Gebrauchsanweisung für Schwerhörige #5: Trimme den Schnauzer

Wie macht man’s Schwerhörigen leichter und das Gespräch erfolgreich?  11 Regeln von denen auch Andere profitieren.

Regel Nummer 5: Trimme den Schnauzer

Auch nicht besonders kompliziert. Im Grunde eine Variante von Regel Nummer 4. Ich führe sie extra deswegen auf, weil mich die hippen Holzfällerbärte in Brooklyn und Boston ziemlich nervös gemacht haben. Mir scheint, auch der Schnauzbart könnte demnächst eine Renaissance erfahren.Foto: PRN / PR Photos, starpulse.com

Joaquin Phoenix, als Schauspieler bekannt aus Gladiator und Walk the Line und seit Anfang des Jahres nurmehr bärtiger Rapper, ist da nur das bekannteste Beispiel.

Kurz und knapp: Wenn die Haare den Mund verdecken — und das tun sie schneller als die meisten stolzen Träger glauben — ist nicht mehr viel mit Lippenlesen. Liegt der Mund frei, freut sich der Schwerhörige.

Zur Übersicht: 11 Regeln für besseres Reden mit Schwerhörigen

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19 Antworten zu “Gebrauchsanweisung für Schwerhörige #5: Trimme den Schnauzer

  1. Ist die Kombination Holzällerbart und mit der Hand vorm Mund fuchteln dann der Super-Gau? Oder gibt’s noch schlimmeres?

  2. Hm, Lippenlesen kann oder will aber auch nicht jede/r Schwerhörige, oder? Deutlich Sprechen, also den Mund aufmachen, ob nun mit oder ohne Haare drumherum, scheint mir da wichtiger?

  3. @berlinessa: Wenn einer mit Holzfällerbart vor mir steht und wild fuchtelt, hab ich glaub ich noch andere Probleme als nur Verstehen. 😉
    Ohja, es gibt schlimmeres. Daraus mach ich aber nachher nen Post.

    @andrea: Das ist wichtiger, ja. Ob es welche gibt, die es nicht wollen, weiß ich nicht, kann ich mir aber kaum vorstellen. Gibt aber sicher viele die’s nicht können. Ich hab’s auch nie systematisch „gelernt“. Schreib gerade schon einen Beitrag dazu, mehr also heut abend.

  4. just like Beethoven

    Die Mühsal des Lippenabsehens ist eine bekannte Tatsache. Trotzdem scheint heute manchmal alles möglich zu sein, wenn es um Vermarktung und Showbusiness geht. Der mediale Schwachsinn treibt ganz schlimme Blüten in der „Stuttgarter Zeitung“:

    http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1962756

    Was unter „Latein kann sie auch“ steht, macht das Lippenabsehen für S. Neef zum Kinderspiel. Wer das liest, müßte sich an den Kopf fassen, wer aber keine Ahnung hat, glaubt es vielleicht auch noch. Wenn Sarah mit einem Blick im Restaurarnt gleich feststellen kann, was am Nebentisch gesprochen wird und auch keine Probleme mit Stotterern, Lisplern oder Gebißträgern hat, bereiten ihr natürlich auch Holzfällerbärte nicht die geringsten Probleme.

    Die gleiche S. Neef liest im „Nachtcafe“ bei fließendem Sprechrhythmus alles, aber auch alles. von den Lippen der Diskussionsteilnehmer ab. Nur verraten sich manchmal Menschen selbst, ohne es zu bemerken. In ihrem Film „Im Rhythmus der Stille“ spricht sie auf einer Tagung. Um einem Redner zu folgen, müßte es doch genügen, mit solchen glänzenden Absehleistungen einfach nur auf die Lippen zu schauen. Was aber geschieht? Sarah sitzt am Computer und verfolgt dort das Gesagte…

  5. Leider kenne ich weder Frau Neefs Buch, noch ihren Film, noch habe ich ihre Auftritte gesehen. Ich kann das also nicht beurteilen.

    Würde mich aber gerne mal mit ihr unterhalten, der Artikel stellt es ja in der Tat so dar, als sei es zwar sehr anstrengend, letztlich aber alles möglich.
    Sie scheint ja vollkommen taub zu sein, im verlinkten Artikel ist die Rede von „Tiefseestille“.

  6. just like Beethoven

    not quite, in solchen vernetzten Artikeln ist die Rede von Vielem, was nicht der Wahrheit entspricht. Es wird nur so dargestellt. Solche unwahrscheinlichen Absehleistungen sind bis jetzt noch nie von einem unabhängigen Gremium überprüft worden. Du wirst das auch nicht erleben, weil diese Behauptungen zusammfenfallen würden wie ein Kartenhaus.

    Wenn ich Lust hätte, mich mit jemand zu unterhalten, wäre es ganz bestimmt nicht Frau Neef, sondern die Linguistikerin, die im gestrigen Link zu Wort gekommen ist. Was sie sagt, stimmt auch mit Deinen Überlegungen überein. Bleib am besten Deinen Überzeugungen treu. Übereinstimmung gibt es auch von anderen, die sagen, daß ein in normalem Sprechtempo gesprochener Satz ohne Anhaltspunkte nicht, oder relativ selten, abgesehen werden kann. Es sind die Realitäten, von denen Du ausgehen solltest.

    http://www.taubenschlag.de/cms_pics/Leben_in_anderen_Welten.pdf

  7. Das ist mir schon klar. Und so Artikel zu schreiben oder Bewunderungstalkshows zu machen, finde ich auch ziemlich großen Quatsch. Bzw. eben auch gefährlich, weil es — wie Du ja sagst und wie’s auch in dem verlinkten pdf steht — dazu führen kann, dass vollkommen überzogene Erwartungen an Schwerhörige und Gehörlose gestellt werden. Aber ich würde mir schon gern selbst ein genaueres Bild machen. zB auch fragen, was sie von ihrer Darstellung in den Medien hält.

    Darum interessiert mich die Frau hinter dem Artikel und ihr Lebensweg. Die Linguistin gerne auch. 🙂

  8. just like Beethoven

    Es liest sich gut, was Du schreibst und zeigt eine gemeinsame Übereinstimmung in den Ansichten. In einem Gespräch würde S. Neef natürlich das verteidigen, was die Medien wiedergeben. Als ganz junger Mensch hat sie mal bekannt, viel Prominenz begegnet zu sein. Wer hat das aber in die Wege geleitet? Sie selbst bestimmt nicht. Da haben andere die Fäden gezogen. Ohne priviligierten Einfluß wäre hier nichts gelaufen. Und darin unterscheidet sich S. Neef von der Allgemeinheit, die das für sich nicht in Anspruch nehmen kann. Der vorprogrammierte Lebensweg, den sie beschreibt, ist deshalb für die breite Masse gar nicht möglich.

    Im Gespräch mir ihr würdest Du natürlich feststellen, daß sie gut absehen kann. Darin sind aber andere nicht unbedingt schlechter. Die Voraussetzungen dazu sind im Dialog immer am besten. Eins fügt sich eins ins andere. Jede Community hat so ihren Star, zu dem man bewundernd aufsieht. Das habe auch ich in den Anfangszeiten des Absehens getan. Als ich später mithalten konnte, ist mir bewußt geworden, daß dieses Absehen bestimmten Gesetzen unterliegt. Was so perfekt erscheint, ist manchmal nur Momentaufnahme und glücklichen Umständen zu verdanken. D. h. also, bestimmte Eindrücke können sehr trügerisch sein und zu vielen Fehleinschätzungen führen.

    Jetzt mußte ich noch mal über das Wort Linguistikerin bzw. Linguistin nachdenken. Wir lagen nicht falsch, denn beide Bezeichnungen sind gebräuchlich. 🙂

  9. Vermutlich ist Linguistikerin eigentlich korrekteres Deutsch und Linguistin ist so halbenglish.

    Also, dass Hörbehinderte so ein Leben wohl kaum ohne Förderer und Unterstützer (Eltern, Lehrer, etc.) hinkriegen, denke ich auch.
    Aber was Frau Neef in einem Gespräch mit mir sagen oder gar „natürlich tun“ würde, darüber würde ich mich nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Und Du bitte auch nicht.

  10. just like Beethoven

    not quite, auch wenn ich mich Deiner Meinung nach zu weit aus dem Fenste lehne, bleibe ich bei meiner Aussage. Was sollte Frau Neef Dir gegenüber schon anderes sagen? Es wären Dinge, die schon in diesen verquasten Artikeln zur Sprache gekommen sind. Auf jeden Fall würde sie ihren Sonderstatus hervorheben, wonach alles möglich sei – auch das spontane Lippenabsehen mit Links. Und genau dagegen wehre nicht nur ich mich, weil es völlig unangemessen ist. Und „tun“ würde sie womöglich gar nichts.

    Mit Unterstützern und Förderern sprichst Du Eltern und Lehrer an. Das stimmt schon, ist aber immer noch die untere Hierarchie.

    Streiten müssen wir uns deshalb nicht.

  11. Es wäre nicht das erst Mal, dass eine Situation oder Person in den Medien ungebrochener rüberkommt als sie ist oder es Journalisten erzählt wurde. Aber wie gesagt, von obigem Stück aus der Stuttgarter abgesehen kenne ich sie nicht und ihre Mediengeschichte auch nicht. Das mag die Ursache für das zwischen uns so ungleich verteilte Wohlwollen sein.

    Von dem Artikel her würde ich auch nicht vermuten, dass sie ein Arbeiterkind ist. Da steht sicher noch eine Handvoll mehr formale Bildung im Hintergrund. Sonst habe ich keine Ahnung was in ihrem Fall die „obere Hierarchie“ sein könnte. Was meinst Du?

  12. just like Beethoven

    Unser Wohlwollen gegenüber Sarah Neef kann deshalb nicht gleich ausfallen, weil ich mich mit der Sache näher beschäftigt habe. Der Unmut der Menschen, der dadurch ausgelöst wurde, ist mir nicht verborgen geblieben.

    Selbstverständlich gehört Sarah Neef zum gehobenen Bildungsbürgertum mit seinen ganzen Vorteilen. Wie wir das oft erleben, werden die wahrgenommenen Privilegien irgendwie gar nicht zur Kenntnis genommen. Das Ansinnen jedoch, aus dieser Vorteilsnahme stellvertretnd für alle zu sprechen, sollte besser nicht stattfinden.

    Hierachie heißt ja auch Rangordnung. In diesem Sinne ist S. Neef ins „elitäre Spektrum“ von Personen geraten, die noch über Eltern und Lehrern stehen. Also alles, was Rang und Namen hatte…

  13. Nur als zaungast am rande… danke für diese tolle Diskussion.

    (Ich habe Sarah Neef auch schon kurz persönlich kennen lernen dürfen. Allerdings nicht so lang, als dass ich mir ein Urteil bilden kann.
    Nur soviel: ich wusste, dass sie bei Frau Schmid-Giovanni war, bevor sie es mir noch sagte.)

    Ok, euch einen schönen Abend!
    Francis

  14. **Wie wir das oft erleben, werden die wahrgenommenen Privilegien irgendwie gar nicht zur Kenntnis genommen. Das Ansinnen jedoch, aus dieser Vorteilsnahme stellvertretend für alle zu sprechen, sollte besser nicht stattfinden. **

    Also, Bestimmt-klüger-als-Beethoven, für solche klarsichtigen Aussagen bestaune ich dich und deinen Blog und mache jedesmal ein Kreuz in den Küchenkalender: „Heute hat er wieder was Tolles geschrieben.“

    Ehrlich, ohne Flachsen:
    Meine Bewunderung!

  15. Momentchen, ihr seid ja plötzlich zwei verschiedene Beethovens?
    not quite + just

    Ach so. Na, dann müsst ihr euch das Lob jetzt teilen, jeder bekommt genau die Hälfte.

  16. Sarah Neef

    Guten Tag!

    Nun melde ich mich selbst einmal zu Wort, nachdem ich soeben diese Forumsbeiträge las.

    Es ist natürlich verständlich, dass man sich schon aufgrund weniger Minuten, in denen über mich in den Medien berichtet wird, ein voreigenommenes Bild über meine Person macht.

    Vor diesem Hintergrund danke ich „not-quite-like-beethoven“, dass er mit seinen Vorurteilen vorsichtiger ist. Es ehrt ihn sehr, dass er sich nicht gleich von irgendwelchen Vorurteilen überfahren lässt, sondern sich kritisch dem Thema annähert.

    Alle Gehörlose wünschen sich doch auch, dass die Vorurteile über sie nicht einfach übernommen werden.

    Wenn „not-quite-like-beethoven“ mich persönlich kennenlernen möchte, um sich von der ECHTEN Person zu überzeugen, bin ich zu einem Kennenlerngespräch bereit.

    Nur so viel: Die Vorurteile über meine Person werden sicher durch viele Missverständnisse und unreflektierte Vorurteile genährt. Viele Gehörlose, die mich persönlich kennen, wissen, dass ich längst nicht so fanatisch bin oder mich in der „Wunderkind-Rolle“ suhle. Vielmehr wissen sie, wie stark ich für die Anerkennung der Gehörlosen kämpfe.

    Vielleicht möchte man auch mein Buch „Im Rhythmus der Stille“ lesen, in dem ich beschreibe, dass mir nicht alles zugefallen ist, sondern ich auch vieles mir hart erkämpfte. Und ich schreibe darin durchaus auch, dass ich gewisse Pivilegien hatte, die nicht alle haben. Aber gerade deshalb kämpfe ich dafür, dass auch andere Gehörlose die Chancen erhalten, die ich bekommen habe.

    Der Filmausschnitt, auf den „just-like-beethoven“ hinweist, sollte bitte einmal genauer angeschaut werden. Der sprechende Referent steht direkt mit dem Rücken zu mir. Wie soll ich denn da die Informationen verstehen? Daher musste ich auf die Wand schauen, auf die die Übersetzung des Schriftdolmetschers für alle gehörlosen Zuschauer projiziert wurde. Ich habe NIEMALS gesagt, dass ich von hinten ablesen kann! Oder?

    Sarah

  17. Hallo Sarah, das freut mich sehr, dass Du Dich hier zu Wort meldest. Hatte damals schon überlegt, Dich anzuschreiben ob Du Dich hier äußern magst. Das ist dann aber irgendwie untergegangen.

  18. Muss ich unbedingt gucken, dass ich das Buch von Sahra Neef erwische…..ich dachte es mir, dass ihr Werdegang alles andere als ein Spaziergang gewesen sein muss. Das schafft man nur mit einem gewissen Biss und Härte gegen sich selbst……..Grüssele Dorena

  19. Spannende Diskussion. Respekt an Frau Neefs, dass sie sich hier meldet. NqlB, Deine Objektivität und Dein Bedürfnis, Dinge lieber selbst zu Hinterfragen anstelle anderen zu glauben, solltest Du Dir stets bewahren. Neben Neugier, Aufmerksamkeit und Beharrlichkeit sind das wichtige Schlüssel zur Weisheit. Viel Erfolg und alles Gute weiterhin.

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