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Dornröschens Sündenbock

Das Tolle an Kindern ist ja, dass man selber nochmal ein bißchen Kind sein kann. Zum Beispiel wenn man auf dem Weg zum See auf dem Beifahrersitz lungert und die gute Freundin hinten der Tochter Märchen vorliest. Hach, denkt man da, kauert sich zusammen und ein paar von den Gefühlen von damals klettern hoch, als einem selbst vorgelesen wurde.

Es ist das erste Mal, dass ich mich über Stau freue. Denn nun sind die Fahrgeräusche weg und ich muss mir vom Vordersitz aus nicht mehr den Kopf verdrehen um zu verstehen. Ich höre allerdings auch immer mehr Sätze, an die ich mich nun gar nicht erinnern kann — und merke, dass wir eine modernisierte Fassung zu hören bekommen, die aus dem Moewig Verlag von María de Calonje, Julian Jordan und Eva Lopez übrigens.

Ist schon klar, Märchen sind mitunter brutal. Aber ist es wirklich so schlimm, wenn das Königspaar die 13. Fee einfach nicht einlädt, weil nun mal nur zwölf goldene Teller da sind? Muss sie stattdessen unbedingt unerreichbar gewesen sein und die Einladung nicht erhalten haben? Muss unbedingt der Koch wegfallen und der Küchenjunge, dem er gerade eine wischt, obwohl diese beiden eines der schönsten Bilder beim Plötzlich-in-den-Schlaf-Fallen-und-100-Jahre-später-wieder-Aufwachen sind? Ganz zu schweigen davon, dass nebenbei einer mit Siebenmeilenstiefeln nach der guten Fee geschickt wird!

Und, liebe Modernisierer, alle Erklärungswut in Ehren — aber es gibt nun wirklich gar keinen Grund, ausgerechnet die Tauben zum Sündenbock zu machen:

Oder wie seht Ihr das?

Ich habe gerade die Hausmärchen der Gebrüder Grimm nochmal aus dem Regal geholt und mich in den Fassungen sofort festgelesen. Beim Herrn Gevatter, hab ich geschaudert, bei den sechs Schwänen gebangt.  Jetzt kommt: Die zertanzten Schuhe….

Weckkontakt: Man soll nicht von sich selbst auf andere schließen!

Also, ich werde ja am liebsten am Bein geweckt. Da Schwerhörigkeit und Ertaubung es mit sich bringen, dass man aus der Entfernung nur mit grellem Licht geweckt werden kann, ist auch kein sanftes Rufen in die morgendliche Realität mehr möglich — es ist Anfassen angesagt. Und Rucken. Oder Schütteln. Ob nun durch Wecker oder Personen. Wurfgeschosse lassen wir mal außen vor.

Aus dem Schlaf gerissen werden, weil’s am Körper irgendwo heftig wackelt, ist extrem. Das ist gleich so dicht an mir dran, ich wache mit Kampf- oder Fluchtreflex auf. Darum ist’s mir deutlich lieber, am Bein geweckt zu werden als an der Schulter oder am Arm. Das ist gefühlt weit weg und die Störung kann notfalls weggetreten werden.

Dass diese Vorliebe indezent sein kann, lernte ich gerade an einer schlafenden Pendlerin im Zug. Sie war so ungünstig eingeschlafen, dass ich nicht an meinen Sitz kam. Im Minirock. Und erst kurz vor Abschluss fiel mir auf, dass es vielleicht doch nicht so gut kommt, eine fremde Frau am Bein zu begrapschen während sie schläft. Mit einem Lächeln begrüßte sie mich trotzdem nicht.

Soll mal einer verstehen…

Besser als angeklebte Etiketten: Postmodern Hören

my ability to hear depends a lot on what I’m listening to

Das sagt Kim und ich fand es extrem gut gesagt: Wie gut oder schlecht, viel oder wenig ich höre, hängt ganz davon ab wem oder was ich zuhöre. Das ist so ein Satz, der kommt ganz unauffällig daher. Doch je mehr man drüber nachdenkt, umso mehr entfaltet er sich.

Ich finde das eine wahnsinnig wichtige Wahrheit über Hörprobleme.  Es ist da ganz wie beim Reden über Behinderung:  Man muss eigentlich immer dazusagen, in Bezug worauf und in welchen Situationen. Alles andere sind nur verkürzte bis verfälschende Labels für Menschen. Es sind nur angeklebte Etiketten. Egal ob man so über andere spricht — oder über sich selbst.

Philosophie über die Feiertage: Die Welt gesehen — und gehört

Trotz allem: Auch nur ein bißchen Geräusche aus der Umwelt wahrnehmen ist SO fundamental anders als taub oder gehörlos zu sein. Für mich ist es auch fundamental besser — denn wie mog sagt, environmental noises feed the soul — aber das muss für niemand sonst gelten. Ich bin dafür gerade einfach besonders sensibilisiert, weil ich eben aus der Phase der Taubheit komme, das Initiationsritual des elektrischen Hörens im Anschluss an die OP.

Ich kann Euch auch genau sagen, warum es so anders ist: Weil man per Hören ganz unmittelbar in der Welt ist. Man ist einfach — und von überall her um einen herum strömen die Eindrücke auf einen ein, ohne dass man dafür irgendetwas tun müßte. Wie beim Riechen ist man einfach mittendrin, in ihrem Zentrum. Man kann sich gar nicht helfen. Zwei Ohren vorausgesetzt, jedenfalls.

Ganz anders z.B. per Sehen, für mich der wichtigste Ersatz fürs Hören. Sehend tut sich die Welt vor einem auf. Man ist nicht mittendrin, sondern immer an einem ihrer Enden. Das Sehen positioniert einen unweigerlich am Rand. Erst wenn man sich bewegt und den Kopf dreht, kann man — vermittelt — ein Bild der Welt zusammensetzen, in der man ist.

Wer hätte gedacht, dass der alte Mann so viel Blut in sich hatte

Ich jedenfalls nicht. Ich wußte natürlich, dass es nicht ganz einfach wird. Aber ich hätte nicht gedacht, dass mich das alles so fertig macht. Ich stecke im Nirgendwo, habe etwas getan, dass ich nicht rückgängig machen kann. Und was ich mir davon versprochen habe, liegt ungewiß in der Ferne.

Der Computer wohnt nun in seinem aus Schädelknochen gefrästen Bett, die Elektrode bohrt sich in mein Innenohr. Hinter dem Ohr seh ich aus wie eine gerissene Hose, die jemand wieder geflickt hat.

Und wer hätte gedacht, dass nach unten noch so viel Raum ist, beim Hören? Dass das Wenige, was ich hörte, doch so viel war? Ich jedenfalls nicht. Ich kann mir so heftig vor dem Ohr schnippen, dass es schon in den Fingern weh tut. Ankommen tut trotzdem nichts, aber auch gar nichts.  Ich föne mir die Haare und habe rechts ein doch recht lautes Brausen im Ohr. Links merke ich nicht mal, dass der Fön an ist. Ich schlage aus Versehen die Schranktür zu, so dass ich rechts etwas zusammenzucke. Links — nichts. Vor allem: Trotzdem tut es weh da, einfach von Eindringen der Schallwellen und weil noch irgendwie alles roh ist, vermute ich. Es ist furchterregend.

Man sagte mir: Geduld. Das komme häufiger vor, dass man auch nach ganz vorsichtiger OP erstmal nichts mehr hören könne, das dann aber weitgehend wiederkomme. Na hoffen wir’s. Irgendwie hab ich aber ein schlechtes Gefühl dabei. Es fühlt sich so weg an.

Ich will nach vorne sehen. Aber mir wankt der Boden unter den Füßen. Habe ich schon gesagt, dass ich heilfroh bin, noch ein anderes Ohr zu haben? Auf dem ich zwar sehr schlecht, aber wie ich gerade merke doch sehr viel höre? Ich glaube ohne würde ich jetzt stürzen.

Kant, nicht Keller. Oder?

Nicht Sehen trennt von den Dingen. Nicht Hören von den Menschen

Ein Spruch, der in fast jedem Buch und Artikel über Schwerhörigkeit, Ertaubung und Gehörlosigkeit vorkommt und der meist Helen Keller zugeschrieben wird — einer Taubblinden, die es ja wissen muss.

Dabei scheint der Spruch ursprünglich von Kant zu sein, dem Philosophen, der sein Leben fast ausschließlich in Königsberg verbrachte, was seiner Philisophie oft von naseweisen Erstsemestern zum Vorwurf gemacht wird. Hahaha, der habe doch von der Welt nichts gesehen und dann so einen Anspruch!

Ist es nicht interessant, dass der allgemein zustimmungsfähige Spruch über Taubheit und Blindheit von jemand zu sein scheint, der selbst kein besonderes Problem mit hören und sehen hatte?

Der Mann muss wirklich außergewöhnliche Vorstellungsgabe gehabt haben. Gut, okay, wir reden hier über Kant, stimmt…. Allerdings habe ich nirgends eine Quellenangabe gefunden, hat irgendjemand eine?

Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #4: Beeinflusse die Sitzordnungen

Hätte ich nur einen einzigen Wunsch frei, um mein Leben als Schwerhöriger im Berufsleben zu verbessern — ich würde sagen: Ich will die Kontrolle über die Sitzordnungen. Denn die sind wohl das einfachste Mittel mit der größten Wirkung.

Wenn etwa zwischen allen Anwesenden zu großer Abstand herrscht, wichtige oder gar alle Redner auf der Seite mit dem schlechteren Ohr sitzen oder mitten im Gegenlicht vor einem Fenster, dann wird das Verstehen mühsam bis unmöglich. Ideal ist, wenn der Schwerhörige sich im Raum dorthin setzen kann wo er oder sie will — und dann alle anderen entsprechend platziert werden.

Wie genau “entsprechend” geht, kann ich hier nur für mich sagen, denn jede Schwerhörigkeit ist anders. Für mich am besten ist: In der Mitte des Tisches bzw. ein bißchen in die eine oder andere Richtung versetzt, wenn dort Personen sitzen, von denen wichtige Beiträge erwartet werden (Kunden, Berater, Lehrpersonen, etc.). Die will ich halbrechts von mir haben. Nur halbrechts, damit ich mir nicht den Kopf verrenken muss um sie anzusehen. Manchmal setze ich mich auch mit dem schechten Ohr dicht an eine wichtige Person und lasse das gute ‘den Raum überwachen’. Ich bin außerdem als jemand bekannt, der Leute bittet, doch ein bißchen zusammenzurücken, wenn sie sich gar zu sehr in alle vier Ecken des Raumes verteilen. Bei Vorträgen gehe ich in die erste Reihe, manchmal auch in die zweite oder dritte, wenn von dort aus die Sicht angenehmer ist. Und ich setze mich nie in die Mitte des Raumes, sondern immer ein wenig seitlich an den Rand, möglichst mit einer Wand im Rücken. Wegen des Halls.

Meiner Erfahrung nach sind die meisten Menschen, schnell bereit sich entsprechend zu setzen — wenn man ihnen die Sache vorher nett und nicht auf den letzten Drücker erklärt (siehe dazu Tipp #2) .Wenn Hierarchie freie Platzwahl nicht zuläßt, kann man meist immer noch die gesamte Runde ‘um den Tisch drehen’. Oder über die Kontrolle des Mobiliars Verbesserungen erreichen (Tische umstellen oder anders anordnen). Oder wie seht Ihr das?

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