Archiv der Kategorie: Unhörbares

Die nackte Schwerhörigkeit

Die fünf Sinne, Gemälde von Hans Makart aus den Jahren 1872–1879

Ich habe ja eine Schwäche für Allegorien. Die, die da so unschlüssig in der Gegend herumsteht, ist das Hören. Irgendwie passend. Könnte genauso das nackte Schlechthören sein.  Und Ihr, findet Ihr das eine passende Darstellung?

Schwäche als Methode (nicht nur für Poeten)

The poet will naturally write about that which most deeply engrosses him —  and nothing more deeply engrosses a man than his burdens, including those of a physical nature, such as disease. We win by capitalizing on our debts, by turning our liabilities into assets, by using our burdens as a basis of insight. And so the poet may come to have a “vested interest” in his handicaps; these handicaps may become an integral part of his method [...].

Ich könnte gar nicht mehr zustimmen zu dem, was Kenneth Burke hier geschrieben hat (The Philosophy of Literary Form: Studies in Symbolic Action, 1941). Das ist schon etwas anderes als das klischeehafte “aus den Schwächen Stärken machen”. Den Spruch kann ich übrigens gar nicht leiden.

Und weil Burkes Formulierung so eine schöne Beschreibung dessen ist, was ich mit diesem Blog versucht habe, soll es nun,  mitten im Sommer, wieder aus dem Winterschlaf geholt werden. Man darf hier wieder lesen.

Der Knuddelreflex und seine Kehrseite

Die Geschichte des Jungen, der sich ein Bärenkostüm anzog, damit ihn endlich mal jemand umarmte. Habt Ihr vielleicht schon gesehen, aber falls nicht: Schaut Euch mal dieses äußerst beindruckende Video an, das der schweizerische Verein Pro Infirmis hat produzieren lassen. Ein Aufruf zur Annäherung an die Behinderten.

Der Spot drückt gekonnt die Tasten der Rührseligkeit, auch bei mir — aber er zeigt eben auch, und das sehr gut, wie sehr unsere Reaktionen von Äußerlichkeiten und von ästhetischem Empfinden gesteuert sind. Was schön, süß und weich ist, wird geknuddelt. Darauf reagieren wir positiv. Auf das andere–selbstverständlich nicht. Ist ja irgendwie, gefühlsmäßig, auch okay so.  Aber wer sich mal mit dem Thema Intimität und Sexualität bei sichtbar Behinderten befaßt hat, weiß, in welche Probleme das führt.

“Müssen wir uns verkleiden, damit wir uns näherkommen?” — fragt der Film. Und die allgemein zustimmungsfähige Antwort kann ja nur sein: Nein, das sollte nicht sein. Eine Lösung bietet der Film nicht,  Umarmungen lösen ja keine gesellschaftlichen Probleme (und der Claim von Pro Infirmis am Ende, “Wir schaffen Behinderung ab”, stößt mir in diesem Zusammenhang auch etwas sauer auf).  Aber er führt das Problem eindrucksvoll vor Augen und vielleicht dazu, dass wir demnächst mal jemand mit Wärme begegnen — obwohl wir ihn oder sie nicht besonders appetitlich finden. Einfach weil wir es können und uns dafür entscheiden.

Update: Sehe gerade, Enno hat auch dazu geschrieben…

Und was meint Ihr dazu?

Gangsta Gebärdensprache

Wer sich ahnungslos am falschen Ort im falschen Fußball-T-Shirt erwischen läßt, muss Schläge befürchten. Das weiß man ja. Sagen wir in dem von Dynamo Dresden bei Lok Leipzig. Dass das auch für Gebärdensprache gilt, wußte ich bisher noch nicht. In Florida Beach wurde eine Gruppe Gehörlose mit dem Messer angegriffen, weil man ihre Gebärden für Gang-Zeichen hielt. Denn die Gangs betreiben mit den Händen eine Mischung aus Kommunikation und Fingerakrobatik (siehe auch das Bild oben als harmloses Beispiel), die eine Unbedarfte nicht von Gebärdensprache unterscheiden konnte. Unglaublich!

Unter dem Link oben findet Ihr noch ein Beispielvideo für Gangsta Gebärdensprache.

[Bild via Cakehead Loves Evil, Nachricht via deafread.de]

Der gehörlose Vorsitzende (alternate Version)

Plötzlich redeten alle vier durcheinander, gestern bei Twitter — darüber, ob es einen gehörlosen Parteivorsitzenden geben könnte oder überhaupt nur sollte. Nicht überraschend war, dass diejenigen zustimmten, die eh für Inklusion sind: Natürlich könnte es das, warum auch nicht, es komme doch auf das Individuum an und die Gesellschaft könne sich (und das ruhig mal) anpassen.

Überraschend war der Widerspruch von @ennomane. Man solle, bildlich gesprochen, aufhören Rollifahrern das Schwimmen beibringen zu wollen. Er würde keinen gehörlosen Vorsitzenden wollen. Enno hat seine Gedanken gestern nacht in einem Blogeintrag ausgeführt. Ich stimme ihm teilweise zu. Hier ein paar Überlegungen meinerseits unter demselben Titel:

Ich finde es ziemlich sinnlos, jetzt einem solchen Beispiel vehement zu widersprechen oder dagegen zu sein, weil es völlig abstrakt ist. Man diskutiert dann eigentlich darüber was wäre, wenn sich jetzt plötzlich ein Gehörloser auf dem Stuhl des jetzigen Parteivorsitzenden materialisieren würde. Und mit den Bedingungen, wie sie gerade sind, klarkommen oder draufgehen müsste.

In Wirklichkeit wäre es doch so, dass jemand schon länger in der Partei auf sich aufmerksam gemacht, was geleistet haben müsste. Man wüßte um ihre oder seine Fähigkeiten (und Schwächen), zumindest ein Teil der Parteistrukturen und Parteikollegen — wenn nicht sogar der Medien — hätte sich schon darauf eingestellt. Ich glaube nicht, dass überhaupt ein Gehörloser auf die Idee kommen würde, sich um ein Amt wie den Parteivorsitz zu bewerben, wenn er nicht einigermaßen sicher wäre (und auf Nachfrage auch erklären könnte), wie er sich die tägliche Arbeit vorstellt. Ich glaube z.B. auch nicht, dass eine Gehörlose —  erstmal in die Nähe einer solchen Position gelangt — nur noch vom guten Willen ihrer Umgebung abhängig wäre. Denn dann hätte sie bereits Unterstützer, einen Kreis Vertrauter, ein Netzwerk. Wenn nicht, dann würde sie einfach nicht gewählt. Und das müsste man dann akzeptieren. Ob es einem gefällt oder nicht.

Sehr interessant finde ich Ennos Überlegung, vielleicht aus strategischen Gründen gegen eine Gehörlose an der Spitze zu sein.  Um dem politischen Gegner nicht zuviel Angriffsfläche zu bieten. Die Frage, ob man sich mit einem gehörlosen Vorsitzenden nicht parteitaktisch ins Bein schießen würde, stellt sich in der Tat. Aber eben auch nur, wenn man annimmt, dass man jetzt sofort plötzlich und in der gegenwärtigen Situation darüber entscheiden müsste. Nicht, wenn da in (hoffentlich naher) Zukunft jemand wäre, der oder die auch irgendwie dahin gekommen ist, sich zu bewerben.

Infofern: Im Augenblick finde ich Barrierefreiheit in den unteren Rängen, den Parteitagen und in den Arbeitskreisen viel wichtiger. Damit überhaupt mal (z.B.) Gehörlose in die Nähe einer solchen Position kommen und sich die Frage konkret stellt! Solange das nicht passiert, halte ich die Abwehr fiktiver Beispiele für müßig. Da geht’s dann fast nur um Glaubensbekenntnisse.
Ich kenne auch keinen Gehörlosen, den ich in so ein Amt wählen würde. Aber das will nichts heißen.

–Die naiven Vorstellungen von Politik (und Autofahren) im Fall Helene Jarmer, der ersten österreichischen gehörlosen Abgeordneten, habe ich hier kritisiert. Meinen Standpunkt zu Beruf und Behinderung generell habe ich vor kurzem hier zusammengefaßt.–

Ganz einfach

Wie wäre es wohl, mein Leben, wenn ich es mir so richtig einfach machen würde? Und für alles meiner Hörbehinderung die Schuld gäbe. Zum Beispiel so:
Die Avancen  wurden zurückgewiesen? Klare Sache. Den Job nicht bekommen? Was sonst. Kein Schwein ruft an, beim Bäcker zuletzt bedient worden, die Vögel scheißen von allen Autos nur auf Deins? Verstehe.

Vielleicht lebte es sich so ja gar nicht so schlecht? Nicht immer zweifeln, was jetzt woran lag. Nicht ewig auseinanderklamüsieren, inwiefern ich selbst Schuld und welche Löcher ich mir selber gegraben habe. Was ich selbst ändern müsste, wenn ich es anders haben wollte. Ich meine, man sagt ja nicht umsonst: Dumm fickt gut.

Ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass ich das könnte. Aber vielleicht sollte ich es öfter mal probieren. So ganz einfach.

Zivilbulle

Zu den Segnungen des elektrischen Ohrs gehört ein enormer Gewinn an Nachdruck bei Streitigkeiten auf der Straße. Jedenfalls kombiniert mit der entsprechenden Frisur, die den Knopf am Kopf sichtbar macht. Und den der Uhrzeit nach Mitternacht entsprechenden Augenringen.

Ist das alles gewährleistet, dann verkürzen sich die Auseinandersetzungen mit den schmierigen Gästen meines Lieblingsnachtclubs deutlich. Auf meine höflichen Fragen folgt nicht wie sonst erstmal ein Schwall von “Wart mal, bin beschäftigt!” s und “Ey, was hassu?” s, durch den man erstmal durch muss.
Sondern ein klares: “Oh, sofort. Mach ich sonst nie! Müssen Sie gar nicht melden! Bin schon weg!