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Das Geheimnis der eigenen Stimme

Sich selbst vom Band reden zu hören, also eine Aufnahme der eigenen Stimme zu hören, finden ja viele unangenehm. Ich aber hätte jetzt gerne mal harte Fakten: Ich würde mich gerne mal hören — und zwar vor anderthalb Jahren.  Denn gerade habe ich jemand getroffen, die ich so lange nicht mehr gesehen hatte. Und sie sagte: “Deine Aussprache ist besser geworden.”

Das schockt erstmal. Denn es heißt ja, dass sie, als wir uns kennenlernten, nicht gut war — was immer das genau heißt. Und es ist doch ein herber Schlag fürs Selbstbewußtsein, zu erfahren, dass das eigene Bild soweit weg war von dem, was man dachte. Die Stimme bringt schließlich nicht wenig an Seele und Persönlichkeit rüber. Oder zumindest wird sie oft so wahrgenommen.

Was war seit unserer letzten Begegnung? Fast ein Jahr mit dem elektrischen Ohr. Und zugegeben, ich habe ja in den letzten Monaten vor dem Eingriff selber gemerkt, dass ich öfters, wenn ich nachlässig wurde, schlurrig redete. Aber die Entschiedenheit, mit der mir das eben gesagt wurde, schockt mich doch etwas. So auffällig soll es gewesen sein?! Gerade weil wir uns so lange nicht gesehen haben, kann sie’s wohl beurteilen.

Der Klang der eigenen Stimme, ein Geheimnis. Schade, dass ich nicht Rush Limbaugh bin, dann hätte ich die Aufnahmen und könnte einfach gucken wie ich damals geklungen habe.

Der Ruck aus den Träumen: Geht’s noch besser? Ein Selbstversuch

Über die Sache mit den angenehmen und weniger angenehmen Weisen des Weckens hab ich schon länger nachgedacht. Jetzt habe ich seit etwa acht Wochen Rütteln am Handgelenk probiert. Soll heißen: einen Armband-Vibrationswecker. Denn ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, den Sleep-Tracker zu testen. Ohne Geld und ohne Verpflichtung. Das fand ich anständig. Auf sogenannte Schlafphasen-Wecker war ich eh neugierig: Wecken genau in den Phasen, in denen ich eh fast wach bin? Erholter Aufwachen? Ich sagte zu.

Und stellte fest: Ich musste mich wirklich dran gewöhnen! Mir was anzuschnallen zum Schlafen fühlt sich einfach komisch an. Ich bin’s gewohnt, mich vorher auszuziehen – und schlafe lieber unbeschwert. Die Gewöhnung hat sicher zehn Tage gedauert.

Die Erkennung, wann ich fast wach bin, funktioniert aber richtig gut. Der Alarm kommt zuverlässig kurz nachdem ich mich umhergewälzt habe und gerade weiterschlafen wollte. Das ist wirklich erstaunlich angenehm!

Allerdings: Man muss dem Wecker auch eine Chance geben. Er weckt zwar, übernimmt aber — natürlich — keine Verantwortung fürs Wiedereinschlafen. Aufstehen muss man auch immer noch selber. Viel zu früh bleibt einfach viel zu früh. Und wenn der Schlafrhythmus aus den Fugen ist, hilft auch Schlafphasenwecken nicht. Dann hat’s sich was mit dem erholteren Aufwachen. (Wer Spaß daran hat, kann das Gerät aber gerade dazu nutzen, sich geregelteren Schlaf anzutrainieren.)

Freunde der Sleep-Taste (wenn ich nicht ganz dringend aufstehen muss, kann ich mich damit über Stunden hangeln!) haben auch nicht soviel davon. Ausmachen und Weiterschlafen-bis-es-sich-endlich-richtig-anfühlt zerstört den Effekt. Ganz Geübte können ihn so aber auch von Hand und ohne Sleeptracker nachbauen.

Für Schwerhörige, Taube und Gehörlose muss gesagt werden: Die Vibrationsfunktion, und nur die habe ich ja getestet, ist beim Sleeptracker vergleichsweise schwach — eher so ein leichtes Rubbeln. Technisch gesagt: Als vibrierte er mehr lateral denn gegen meinen Arm. Kein Vergleich zu meinem Preßlufthammer im Handtuch. Das kann man schonmal verschlafen.

Nachdem ich mich nun dran gewöhnt habe, mit Uhr ins Bett zu gehen, finde ich so schlafphasengewecktwerden ganz angenehm. Kann ich also empfehlen. Allerdings wäre mir der Sleeptracker zu teuer. Es dauert nämlich eine ganze Weile, bevor man merkt ob und wieviel es einem bringt. Das hängt sehr vom individuellen Schlaf- und Aufwachverhalten ab. Ich werde den Sleeptracker definitiv noch eine Weile weiternutzen und berichten wenn sich Neues ergibt. Zum Beispiel hatte ich seither noch keine Gäste in meinem Bett — bin gespannt, wie die darauf reagieren, wenn ich mich zum Schlafengehen erstmal an den Wecker binde.

Weckkontakt: Man soll nicht von sich selbst auf andere schließen!

Also, ich werde ja am liebsten am Bein geweckt. Da Schwerhörigkeit und Ertaubung es mit sich bringen, dass man aus der Entfernung nur mit grellem Licht geweckt werden kann, ist auch kein sanftes Rufen in die morgendliche Realität mehr möglich — es ist Anfassen angesagt. Und Rucken. Oder Schütteln. Ob nun durch Wecker oder Personen. Wurfgeschosse lassen wir mal außen vor.

Aus dem Schlaf gerissen werden, weil’s am Körper irgendwo heftig wackelt, ist extrem. Das ist gleich so dicht an mir dran, ich wache mit Kampf- oder Fluchtreflex auf. Darum ist’s mir deutlich lieber, am Bein geweckt zu werden als an der Schulter oder am Arm. Das ist gefühlt weit weg und die Störung kann notfalls weggetreten werden.

Dass diese Vorliebe indezent sein kann, lernte ich gerade an einer schlafenden Pendlerin im Zug. Sie war so ungünstig eingeschlafen, dass ich nicht an meinen Sitz kam. Im Minirock. Und erst kurz vor Abschluss fiel mir auf, dass es vielleicht doch nicht so gut kommt, eine fremde Frau am Bein zu begrapschen während sie schläft. Mit einem Lächeln begrüßte sie mich trotzdem nicht.

Soll mal einer verstehen…

Den Spieß umdrehen — und die Folgen

Zuweilen komme ich mir vor wie jene unglückliche Frau, die mir gestern Nacht in der U-Bahn gegenübersaß. Neben ihr saß ihr Mann. Ich verfolgte ihr Gespräch — und hatte bald so genug davon, dass ich ihn hätte nehmen wollen und schütteln bis er heult.

Das mag Euch übertrieben erscheinen, aber ich fand es wirklich nicht zum Aushalten: Wann immer sie mit ihm sprach, wandte sie sich ihm zu. Nicht nur den Kopf, ihr gesamter Körper richtete sich zu ihm aus. Sie blickte ihn an. Sprach ihn an. Wann immer er sprach, tat er — gar nichts. Starrte geradeaus, aus dem Fenster oder einer Frau nach, gerade wie es ihm paßte. Und es war ganz offensichtlich für beide das Normalste von der Welt.

Warum läßt sie sich das bieten? — dachte ich. Interessiert er sich nicht mal für sie?

Aber ich bin ja vorbelastet. Ich wende mich allen zu, mit denen ich rede und blicke sie an. Ich muss das. Ich verstehe sonst nichts. Es ist etwas, das die anderen sehr an mir schätzen, was mich zu einem begehrten Zuhörer macht. Und ich bin darauf angewiesen, dass meine Gegenübers es mir gleich tun.

Neuerdings jedoch drehe ich ab und zu den Spieß um und drehe mich weg, wenn jemand mit mir spricht. Ich teste dann, ob ich mit dem elektrischen Ohr auch ohne Sicht Verstehen kann. Und übe es ein bißchen. Meine Abwendung bleibt nie ohne Reaktion: von milder Irritation bis zum Wutanfall war schon alles dabei. Wäre ich die Frau in der U-Bahn, ich würde mich sofort scheiden lassen!

Stilles Örtchen? Denkste!

Erinnert Ihr Euch noch an den Audioten? Ohrenblicker Jens wurde gestern zum Telefoninterview gebeten und dachte sich: Kein Problem, ich finde mit dem Handy sicher eine stille Ecke. Denkste!

Die Odyssee, die er dabei erlebte, kenne ich genau. Aus meinen eigenen Versuchen, mobil zu telefonieren. Und zwar egal ob ich (ohne Headset) oder der andere am Handy ist: Überall ist Lärm. Stille Örtchen? Nirgends. Treppenhaus? Hallig. Und ständig kommt wer vorbei, poltert, redet, scharrt mit den Füßen.

Flotthörenden reicht das zum Telefonieren. Als Schwerhöriger habe ich dabei nichts (gar nichts!) zu lachen. Denn um überhaupt irgendwas zu verstehen, stelle ich die gleichen Ansprüche wie die sendefähige Tonaufnahme.

Der gleichgestellte Straßenräuber

Ich finde: Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit sind kein Grund, Jobs zu meiden, in denen es auf Kommunikation ankommt. Notfalls muss man sich halt ein paar Gedanken über Arbeitsassistenz machen — der Kleinunternehmer in dem Video macht’s vor.

Was man in Deutschland für Hilfen bekommt und wie man sie beantragt, steht in diesem und diesem Merkblatt der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen. Für Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Selbständige. Nur was man aus all den Möglichkeiten macht, liegt immer noch an einem selber.

(Wie sieht’s eigentlich in Österreich aus? Über Hinweise würde ich mich freuen.)

Der schwerhörige Frequent Flyer

Der Finnland-Urlaub hatte schwerhörigentypisch begonnen und er endete ebenso standesgemäß. Am Flughafen Helsinki-Vantaa entspann sich kurz vor Abflug folgender Dialog:

Herr Notquite legt seine Umhängetasche in die Plastikschale, wo sie durchleuchtet werden soll. Eine freundliche Flughafenangestellte (FF) deutet auf die Tasche.

FF: “Do you have a ticket, sir?”

Notquite: “No, no. Don’t worry!”

FF: <blinzelt einmal> “You don’t have a ticket?”

Notquite: <fröhlich> “No, really, it’s not the first time I’m flying.”

FF: “???”

Notquite: “?!!”

FF: “Well, sir–“

Notquite: <bei dem der Groschen pfennigweise fällt> “Ah, of course!” <sucht hektisch das Ticket in der Tasche> “There you go.” <grinst liebenswert, hofft er jedenfalls>

So kann’s kommen wenn man sich wie ein Profiflieger vorkommt und seine Boardkarte an der Handgepäckkontrolle gar nicht erst zückt. Und sich außerdem in dem sicheren Wissen sonnt, dass man ja weiß, dass nach “liquids” im Handgepäck gefragt werden wird. Typisch schwerhörig. Kann ja jedem mal passieren. Oder?

Warum poltert er so?

Klopfen. Bisher war mir nicht klar wie gestört eigentlich meine Beziehung zu Klopfen ist. Die gute Freundin, bei der ich gerade zu Besuch war, wohnt mit ihrem Liebsten in einer wunderschön weitläufigen Altbauwohnung. Fast jedes Zimmer hat zwei Türen. Auch das Bad, eine in den Flur, eine direkt in ihr Schlafzimmer. Nur — beide Türen lassen sich nicht abschließen.  Und ich höre ja von außen nicht unbedingt, ob wer drin ist.

“Kein Problem”, sprach die Freundin, “Kannst ja klopfen, wenn Du rein willst. Dann rufen wir, wenn schon wer drin ist.” Das leuchtete mir natürlich ein. Und es dauerte genau bis zum nächsten Morgen, genau bis ich mich ausgezogen und unter der Dusche eingeseift hatte, bevor mir einfiel, was ich vergessen hatte zu sagen: Dass ich so ein Klopfen gar nicht hören würde, ohne Hörgerät und ohne elektrisches Ohr. Keins davon hatte ich mit ins Bad genommen. Ich glaube, ich habe schon lange nicht mehr so viel Krach im Bad gemacht, damit sie auch ja Bescheid wissen.

Muss wohl ausgleichende Gerechtigkeit gewesen sein.

[Auf Nachfrage in den Kommentaren hin: Das Problem bei der ganzen Badgeschichte ist nicht das Nacktsein, sondern dieses blöde Gefühl des Ausgeliefertseins.]

Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #12: Smalltalk und Netzwerken bei Empfängen und Konferenzen

Es ist vielleicht das Furchterregendste und Schwierigste was man sich für Schwerhörige vorstellen kann: Smalltalk und Netzwerken am Rande von anderen Ereignissen, Abendessen oder bei Empfängen vereint alles – den Druck des Berufs, das Ansprechen fremder Leute, oft schlechte Akustik, Gruppengespräche. Und obwohl es Beruf ist auch diesen ganz besonderen Schrecken des Feierabends, es soll ja alles möglichst zwanglos vonstatten gehen. So als ob es eine ganz normale Party sei und keiner eine Agenda verfolge. Immerhin haben damit ja oft genug auch Flotthörige ihre Schwierigkeiten und Ängste.

Was kann man da als Schwerhöriger tun? Zuerst mal… Weiterlesen

Office Sex: Jetzt hab ich das also auch mal gesehen

Was liegt das auch so nah beieinander: Nein, NEIN und Herein, heREIN??!!  Dabei hatte ich extra noch geklopft.

Ich hatte ja in den letzten Jahren schon häufiger an Türen geklopft und dann betont langsam die Tür geöffnet, weil ich gemerkt hatte, das ich zwar höre, dass aber leider nicht was geantwortet wurde. Hätte meist genausogut auch ein “Nein!” oder “Moment!” sein können. Trotzdem war das jetzt aber — ganz schön graphisch.

Vielleicht sollte ich in Zukunft klopfen und dann darum bitten, dass mir die Tür von innen geöffnet wird? [Nachtrag: Oder kann man sich vielleicht am Arbeitsplatz Glastüren, die ja eh mein Freund sind, bezahlen lassen? So als Selbstschutz?]

Wie lebt man gut mit Schwerhörigkeit? Nochmal Evelyn Glennie

Mal ab von der Musik und dem Film — diese Frau ist einfach wahnsinnig erfolgreich und lebt offensichtlich genau so wie sie leben will. Was hat so eine zu sagen, was kann man von ihr lernen?

Schon im Film Touch the Sound kriegt man schnell den Kernpunkt mit: Klein-Evelyn spielte Klavier und wollte Musikerin werden, verlor als junges Mädchen große Teile ihres Gehörs. So dass der Ohren-Arzt dem stark schwerhörigen Mädchen sagte, Musikerin? Kind, das kannst Du vergessen.

Das hat das kleine Mädchen sehr verunsichert. Doch zum Glück hatte sie einen Vater, der sagte: Hörend oder nicht, sie wird tun, was sie tun will. Und Klein-Evelyn wurde zur weltbekannten Percussionistin.

Es klingt banal und vielleicht ein wenig naiv, aber ich glaube: Die Unterstützung der Eltern und Orientierung daran was man will, nicht was einem gesagt wird was man könne, sind das wichtigste. Ich glaube, man muss das immer wieder betonen. Denn niemand kann von vornherein sagen, welche Lebenswege unmöglich sind.
Darum finde ich es auch so schlimm wenn Menschen mit eingeschränkter oder gar keiner Audio immer nur auf die gleichen Jobs eingeschworen werden. Und gerade vorgestern ergab sich z.B. hier im Blog wieder so eine Diskussion, bei der ich fand, dass genau das im Hintergrund stand — obwohl es vordergründig um ganz Anderes ging.

Dazu kommen müssen natürlich noch eine Prise Realitätssinn und eine Handvoll Glück. Das ist das Rezept. Realitätssinn hieß in Evelyn Glennies Fall:  statt “nur” Pianistin Percussionistin werden. Und Glück hieß, auf inspirierte Lehrer zu treffen (und vielleicht ein Stipendium, das ist mir nicht so ganz klar).

Auf Evelyn Glennies Website kann man einen Text namens Disability Essay lesen, eine Rede, die sie mal gehalten hat,  wenn ich recht verstehe für Lehrer oder Therapeuten:

How [...] do the terms “disabled” or “Deaf” really apply to me? In short, they don’t, not even the “Hearing Impaired” label works because in some respects my hearing is superior to the average non-impaired person. I simply hear in a different way to most people. Other people apply the categories, but to me and some others like me these particular categories are irrelevant.

Das ist der Kern ihrer Selbstwahrnehmung: Wenn es darum geht, was sie tun und lassen kann, wie sie sich fühlt oder was sie ist, dann fallen ihr nicht zuerst die Etiketten “behindert”, “schwerhörig” oder “taub” ein. Und genau das hält sie auch für den Keim ihres Erfolges. Dass sie ihr Gehör ganz ähnlich wie Normalhörende behandelt. Soll heißen: nicht weiter darauf herumreitet, welche Grenzen sie hat und wo sie liegen. Sondern sie gleichsam vergisst — und sich auf ihre ganz andersartige Stärke konzentriert, nämlich ihre Musikalität.

Nebenbei: Ich finde es auch reichlich unglücklich, dass ich im Zusammenhang mit der Grimme-Nominierung in vielen Berichten als “schwerhöriger Blogger” zu Ehren zu komme. Dabei ist das, was hier gut und preiswürdig ist, ja gerade nicht, dass ich schlecht höre. Sondern dass und wie ich hier schreibe.

Like all other people, regardless of any so called “handicap”, there are certain jobs I can’t do due to my physical attributes. However, I can’t excel at hundreds of other jobs because I either don’t want to or I believe I am not sufficiently talented. How we categorise ourselves and where we fit in to our own framework of understanding leads the vast majority to the belief that they are unable to achieve the highest levels of attainment in their chosen field of endeavour.

Was man von Evelyn Glennie lernen kann ist: Selbstbeschränkung und die Konzentration auf die eigenen Schwächen können eine viel größere Behinderung sein als irgendwelche körperlichen Gegebenheiten. Ich kann dem gar nicht genug zustimmen. Sich dauerhaft auf die eigenen Schwächen zu konzentrieren macht schließlich nicht nur unglücklich, davon hat wirklich niemand etwas.

Es gibt nur einen Haken. Was ich oben “Rezept” genannt habe, ist eigentlich keins. Denn das Ganze heißt natürlich nicht, und das sagt auch Dame Glennie, dass man die Schwächen ignorieren oder verleugnen könne. Den Luxus hat man nicht. Spätestens von anderen wird man wieder darauf zurückgeführt. Man muss sich schon damit auseinandersetzen. Und Strategien entwickeln, wie man mit den Problemen, die daraus erwachsen, umgehen oder sie vermeiden kann. Glücklich sind dabei diejenigen, deren Zustand gleich bleibt (wo sich also die Hörfähigkeit nicht ständig verschlechtert oder stark schwankt). Denn dann muss man das Ganze nur einmal machen. Und nicht immer und immer wieder.

Was man genau tun und lassen soll, ist  damit noch lange nicht beantwortet. Und dass es einfach wird, ist damit auch nicht gesagt. Man kann sogar scheitern. Nur — gibt es eine Alternative? Ich glaube nicht.

/2010/03/16/musikhoren-probiers-mit-ausziehen/

Touch the Sound: Horchen wird unterschätzt

Klang berühren ist ihr Motto, Musik Spüren ihre Spezialität: Dame Evelyn Glennie ist hochgradig schwerhörig  und erfolgreiche Musikerin. Die Finger wollen hier einfach “trotzdem” reinschreiben, aber gerade das würde sie auf die Palme bringen. Unter Menschen mit eingeschränkter Audio ist sie umstritten, auch hier im Blog kochte die Diskussion schon einmal hoch.

Gestern habe ich Touch the Sound gesehen, einen 100-Minuten Film über ihre Art, Musik wahrzunehmen und zu machen. Der hat mich so beeindruckt, ich muss das kurz beschreiben. Und ich will nochmal auf ihre Vorstellung eingehen, wie man mit Hörproblemen gut leben kann. Die finde ich nämlich ziemlich gut. Weil aber alles zusammen aber ein sehr langer Eintrag geworden wäre, hier schonmal der kurze Hinweis auf den Film vorab. Zur Frage, was man von Evelyn Glennie lernen kann, kommt bald noch was. [Nachtrag:  Klick hier]

Der Film ist, kurz gesagt, wunderbar. Und zwar auch die Bilder. Thomas Riedelsheimer hat eine anderthalbstündige, spannende Reise in die akustische und visuelle Wahrnehmung geschaffen. Hat mich sehr an meinen alten Musiklehrer erinnert, von dem hier auch schon die Rede war: Überall ist Musik, man muss sich nur darauf einlassen. Das hat mich sehr berührt. Man muss sich jedoch tatsächlich darauf einlassen. Denn faßt man die Botschaft des Films in Worte,  ist sie ziemlich einfach. Achtet man nur darauf, ohne sich Bild und Ton ein wenig hinzugeben, zieht sich der Streifen doch etwas. Ich finde aber: Diesen Film sollte man gesehen haben. Und zwar nicht auf youtube, das ist nur als Teaser gedacht!

Oben in dem Filmausschnitt sieht man übrigens ab 5:12 mein Lieblingsinstrument. Und weil so viele verschiedenartige Klänge vorkommen ist der Film auch super zum Hören mit dem Cochlea Implantat! Ich habe immer wieder die Augen zugemacht und einfach nur gehorcht, was ich da höre. Genau das ist für mich die Botschaft des Films: Ob nun vor lauter Arbeit, Routine oder Lärm — Horchen geht im Alltag einfach viel zu oft unter. Horchen wird unterschätzt.

Sieht gut aus: Mobiltelefonie für Hörbehinderte von o2

Ich habe ja letztens ziemlich viel gemeckert über die PR-Aktivitäten von o2 Telefónica. Jetzt muss ich aber hinzufügen: Flott sind sie doch. Seit gestern gibt es dort spezielle Tarife für Menschen mit Hörbehinderung und einen speziellen Online-Shop extra für Hörgeschädigte mit erklärenden Videos in Gebärdensprache. Außerdem sollen die o2-Mitarbeiter fortgebildet worden sein.

Ich habe mir den Online-Shop und die Angebote mal kurz angesehen und finde beides ziemlich gut gemacht.  Nur die angekündigte Chat-Hotline habe ich nicht gefunden — ich hoffe, das lag an mir oder sie kommt erst noch. Denn gerade das finde ich sehr wichtig: ein textbasiertes Angebot nicht nur zur Kundengewinnung, sondern auch zu deren Betreuung.

So auf den schnellen Blick (kein ausgiebiger Test!) schienen mir Shop und Angebote von o2 verständlicher und einfacher aufgebaut als die Hörgeschädigten-Angebote von der Telekom und Vodafone — zumal das der Telekom, wenn ich richtig sehe, eigentlich kein Angebot für Hörbehinderte ist, sondern für Mitglieder des Deutschen Gehörlosen-Bundes (bzw. der Landesverbände). Also ein Gruppentarif für Mitglieder einer Organisation.

Bei E-plus habe ich kein spezielles Angebot gefunden — aber bislang gab es dort immer zumindest die Möglichkeit, einen vergünstigten Tarif zu bekommen.

Im Nachhinein muss ich also sagen: Ich bin zwar immer noch skeptisch, inwiefern das, was O2 jetzt tut, tatsächlich durch die Beteiligungs- und Diskussionsveranstaltungen angestoßen wurde und ansonsten nicht machbar gewesen wäre. Aber geliefert haben sie! Und von heute aus gesehen: als PR für die Einführung dieser Angebote und des Shops war es einfach gut gemacht.

Was haltet Ihr von den Angeboten der Mobilfunkbetreiber? Wenn Ihr z.B. welche kennt, die ich übersehen habe, verlinke ich sie gerne hier. Oder habt Ihr die Chat-Kundenbetreuung bei o2 gefunden?
[Nachtrag: Einen Link zum Chat habe ich jetzt gefunden: Wenn man auf Bestellen klickt, kann man ihn aus dem Bestellprozess heraus aufrufen. Nicht optimal, ich hoffe, der Link kommt noch auf die Hauptseite. So sieht es aus als solle der Chat wirklich nur der Kundengewinnung dienen, nicht ihrer Betreuung]

Der Schein ist Dein Freund

Du bist beim Bäcker. Zweimal hast Du schon nachgefragt und noch immer hast Du nicht verstanden, was Deine zwei Nougatcroissants, vier Schrippen, drei Stück Bauernkäsekuchen und das Landsknechtbrot für das Sonntagsfrühstück kosten sollen. Die Bäckersfrau schaut Dich an — und Du zögerst, ein drittes Mal nachzufragen. Irgendetwas hat die Zahl drei an sich, dass es ab da richtig peinlich wird.

Verflixt, denkst Du, warum hast Du auch wieder bestellt ohne alles mitzurechnen? Die Antwort kennst Du: Weil es früh am morgen und Sonntag ist. Mittlerweile schauen auch die Leute hinter Dir in der Schlange. Selber zusammenrechnen geht so schnell auch nicht. Wo sind überhaupt die Preisschilder?!

Also schiebst Du einfach einen Schein rüber, und zwar einen möglichst großen. Noch peinlicher als ein drittes Mal nachzufragen ist nämlich: Zweimal nach dem Preis zu fragen, dann zu nicken, ‘nen Fünfer oder Zehner rüberzuschieben — und der genannte Preis lag doch drüber.

Aber Achtung: Zu groß darf der Schein darf auch nicht sein, ein 50-Euro-Billet auf zwei Schrippen etwa. Bei soviel Wechselgeld hört der Berliner Bäckersfrau der Spaß auf. Du willst ja nicht jeden Morgen den Bäcker wechseln müssen. Und weil Dir das Ganze überall passiert wo die Rechnung nicht erst rübergereicht, der Betrag nicht sichtbar angezeigt wird — darum, lieber Schwerhöriger, hast Du auch so ein dickes Portemonnaie. Vor Wechselgeld.

Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #11: Präsentation vor dem Kunden oder Auftraggeber

Es ist leicht, schwerhörig zu sein, solange alle lieb und nett sind. Schwer wird’s erst bei hohem Druck oder sogar Gegenwind. Zum Beispiel der Moment, in dem die Früchte tage-, vielleicht wochenlanger Arbeit präsentiert werden. In dem’s ums Geld oder den nächsten Auftrag geht.

Bloßes Vortragen-und-Schwitzen ist nichts dagegen: Es geht um was, es muss begeistert und überzeugt werden. Und nicht selten sind die, vor denen man da präsentiert, ziemlich hoch in der Hierarchie. Dazu noch ungeduldig, unverständig oder gar feindselig eingestellt, z.B. weil ihr Intimfeind den Auftrag in Auftrag gegeben hat oder ihm eins reingewürgt werden muss. Mehrfach nicht verstehen oder falsch Antworten kann hier tödlich sein.

Die Lösung — nichts Neues eigentlich: Versuche, vor Beginn der Präsentation Sitzordnung sowie Gegenstände und Möbel im Raum zu beeinflussen. Wenn Fragen gestellt werden, Analyse, Strategie oder Idee kritisiert werden — gehe zum Sprecher hin (aber stelle Dich nicht zu dicht vor sie, manche Leute mögen es nicht, nach oben zu sprechen).
Und, ganz wichtig: Wenn Du kannst, mach es nicht allein! Besprich Dich mit Deinem Team, dass sie helfen, falls es Probleme gibt. Kläre auch, ob bei Problemen der Vorgesetzte oder Teamkollege sofort einspringen soll oder erst einmal der Schwerhörige selber. Manche mögen’s so, manche so. Sonst passiert es schnell, dass man bemuttert wird. Oder sich bevormunden läßt und Verantwortung abwälzt.

Und was habt Ihr für Erfahrungen?

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Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #10: Kundenkontakt per Telefon

Hier gibt es eigentlich nur einen einzigen Ratschlag: Vermeiden! Am besten komplett. Selbst wenn man einigermaßen telefonieren kann, gibt es einfach zu viele Möglichkeiten, wie das schiefgehen kann. Mindestens bedeutet es Streß pur!

Das Problem besteht darin, dass der Anrufer die Initiative hat. Und man ja selbst erst einmal verstehen muss, wer dran ist und was er überhaupt will. Man hat keinerlei oder nur sehr wenig Anhaltspunkte, die das Verstehen erleichtern. Womöglich ist der Anrufer auch noch aufgebracht oder in Eile…

Ich gebe beruflich meine Telefonnummer gar nicht erst heraus. Sie steht auch nicht auf meiner Visitenkarte. Stattdessen betone ich meine Erreichbarkeit per E-Mail (oder je nach Anlass manchmal auch Chat). Das zu betonen ist aus mehreren Gründen wichtig:  Man muss gleich am Anfang für klare Verhältnisse sorgen und die Schwerhörigkeit oder Ertaubung offen kommunizieren. Es muss klar sein, dass man genauso erreichbar ist wie alle anderen. Und netter Nebeneffekt ist, dass man sich dem Gesprächspartner/Kunden oft deutlich einprägt — die erinnern sich an mich.

Ob der Verzicht auf Telefonnummern machbar ist, hängt natürlich von der eigenen Funktion, von Branche, Unternehmen und vom Chef ab. Meiner Erfahrung nach lohnt es sich aber, es zu versuchen — wenn man dabei erstmal überlegt und dann klarmacht, welche Alternativen es gibt und das sie tatsächlich machbar sind, ohne die Abläufe zu gefährden. Dazu gehört z.B. auch, im Büro einen Kollegen zu suchen, der Notfallanrufe übernehmen kann (z.B. auch ans Reisebüro für kurzfristige Reisen).

E-Mail und Chat haben den Vorteil, dass man hinterher alles gleich schriftlich hat. Falls sich telefonieren gar nicht vermeiden läßt: Am besten alles noch einmal schriftlich notieren und per E-Mail bestätigen lassen, dass man alles und das auch richtig verstanden hat.

Was haltet Ihr von diesen Ratschlägen? Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Telefon und seiner Vermeidbarkeit?

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Aarrrgh ist…

… mit drohender Deadline zuhause arbeiten und ein Ohr auf die Türklingel haben, weil ein wichtiges Paket kommt. Am selben Tag, an dem sie eine Etage höher die Badewanne rausreißennnnngnnn!

Normalerweise würde ich spätestens jetzt cool meinen Vorteil ausspielen, die Hörtechnik ausschalten — und entspannt arbeiten. Stattdessen:  zum Lärm gezwungen.

Laute Musik Hören ist gesund — mehr noch: Ein Jungbrunnen!

Glaubt Ihr nicht? Ist aber so, lest selbst: Menschen, die Hörprobleme haben, werden immer jünger. Und falls Euch das noch nicht Beweis genug ist: Auch die Hörgeschädigten in den Entwicklungsländern werden immer jünger.

(Aufgefallen ist diese sprachliche Blüte leider nicht mir, sondern dem Kollegen von der Bedarfshaltestelle. Ich fand die Beobachtung aber so gut, ich musste sie einfach weiterführen.)

Der Spaziergang in die Harthörigkeit

Feeling brave? Orientierungslosigkeit, Scham und Langeweile gefällig? Dann wäre vielleicht ein kleiner Spaziergang in die Harthörigkeit etwas für Sie.

Da ich neulich davon gesprochen hatte, habe ich mal ein paar Berichte herausgesucht, in denen Menschen für einen Tag in die Schwerhörigkeit eingetaucht sind — oder jedenfalls ein paar Stunden, die meisten haben vorher aufgegeben. Wie ist es, auf einmal schwerhörig zu sein? Unter den Links versteckt sich jeweils der ganze Bericht (leider alle in Englisch):

It’s scary; I feel off-balance [...]. It shocked me as to how people live like this. Everything was distorted and it suddenly made me appreciate the normal hearing I have. [...] I felt lost and a little bit embarrassed when I had to ask her to repeat what she had said because I couldn’t hear her. (Leanne, At the Rim)

When I hear the footsteps of the letter carrier on my front path or the children pouring into the schoolyard across the street for recess, it helps me to track the passing of the hours. When I tip my laundry basket out, I expect to hear a “plop” sound when the contents hit the floor. This confirms for me where the room ends. I found it surprisingly disconcerting to be deprived of these clues that I usually take for granted. [...] Many tasks that I take for granted — climbing steps, walking through traffic, cooking — required far more attention than I normally pay them. Multi-tasking was difficult and often impossible. (Judy, The Experiment, plus Kommentar von mog: judy’s experience.)

I was fine at home, in my environment, but I didn’t like that I was feeling so insecure as I moved about the city. I was okay in the car. It’s still my space, but I was on edge, constantly looking around to be sure I wasn’t missing something important, keeping an eye on lights and gauges lest I be indicating a turn I didn’t intend to take or red lights flashing in warning of an imminent engine explosion. Stress. (Rob, hard of hearing for a purple squishy day)

I find myself avoiding customers as I know I’ll struggle to hear them – [...] I feel they would get annoyed if I ask them to repeat themselves. [...] Outside the store noise is muffled although I know the city centre is busy and there are lots of people around, I’m aware of feeling isolated and cut off. (Stephanie, I volunteered)

Ich kann nur sehr empfehlen mal reinzulesen. Und die haben immerhin im Schnitt nur etwa 30db Hörverlust gehabt, also nur eine leichte, maximal mittelgradige Schwerhörigkeit.

Thanks, mog, for digging up those links!

Besser als angeklebte Etiketten: Postmodern Hören

my ability to hear depends a lot on what I’m listening to

Das sagt Kim und ich fand es extrem gut gesagt: Wie gut oder schlecht, viel oder wenig ich höre, hängt ganz davon ab wem oder was ich zuhöre. Das ist so ein Satz, der kommt ganz unauffällig daher. Doch je mehr man drüber nachdenkt, umso mehr entfaltet er sich.

Ich finde das eine wahnsinnig wichtige Wahrheit über Hörprobleme.  Es ist da ganz wie beim Reden über Behinderung:  Man muss eigentlich immer dazusagen, in Bezug worauf und in welchen Situationen. Alles andere sind nur verkürzte bis verfälschende Labels für Menschen. Es sind nur angeklebte Etiketten. Egal ob man so über andere spricht — oder über sich selbst.

Schwerhörigkeit ist NICHT das Problem

Das Problem ist viel eher: Um halb sieben Uhr morgens so müde sein, dass man auf KEINEM Kanal mitbekommt, dass der Zug, der da steht, wo meiner immer steht, ein ganz anderer ist. Nämlich einer, der eigentlich schon vor 20 Minuten nach Jüterbog gefahren sein sollte. Und dass mein Zug, der ist, bei dem sich auf dem benachbarten Gleis gerade die Türen schließen.

Ist ja auch kompliziert. Es ging gerade noch mal gut: Die Tür erwischte mich nur an der Brust.