Taubblind auf der großen Bühne

“Taubblind? Da kann man ja gar nichts mehr machen!” Denkste. Alle diese Schauspieler hier sind taubblind — und weltweit von der Kritik gefeiert. Hier berichtet die NZZ darüber. Hier der Guardian.

Architekten sollten ihre Ohren benutzen!

Der Lehrer redet, doch die Hälfte geht völlig an der Klasse vorbei. Oft ist das nicht nur die Schuld des Lehrers, meint Julian Treasure. Und es sei auch kein Zufall, dass viele Patienten in Krankenhäusern nicht schlafen können. Wenn Architekten doch nur ein bißchen mehr auf die Akustik achten würden!
Hochspannender TED-talk. Und das Beste: Auf der TED-Website braucht man nicht zu hören, man kann mitlesen (Transkripte anklicken).

Behindern ist heilbar — ein gutes Video?

Spannende Diskussion in den Kommentaren, die ich hiermit mal in einen eigenen Thread auslagern möchte. Dieser neue Spot der Bundesregierung zum Thema “Behindern ist heilbar” — ist der gut oder nicht?

  1.  Ja, die schon wieder | 8. November 2012 um 19:05 | |

    Der Kinospot zu sehen ab dem 15.11.2012 gefällt mir besser als die Plakataktion Mensch …

    http://www.bmas.de/DE/Themen/Teilhabe-behinderter-Menschen/Meldungen/2012-11-03-behindern-ist-heilbar-kinospot.html?nn=6246

    Wie beurteilt Ihr den Spot mit DGS und Untertitelung?

    Bis die Tage oder Nächte :-)

  2. Hab den Kinospot einmal mit Ton und einmal ohne gesehen – gefällt mir :-) Ich frage mich nur, wie die Aussage “Behindern ist heilbar” verstanden wird. Hier wird sie auf die gemünzt, die nicht behindert sind. Macht deutlich, dass es von Vorteil ist, wenn die Nicht-Behinderten ihren Blick und ihr Verhalten öffnen.
    Der “souveräne Umgang mit Hörbeeinträchtigung“ – tja, klar, schön wär’s, und ich staune immer, wenn ich jemanden so souverän erlebe. So will ich auch manchmal sein. Und wenn mir’s dann mal wieder passiert, dieses nicht so souverän Sein, dann sag ich mir, ich bin halt ein Mensch.

  3. flor | 12. November 2012 um 17:29 |
    den Spot mag ich nicht. Effektheischerei ohne Message. Was hat der Slogan “Wir müssen de Alltag einfach machen” mit der Szene im Polizeipräsidium zu tun? Soll das inklusiver Alltag sein? Und “Behinderung ist heilbar” – klingt für mich sehr bemüht. Kein schönes sprachliches Bild.
  4. Ich finde den Spot insgesamt auch nicht gelungen. Aber: Das was da gezeigt wird, ist ein reales Problem. Es gab schon einige Fälle, in denen der Polizei nicht erkannt wurde, dass die Leute gehörlos sind, woraus dann große, für die Leute schlimme Verwicklungen entstanden.
    (Ich finde aber im Netz gerade nichts, vielleicht weiß jemand noch, wie einer der Fälle war?)

  5. Unerträglich, dass sowas tatsächlich passiert …

    Was mich ärgert, ist, dass der Spot ein Stereotyp reproduziert, anstatt es zu unterlaufen: Der Mensch mit Behinderung als unverstandener, isolierter und hilfloser Typ, der von einem ohne Behinderung erlöst und “geheilt” wird.

  6. @flor: Ich finde das nicht so. Denn der “Heiler” hat DGS genutzt, sich damit auf die Ebene des GL begeben, seine Sprache gesprochen. Im Gegensatz zu den anderen Polizisten, die am Ende als die Volltrottel da stehen, die anscheinend so blöd waren, nicht mal Gehörlosigkeit geahnt zu haben.

    Ich könnte dir zustimmen, hätte der Spot damit aufgehört, dass der GL zwei CIs angeheftet bekommen hätte und – oh Wunder! – nicht nur hören, nein auch sofort – oh Wunder! – akzentfrei ohne Fehler sprechen gekonnt hätte und somit – oh Wunder! – als geheilt in die Freiheit entlassen worden wäre.

    Zum Glück ist uns dieses Ende erspart geblieben …

  7. Ich weiß nicht. Da sitzt einer gequält rum, er reagiert nicht. Am Ende stellt sich raus, er ist gehörlos. Gut daran: Die Take-Home-Message ist, dass man nun weiß, wenn sowas passiert, ah, er könnte vielleicht gehörlos sein. Was gelernt.Schlecht daran: Take-Home-Message ist auch, Gehörlose muss man erkennen. Selbst können sie nicht darauf aufmerksam machen, was sie brauchen.

    Zum Vergleich: Wird in Filmen ein Deutscher in Spanien verhaftet und kann kein Spanisch, brüllt er ständig: “No Espagnol. Deutsch. Deutsch!”

Wie hört ein Schwerhöriger in der Kirche? (Mit Klangbeispielen)

Na wie wohl? Er hört, aber er versteht nicht. Das wird einem auf dieser Website mit ein paar Hörbeispielen höchst klar gemacht. Schaut mal vorbei.

(Sehr interessanter Versuchsaufbau! Sie haben nämlich durch das Mikrophon eines Hörgeräts aufgenommen. Und man sieht auch, was Untertitel und Induktion leisten.)
((Und ein ziemlich unterstützenswerter Verein, dieses Hören ohne Barrieren, soweit ich das der Website entnehmen kann.))

Gesichtsgrammatik und Körpersprache – oder: Wie sexy kann eigentlich eine Katastrophendurchsage sein?

Von Lydia Callis, der Gebärdensprachdolmetscherin, die gerade berühmt geworden ist, habt Ihr bestimmt schon gehört. Aber wisst Ihr eigentlich auch, wie ausgefeilt die Grammatik der Gebärdensprache ist? Man könnte sich ja denken: “Konjunktiv zum Beispiel. So komplizierte Möglichkeitsformen oder Bedingtheiten kann man doch nie nur durch Bewegungen rüberbringen!”
Gleichzeitig kenne ich viele, die ein wenig eingeschüchtert sind von der Mimik von Menschen, die sich in Gebärdensprache unterhalten. Es sieht ihnen übertrieben oder sogar grob aus. Nichts könnte falscher sein als dieser Eindruck

Bei mentalfloss bekommt man vorgeführt, wie in American Sign Language Gesicht und Körperhaltung als Teil der Grammatik benutzt werden. Sehr spannend und gut bebildert. Warum Menschen, die Gebärdensprache sprechen, so lebhafte Mimik und Ausdruck haben.
(Wer kein Englisch kann probiere z.B. den Google Übersetzungsdienst.)

Musik ist universal

via @hewritesilent

“Es reicht nicht, schwerhörig zu sein, Baby — Du musst auch noch gut damit umgehen!”

Am Schlimmsten sind diese Momente, in denen man eigentlich nichts als Zuspruch und Motivation braucht — aber dennoch eine ordentliche Watschen bekommt. So wie heute mein Bekannter D.

Als er nach einem Hörsturz plötzlich kaum noch etwas hörte, entschloss er sich ziemlich schnell zu elektrischen Ohren, also Cochlea-Implantaten (CIs). Dann kehrte er wieder ins Berufsleben zurück, allerdings bei einem anderen Arbeitgeber. Telefonieren war ein wichtiger Teil des Jobs. Dem Arbeitgeber und den Kollegen erzählte er zunächst nichts von seiner Schwerhörigkeit. Erst als die Nerven nach ein paar Monaten blank lagen, weil er bei jedem Telefonklingeln in Panik geriet, ob er den Anrufer auch verstehen würde, überlegte er hin und her, ob er es vielleicht doch erzählen sollte. Schließlich erzählte er es. Das Gespräch war wohl nicht schön. Er wurde nach Ende der Probezeit nicht weiterbeschäftigt. Seine ansonsten guten Leistungen hätten keine Rolle gespielt, sondern nur dass er nicht richtig funktioniert habe.

Danach hat er an die 50 Bewerbungsgespräche gehabt und keines davon hatte den gewünschten Erfolg. Immer wieder das Gleiche, sagte er, so viel Aufklärungsarbeit sei noch zu leisten. Immer wenn er das CI offen erwähnt habe, dann sei er in der ersten Runde gescheitert, wenn er es verschwiegen habe, dann oft erst in der zweiten. Die Gesellschaft wisse einfach nicht genug über die Möglichkeiten und Grenzen von Schwerhörigen im Allgemeinen und CI-Trägern im Besonderen. Und die Behörden, die seien eben auch oft nicht hilfreich.

So sehr ich den letzten beiden Sätzen auch zustimme. Bei solchen Geschichten glaube ich, liegt der Hase zumindest teilweise auch anderswo im Pfeffer als bei der Gesellschaft.

Ich sagte also nur sehr kurz: “Och, verdammt, Recht hast Du. Diese Idioten, komm, wird schon. Mach Dir nichts draus, werden schon sehen, was sie davon haben.”

Dann sagte ich: “Wer soll denn den Arbeitgeber aufklären außer Du selbst? Wer, außer Dir selbst, soll den Leuten, die Dir im Vorstellungsgespräch gegenübersitzen, denn einen Eindruck vermitteln auf was sie sich einlassen, wenn sie Dich nehmen? Wer außer Dir soll darüber bestimmen, was Du kannst und was nicht? Wenn überhaupt irgendjemand im Vorhinein eine Einschätzung darüber treffen soll, ist es doch besser, man macht es selbst. Wenn Du herumdruckst oder ganz schweigst, stehen die Chancen gut, dass Du später mal nicht nur ein Problem hast, sondern selbst eins wirst für Deinen Chef. Wenn Du es offen ansprichst und erzählst, wie Du damit umgehst, hast Du die Chance, Dich als Problemlöser zu präsentieren.”

Das ist alles nicht einfach. Als ob es nicht schon schwer genug wäre, nur schwerhörig zu sein. Aber das reicht eben nicht. Und daran kann man nicht nur den anderen die Schuld geben.