Schlagwort-Archive: Hörgeräte

Gezwitscher hören und sehen

Gezwitscher ist eins der Dinge, die mir die Ertaubung relativ schnell genommen hat. Da ist es ja eigentlich passend, dass ich nun, mit  elektrischem Ohr, es nicht nur wieder höre — sondern eins drauf setze und schriftlich zwitschere: Mit Not quite like Beethoven kann man sich jetzt auch bei Twitter unterhalten.
Lesen wir uns dort? Würd’ mich freuen! –>klick<–

Übrigens, ich bitte um Entschuldigung für die lange Abwesenheit. Ich werde jetzt nach und nach auf die Kommentare antworten.

Warum poltert er so?

Klopfen. Bisher war mir nicht klar wie gestört eigentlich meine Beziehung zu Klopfen ist. Die gute Freundin, bei der ich gerade zu Besuch war, wohnt mit ihrem Liebsten in einer wunderschön weitläufigen Altbauwohnung. Fast jedes Zimmer hat zwei Türen. Auch das Bad, eine in den Flur, eine direkt in ihr Schlafzimmer. Nur — beide Türen lassen sich nicht abschließen.  Und ich höre ja von außen nicht unbedingt, ob wer drin ist.

“Kein Problem”, sprach die Freundin, “Kannst ja klopfen, wenn Du rein willst. Dann rufen wir, wenn schon wer drin ist.” Das leuchtete mir natürlich ein. Und es dauerte genau bis zum nächsten Morgen, genau bis ich mich ausgezogen und unter der Dusche eingeseift hatte, bevor mir einfiel, was ich vergessen hatte zu sagen: Dass ich so ein Klopfen gar nicht hören würde, ohne Hörgerät und ohne elektrisches Ohr. Keins davon hatte ich mit ins Bad genommen. Ich glaube, ich habe schon lange nicht mehr so viel Krach im Bad gemacht, damit sie auch ja Bescheid wissen.

Muss wohl ausgleichende Gerechtigkeit gewesen sein.

[Auf Nachfrage in den Kommentaren hin: Das Problem bei der ganzen Badgeschichte ist nicht das Nacktsein, sondern dieses blöde Gefühl des Ausgeliefertseins.]

Was darf Werbung?

Jens Scholz vermißt Anstand in der Werbekampagne eines Hörgeräte-Akustikers. Ich finde zu Recht. Noch mehr aber finde ich sie einfach um ein schlechtes Wortspiel herum gemacht. Das habe ich drüben schon in einem Kommentar geschrieben. Und was denkt Ihr?

Nachtrag: Die Werbung auf der Homepage des fraglichen Akustikers dagegen (“Sie verstehen Ihre Welt nicht mehr?”) finde ich wirklich sehr gut! Besonders die verstörten und deplatzierten Gesichtsausdrücke der Schwerhörigen.

Hörgeräte Kaufen — Nichts für zaghafte Naturen: Fünf Tips wie man einen guten Akustiker erkennt

Schnell “Ich hätte gern ein Hörgerät” sagen, kaufen und damit weggehen. Hahaha, guter Witz. So einfach ist es nicht. Eher wie wenn man sich auf eine Beziehung einläßt. Eine langjährige, mit dem Akustiker oder der Akustikerin nämlich. Wenn’ schief geht, ist man unglücklich oder hat viel Ärger.

Außerdem ist das immerhin jemand, der oder die einem glitschiges Zeugs ins Ohr drückt, was solange schmatzt bis das Ohr vollständig verschlossen (und der Druckausgleich im Kopf im Eimer) ist. Und es dann an einem Bindfaden mit sattem Ploppen wieder herauszieht. Vor dem man sich hörmäßig nackig machen muss. Wie erkenne ich also eine/n gute/n?

Vor ein paar Monaten wurde ich über HörBiz auf  diesen Test von Hörgeräteakustikern aufmerksam. Das fand ich zwar interessant aber nicht besonders aussagekräftig. Ich kenne diese Ketten auch nicht, daher kann ich nicht beurteilen ob ich zustimmen würde. Hier eine saloppe Reihe von Punkten, die mir wichtig sind:

  1. Darauf achten, dass man persönlich mit dem Akustiker oder der Akustikerin kann. Denn man wird viel Zeit dort verbringen. Also einfach mal darauf achten, ob man sich mit der Person gut aufgehoben fühlt.
  2. Gleich am Anfang mal die Geduld des Akustikers oder der Akustikerin testen. Denn die rechte Anpassung fällt nicht vom Himmel — es ist oft zu laut, zu leise oder zu verzerrt. Und es wird 100%ig mehrere Termine dauern, bis die richtige gefunden ist. Man muss oft viel herumprobieren; es ist schwierig, Höreindrücke in Worte zu fassen. Man sollte nie das Gefühl haben müssen, dass man stört.
  3. Mindestens zwei verschiedene Marken und Modelle sollten einem angeboten werden, nachdem der Typ des Hörverlusts geschildert ist. Denn die unterscheiden sich oft deutlich in Einstellmöglichkeiten, Extras, Preis und nicht zuletzt: Klang.
  4. Einfach zum Vergleich sollte man sich auch mal ein ganz billiges Gerät anpassen lassen und ein paar Tage damit herumlaufen. Vielleicht braucht man ja gar kein teureres mit viel Schnickschnack — und wenn doch, dann weiß man wenigstens warum. Ich habe das selbst gemacht und dabei viel gelernt.
  5. Und am Schluss, auch wenn’s schwer fällt: Einen Kostenvoranschlag eines anderen Akustikers einholen. Es könnte sich lohnen. Auch das ist etwas, das mir eigentlich zu mühsam und zu unangenehm war, mit dem ich aber einiges Geld gespart habe.

Übrigens, die schönste Beschreibung was man erleben kann, wenn man ein Hörgerät erhält, stammt von Moira (englisch und die Serie hat inzwischen mehrere Teile. Einfach drüben bei ihr im Blog den Titel suchen.)

Und an die Hörgeräteträger unter uns: Was habt Ihr für Erfahrungen beim Hörgerätekauf gemacht? Wie erkenne ich einen guten Akustiker oder eine gute Akustikerin? Worauf kommt es an?

Punkrocksicher — Wie Hörgeräte meinen Musikgeschmack veränderten

Ich hatte mal Hörgeräte, die waren punkrocksicher. Widex C18, es waren die besten Geräte die ich je hatte, vor allem weil sie eine super Störschallerkennung hatten. Ich verstand in lauten Restaurants besser als meine Eltern und ihre Freunde. Das ansonsten unerträglich laute Geplapper der anderen Menschen wurde auf ein sanftes Säuseln herabgedämpft. Das müsst Ihr euch mal vorstellen: Ich. Als Schwerhöriger. Verstand! BESSER! Solche Freude!!

Nur, sobald irgendwo Punkrock kam — ich rede hier von sowas wie The Exploited, Dead Kennedys, Slime — regelten die Geräte ihn automatisch runter. Drehte ich die Lautstärke hoch, regelten sie noch mehr runter. Selbst auf Konzerten war das so. Es war frustrierend!

Ich glaube damals begann ich, etwas melodischere Sachen zu hören. Zuerst Primus

… und irgendwann war ich dann eher bei so Sachen, wie Ihr sie (neben anderem) hier im Blog unter Schöne Töne findet.

(Und ein andermal gibt’s dann auch was über aktuelle Musik.)

Innenohr-Implantate: Das Objekt der (Wachstums-)Begierde für Hörgerätehersteller

Zuletzt ging’s hier so persönlich und intensiv zu — weiß gar nicht wo ich den Faden wieder aufnehmen und weiterbloggen soll. Drum greif ich mal etwas auf, das mir schon länger im Kopf rumschwirrt: Die Hör-Geräte-Industrie.  Denn bei aller Hilfe, die die Geräte zweifellos sind, existieren sie ja auch, damit jemand damit Geld verdienen kann. Und zwar, wie immer, möglichst viel Geld.

Das sieht man gut an einer Schlagzeile der letzten Woche, über die ich mir im folgenden ein paar schnelle Gedanken mache: Für umgerechnet rund 340 Millionen Euro wird Sonova, einer der weltweit größten Hörgeräte-Hersteller, Advanced Bionics (AB) kaufen — einen amerikanischen Hersteller von Cochlea Implantaten (CIs).

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Die Welt mit den Naidas hören

Hearing Aids -- Photo by BitBoy / flickr, some rights reserved

Man darf sich das Anprobieren und Tragen von Hörgeräten nicht wie das von Kleidern vorstellen. Jedenfalls wenn es keine leichte Schwerhörigkeit ist, sind damit so umwälzende Änderungen des, man kann’s nicht anders sagen, In-der-Welt-Seins verbunden wie sonst nur mit Drogen. Mit dem Höreindruck der Geräte, die ich gerade getestet hab, war ich 4 Wochen ständig unsicher und angestrengt. Und bei der Musik schließlich haben sie mich nur noch zum Heulen gebracht.

Das Besondere an Phonak Naida Hörgeräten ist, sie transponieren Frequenzen, die man nicht oder nur sehr schlecht hört, in Bereiche, in denen man noch etwas hört. Für viele bedeutet dass, das sie Töne hören, die sie schon lange nicht mehr gehört haben. Vogelzwitschern etwa.

Hören mit den Naidas war als hätte sich ein Nebel über die (akustische) Welt gelegt, aus dem Geräusche irrlichternd und gepreßt hervordrangen. Und das obwohl meine Augen sagten, dass alles wie immer war. Manches klang näher als ich vermutet hätte. Anderes, Nahes, hörte ich gar nicht — und erschrak wenn dann auf einmal jemand direkt neben mir stand und mich schon zweimal angesprochen hatte. Was ich sah paßte überhaupt nicht zu dem was ich hörte. Es hörte sich nicht einfach komisch an, meine ganze Welt war verschoben und verzerrt. Nur wenn ich die Augen schloss paßte es wieder.

Ich hätte die Geräte am liebsten ziemlich schnell wieder weggelegt, doch ich musste zumindest probieren ob ich mich eingewöhne. Aber so richtig wurde das Zähne Zusammenbeißen nicht belohnt. Es irrlichterte weniger, ich gewöhnte mich daran. Nur: Die Naidas mögen vielen deutlich besser als andere Geräte helfen, mir nicht. Wohl hörte ich mehr mittlere Frequenzen in Geräuschen und Stimmen. Aber das trug kaum zu besserem Verstehen oder schönerem Klang bei. Beileibe nicht. Ich denke, ich höre einfach zu schlecht als dass ich von der Technik groß profitieren würde. Zwischen gerade so hören und ZU LAUT ES SCHMERZT ist bei mir kaum Raum. Möglich auch, dass die Transposition sogar für schlechteres Verstehen im Störschall sorgte, weil im mittleren Frequenzbereich zu viele Information gedrängt waren.

Und schließlich, die Tränen. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sich Musik mit der Transpositionsschaltung anhörte. Ich hörte — soweit ich das sagen kann — alles, denn ich prüfte es an Stücken, die ich sehr gut kenne. Ich hörte sogar hohe, das heißt dann mittlere, Frequenzen etwas besser. Aber was ich hörte war — tot.

Es riss nicht mit, es fehlte, was Musik zur Musik macht. Ich saß vor der Stereoanlage, strengte mich an und hörte: Geräusche. Keine Musik. Der Rhythmus war da, aber er trieb nicht. Die Melodie war da aber sie klang nicht. Und auch nach vier Wochen änderte sich das nur ein bißchen.

Ich habe ja viel über Cochlea Implantate gelesen – und dass die Implantierten Stücke, die sie schon vorher schon kannten wiedererkennen können, nicht aber neue erkennen. Und dass sie zwar Musik hören aber kaum genießen können. Das muss so ähnlich sein wie das, was ich mit den Naidas erlebt habe.

Noch eine Bemerkung: Dies alles liegt wahrlich nicht daran, dass die Naidas schlechte Geräte wären– im Gegenteil! Dies ist ein Bericht darüber, wie eigenartig, kraft- und gefühlezehrend Hörgerätetesten und -tragen sein kann.

Teil 2 von  “Wie Hörgeräte tragen die Welt verändert”, hier ist  Teil 1