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Mondegreening ist das neue schwerhörig!

Kennt Ihr Ken Lee? Gut, dann erzähle ich Euch das mal. Denn es ist ja so: Jeder versteht, was er will. Ich zum Beispiel. Kann gerade immer noch nicht fassen, dass das richtig sein soll. Ergibt doch gar keinen Sinn!

Manche Leute nennen das schwerhörig, ich nenne es mondegreening. Das klingt doch gleich viel besser. Bei Wikipedia kann man lesen, dass der Begriff schon 55 Jahre alt ist und von der Autorin Sylvia Wright eingeführt wurde. Die hatte lange gedacht, die letzte Zeile eines mittelalterlichen Gedichtes laute, erschlagen habe man “the Earl of Murray and Lady Mondegreen.” Dabei gab es nur einen Toten — und den hat man dann auf eine Wiese gelegt (“And laid him on the green”).

Und was ist nun mit Ken Lee? Der war vor zwei Jahren ein besonders schöner Fall von mondegreening:

Diese Frau sang, was sie für Mariah Careys Interpretation von “Without you” hielt. Sie hat, so wird sie zitiert, ohne Englisch zu können das Lied nur vom Hören her gelernt. Ich weiß genau wie sie sich fühlt, als die anderen beginnen, komisch zu gucken und schließlich zu lachen.

Letzte Nacht: Das elektrische Ohr rockt

Drei Monate ist es jetzt alt. Das Foto gibt den Höreindruck mit dem CI ganz gut wieder: Eine Grundstimmung. Vieles, was nicht so genau zu erkennen ist. Und dazwischen immer mal wieder klare Eindrücke — Worte und Sätze. An eine gepflegte Unterhaltung war nicht zu denken, aber wer will das schon. Was mich angenehm überrascht hat, war, dass die Musik so gut klang. War aber auch laut, und der Spinal-Tap-Effekt kickte in.

Der Meister der Erwartungen in Augsburg

Nein, ich kann wirklich nicht behaupten, niemand hätte es mir gesagt: Am Cochlea Implantat entzünden sich die Erwartungen — Endlich wieder Hören und Verstehen! Und wer sich eins implantieren läßt, muss zum Meister der eigenen Erwartungen werden.

Schon bevor ich mich überhaupt auf das elektrische Ohr einließ wußte ich: Das Implantat ist keine Reparatur. Wie gut man damit in vivo, also bei schnellen, leisen oder undeutlichen Sprechern, über Entfernungen, mit Nebengeräuschen, am Telefon etc. hören und verstehen können wird, ist sehr individuell. Und damit nicht exakt vorhersagbar. Vor allem aber ist das alles nicht über Nacht zu erreichen. Viel Geduld und Spucke ist angesagt.

Dennoch war ich nach den überraschenden und schön-schaurigen Erlebnissen in letzter Zeit enttäuscht.  Augsburg hieß der Ort und es lag Schnee. Es waren nette Leute und interessante Gespräche. Das Essen war vorzüglich — oder habt Ihr schon einmal in Kirsch-Sushi mit Pistazien- und Schokoladensoße sowie dazu echte Maracuja gegessen?

Nur die Leute hinter der Rezeption im Hotel, am Infoschalter bei der Bahn, im Meeting um den großen Tisch herum, in der Gruppe in der Kneipe und im Auto, das mich gerade so um die große Karambolage auf der A8 herum bugsierte — die verstand ich nur sehr mühsam bis, leider leider, gar nicht. Ich werde weiter meine Erwartungen im Zaum halten, Geduld haben und weiterüben. Frustriert, wer ich? Ommm.

Erfreuliches, zu Eis erstarrt

Es war §?#grr!!*-kalt auf diesem Bahnsteig gestern. Aber ich stand da so, versuchte mich mit dem ganzen Körper an meinen Kaffee zu kuscheln — und auf einmal merkte ich, dass ich die Lautsprecherdurchsagen fast komplett verstand! Hörgerät + CI. Das wollte ich nur mal kurz durchgeben!

Da war zwar nichts Gutes zu hören, nur Verspätungen und Zugausfälle, also noch mehr Kälte. Und ich stand direkt unter einem gut funktionierenden Lautsprecher, was ja nicht selbstverständlich ist. Aber vielleicht komme ich ja dann bald mal in den Genuß, dass sie mir sagen, mein Zug komme auf einem anderen Bahnsteig — und ich bin mal nicht der letzte, der es erfährt, gern auch erst nachdem der Zug schon weg ist…

Ich bin die Schlange an der Kasse

Schon komisch. Da laufe ich im Augenblick quasi einohrig herum, bis im Dezember mein neues elektrisches Ohr in Betrieb genommen wird. Mit nur einem Ohr verstehe ich so gut wie gar nichts. Aber trotzdem passiert mir sowas: Ich schnappe was auf in der Unterhaltung (von der ich sonst kaum was mitbekommen habe). Und die Leute fühlen sich ertappt.

Du verstehst aber auch immer das, was Du nicht hören sollst.

Jaja, klar. Immer. Ich glaube, das ist eher eine Art optischer Täuschung. Wie die Schlange an der Kasse, da erwischt man ja schließlich auch IMMER die, die am längsten dauert.

Früher habe ich damit kokettiert. Heute manchmal auch noch. Gemeint ist damit ja meist nichts Schlimmes, nur Dinge, die den Leuten im Nachhinein peinlich sind. Aber eigentlich ist das gar nicht mal so ungefährlich. Denn von da ist es — bei Leuten ohne Hörgerät — nicht weit bis zu: Der hört gar nicht schlecht, der tut nur so. (Und was das für böse Folgen haben kann, wurde hier zuletzt in den Kommentaren bei Schwerhörige in der Schule berichtet.)

Englischer Ausflug: Wie sich Ertaubung anfühlt

Autumn, Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

Sonntag ist Ausflugstag. Ich bin zu Gast bei Mog — kommt doch auch vorbei! Hier könnt Ihr einen englischen Text von mir besuchen, in dem ich beschreibe, wie sich meine Ertaubung anfühlt.

Die Gastgeberin ist die Autorin des wunderbaren Blogs You hear some funny things when you are deaf, das vor kurzem als Mog Renewed neu gestartet ist. Und der Text ist in der Email-Unterhaltung mit ihr entstanden.

Ich liebe das Reden, das Reden liebt mich — äh, nicht mehr

Taboo -- Photo by acroamatic / flickr, some rights reserved

Heute kann ich aber mal dreifach stolz sein auf mich! Nicht nur haben wir gestern zu fünft acht Flaschen Wein den Garaus gemacht und trotzdem noch bei Wasser weitergespielt, nein, mein Team hat auch noch gewonnen. Und es war bei  Tabu. Oje.

Früher fand ich das Spiel toll; immerhin macht es mir ja Spaß, mich auszudrücken. Mich reizt die Herausforderung, behindert zu kommunizieren. Und der Zeitdruck. Das muss mal gesagt werden: Ich war ziemlich gut. Tja, ein großer Wortschatz hilft, hehe.

Inzwischen bin ich zwar immer noch recht gut im Reden — aber das Reden der anderen geht an mir vorbei. Es fällt mir wahnsinnig schwer, Leute zu verstehen, die unter Zeitdruck hechelnd und unzusammenhängend reden. Auch wenn es 30cm vor meiner Nase stattfindet und keine Musik das Gespräch verdreckt. Man muss das ja schon fast Stammeln nennen, was man da bei Tabu so macht.

Außerdem ist es schon vorgekommen, dass ich beim Selberreden nicht mitbekommen hab, dass das gesuchte Wort schon gefunden, also gesagt wurde. Das stellt sich dann zwar im Nachhinein raus — den Punkt kriegt man trotzdem!  Es ist aber so peinlich, dass ich das wirklich nicht oft machen möchte. Was ich bei Tabu auch immer noch kann, ist mit der Karte in der Hand zu prüfen, ob ein verbotenenes Wort gesagt wurde. Wenn ich weiß auf welchen Klang ich horche, klappt das. So verstehen Schwerhörige, darin bin ich geübt.

Ähnliche Probleme hab ich mit Spielen wie Scharaden oder Montagsmalern. Immer dort,wo ich etwas tun und gleichzeitig verstehen muss was andere sagen. Verstehen geht bei mir nur, wenn es die Hauptsache ist. Und richtig raten, ohne mitzubekommen was schon gesagt wurde, was schon mal nicht stimmt und wohin die Spur geht — ist auch nicht einfach. Bei diesen Spielen sitze ich früher oder später nur herum.

Übrigens, hörmäßig einfach weil zum Mitlesen und sehr lustig  war neulich: Anno Domini. Da hat man Karten auf denen absurde Ereignisse stehen und man muss die in die richtige zeitliche Abfolge legen. Wir hatten so eine lustige Variante, wo’s nur um Massenmörder, Kannibalen, Giftmischerinnen, brutale Heerführer und hinterhältige Bischöfe ging…