder kommen, wo kämen wir denn da hin. Ich sagte oben „im Alltag“ weil dieser Typus auch in Behörden vortrefflich gedeiht. Dort aber ist er nicht einfach nur nervig, sondern fatal. Und außerdem ist schwerer was daran zu ändern. Denn so etwas wie diese Dreisatzlogik liegt tief im Wesen der Behördenhaftigkeit überhaupt. Doch ich schweife ab…
Im Alltag sind das die, die auf Bitten, mir etwas entgegenzukommen, mit unbedarfter Borniertheit reagieren. Wie zum Beispiel neulich dieser Mensch im Thai-Restaurant. Ich wollte mit einer Kollegin und meiner Chefin Mittagessen gehen und dabei die Pläne für das nächste Jahr besprechen. Darum ging ich eine Stunde vor dem Essen hin um einen Tisch zu reservieren.

(mehr…)
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Akustik, Ignoranz, schwerhörig, Schwerhörigkeit
Stellt Euch eine Welt vor, in der alle hinter vorgehaltener Hand flüstern — nur Ihr nicht.
Natalie
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Mein Weg aus der Stille, schwerhörig, Schwerhörigkeit
Nach den Behindertengroupies nun die Jammerlappen: Jammern ist ja ein Volkssport — und ich glaube, ich ziehe Jammerlappen an. Ich glaube sogar, dass Behinderte generell Jammerlappen anziehen. Oder zumindest viele Jammerlappen sich von Behinderten oder das was sie dafür halten angezogen fühlen.
Die suchen dann eine Gelegenheit, und weil ich meistens nett und offen bin, kriegen sie die auch. Ich freue mich ja eigentlich immer, wenn jemand mit mir reden möchte. Aber dann geht’s los, über Gott, die Welt — und vor allem das eigene Schicksal. So schwer! So schwierig! Meist so die anderen schuld!
Ab und an ist’s ja ganz erheiternd zu sehen, wie sehr den Leuten die Maßstäbe fehlen. Über was sie sich so einen Kopf machen. Oder mitzukriegen, wie schlecht es ihnen wegen nichts geht. Ich gestehe sogar: Ganz selten, in schwachen Momenten, suche ich sogar solche Leute, weil ich mich dann vergleichen kann und denke: Das machst Du schon gut, Herr Not Quite, Du hältst Dich gut.
Meistens aber ist es einfach nur nervig. Denn die jammern ja nicht einfach so, die suchen — mal mehr, mal weniger gezielt — eine verständige Seele. Jemand der „Ooooch, Du Armer!“ sagt. Und wenn ich dann nicht mitleidig reagiere, sondern nur pragmatisch oder, Gott behüte, kurz angebunden (etwa Entweder Du machst es oder Du läßt es!), dann sind sie irritiert. Manche werden auch sauer, vergessen kurz, warum sie sich mich ausgesucht haben und sagen so etwas wie: Du hast ja überhaupt keine Probleme!
Auch wenn sie es vom Kopf her vielleicht besser wissen — gefühlsmäßig sind viele Leute offensichtlich der Ansicht, wer nicht jammert, kann es nicht besonders schwer haben. Da wo andere Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen haben, haben diese Menschen eine Wüste Gobi.
Ich bin sehr dafür, dass man den Leuten beibringt, gezielt andere Drähte zu anderen Menschen zu suchen. Das muss man nicht über Jammern machen.
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Behinderte, Jammerlappen, Jammern
Ich weiß, wie schwierig es manchmal ist, ungezwungen mit Leuten umzugehen, die anders sind. Nicht zuletzt aus meinen eigenen Problemen mit anderen Behinderungen. Man will ganz normal mit denen umgehen, weiß aber nicht genau wie. Nur — diese Behindertengroupies, die machen mich wahnsinnig.
Das ist so eine Form besondere Form von Betroffenheit. Ein unglaubliches VERSTÄNDIG und BETROFFEN Sein, das zwar nicht ausgesprochen wird, aber aus weit aufgerissenen Augen und auch ansonsten jeder Pore dringt. So eine nächstenliebigebetroffenheitundbewunderungfürmichinmeinerschwierigensituation, mit der komm ich gar nicht klar.
Zum Glück nicht alle dieser Leute, aber viele davon, suchen meine Nähe. Scheinbar gibt es ihnen etwas, mit mir zusammen zu sein — besonders, sich mit mir über meine Schwerhörigkeit zu unterhalten. Das ist ja okay, aber mit diesem verständigen Betroffensein fühl ich mich so unwohl, ich möchte am liebsten wegrennen. Und habe das auch schon ein-, zweimal getan.
Das Schlimme daran ist: Es ist ja eigentlich nett gemeint und ich bin auf nette Leute angewiesen. Solche die mir erzählen was los ist und mich im Gespräch mitnehmen. Ich bin daher grundsätzlich sehr verständig. Aber manchmal reicht es einfach. Also bitte: Wenn Ihr mich oder andere Behinderte trefft, bitte nicht gar zu sehr betroffen sein und nicht übertrieben bewundern. Danke!
P.S. — Auf Nachfrage hin hier die Klarstellung: Es darf natürlich weiterhin bewundert und Nähe gesucht werden. Nur das sollte sich nicht nur an der Behinderung aufhängen.
Und nach den Behindertengroupies kommen bei den Nervensägen als nächstes die Jammerlappen.
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Behindertengroupies, Behinderung, Betroffenheit
Also, das ist mir ja schon sehr lange nicht mehr passiert. Nach dem netten Abend in der bekannten Berliner Spreeuferbar traf die Begleiterin auf dem Weg raus noch zwei mir unbekannte Freundinnnen. Und während zuvor akustisch noch alles recht okay war — offene Lage, nicht allzuviel Gedränge, nicht gar so laute Musik und vor allem: nonverbale Unterhaltung wie Tanzen und Tischtennis – spielte nun die Musik auf und es wurde finster.

Ich stand also daneben, verstand aber nichts — und als die Damen gar nicht mehr aufhören wollten zu reden, fing ich an, meinen Gedanken nachzuhängen. Ab und zu fragte mich die Begleiterin was, das ich mit einigem Nachfragen und vermutlich nicht vollkommen in den Rahmen des laufenden Gespräch passend beantwortete.
Wie sich später herausstellte, hielt man mich für besoffen.
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: besoffen, betrunken, Schwerhörigkeit
Wer mich anschaut, sieht nen Mann. Ganz klar. Breite Schultern, Boxernase, wilder Bartwuchs. Das verwirrt die Leute aber nur umso mehr, wenn ich mit Frauen zusammen bin.
Ich liebe Kaffee. Und hab ganz und gar nichts gegen Alkohol. Aber weil von beidem mein Tinnitus lauter wird und sich Kater auch mit Druck in den Ohren auswirken, trinke ich beides meist recht vorsichtig. Das führt in Bars und Restaurants oft zu skurrilen Situationen.

Zuerst aufgefallen ist es mir in Andalusien — wo der Kaffee so stark ist, dass ich oft nicht mal Kaffee mit Milch (café con leche) sondern Milch mit Kaffee (leche manchada) bestellt habe. Merke: In Andalusien führte das, damals zumindest, nicht dazu, dass die gleiche Menge Kaffee mit mehr Milch aufgegossen wurde — die Gläser waren immer gleich groß. Außerdem bestellte ich wesentlich öfter Cola oder Wasser als Bier und Wein. Oder wenn, dann eher Bier und tinto de verano als Rotwein oder Härteres.
Meine Freundinnen waren schon immer nicht so zimperlich (und dafür liebe ich sie). Bei ihnen darf es oft ein doppelter Espresso, ein Bier oder manchmal auch ein Schnaps sein. Und wirklich jedesmal wenn café con leche und leche manchada oder Wasser und Bier gebracht wurden, wollte man das Stärkere natürlich vor mich hinstellen. Und war überrascht bis sogar ein wenig unwillig, wenn wir es anders haben wollten. Es paßt einfach nicht, auch in Deutschland nicht, dass der Kerl den Mädchendrink nimmt.

Ähnlich läufts wenn ich mit einer Frau unterwegs bin und Leute nach dem Weg fragen. Sie sprechen fast immer mich direkt an — und sind dann überrascht, wenn ihnen die danebenstehende Frau antwortet, weil ich die Frage nicht so schnell oder gar nicht verstehe. Anstatt dass sie einfach stumm bleibt. Und meistens schauen sie während ihnen geantwortet wird immer mal skeptisch zu mir rüber. Gleiches geschieht, wenn sie nach dem Weg fragt. Dann bekomme ich den Weg erklärt. Kaum jemand schafft es, einfach nur ihr zu antworten und nicht spätestens nach ein paar Sekunden mich anzusehen und ganz offensichtlich mit mir zu reden. Was lustig ist, weil ich ihnen natürlich auf typisch schwerhörig zuhöre.
Besonders skeptisch und durcheinander sehen die armen Leute dann aus, wenn das Ganze mit asiatischen oder schwarzen Begleiterinnen geschieht. So als würde es nicht in ihren Kopf gehen, dass diese sich herausnehmen, mit ihnen zu reden — obwohl sie mich angesprochen haben oder auch ich sie hätte ansprechen können. Und das passiert nicht nur auf dem Land und nicht nur bei Älteren.
Kategorien: Being 'Not quite like Beethoven' · Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Erwartungen, Frauen, Geschlechter, Männer, Schwerhörigkeit, Stereotypen, Tinnitus
Ich glaub ich bin witzbehindert. Weil witzig ist ja einfach nur das was man nicht erwartet – oder was ein bißchen anders kommt als man denkt. Aber gerade alles Unbekannte, Unerwartete verstehe ich besonders schlecht. Außerdem bringen die Leute die Pointe fast immer schneller, manchmal auch leiser, gebrüllt oder in komischem Dialekt. Stand-up und andere Comedy-Vorstellungen waren noch nie wirklich was für mich.
Schade. Das hier z.B. fand ich vor Jahrzehnten zum Schießen! Jaja, ich weiß schon…..
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Comedy, Pointe, Schwerhörigkeit, Witze
Seit ich dieses Blog begonnen habe, suche ich nebenher nach schwerhörigen Figuren in (fiktionaler) Literatur und Film. Gefunden habe ich nur sehr wenige und nur gehörlose. Schwerhörig sind scheinbar nur komische oder schrullige Nebenfiguren, vielleicht noch Opfer von Unfällen.
Mein erster Fund, der mich sehr begeistert hat, war die von Geburt an gehörlose Superheldin Echo. Sie hat eine geradezu übersinnliche Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Nur schwerhörig, wäre sie wohl nicht vorstellbar – und auch nicht wirklich interessant.
Bei der umstrittenen Folge der TV-Serie Dr. House, die ich ziemlich spannend fand, haben sich die Autoren nicht von ungefähr für einen Gehörlosen und das Thema Cochlea Implantat entschieden. Die Dramatik des NICHTS Hörens und dann DIE FLUT DER EINDRÜCKE. Sich ein Hörgerät abzureißen wäre wohl nicht besonders dramatisch. Ganz anders dagegen die (unrealistische) Idee, sich das Implantat herauszureißen!
Und auch Desmond Bates, der schwerhörige Protagonist aus David Lodges „Deaf Sentence“ (meine Rezension hier) stellt fest, Blindheit sei tragisch, Schwerhörigkeit dagegen allenfalls kauzig oder komisch.
Für die Fernsehserie Heroes wurden ja vor kurzem „hearing impaired“ Darstellerinnen gesucht. Meine Prognose wäre: Auch hier wird es eine komplett taube oder gehörlose Figur sein. Und wer weiß, vielleicht sogar von Echo inspiriert.
Ich würde ja gerne meine Reihe Taube Helden fortsetzen, aus Belletristik und fiktionalem Film und Fernsehen. Aber irgendwie scheint Schwerhörigkeit nicht dramatisch genug. Ich hoffe jetzt kommt und widerspricht mir wer mit einem schönen Beispiel…
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: David Lodge, Dr. House, Fernsehen, Film, gehörlos, Helden, Heroes, Literatur, Protagonisten, Schwerhörigkeit, taub
Diese apfelige Kreativität ist wirklich zum Fürchten. Es gibt jetzt eine Hörgeräte-App für das iPhone!

Verstärkt alles, Equalizer gibts auch. Man läuft durch die Gegend und hält den Leuten sein iPhone entgegen. Also nichts, was man sonst nicht auch täte.
Und wenn ich mein iPhone auf den Tisch lege und mein Blutetooth headset an mein Hörgerät anlege, dann habe ich eine — FM Anlage? Sowas kostet normalerweise schnell mal 2000 Euro, SoundAmp kostet 7,99. Ich glaub jetzt muss ich mir langsam auch mal son i-Dingens anschaffen…
Also in Zukunft aufgepaßt, wenn Leute „gleich wieder da sind“ und ihr iPhone auf dem Tisch liegen lassen. Sie könnten trotzdem zuhören.
Hier kann man SoundAMP bei iTunes herunterladen. Berichtet mal über Eure Erfahrungen, ja?
[via taubenschlag wo's auch einen kurzen Test gibt]
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Bluetooth, FM Anlage, Hörgerät, iPhone, SoundAMP
Wenn’s um die österreichische Abgeordnete Helene Jarmer geht, heißt es schnell: Ohne Gehör könne man kein Politiker sein (zuletzt hier, in den Kommentaren zu: Gehörlos im Parlament: „Tu einfach so als könntest Du hören“, Die Presse, 4.7.2009). <Der Artikel ist seit 6.7. 18:30 nicht erreichbar> <Ist wieder da.> Das offenbart ein vielleicht ehrenwertes, in jedem Fall aber naives Politikverständnis. Und vom Autofahren noch dazu. Letztlich geht es ausschließlich darum, ob man schwerhörige oder gehörlose Abgeordnete zulässt oder draußenhält – was leider einfach möglich ist. Ich erläutere das mal anhand der Kommentare zu dem oben verlinkten Artikel.
(mehr…)
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Autofahren, Beruf, Gehörlose, Helene Jarmer, Netzwerken, Politik, Schwerhörigkeit, Sinne, Taubheit
„Hol mir den Kopf von Beethoven„
Also, was Leute so alles wollen… Und mit sowas kommt man dann von Google zu mir? Was da wohl die Geschichte hinter ist?
Kategorien: Unerhörtes

Ich sage immer: Schwerhörigkeit sieht man nicht. Aber das stimmt eigentlich nicht ganz. Man sieht man sie nämlich doch. Nur leider – und darum ist ja dieser Spruch aus den 1980ern auch so gut – sieht sie halt genauso aus wie Ignoranz.
Oder Arroganz. Schüchternheit. Unhöflichkeit. Introvertiertheit. Trampeligkeit. Nich-ganz-so-schnell-im-Kopf-heit.
Kategorien: Being 'Not quite like Beethoven' · Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: arrogant, doof, ignorant, Schwerhörige, Schwerhörigkeit, unhöflich
Früher bin ich mal alleine durch den Libanon und Syrien gereist, wußte mittags nicht wo ich abends schlafen würde. Ich fand das toll. Und ich hatte Vertrauen in mich, obwohl ich damals schon ziemlich schlecht hörte. Alles war recht schwer, aber es ging noch. Ich glaube heute würde ich mir das nicht mehr zutrauen. Oder sagen wir besser: Ich würde mir nicht zutrauen, dabei Spaß zu haben. Dabei geht es noch nicht mal um so Dinge wie zufällig Leute kennenlernen. Das ist mir selbst zuhaus schon sehr lange nicht mehr passiert – einfach weil ich nicht mehr einfach so mit fremden Menschen reden kann. Hahaha, ängstliche Eltern hätten ihre Freude an mir als Kind! Nein, es geht um das Reisen selber das schwierig wird, um das sich Zurechtfinden und Zurechtkommen und -gehen wenn man nicht weiß wie, wo und was läuft.
Auf diese Weise macht mich die Ertaubung vom Lebenswandel her, wie soll ich sagen? Brav? Langweilig? Spießig gar? So nennt man doch glaube ich Personen, die sich durch Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung und ein starkes Bedürfnis nach sozialer Sicherheit hervortun.
Jedenfalls fühle ich mich inzwischen oft nur dann wirklich wohl, wenn ich genau weiß wie die Dinge um mich herum laufen. Wenn alle Abläufe vertraut sind. Wenn ich weiß, dass wenn ich einen mittelgroßen Cappuccino bestelle, die erste Frage lautet: Für hier oder zum mitnehmen? Die zweite: Welche Sorte Milch? Und die dritte: Wie heißt Du? (Nicht dass ich was dagegen hätte. Aber leider will die wunderhübsche Frau hinter dem Tresen hier das nur wissen, damit man mich ausrufen kann, wenn mein Kaffee gleich fertig ist.)
Was hat mich das an Aufregung und peinliche Momente gekostet bis ich diese Reihenfolge raus und mir gemerkt hatte. Weil ich die Fragen mal wieder nicht verstanden hatte. Ja weil ich einfach nicht darauf kam, was man mich noch fragen könnte, nachdem ich schon gesagt hatte was ich will und dass ich meinen Kaffee hier trinken würde.
Aber da gibt’s hier in Amiland sowieso soviele Wahlmöglichkeiten, die sie einen da fragen, wenn man was bestellt: Milch vollfett, 2%, mager oder halb und halb? Steak rare, medium rare, medium oder well done? Brot zum Sandwich Roggen, Sauerteig, Baguette, Vollkorn oder Rosine? Und so geht das endlos weiter… Immerhin, das ist alles Standard, man kann es lernen und dann brauche ich es nicht mehr zu verstehen, sondern nur noch: nicht zu vergessen. Bis dahin aber kann das ganz schön unangenehm werden, so mitten im Lokal. Und mit einer langen Schlange von Leuten hinter mir, die auch drankommen wollen und unruhig werden nach dem dritten Mal Nichtverstehen. Wenn ganz arg Not am Mann war, hab ich mich ein paarmal mit „Was würdest Du denn empfehlen? Aha, das nehme ich“ rauszureden versucht, wenn ich mitbekommen habe, dass ich eine Wahl habe, aber nicht weiß welche. Klappt aber nicht immer. Manchmal haben sie keine Meinung, manchmal paßt die Frage nicht. Und manchmal bekomme ich einfach nur was richtig richtig doofes…
Außerdem bin ich in Gruppengesprächen eher still, steche inzwischen kaum noch durch geistreiche Bemerkungen oder Witz im Gespräch hervor. Und während sich alle anderen nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag bei Bier oder Wein wieder in Fahrt reden, Spaß haben und lang und länger sitzen, bekomme ich nicht viel oder gar nichts mit, werde müde — und bin inzwischen eher dafür bekannt sehr früh nach Hause zu gehen.
Wie lange kann man sich innerlich jung und wild fühlen, wenn man so ganz und gar nicht die entsprechenden Gewohnheiten hat, das entsprechenden Leben pflegt?
Kategorien: Being 'Not quite like Beethoven' · Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Charakter, Effekte, Ertaubung, langweilig, Lebenswandel, Schwerhörigkeit, Spießer

Nein. Das geht nun wirklich gar nicht. Leider! Das fand ich früher schon auf Klassenfahrten schrecklich schade. Da bin ich immer als erster eingeschlafen, während die anderen noch stundenlang gequatscht haben. Es ist mit der Liebe nicht besser geworden. Und am Schlimmsten ist es, wenn man extra wohin gefahren ist, um den Sternenhimmel anzugucken und im Auto zu knutschen. Es sich aber alles gar nicht gut anfühlt, weil nichts sehen und nichts verstehen verflixt unsicher macht. Und man darum recht schnell wieder zurückfährt Verdammt!
Wer noch nicht weiß, worum’s geht, klicke hier. Oder hier.
Kategorien: Unerhörtes
Mit Tag(s) versehen: Dunkelheit, Klassenfahrten, Knutschen, Schwerhörigkeit, Sternenhimmel, Taubheit