Hörgeschädigt – Bin ich der Einzige, der das doof findet?

Viele scheinen es für den neutralsten und zutreffendsten Begriff zu halten. Man suche nur mal bei Google. Aber ich mag ihn ganz und gar nicht! Mich „hörgeschädigt“ zu nennen, käme mir nicht in den Kopf. Allenfalls in amtlichen Zusammenhängen ankreuzen würde ich das. Ehrlich gesagt, bis gerade eben war der Begriff ausschließlich in meinem Passivwortschatz zu finden. In meiner Begriffsklärung bin ich ja auch nicht darauf gekommen, ihn zu verwenden. Foto: Rainer Sturm /PIXELIO

Bin ich damit alleine?

Bei mir ist es so: Ich finde „schwerhörig“ im Redefluß angenehmer. Und ich finde es sogar zutreffender. Denn bei „geschädigt“, frage ich mich unwillkürlich, wer denn den Schaden angerichtet hat. Aber so gern ich in schwachen Momenten auch wen zur Rechenschaft ziehen würde: Da gibt es leider niemand.

Außerdem habe ich keine Lust, als „Geschädigter“ durchs Leben zu gehen. Das kommt mir dann doch sehr eindimensional vor. Dass für mich Hören wirklich nicht leicht, sondern ganz im Gegenteil schwer ist — das finde ich sehr passend. Wenn mir durch meine Behinderung eins abhanden gekommen ist, dann eine gewisse Leichtigkeit und Luftigkeit im Leben. Und das ist gar nicht mal nur schlecht gemeint. Denn was ich auch ganz und gar nicht bin, ist eine oberflächliche Person. Und ein guter Freund ist steif und fest der Ansicht, wenn ich nicht so schwerhörig wäre, wäre ich sicher ein arroganter Arsch geworden.

Eure Meinung interessiert mich:
Welchen Begriff benutzt Ihr für Euch selbst? Welchen findet Ihr besser? Und warum? Irgendjemand für „hörgeschädigt“?

(Kollegin NickelPic hat hier vor einiger Zeit eine ähnliche Frage gestellt, nämlich welche Gebärden benutzt werden.)

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14 Antworten zu “Hörgeschädigt – Bin ich der Einzige, der das doof findet?

  1. „Schwerhörig“ ist okay, „geschädigt“ und „behindert“ muss nicht sein. Ja, „behindert“ klingt in meinen Ohren auch bäh. Gibt es denn herzbehindert, kniegeschädigt? Er ist herzbehindert und kniegeschädigt. Was heißt das jetzt? Dass er ein Gefühlskrüppel ist oder einen Herzschaden hat (technisch)? Dass sein Knie kaputt ist oder jemand ihn mit dem Knie (einem fremden) verletzt hat? Ja, die Worte. Wenn man „schwerhörig“ auseinanderschreibt bzw. als zwei Worte spricht, kann das auch Fragen aufwerfen… 😉 Na ja, jedenfalls wüsste ich nicht, warum „schwerhörig“ von irgendeinem anderen Wort abgelöst werden sollte.

  2. Wie wärs denn mit „audio challenged“? 🙂

    Vielleicht findest du das total blöd, dann mach ich’s auch nie wieder. Doch wenn wir uns mit Freunden von mir, die dich noch nicht kennen, in kommunikative Situationen begeben, erwähne ich an irgendeinem Punkt, das du Hörgeräte hast. — So wie ich auch erwähnt habe, dass mein Mütterlein Zart kein Englisch spricht, als ich sie meinen Freunden hier in New York vorgestellt habe.

  3. „Hey sag mal, wer ist denn dieser gutaussehende Typ da hinten?“
    „Das? Ach das ist der Not quite like B. Aber paß auf, der ist schwer hörig.“
    „!!!!“

    Hahahahaha.

  4. Hörgeschädigt finde ich auch ganz schlimm! Bei meiner Freundin – der ich diesen Blog übrigens auch empfohlen habe – sage ich in entsprechenden Situationen zu anderen, daß Sie auf einem Ohr nichts hört und man daher in Richtung des hörenden Ohrs sprechen sollte.
    Ein Zeitzeuge sagte zu mir mal: Sie müssen sich auf die linke Seite setzen, denn auf dem rechten Ohr höre ich nicht so gut – und das war im übertragenen Sinne auch schon immer so (ein Vertreter des Öko-Instituts). Hat mir gut gefallen!
    Geschädigt klingt etwas nach „retarded“. Schwerhörig ist auch nicht richtig schön, aber ok finde ich.
    Ich würde wie Berlinessa auf die Hörgeräte verweisen.

  5. Mir das dem von Dir empfohlenen Interview mit dem Professor zugrunde liegende Verständnis von Schwerhörigkeit im Sinne einer eigenen Sprach- oder „Gesprächs-Kultur“ gut gefallen (ja, habe ich brav gelesen!) – also: Das ist meine Freundin Argyro, sie ist Vegetarierin und spricht kein Deutsch, aber Spanisch und Griechisch, und das ist der hochgradig attraktive Herr much cuter than Beethoven, der versteht Dich am besten, wenn Du Dich an seinen 11 Regeln orientierst. Macht das Sinn für Dich?

  6. Ich bevorzuge ja das Wort Handycap. Dann denken Leute, die bestens hören können, aber nicht zuhören, ich rede von Golf.

  7. Und äh… ja, eigentlich weiß ich, dass man Handicap mit „i“ schreibt. Nur meine Finger offenbar nicht…

  8. Soll ich noch ein neues Wort in die Runde schmeißen? Nämlich „Gehörgeschädigt“ that is the new word for hard of hearing in good old germany. Ich sag nur die spinnen alle mit den neuen Bezeichunngen. Hatte mal einige Hörende gefragt, warum sie „Gehörgeschädigt“ auf einmal sagen? Antwort: Tja das GEhör ist doch geschädigt! hm da kann ich ja auch gleich sagen: „Sorry, hab sie nicht verstanen, denn ich habe einen Ohrschaden ah Dachschade“ *g cest la vi 😉

  9. Beim Zusammenstellen der Artikel für http://www.deafread.de bin ich eben auf diesen und auf „‚I am a capital D Deaf'“ gestoßen. Da wird das DEAF wie eine Nationalitätszugehörigkeit benutzt, wie German, French usw. Als ich – frisch schwerhörig-gebombt – in London im Krankenhaus lag und Mühe hatte, Krankenschwestern und Besucher zu verstehen, habe ich über mein Bett ein Schild geklebt: „Speak up, speak clearly, I’m deaf!“ Mit kleinem d, bezog sich halt auf die neu „erworbene“ Behinderung. Ich bin dann schnell zum großen D übergegangen. (Obwohl kaum jemand „deaf is beutiful“ oder „deaf power“ begreifen oder nachempfinden konnte. Ein Vorteil der englischen Sprache: deaf ist der Oberbegriff, umfasst also auch hard of hearing.
    „Hörgeschädigt“ mag ich eigentlich auch nicht, genau aus den o.g. Gründen. In der Fachliteratur ist’s nur leider der Oberbegriff, für Gehörlose, Ertaubte, Schwerhörige usw. Ließe sich bestenfalls durch „hörbehindert“ ersetzen. Besser? Zu seiner Behinderung kann man schließlich selbstbewusst stehen.
    Andersartigkeit (bei Gleichwertigkeit) wäre eigentlich ein angemessener Begriff. Aber bin ich andershörig?
    Was im Englischen so einfach ist, ist es im Deutschen leider nicht. Selbst im Gehörlosenbereich ist es kompliziert und verkrampft. „Taubstumm“ wird als diskriminierend empfunden, „taub“ ist OK. „Der Taube“ ist OK, bei „die Taube“ wird es schon schwieriger, und bei „Taubseinskultur“ und ähnlich krampfigen Konstrukten hört’s für mich auf.
    Ähnlich konstruiert erscheint mir das politisch korrekte „challenged“. Herausgefordert – von wem oder was?
    Kurzum, ich habe keine Patentlösung. Ich bezeichne mich als schwerhörig (wollen wir das jetzt mit großem S schreiben? ;-), und wenn ich mit gehörlosen Freunden zusammen bin, sind wir halt hörgeschädigt. Das IST ganz einfach der gemeinsame Nenner – so blöd ich den Begriff eigentlich auch finde. Solange es keinen wirklich besseren gibt…

  10. berlinessa+coala: „audio challenged“ geht natürlich nur auf Englisch, da klingt es auch okay, wenn auch sperrig. Ich glaube wenn ich mich vorstelle nehm ich auch meist „hab Hörgeräte“.

    judith: Ja, macht Sinn. Aber um nicht pikert zu reagieren wenn man als allererstes erstmal was von „Regeln“ gesagt bekommt, braucht man glaub ich bißchen Neugier und Sportsgeist. Weiß nicht wie viele das haben.

    Enno: Verstehe, Du testest die Leute gleich mal.

    NickelPIc: Gehörgeschädigt, ja? Brr.

    Bernd: Nett Dich kennenzulernen, den Mann hinter deafread und taubenschlag! Deine ist ja wirklich eine beeindruckend lange Geschichte durch die verschiedenen Begriffe, Sprachen und Kulturen…

  11. Der Professor, der mich untersuchte (Chef einer HNO-Klinik), sagte mir nach Auswertung aller Tests: „Sie sind schwerhörig. Lernen Sie, mit Ihrer Behinderung zu leben!“
    Fand ich sehr gut. Es ist ja eine Behinderung. Warum sollte ich dazu nicht stehen? Und deshalb macht es mir auch überhaupt nichts aus, jemandem zu sagen: „Ich bin schwerhörig. Könnten Sie das bitte noch einmal wiederholen?“
    (Übrigens: Jeder ist an irgend einer Stelle behindert, nur sind manche Behinderungen nicht so offensichtlich.)

  12. Schön, wenn das gleich am Anfang jemand so offen sagt!

  13. Wir Akustiker müssen uns ja auch immer wieder mit solchen Begrifflichkeiten herumschlagen – und je nachdem, wann man in die Lehre ging, hat man aus Gründen der Political Correctness einen anderen Begriff gelernt: meinen Chef z.B. (seit 30 Jahren im Beruf) sagt „Hörbehinderung“, ich dagegen habe gelernt von „Hörminderung“ zu sprechen.
    Ich empfinde den Begriff als besser, da er den Sachverhalt zwar beschreibt, aber ohne Wertung auskommt.

  14. Ja, finde ich auch. Paßt auch gut, weil der Akustiker ja dafür zuständig ist, die Minderung zu mindern. Mit der Behinderung-durch-die-Minderung klarzukommen oder sich einfach nicht behindern zu lassen, ist dagegen der Job des Schwerhörigen.

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