Online? Da hilft auch Schwerhörigkeit nix

Gestern war’s eher ein kleiner Scherz, aber das Thema Leben mit Internet und Web 2.0 beschäftigt mich weiter: Wenn ich nicht aufpasse, verliere ich als Schwerhöriger dadurch Wettbewerbsvorteile.

Dass das Internet nicht nur das Lesen sondern auch das Denken verändert – und zwar nicht nur zum Guten – brennt offensichtlich vielen unter den Nägeln. So wird z.B. dieser sehr lesenswerte Artikel von Nicholas Carr aus The Atlantic seit fast ein Jahr immer wieder in Blogs thematisiert (letztens etwa hier von Berlinessa). Und ich hab  ja auch das Gefühl, dass es mir schwerer fällt, mich in längere Texte zu vertiefen.  Nach ein paar Minuten beginnt der Kopf einfach, im Hintergrund an was anderes zu denken. Das zerstreut die Aufmerksamkeit. Bin allerdings nicht restlos überzeugt, dass das nur am Internet liegt. Ich fürchte es ist auch einfach ein Teil des Berufstätig Seins und Älter Werdens.

Übrigens, kommt Dir dieser Eintrag eigentlich lang vor? 😉

So weit, so gleich ist das Problem für alle, die beruflich viel im WWW unterwegs sind oder sich privat dem Web 2.0 hingeben. Für mich als schwerhöriger bzw. ertaubter Mensch ist aber Konzentrationsfähigkeit einer meiner wenigen Wettbewerbsvorteile. Viele nervige Ablenkungen nehme ich gar nicht erst wahr oder kann mich ihnen entziehen, einfach durch Hörgeräte ausschalten. Außerdem: Das bißchen was ich verstehe, verstehe ich nur weil ich jahrelang extreme Konzentration geübt habe. Es steht also was auf dem Spiel!

Gleichzeitig sind das Netz und all die Möglichkeiten zum sozialen Netzwerken – Email, Instant Messages, SMS, Facebook, von sowas wie Twitter gar nicht zu reden – für mich ein unglaublich wichtiger Draht zum Leben: Endlich verstehe ich zur Abwechslung mal perfekt, weil sie ja schriftlich ablaufen. Welche Erleichterung! Ich WILL sie also. Auch beruflich bin ich auf Chat und Emails angewiesen. Aber wenn all diese Lese- und Kommunikationsmöglichkeiten die Ruheräume füllen, die tiefe Konzentration braucht, dann hilft auch Nichthören oder Hörgeräte ausschalten nix. Zu diesem Dilemma wird hier sicherlich noch häufiger was zu lesen sein…

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9 Antworten zu “Online? Da hilft auch Schwerhörigkeit nix

  1. Hm, interessant. Mir sind noch nie die Vorteile von Schwerhörigkeit/Taubheit in den Sinn gekommen. Tatsächlich dient mein MP3-Player, den ich ständig aufhabe, auch vielleicht gar nicht primär dem Musikgenuss, sondern zum Ausblenden von nervigen Nebengeräuschen: Die immer gleichen U-Bahn-Ansagen, die Jugendlichen die neben mir grauenhafte Musik über ihren miesen Handy-Lautsprecher hören usw. Ich würde mir schon manchmal wünschen, ich könnte diese Geräusche einfach abdrehen…
    LG aus Wien

    René

  2. Na, irgendjemand muss ja auch mal was anderes machen als jammern.
    Ansonsten: Für das Recht auf seine selbstgewählte akustische Umgebung! 😉

  3. *grins* @ Rene
    Du schaltest für dich lästige Geräusche aus mit deinem mp3-Player. Und für mich schaltest du eine weitere nervige Geräuschquelle ein – nämlich den 4. oder 5. Player in meiner Nähe. Und aus jedem Kopfhörer plärrt oder wummert irgend etwas anderes. 😉 Das ganze vermischt mit mindestens 2 Teenager-Telefonaten à la „der war ja sooooooo süüüüss!“

    Mal ne ernstgemeinte Frage von einer, die nach wie vor sehr gerne mit ihren Mitmenschen kommuniziert: Wie stelle ich es an, einen Menschen anzusprechen, der geistig gar nicht anwesend ist? Eigentlich ist es ja unhöflich, fremde Menschen anzufassen. ABer wie mache ich auf mich aufmerksam? Ohrstöpsel beim Gegenüber ziehen?

    @ not quite like beethoven
    Du siehst, auch wir Hörenden haben so unsere Probleme. 😉 Mit dir könnte ich sicher auch in der S-Bahn kommunzieren, weil ein Augenkontakt möglich wäre, oder?

  4. Na also abgelenkt sein oder mit was anderem beschäftigt sein kann ich auch. Z.B. Lesen.
    Aufmerksam machen? Stimmt schon, berühren ist bißchen aufdringlich. Aber wenn winken nicht hilft, würde ich doch erstmal antippen empfehlen, vielleicht an der Schulter. Jedenfalls bevor ich am Ohrhörer rupfe.

  5. Ein schöner Beitrag in einem schönen Blog. Und Taubheit – bin zwar auch Späti – hilft online auch nix 😉 Bis auf dass wir de Fakto den ganz klaren Vorteil haben 😉

  6. An alle mp3-Player-Träger oder schwerhörigen Hörgeräteabsteller: Konzentrieren wäre ja etwas Tolles, aber ich trau mich das nie.
    Ich hab große Probleme damit, die passive akustische Kontrolle über die Umwelt zu verlieren, also nicht mitzukriegen, wenn jemand was von mir will/in meine Wohnung einbricht/Bombenalarm/Gewitter/kaputterKühlschrankquietscht/Handy klingelt/NachbarKriegtSeinAutoNichtAnUndBrauchtHilfe/Baby schreit etc pp.
    Das führt dazu, daß ich immer nur mit einem Ohrstöpsel mp3 höre, OBWOHL ich es gerne anders hätte, und zB mit Oropax nicht schlafen kann, auch wenn mich ohne sie irgendein Lärm verrückt macht. Ich habe das Gefühl, ich müßte immer wachsam sein.
    Deshalb stelle ich mir spontan bei zunehmender Schwerhörigkeit diesen Kontrollverlust fast schlimmer vor als die konkreten Probleme (Sprecher verstehen usw). NotQuite, wie hast Du das empfunden? Du bist ja nicht schwerhörig geboren, wenn ich es richtig gelesen habe. Hat das Angst gemacht? Macht es das immer noch?

  7. Ich habe mir da ganz lange keinen Kopf drüber gemacht, gar keinen. Ab und zu hab ich als Kind gedacht, schade, ich kann kein Geheimagent werden. Aber diesen Kontrollverlust/Unsicherheit und die damit vebundene Angst, die Du beschreibst, kenn ich eigentlich erst seit ich an Taubheit grenzend schwerhörig bin. Jetzt manchmal nachts, wenn ich allein bin und ohne Hörgeräte schlafe (dass es brennt, dass wer einbricht etc).
    Die selbst gewählte akustische Unerreichbarkeit tagsüber bzw. beim kurz Hörgeräte ausschalten (z.B. beim Arbeiten) macht mir keine Angst. Auch zB im als Fußgänger Straßenverkehr nicht, da gucke ich halt mehr.

  8. nehmt eure schwerhörigkeit doch auch positiv!
    ich stelle mich manchmal, bei ämtern oder so, a bissl deppat.,,,,bin ja schwerhörig, kann das jetzt nit verstehen……also das hat mir wirklich schon vorteile gebracht!
    und angst vor einbruch, feuér etc, also dass ich das nicht mitkriege,hab ich nicht…mein hund wird mich schon wecken.
    ergo…ein haustier ist sicher nicht schlecht gerade für uns schwerhörige.
    außerdem…wenn jemand einbrechen oder mich umbringen will, tut er das…hören und hund hin oder her, ist wurscht.
    was das einspringen der anderen sinne anbelangt…jaaa…bei mir ist es der „licht- und berührungssinn“. kann oft gar nicht lustig sein, ich schrecke dann oft auf, wie von der tarantel gestochen und erschrecke damit meinen erschrecker ggg

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