Schwerhörige oder Taube in Literatur und Film? Und sogar nicht nur in unwichtigen Nebenrollen? Dann immer her damit. In den Kommentaren könnt ihr Eure Funde sammeln.
Seit ich dieses Blog begonnen habe, suche ich nebenher nach schwerhörigen Figuren in (fiktionaler) Literatur und Film. Gefunden habe ich nur sehr wenige und nur gehörlose. Schwerhörig sind scheinbar nur komische oder schrullige Nebenfiguren, vielleicht noch Opfer von Unfällen. Schwerhörigkeit ist wohl einfach nicht sexy genug, so dass — wenn solche Figuren auftauchen — sie eher gehörlos sind.
Ich hatte dazu schon einmal einen Eintrag geschrieben, zu dem auch schon sehr interessante Hinweise eingegangen sind (es lohnt sich, dort zu stöbern). Dies hier soll — danke für den Vorschlag, Pia! — eine dauerhafte und besser erreichbare Sammelstelle sein.
Wer sich für die Theorie interessiert: Hier nochmal der Link auf Salomeas Text, warum es so schwer ist, glaubhaft und spannend über Hörgeschädigte zu schreiben. Und besonders über Schwerhörige.
Mein erster Fund, der mich sehr begeistert hat, war die von Geburt an gehörlose Superheldin Echo. Sie hat eine geradezu übersinnliche Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Nur schwerhörig, wäre sie wohl nicht vorstellbar – und auch nicht wirklich interessant.
Bei der umstrittenen Folge der TV-Serie Dr. House, die ich ziemlich spannend fand, haben sich die Autoren nicht von ungefähr für einen Gehörlosen und das Thema Cochlea Implantat entschieden. Die Dramatik des NICHTS Hörens und dann DIE FLUT DER EINDRÜCKE. Sich ein Hörgerät abzureißen wäre wohl nicht besonders dramatisch. Ganz anders dagegen die (unrealistische) Idee, sich das Implantat herauszureißen!
Und auch Desmond Bates, der schwerhörige Protagonist aus David Lodges „Deaf Sentence“ (meine Rezension hier) stellt fest, Blindheit sei tragisch, Schwerhörigkeit dagegen allenfalls kauzig oder komisch.
Schwerhörigkeit als Begabung: Christiane Krauses Roman „S wie Beethoven“Hörende zu Gehörloser: „Bitte sprechen Sie langsamer!“ — Marlee Matlin in Desperate Housewives
Dornröschens Sündenbock ist taub
Und bitte, falls Ihr das noch nicht kennt: Der schwerhörige Gordon Cole in David Lynchs Fernsehserie Twin Peaks.








Da fällt mir natürlich sofort die Tanzende Banditin aus Picket Fences ein, die übrigens auch (nicht als Diebin, aber auch taub) bei The West Wing mitspielt.
(Ich hoffe, das wiederholt sich nicht. Die Kommentare zum ursprünglichen Beitrag habe ich jetzt gerade nicht die Zeit zu lesen.)
Dankeschön, das ging ja schnell! Wenn ich recht sehe, ist das beides Marlee Matlin. Ich kann schon gar nicht mehr zählen wie oft ich mir West Wing schon auf die To Watch Liste gesetzt habe. Höchste Zeit!
Übrigens, keine Sorge, falls sich was wiederholt, bin es eher ich, der sich schlecht fühlt, weil ich nicht alle Kommentare hier nochmal eingefügt habe.
Nachtrag: Weißt Du noch, ob die Charaktere schwerhörig oder taub sind und gebärden?
Mit Kiefer Sutherland, Reicher spinnerter Typ, der sich in eine gehörlose junge Frau verliebt: “Crazy Moon” – http://www.amazon.de/Verr%C3%BCckter-Mond-VHS-Kiefer-Sutherland/dp/B00004RM8J
Mit Aglaia Szyszkowitz, die als hochgradig Schwerhörige einen Mordauftrag “belauscht” in “Der Tod in Deinen Augen” – http://www.cineastentreff.de/content/view/1-1-186532-1/1959/186/
Interessante Version eines Gehörlosen irgendwo in der Zukunft: “Der stumme Vermittler” in der Serie Star Trek – TnG – http://de.memory-alpha.org/wiki/Der_stumme_Vermittler
Schöne Grüsse Wildmind
Danke!
Endlich kann ich es mal loswerden: Fundstücke aus der Literatur, literarische Personen, die mit Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit zu tun haben.
Aus TRAUMPFADE, Autor Bruce Chatwin:
„Tante Ruth … war ein einfacher, zutraulicher Mensch. Ihre Wangen waren hellrosarot, und sie konnte so süß und unschuldig erröten wie ein junges Mädchen. Sie war sehr taub, und ich musste immer in ihren Hörapparat brüllen, der wie ein Kofferradio aussah.“ (Zeitphase 1950er Jahre vermutlich)
Aus „Eine Gesellschaft auf dem Lande“ von Aldous Huxley (Autor des berühmten „Schöne neue Welt“): Er beschreibt als Nebenfigur eine hörbehinderte junge Frau, wie sie „aus dem Elefenbeinturm ihrer Taubheit herabsteigt“. Schöne Metapher, leider habe ich das Original nicht mehr vorliegen und kann es nicht zitieren.
Aus „Königsblau“, historischer Krimi von Tom Wolf: Darin wird einer schwerhörigen Nebenfigur unterstellt, er spreche so laut, weil er davon ausgeht, dass andere Menschen auch schwerhörig sind. (Was natürlich Quark ist: Man spricht so, wie man sich selbst hört. Wenn man die eigene Stimme sehr leise hört, drückt man eben etwas auf die Tube.)
Auffällig: Der Blick von außen auf Hörbehinderte ist häufiger als der dichte, intensive Blick von innen. Weiteres aus der Literatur folgt …
Schwerhörigkeit im Film:
Eine meiner Lieblingsszenen und Figuren ist „Gamasche“ aus „Some like it hot“ von Billy Wilder. Darin treffen sich die Freunde der italienischen Oper (köstlich) zu einem Bankett, das eigentlich dem Revierkampf von rivalisierenden Mafioso dient. Die Bosse Zahnstocher-Charlie und Gamasche: Einer von beiden ist schwerhörig (ich meine, es ist Gamasche) und trägt ein uraltes 1940er-Jahre-Monsterhörgerät in der Tuchtasche seiner Anzugjacke. Sieht fast aus wie ein CI aus der Taschenprozessorzeit. Ein Polizist brüllt heftig laut in das Gerät und Gamasche verzieht das Gesicht vor Schmerz. Das besonders Nette an der Mafiosi-Figur: Sein Spitzname bezieht sich NICHT auf die Schwerhörigkeit. Das ist doch mal was.
Film „Cop Land“ von 1997:
Die Hauptfigur ist einseitig taub und wird als etwas einfältig und schwerfällig vorgestellt, was ja oft fälschlich in Verbindung gebracht wird. Beim finalen Showdown mit dem üblichen Waffengeballere erleidet er einen Trommelfellriss (es blutet aus dem Gehörgang) auf dem gesunden Ohr. In der Szene bekommt auch der Zuschauer die Tonverzerrung als dumpfes Dröhnen zu hören (war hier auch schon irgendwo Thema).
Pia, “Gamasche” in dem Film ist der B oss von den
Typen, die in einer Garage zunächst den “ZahnstocherCharly” und seine Kumpels erschossen hatten und danach die beiden Zeugen
(Tony Curtis und Jack Lemmon) bis nach Florida verfolgten. Dort war dann der Kongress der “Italia-Openfreunde” . Oberboss war der Typ mit dem Hörgerät. Er sorgte dafür, das Gamasche und seine Kumpels beim Bankett
von einem Killer per Maschinenpistole hingerichtet wurden.
Originell: Der Killer tauchte plötzlich aus einer
riesigen Torte direkt vor Gamasche und seinen
Kumpeln auf.
Der taube Cop in Cop land wurde von
Sylvester Stallone gespielt.
So eine Charakterrolle hatte man dem “Rambo”
Darsteller garnicht zugetraut.
“Oberboss war der Typ mit dem Hörgerät.”
Und? Wie hieß der denn? Ich weiß noch, dass sein Spitzname nichts mit der Schwerhörigkeit zu tun hatte. Das fand ich gut.
wikipedia
Ach: Little Bonaparte! Na siehste.
Interessant ist vieleicht, das der schwerhörige
Little Bonaparte mit klobigem Hörgerät bei der
Mafia Karriere bis ganz nach oben gemacht hat!
In “ehrlichen” Konzernen, Organisationen usw
ist das heutzutage praktisch unmöglich.
Vieleicht ein Tip für begabte junge Hörbehinderte:
Geh zu den “Freunden der Italia-Oper”.
Charly Brown,
bitte gib hier deine Fundstücke für Schwerhörigkeit oder Taubheit in der Literatur und Film ein, keine Kommentarschleife zu meinen Beispielen. Danke. Bin gespannt auf deine “tauben Helden” …
NQLB:
Bitte räum auf. Du hast jetzt zweimal “Taube Helden” als Eintragstitel und man steigt einfach nicht durch. Blogleser haben keine Übersicht über deine Einträge, die hast nur du in deiner Adminstration. Alle anderen haben Mühe, etwas gezielt aufzufinden oder zu überblicken.
Danke.
wildmind, dankeschön. Die kannte ich alle noch nicht! ich seh schon, da kommt was zusammen.
Pia, descending from the ivory tower of her deafness. Nicht schlecht, nicht schlecht. Dass Außensicht überwiegt, wundert mich nicht — schon rein zahlenmäßig gibt’s ja mehr Flotthörende, also vermutlich auch mehr ebensolche Autoren. Some like it hot muss ich auch mal richtig sehen, das hab ich noch nie wirklich getan.
Charly Brown, Schwerhörigkeit und vor allem Hörapparate als sinistres Accessoire, als Anzeichen für Kriminalität — das ist doch mal was.
Ansonsten: Ich freue mich, wenn hier auch ein bißchen über die Beispiele geredet wird — finde ich besser als die bloße Auflistung.
Obwohl ich seit Kindheit sehr viel lese,
kenne ich
keine tauben oder schwerhörigen “Helden”.
Nur zwei tragische Figuren hab ich in Erinnerung:
Der Glöcker von Notre Dame.
(Autor Victor Hugo)
Das Herz ist ein einsamer Jäger.
(Autorin Carson McCuller)
Vor zwei Jahren hatte ich mal begonnen selbst
einen Roman mit tauben Held zu schreiben.
Bin dann stecken geblieben. Die Handlung
habe ich gut im Kopf, aber die schriftliche
Umsetzung ist schwierig.
Film / TV-Serie: Lindenstraße! Die ertaubte Frau mit dem CI.
(Die Serie muss jetzt aber nicht zum Thema gemacht werden. Ich finde im Gegensatz zu dir, Bücherfreund-Beethoven, eine vielfältige und reichhaltige Auflistung und Sammlung besser als das “Versanden” durch Kommentare. Dafür ist ja wirklich überall sonst unendlich viel Raum. Es nämlich gar nicht so leicht, überhaupt eine Sammlung zusammen zu bekommen, weil die tauben Helden eher selten sind. Charly Brown: Tu was dagegen. Schreib dein Buch weiter! )
lindenstraße
Man könnte natürlich die ganze Filmografie von Marlee Matlin aufzählen. In The L Word spielt sie die Künstlerin Jodi, ihre Serienpartnerin und deren Tochter lernen dabei gebärden.
@Frau Butzky:
Auflistung gefällig?
http://www.gehoerlose.de/viewtopic.php?f=18&t=3226
@Charly:
Kommt wohl drauf an, was man unter Held versteht?
Eine tragische Figur kann auch ein Held sein….
Ach und übrigens….
Charly, nimm Dir ´nen Ghostwriter.
Hat Katie Price auch gemacht und jetzt gilt sie als “Bestsellerautorin”. (Katie Price…ich roll mich ab gggggg)
Regenbogen, danke für Anstoss meiner Erinnerung. Die Auflistung kannte ich ja.
Hatte ganz vergessen, im Thriller-Roman
“Schule des Schweigens” wird eine ganz starke
taube Heldin beschrieben.
Kurze Inhaltbeschreibung:
Geflohene Schwerverbrecher kidnappen einen
Kleinbus mit gehörlosen Mädchen und ihrer tauben Lehrerin. Verschanzen sich in alter Fabrik. Polizei umstellt die Fabrik.
Vorsicht! Das Buch is nichts für empfindsame
Gemüter.
Viele Bücher in der Auflistung sind Lebensbeschreibungen tauber Menschen oder
Erfahrungsberichte hörender Angehöriger.
Solche Bücher langweilen mich.
( sind aber gut für besseres Verständnis bei hörenden LeserInnen).
Och, “Die Welt in meinen Händen” und “Der Schrei der Möwe” fand ich ganz interessant.
Kommt aber wirklich drauf an…
hatte mir mal in der Bücherei dieses Buch von Fiona Bollag ausgeliehen, das fand ich persönlich allerdings auch ziemlich öde.
Charly Brown, stimmt: Diese Lebensbeschreibungen finde ich auch fast immer langweillig (auch wenn sie mitunter recht informativ sind). Auf den Thriller jedoch habe ich spontan Lust und das “Herz” steht bei mir auch schon auf der Liste. Carson McCullers hat mich schon früher deprimiert aber in beeindruckender Weise. Übrigens: Nur Mut beim Schreiben — es wird sich gelohnt haben!
Pia, danke! Ist also doch ne Bildungslücke, die Lindenstr. nicht zu gucken. Hab gerade mal gegoogelt, sehr interessant — hätte ich nicht gedacht, eine ertaubte Figur in so populärer Produktion!
DS, stimmt, könnte man.
Aber ich find’s interessanter von den Figuren und Settings her zu denken. (Das mag auch der grund sein, warum ich die Lebensbeschreibungen so uninteressant finde und im übrigen der Meinung bin, dass es keine Betroffenen braucht, um sh. oder taube Figuren darzustellen, sondern gute Schauspieler.
)
“Erfahrungsberichte … Solche Bücher langweilen mich. ” Du sprichst mir aus der Seele, Charly Brown!
Noch eine Filmfigur (leider wieder nur Randfigur):
Der gehörlose Bruder des Bräutigams in “4 Hochzeiten und ein Todesfall” von 1993. Schön an der Figur ist ja, dass sie so viel Witz und Cleverness hat. Der Schauspieler David Bower ist tatsächlich gehörlos.
Ich frage mich -by the way-, ob Zuschauer, die die Gebärdensprache beherrschen, es merken, wenn ein hörender Schauspieler sich für eine kurze Szene mal gerade ein paar Gebärden “raufschafft”. Ob das wohl trottelig aussieht?
Vielleicht liegt das mit dem Langweilen ja auch ein bißchen daran, daß Ihr das, was da geschildert wird, mit mehr oder weniger großen Abweichungen selber schon kennt?
Ach, und übrigens…
ist der Junge, der die Hauptfigur in “Die rote Feder” (Jugendbuch) ist, nicht schwerhörig?
(Jedenfalls trägt er Hörgeräte, wenn ich mich recht erinnere. Und die wären ja bei einer stocktauben Person nicht so wirklich sinnvoll.)
Dass ich’s kenne ist sicher auch ein Grund, dass ich’s eher langweilig finde. Hinzu kommt aber oft: nicht besonders geschrieben, außer Schwerhörigkeit nicht viel drin.
@ CharlyBrown: Der Glöckner von Notre Dame. Danke für den Hinweis!
“Er stürzte sich auf den Arm, der das Messer hielt und schrie: »Quasimodo!« Er vergaß in diesem gefährlichen Augenblicke, daß Quasimodo taub war.
In einem Augenblicke war der Priester zu Boden geworfen und fühlte, wie ein bleischweres Knie sich auf seine Brust stemmte. Am eckigen Drucke dieses Knies erkannte er Quasimodo; aber was tun? Wie seinerseits von diesem erkannt werden? Die Nacht machte den Tauben auch blind.”
Toll. Man hat immer nur die Hässlichkeit Quasimodos in Erinnerung, aber dass er auch taub war … unter dem Aspekt lese ich es jetzt noch mal. Guter Tipp.
Taube Heldin: Dana Halter in T. C. Boyle’s Roman “Talk Talk”. Ich bin gerade dabei, ein paar Sätze dazu schreiben. (Und über das wilde Kind Victor in dern Kurzgeschichte “Wild Child”.) Dana ist mir als sympathische, aber unglaublich sture Person in Erinnerung geblieben. Eine Frau, die sich nicht gängeln lässt.
@frau frogg:
Welchen Zusammenhang siehst Du bei Victor aus dem Aveyron zu tauben Helden?
Ich höchstens den, daß sich zunächst Dr. Itard mit ihm befaßte und der war Chefarzt einer – hieß damals wohl so, sorry – “Taubstummenanstalt”.
Victor selbst war nicht taub. Soweit ich weiß, hat er halt nur auf bestimmte Geräusche reagiert – z.B. den Vokal O oder auf fallende Kastanien (von denen hat er sich ja wohl in der Wildnis ernährt) – aber er KONNTE hören.
Ich habe das Buch (und einiges andere Material zum Thema Wolfskinder) übrigens auch gelesen. Spannend – aber andererseits auch erschütternd.
Menschen sind wohl die einzigen Wesen, die ohne Bezug zu ihren Artgenossen total verkümmern. Tiere haben noch bis zu einem gewissen Grad ihre Instinkte….hab mal gelesen, daß jemand mal ein Experiment machen wollte und sein Kind zusammen mit einem kleinen Affen aufgezogen hat – damit das Äffchen sich verhalten sollte wie ein Mensch. Genau umgekehrt kam es – das Kind imitierte den Affen, so daß das abgebrochen werden mußte….weiß leider nichts Genaues mehr darüber.
…jedenfalls gehe ich doch davon aus, daß wir dieselbe Geschichte meinen?
(Ich hab´s auf Deutsch gelesen…”Das wilde Kind”)
@Pia Butzky:
Wußte ich auch noch nicht, daß Quasimodo taub war….ich kannte ihn auch nur als Inbegriff für Häßlichkeit.
@Regenbogen: “Das wilde Kind” ist tatsächlich kein im strengen Sinne tauber Held. Aber wenn Du das Material dazu gelesen hast, dann weisst Du, dass “Das wilde Kind” eine fiktive Autorin hat: Eben Dana Halter, die gehörlose Heldin von “Talk Talk”. Sie arbeitet im Roman an dieser Geschichte. Mir scheint, dass Boyle sowohl in “Talk Talk”, als auch in “Wild Child” die Taubheit als eine Art Metapher für die völlige Inkompatibilität eines Individuums mit der Gesellschaft verwendet. Die Leute, die Victor zuerst finden, betrachten ihn als taub, weil er auf Geräusche nicht reagiert, das heisst: Weil er nicht auf sie eingeht, weil keine Kommunikation, keine Auseinandersetzung stattfindet. Beide Figuren, Dana und Victor, sind ausgesprochen zähe Nüsse: extrem eigenständig, stur, auch in schwierigen Situationen nicht an Ratschlägen oder Hilfe interessiert. Beide erscheinen aus bitterer Erfahrung zum vorneherein nicht viel Gutes von ihren Mitmenschen zu erwarten – obwohl sie noch nicht vom Alter verbittert sein können.
Auch interessant: So lange Victor als tauber Mensch gilt, behält er seinen Nimbus als unbezähmbares Tier. Als man davon ausgeht, dass er geistig behindert ist, sinkt er sofort, sogar in der Achtung des Autors, scheint mir.
Was mit Victor nun wirklich nicht stimmt, wird eigentlich nie klar. Ist es schwerhörig? Ist er geistig behindert? An einer Stelle lässt der Autor auch die Möglichkeit zu, dass ihn das völlige Fehlen von Bezugspersonen in seiner Kindheit für die Zivilisation untauglich gemacht hat.
frau frogg, das klingt äußerst interessant! Ich hoffe doch, Sie sagen Bescheid wo ihre Sätze erscheinen, so sie denn für die Öffentlichkeit bestimmt sind?
Okay, “Talk Talk” habe ich nicht gelesen, zugegeben, daher wußte ich auch nicht, daß der Autor sich darin auf “Das wilde Kind” bezieht.
Soweit ich weiß, ist bis heute doch nicht ganz geklärt, wie intelligent oder behindert Victor wirklich war. Sicherlich lag viel an seiner Isolation – wie begabt er gewesen wäre, wenn seine Lebensumstände anders gewesen wären, das weiß man doch bis heute nicht….oder?
Ich denke, daß Victor irgendwann auch im tatsächlichen Leben in der Achtung gesunken ist.
)
Dr. Itard hat ja viel Engagement in ihn gesteckt, aber irgendwann stagnierte die Entwicklung….und dann war´s auch soweit, daß Dr. Itard ihn aufgegeben hat. So hat ja Victor nie sprechen gelernt. (Bei anderen Wolfskindern sah es ja auch nicht viel besser aus – die beiden Mädchen von Midnapore haben ja am Ende ihres Lebens auch nur einen äußerst begrenzten Wortschatz gehabt, wobei die Kleinere ja sehr früh gestorben ist; vielleicht hätte die noch etwas mehr aufholen können, wenn sie länger gelebt hätte. Ich meine, die wäre bei ihrem Auffinden noch sehr, sehr jung gewesen…zwei und acht oder wie alt man die Mädels geschätzt hat; müßte ich jetzt nochmal nachsehen, also ohne Gewähr.
Hier! Soeben veröffentlicht. Wobei: Ist nicht viel mehr als eine Inhaltsangabe…
Die taube literarische Figur ist also die Lehrerin und nicht ein vermeintlich geistig behindertes Wolfkind. Aber T.C.Boyle kann man ja immer lesen, egal was. Den Roman TALK TALK hatte ich noch nicht, werde ich jetzt lesen (und prüfen, ob Boyle sich mit Gehörlosigkeit auch wirklich beschäftigt hat).
Dass in der Literatur Gehörlosigkeit ( irgendwie vermatscht mit geistiger Behinderung, iss ja egaaal) durchaus benutzt wird, um Sturheit und Eigensinn zu bebildern – den Verdacht, habe ich schon länger. Deshalb interessiert mich die Sammlung “Taube Figuren in Film und Literatur” ja eigentlich: Für was müssen Gehörlose herhalten, wenn die Autoren sich nicht wirklich damit befasst haben und nur ein Klischee von außen beschreiben – oder die Hörbehinderung benutzen für eine Figur, die sie irgendwie anders sein lassen wollen. Dass vieles davon auf hörbehinderte Menschen gar nicht zutrifft, müssen wir unter uns ja nicht extra betonen … *augenverdreh”
T.C. Boyle schreibt allerdings immer lesenswert, ich werde es mir also antun. Danke für den Tipp!
(Die Nummer mit der erfolglosen Sprachförderung bei Wolfskindern ist ja Wasser auf die Mühlen der CI-Befürworter, die Frühimplantierung von Kleinkindern propagieren, weil sich später keine Sprachverarbeitung im Gehirn mehr entwickelt. Aber das ist jetzt völlig off-topic und ja schon zigmal durch, das Thema.)
Hat jemand denn mal schöne Zitate aus einem Buch mit tauben Helden (oder Randfiguren, man nimmt ja, was man kriegen kann)?
….ich werd´mal zu Hause nachschauen, Pia…..was für Zitate fändest Du denn “schön”? (Da werden die Geschmäcker ja vielleicht auseinander gehen?)
Übrigens: Wasser auf die Mühlen von CI-Befürwortern hatte ich jetzt eigentlich nicht beabsichtigt. Denke, das ist doch eh ein Fakt, daß die Sprachentwicklung – zumindest die Lautsprachentwicklung – irgendwann abgeschlossen ist und daß dann der (Laut)spracherwerb – jedenfalls als erste Sprache – nicht mehr nachgeholt werden kann.
“Deutsch als Fremdsprache” – auch für Gehörlose – daß das grundsätzlich geht, ist doch ebenso unstreitig….soweit ich das weiß, muß einfach EINE Basissprache vorhanden sein, egal welche, von der ausgehend die Fremdsprachen dann gelehrt werden.
Also, bitte an alle….meine Postings sind bitte weder als Totschlagsargument für noch gegen CIs zu benutzen, so sind sie nämlich nicht gemeint. Ich vertrete keine Meinung in Richtung “CI ist richtig oder falsch, besser oder schlechter”. Beides kann klappen, beides kann schiefgehen – und da nicht ich diejenige bin, die mit den Folgen der Entscheidung leben muß, steht es mir gar nicht an, da irgendeine Wahl zu verurteilen.
Übrigens, frau frogg:
Von wegen, “aus bitterer Erfahrung mit Menschen heraus”.
Die hatte Victor vermutlich – soweit ich mich erinnere, hatte er am Hals eine Narbe, die darauf hindeutet, daß jemand (evtl. Eltern, die ihn ausgesetzt haben? Weiß keiner, wer´s wirklich war….) versucht hat, ihm die Kehle durchzuschneiden.
….okay, Not quite kann ja nichts für die fehlende Edit-Funktion.
Bevor ich jetzt von dem Offtopic mit den Wolfskindern abgehe, nur kurz für diejenigen, die evtl. davon noch nichts gehört bzw. gelesen haben:
http://de.wikipedia.org/wiki/Victor_von_Aveyron
http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Itard
http://de.wikipedia.org/wiki/Kamala_und_Amala
@Pia:
Geht auch ein Zitat aus einer Autobiographie?
Das gefiel mir nämlich gut:
” Ich glaube, ein Mensch ist gesund, wenn er es schafft, seinen Frieden mit sich und seiner Situation zu schließen, und wenn er Vertrauen zuGott empfindet.”
(Peter Hepp, aus “Die Welt in meinen Händen”)
das kam grad im TV:
Grüßeee
@ Pia Butzky: Stimmt, viele Autoren recherchieren wahrscheinlich nicht genau, wenn es sich um eine taube Nebenfigur handelt. Bei Dana bin ich aber immer davon ausgegangen, dass Boyle recherchiert hat, denn sie ist eine Hauptfigur.
Was Victor, das Wolfskind betrifft: Eine Bekannte hat mich neulich darauf hingewiesen, dass es einen Film von Truffaut aus den 70er Jahren gibt über ihn. Sie sei dieses Films wegen Sozialpädagogin geworden. Die herrschende Lehrmeinung unter heutigen Sozialpädagogen ist, dass Victor Autist war.
Dieser Gedanke ist mir auch durch den Kopf gegangen, als ich die Geschichte gelesen habe. Einige Symptome stimmen. Allerdings habe ich schon ein autistisches Kind betreut. Und es fällt mir schwer zu glauben, dass ein solches mehrere Jahre in der Wildnis ohne Hilfe überlebt hätte.
@ Regenbogen: Ja, stimmt. Victor hat nicht gerade gute Erfahrung mit seinen Mitmenschen gemacht. Wenn ich darüber nachdenke, dann fällt mir ein eigenes Vorurteil auf. Ich glaube: Wenn Kinder von Erwachsenen misshandelt werden, sind sie verschüchtert oder traumatisiert. Das kann jedoch heilen. Wenn ältere Menschen zu viele negative Erfahrung mit ihren Mitmenschen nicht verarbeiten können, werden sie verbittert. Für mich ist das irgendwie nicht dasselbe… bei Victor wäre ich davon ausgegangen, dass genügend Liebe und Geduld Vertrauen wieder möglich gemacht hätte.
Im Film “mein tauber Bruder” (oder so ähnlich?!)
ist die Hauptfigur ein gehörloser Junge.
Dann gibt es noch einen Film, da ist es eine gehörlose Frau, aber ich hab den Titel vergessen.
Danke.
Falls es Dir noch einfällt, meld Dich doch nochmal, okay?
Gehörlos im Film: Eine Nebenfigur in dem französischen Spielfilm
“Ce que mes yeux ont vu” (Mit meinen eigenen Augen) von 2007.
Der Film lief vor ein paar Tagen auf Arte und ich war ganz gespannt. Aber, sorry, der Film ist so tranig und dösig, dass ich eingeschlief, obwohl mich Thema und Erzählweise durchaus interessieren. Der Taubstumme (Begriff aus der Filmbeschreibung!) tauchte nur selten in der Handlung auf und war als Figur wieder mal “ausserhalb” platziert, also ein beziehungsloser Straßenkünstler in einer künstlerischen Bruchbude, wie man die bei Künstlern erwartet, der irgendwelche geheimen Geheimnisse kennt (Idealisierung der Behinderung) und damit nur als Schlüssel oder Brücke für die hörende Hauptfigur dient. Die Hauptfigur verliebt sich in den Gehörlosen, aber wieso weshalb warum … mir fielen die Augen zu, es war einfach sehr bräsig erzählt. Das Gesicht der jungen Hauptdarstellerin wurde minutenlang abgefilmt beim Lesen, beim im Bett liegen, beim aus dem Fenster gucken, beim im Sessel sitzen … *gähn*
Idealisierung (Verkitschung) von Behinderung ist beliebt:
Blinde sind edel und weise, Gehörlose lehren das wahre Sehen, Rollstuhlfahrer überwinden heldenhaft Hindernisse usw. Der Normale wird durch den Behinderten zu etwas hingeführt, veredelt, für das er dankbar und ehrfürchtig ist. Behinderung ist etwas Geheimnisvolles, in dem sich ideale, erstrebenswerte Fähigkeit verbirgt. *gähn*
Wer den Film komplett kennt und ihn anders bewertet, möge das schreiben. Bin gespannt und lasse mich sehr gern vom Gegenteil überzeugen.
Ach nein, nicht Arte sondern 3Sat:
http://programm.ard.de/TV/3sat/2010/10/12/mit-meinen-eigenen-augen/eid_280076042057442?monat=&jahr=&list=main#top
Oder auch hier:
http://www.sol.de/news/stars/fernsehen/tv-tippdestages/Medien-Fernsehen-TV-Ausblick-Mit-meinen-eigenen-Augen;art4430,3368643
In der juengsten Zeit hat das US Fernsehen Marleen Matlin und einige andere fuer kurze Rollen eingestellt, wobei ihre Taubheit nichts zur Geschichte des Films beitraegt. Sie sind dort “nur zufaellig” taub, als ob man auch zufaellig taube Menschen begegnen kann. Ich vermute sogar, dass manche Scripts fuer den Einsatz von tauben Nebenrollen umgeschrieben wurden. Leider habe ich die Namen der Fernsehshows nicht im Kopf. Nur erinnere ich mich, dass sie in Kriminalserien auftauchen.
ich weiß ich weiß wir suchen hier eigentlich eher Filme.. aber habt ihr den gehörlosen Tobias Kramer bei Supertalent gesehen??? ich fands einfach toll und deswegen gehört er bei mir einfach zu den tauben Helden
: http://www.youtube.com/watch?v=im0a-ESPGHE&feature=player_embedded
Pia, was Du alles auf Dich nimmst um taube Helden zu finden.
Hartmut, “zufällig” taube Nebenrollen (oder auch Hauptrollen) find ich eigentlich ziemlich gut. Auch da gibt’s allerdings nach meinem Eindruck mal wieder sehr viel weniger schwerhörige als taube. Mein liebstes Beispiel Gordon Cole. (Ich weiß, ich wiederhole mich
)
Nanelie, das war er. Der war cool.
@frau frogg:
Das sehe ich genauso; bei Kindern heilen seelische Verletzungen oft besser, wenn die Umstände sich denn entsprechend ändern.
Ich schätze mal, erwachsene Menschen werden da viel eher mißtrauisch und sind nicht mehr so in der Lage anzunehmen, daß es Menschen gibt, die anders sind. Sie vermuten da wohl bei Menschen, die ihnen auf einmal freundlich gegenübertreten, Täuschung und irgendwelche bösen Absichten.
Zu “Talk Talk” von T.C. Boyle:
Das Buch habe ich auch vor kurzem gelesen. Mir hat es sehr gut gefallen. Vorallem weil die Gehörlosigkeit von Dana nicht im Vordergrund steht, sondern sie ein “ganz normales” Opfer von Identitätsdiebstahl ist. Mir scheint, der Autor hat sehr gut recherchiert. Mir ist jedenfalls nichts aufgefallen, wo ich sagen würde, dass es Quatsch ist. Es werden nebenher viele Alltagssituationen beschrieben und auch, wie Dana sich als Gl dabei verhält und fühlt. Und ansonsten fand ich das Buch auch sehr spannend.
Ach ja und zum Thema “Film”: Kennt jemand den Film “Stille Liebe”? Den finde ich auch sehr schön. Da geht es um eine gehörlose Nonne (gespielt von Emmanuelle Laborit), die nur unter Hörenden aufgewachsen ist. Ihre Oberin (Klostervorsteherin) kann auch ein bisschen gebärden. Durch ihre Arbeit lernt sie einen gehörlosen Mann (Taschendieb) kennen, zum ersten Mal sieht sie überhaupt eine andere gl Person, glaub ich. Durch den Mann beginnt sie erst zu verstehen, dass sie auch eine andere Möglichkeit hat, außer Nonne zu sein, und wird durch den Verlauf der Geschichte auf etwas dramatische Weise zu einer Entscheidung gezwungen. Allerdings erzählt der Film die Geschichte aus Sicht der hörenden Oberin.
Talk talk liegt bei mir jetzt auf dem Tisch.
Ich hoffe, ich komme bald dazu. Von Stille Liebe hör ich zum ersten Mal.
Spielfilm
THE SILENCE OF WORDS
(Das geheime Leben der Worte)
“Hanna (Sarah Polley) lives in the silence that her deafness imposes on her, although very often it seems that silence is the only weapon she has to defend herself from the world. Josef (Tim Robbins) talks as if it is only through words –and irony and jokes and humour- that he can avoid going completely mad. The encounter between them, the inevitable physical link that is established between a nurse and the patient she is caring for, will show them the other face of the reality in which both are immersed. The empathy, that mysterious ability to feel the other person’s dilemmas, whatever they may be, as your own, that they manage to develop will break down all the walls –of silence, of cynicism- that there are between them.”
Klingt wie entweder sehr gut oder furchtbar gefühlsselig. Hast Du den gesehen?
Falls noch nicht bekannt.. die TV serie ” Sue Thomas”
http://www.imdb.com/title/tt0329934/
Ich gucke mich gerade durch die erste Staffel. Solides TV futter.
Danke! Ich bin sehr gespannt darauf, hoffe ich kriege die bald mal zu sehen.
Ganz neu: eine Folge von CSI. Spielt an einer Gehörlosenschule. Alle Gehörlosen gebärden. Mit Marlee Matlin in der Hauptrolle und der unter Gehörlosen nicht weniger berühmten Phyllis Frelich. Für meine Begriffe sehr realistische Darstellung der amerikanischen Gehörlosenwelt. Und nebenbei finde ich den Plot sehr gelungen.
http://megavideo.com/?v=20PWAMKT
(das englische Original ohne Untertitel – wo kriegt man die Untertitel her?)
Auch sehr interessant und vor allem sehr krisengeladen: “Sweet nothing in my ear”, der erste Film über das CI. Eheppaar, sie gehörlos, er hörend – geraten in Konflikt darüber, ob der ebenfalls gehörlose Sohn implantiert werden soll. Eine wie ich finde gelungene Darstellung der verschiedenen Ansichten zum CI. Der Film versucht, so weit es geht neutral zu bleiben. Ebenfalls mit Marlee Matlin in der Hauptrolle. In den Nebenrollen nicht weniger berühmte Gehörlose wie Phyllis Frelich, Deanne Bray und Shoshannah Stern. Die meisten Gehörlosen gebärden, interessanterweise ist die Gebärdensprache nicht untertitelt sondern synchronisiert (keine schlechte Idee für hörend Zuschauer, die ASL nicht können – da man sich endlich mal auf die wunderschöne Gebärdensprache konzentrieren kann, denn man kann leider nicht gleichzeitig Untertitel lesen und Gebärdensprache gucken). Habe den Film noch nicht im streaming mit Untertiteln gefunden.
http://en.wikipedia.org/wiki/Sweet_Nothing_in_My_Ear
Vielleicht fällt das ja auch in diese Kategorie:
In Staffel 6 der Krankenhaus-Comedy-Serie “Scrubs” gibt es die Folge “My Words of Wisdom” (deutscher – wie üblich eher phantasieloser – Titel “Mein tauber Patient”).
Es geht in dieser Folge um die Frage, ob die Ärzte einem gehörlosen Jungen ein Cochleaimplantat einsetzen sollen, auch wenn der – ebenfalls gehörlose – Vater den Eingriff ablehnt. Als Kniff “zum Wohl des Kindes” lassen sie sich dann einfallen, die – vom Vater getrennt lebende – Mutter um ihr Einverständnis zu bitten, bevor sie sich wirklich ernsthaft mit der Frage auseinander setzen, warum der Vater den Eingriff eigentlich ablehnt.
Eine weitere Besonderheit dieser Episode besteht darin, dass vom gesamten Ärzte- und Pflegepersonal bedauerlicherweise niemand Gebärdensprache beherrscht – und es dann ausgerechnet der Hausmeister ist, der als Dolmetscher einspringen kann.
Klingt interessant, danke! Scrubs wollte ich mir sowieso mal anschauen demnächst. (Vielleicht gucke ich mir aber gezielter mal die Folge an, bis Staffel 6, das dauert ja.)
Endlich wieder mal was zum Thema, ähm, zumindest dicht dran: “Gehörlose im Film”.
In der Serie WEEDS hat der Sohn der Hauptdarstellerin eine gehörlose Freundin, die von einer echten Gehörlosen gespielt wird
(Shoshannah Stern). Aber die Darstellung ist leider nicht konsequent. Anfangs kommunizieren die beiden nur schriftlich, später beginnt das Mädchen etwas zu sprechen – was ja durchaus mit Hörrest und Sprechtraining machbar wäre – , reagiert aber unrealistisch schnell auf Wortfetzen der anderen. Beispiel: Sie hat den Kopf vom Sprechenden weggedreht, antwortet aber sofort auf sein Gesagtes. Geht einfach nicht.
Die Rolle ist anfangs etwas undankbar, aber das Mädchen wird bald als sehr frech, selbstbewusst und eigenständig vorgestellt. Die Behinderung ist nicht Thema, hat keine Bedeutung. Echt erfrischend. Und die Serie ist zum Glück nicht politisch korrekt, da kommt eigentlich jede Rolle als Satire gut rüber.
(Weeds macht übrigens richtig Spaß, wenn man sich in die durchgeknallte Handlung reingefunden hat und vor allem die tolle Hauptdarstellerin Marie Luise Parker mag. Die hat ein ganz eigenes komisches Talent.)
Hm. [unterstreicht Weeds auf der To-Watch-Liste noch einmal dick]
licht im dunkel ff…
Ein Klassiker! Allerdings auch ein sehr spezieller Fall…
ja, stimmt. zwar steht die “gesamtbehinderung” im fokus, aber nicht grade die taubheit.
Macht ja nichts
Spannende Sache ist es allemal!
Aargh!!! Dass ich nicht früher dran gedacht habe! Im Roman “A Tale of Two Citites” von Charles Dickens gibt es eine interessante taube Heldin. Sie heisst Miss Pross. Ihr Gehör verliert sie ganz am Schluss des dicken Wälzers – als sie versucht, ein junges Mädchen zu retten und deshalb mit einer Miss Defarge kämpft. Aus der Pistole von Miss Defarge löst sich ein Schuss, der die Besitzerin tötet. Miss Pross erleidet einen Hörsturz und bleibt für den Rest ihres Lebens taub. Für Dickens, einen grossen Moralisten, scheint die Taubheit eine Art Strafe Gottes dafür zu sein, dass sie gegen Defarge kämpft – obwohl er es eigentlich als Heldentat versteht, dass sich Miss Pross für ihren Schützling wehrt. Die weit schlimmere Strafe wäre es, wenn Miss Pross sterben würde.
Man sollte mehr klassische Autoren lesen! Danke, frau frogg, und viele Grüße in die Schweiz!
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Hier noch ein Film, in dem es um Gehörlosigkeit geht:
“Hear me” (Taiwan)
Es ist eine ganz banale Liebesgeschichte, die in der ersten Stunde nicht sehr fesselt, aber in den letzten 10 Minuten wird’s interessant. Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht (über den Film und über meine eigene Naivität)! Leider muss man durch die erste Stunde durch, um das Ende richtig auskosten zu können…
Ganz neue Serie aus den USA, in dem gleich zwei Hauptdarsteller gehörlos sind (Marlee Matlin und Sean Berdy) und eine schwerhörig (Katie Leclerc):
“Switched at Birth”
http://www.tv-links.eu/tv-shows/Switched-at-Birth_25884/
Wie der Titel schon sagt, wurden zwei Mädchen bei der Geburt vertauscht. Eine davon gehörlos. Die Serie lebt von Klischees, ist halt ne übliche Judendserie. Gleichzeitig versucht sie aber, mit vielen Klischees über Gehörlose aufzuräumen, was teilweise mit großer Eindringlichkeit und wiederholt gemacht wird – mit Erfolg finde ich. Leider jedoch bestärkt sie ungewollt gleichzeitig einige der bestehenden Klischees, was ich sehr schade finde. Das ganze ist sehr widersprüchlich (einerseits wird mehrmals betont, wie schwer Lippenlesen doch sei, trotzdem verstehen alle Gehörlosen immer gleich auf Anhieb).
Ui, das klingt ja interessant, vor allen Dingen die Serie. Will ich unbedingt sehen! Da sieht man allerings mal wieder wie schlecht sich aus Schwerhörigkeit/Gehörlosigkeit Geschichten stricken lassen, Standardgeschichten meine ich. So dass sie sich am Ende doch wieder dafür entschieden fünfe gerade sein zu lassen und das Lippenlesen als problemlos darzustellen. Ist halt nicht so einfach, beiden Gesichtspunkten zu genügen, dem Story und den Fakten.
http://de.wikipedia.org/wiki/The_Stand
Nick Andros
Unverzeihlich, eigentlich, dass ich den vergessen habe. Das Buch hab ich vor vielen Jahren mal sehr, sehr gut gefunden und ich glaube, sogar zweimal gelesen. Trotzdem, den hab ich wirklich völlig vergessen. Muss ich bei Gelegenheit mal nachlesen. Danke für die Erinnerung.
Hallo,
ich habe diesen Blog grade entdeckt und finde diese Rubrik sehr spannend. Spontan fällt mir der Film “Lippenbekenntnisse” ein: http://de.wikipedia.org/wiki/Lippenbekenntnisse. Ist schon länger her, dass ich ihn gesehen habe, soweit ich mich erinnere spielt aber v.a. das Lippenablesen im Rahmen der “Gangsterstory” eine größere Bedeutung.
Außerdem spielt in “Orphan” ein kleines, an taubheit grenzend schwerhöriges Mädchen mit. Unangenehm fällt auf, dass nicht alle Mitglieder der Familie Gebärdensprache beherrschen bzw, anwenden wollen und das Mädchen so immer wieder ausgrenzen. Die Schwerhörigkeit steht hier aber nicht so sehr im Mittelpunkt der Handlung wie in “Lippenbekenntnisse”, was ich aber sehr angenehm finde, da ja auch Brillenträger in den meisten Filmen “nebenher” eine Brille tragen, ohne dass dies eine weitere tragische Bedeutung in der Handlung einnimmt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Orphan_–_Das_Waisenkind
Beides sind allerdings eher “gruselige” Filme, also keine nette Sonntagnachmittagunterhaltung.
Liebe Grüße,
Solveig
Oh, dankeschön! Besonders Lippenbekenntnisse reizt mich, das muss ich mir mal ansehen… Ich nehme aber mal lieber den Sonntagabend!
Film “Babel”. Darin spielen mehrere Hauptfiguren, darunter eine Gehörlose. Von der Bibel ist der Turmbau zu Babel bekannt, der mit Sprachenvielfalt und den einhergehenden Hürden endet. Im Film gibt es solche Konflikte oft, darunter zwischen Japanisch und japanischer Gebärdensprache.
Mitgespielt haben Brad Pitt und Cate Blanchett. Mehr zum Film sagt Tante Wiki unter http://de.wikipedia.org/wiki/Babel_(Film).
Ich fand die Darstellung der japanischen gehörlosen Teenager im Film verblüffend authentisch. In vielen Szenen habe ich meine eigene Jugendzeit nachempfinden können. Ich dachte beim Schauen, die Figuren werden von Gehörlosen gespielt. Später fand ich heraus, dass zumindest die japanische Hauptfigur normalhörend ist. Wenn das auch ihre Schauspielkolleginnen, die ihre gehörlosen Freundinnen gespielt haben, waren, dann Hut ab vor dieser Leistung.
Die Schauspielerin, die die gehörlose Chieko gespielt hat, erhielt für diese Rolle eine Nominierung für den Oscar und den Golden Globe.
Das ist wirklich ein toller Film, der mir deutlich im Gedächtnis geblieben ist!
Roman “Meines Vaters Liebling”
Autorin Carole L. Glickfeld
In einem Kurzgeschichtenband stieß ich auf den Romanauszug: Die Autorin ist selbst hörende Tochter von gehörlosen Eltern, und der stellenweise autobiografische Roman spielt in den 1950er Jahren in New York. Erzählt wird von einer jüdischen Familie um den prügelnden Vater, die Eltern sind beide gehörlos, die drei Kinder sind hörend. Dialoge werden mit Anführungszeichen für “wörtliche Rede” angezeigt, aber man versteht als Leser schnell, dass hier Gebärden gemeint sind oder B-u-c-h-s-t-a-b-e-n gestisch gezeigt werden.
Es ist zwar durchaus Literatur, also keine trivial und banal erzählte Kindheitserinnerung, aber es reicht nicht wirklich für gute Romanliteratur. Muss man also nicht lesen, ist ja auch alles schon länger her. Gute Erzählungen aus den 1950er Jahren haben schon ganz andere und bessere Autoren geschrieben. Na, egal.
Kleine feine Szene: Die jüngste Tochter versucht dilettantisch, den verhassten gewalttätigen Vater nachts im Schlaf mit einem Messer zu erstechen, wird aber von der gehörlosen Mutter überrascht. Das Kind gebärdet “Kopfschmerzen” als Ausrede, “aber sie konnte nicht sehen, was meine Hände meinten, deshalb gingen wir zum Fenster, wo es hell genug war, weil der Mond schien.”
Und die Mutter antwortet (gebärdet) an anderer Stelle auf die Frage, ob sie an Gott glaube: “Gut, um Kinder zu erziehen, das ist alles.”
Die deutsche Übersetzung gibt es bei Suhrkamp als Taschenbuch.
Da fällt mir ein weiterer Roman ein, den ich vor einigen Jahren las, mit mehreren Hauptfiguren, darunter ein Gehörloser, zu dem die Hörenden kommen, ihm seine Probleme schildern und sich von ihm verstanden fühlen, doch er versteht nichts von dem, was sie sagen. Mehr bei Tante Wiki http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Herz_ist_ein_einsamer_Jäger
Das fand ich heute beim Recherchieren. Die Originalausgabe erhielt einen us-amerikanischen Preis für Autoren. Die Tigerfrau, mehr dazu hier http://www.hkw.de/de/programm/2012/ilp_2012/shortlist2012/ilp2012_titel6.php
Pia, “Kopfschmerzen” als Ausrede für den Mordversuch?! Das ist dreist.
Das “Herz” ist ein Klassiker, den ich mir auch immer wieder vornehme. Carson McCullers hat häufiger behinderte Figuren — und soweit ich bisher gelesen habe eher deprimierende Stories/Botschaften.
“Tigerfrau” — klingt spannend. Allerdings auch ein bißchen wie ein typischer Fall, wie gehörlose (und eben gerade nicht: schwerhörige) Figuren als exotische/seltsam-faszierende Fälle oder Beispiele, die für irgendwen lehrreich sind, vorgeführt werden. Mal sehen, ich will es mir mal anschauen.
Ja, ja und nochmals ja: Schwerhörige Superhelden. Endlich. Einer mit Hörgerät und einer schwerhörig.
Und noch einer … aber kein Superheld:
Die Hauptperson in dem Trickfilm “Oben” (die Geschichte mit dem an Luftballons fliegenden Haus) ist ein alter Mann, der vermutlich wegen Altersschwerhörigkeit ein In-Ohr-Hörgerät trägt. Das schaltet er kurz mal aus, wenn ihn das quengelige Kind zu sehr nervt, das anfangs unfreiwillig mit ihm mitfliegen muss. Dann ist auch für die Zuschauer der Ton weg. Logisch.
Eine kreative Chance, wenn man Schwerhörige im Film agieren lässt: Die Kinozuschauer bekommen selbst zu hören, WIE eine Person hört. Merkwürdig, dass diese akustische Subjektivität und Kreativität im Film so extrem selten genutzt wird. Man könnte mit verblüffenden künstlerischen Tonverfremdungen arbeiten, anstatt die öde Kamera simpel von außen auf eine hörbehinderte Person glotzen zu lassen. Oder sind Hörbehinderte rein optisch so ein Knaller?
(Die Schwerhörigkeit ist in der Filmhandlung von “Oben” aber nicht weiter von Belang, der Alte agiert wie normalhörend.)
Natürlich sind wir optisch so der Knaller!
Was Tonverfremdungen angeht, fällt mir immer Stallone in Copland ein bzw. die letzten Minuten davon. Kennste den?
Vielen Dank für den Hinweis (und den Anstoß damals), ich finde inzwischen kommt hier wirklich eine ziemlich interessante Sammlung zusammen!
Es müssen nicht immer Superhelden sein.
Den Alten im Film “Oben” und den schwerhörigen
Cop in “Copland” wollte ich als Beispiele nennen.
Hatte mich nicht getraut vom Thema “Super” abzulenken.
Befürchtete abgewatscht werden mit:
“Hier geht es um Superhelden, nicht um alte Säcke, die
Dir optisch ähnlich sind”.
Hehehe, Du hast einen Bizeps wie Stallone?
Vor zwanzig Jahren noch. Heute nicht mehr.
Aber ich meinte die Rolle des Cop Im Film “Copland”.
Da sah Stallone ganz anders aus als in den Rambofilmen.
Ist schon erstaunlich, das er so krass unterschiedliche
Rollen glaubwürdig spielen kann.
Stimmt, das war schauspielerisch eine seiner besten Leistungen.