Das ist ja unheimlich mit Dir! Schwerhörigkeit und die anderen Sinne

Neulich habe ich gesagt, schwerhörig Sein schaffe Platz im Kopf — leere Ecken, für Schränke zum Beispiel. Daraufhin habe ich einige mißbiligende Emails gekriegt. Und es war ja auch arg platt, das Bild. Jetzt aber mal im Ernst:

Diese räumliche Kästchenmetaphorik stimmt vorne und hinten nicht. Schwerhörig und selbst Taubsein, ist nicht nur ein Loch. Es bedeutet einen ganz anderen Zugang zur Welt, ein ganz anderes In-der-Welt-Sein. Weil das so ist, hört man ja auch mit Hörgeräten nicht „wieder gut“.

Wenn man einen Sinn verliere, hört man oft, würden die anderen schärfer. Das Beispiel sind meist Blinde und ihr Hören. Aber zumindest in meinem Fall ist es nicht ganz richtig. Und ich würde vermuten, dass das auch bei Blindheit so ist. Ich kann schon gut riechen und schmecken, sicher auch besser als manche andere. Jedenfalls wenn ich mir so anschaue was erstaunlich viele Leute klaglos essen oder wie sie sich in AfterShave baden. Aber ich glaube nicht außerordentlich gut. Und ich kann auch nicht schärfer sehen. Ganz im Gegenteil, ich bin etwas kurzsichtig.

Allerdings: Ich kann Leute lesen. Ich bin schon aufgestanden, zu Freunden auf der Nachbarbank rübergegangen und habe sie aufgefangen, weil ich gesehen hatte, dass sie gleich ohnmächtig werden würden. Meins ist ein ganz feines Gefühl dafür, wie Leute so drauf sind, wie es ihnen geht und in welcher Stimmung sie gerade sind. Ganz unwillkürlich schau ich sie mir sehr genau an. Was sie tun, wie sie sich halten, wie sie sitzen, wie sie lachen. Ich sehe die kleinen Anzeichen, wie sie aus ihrem Körper heraus und in die Welt hinein schauen. Und wie sie auf das reagieren, was ihnen dort so passiert. Ängstlich, mürrisch, beleidigt. Oder ruhig, offen und neugierig. Sind sie glücklich?

All das will ja nicht jeder unbedingt immer zeigen. Darum hab ich mir auch schon anhören müssen, dass es ein bißchen unheimlich sei mit mir.

Woher kommt das? Ist es Übung? Ausgleichende Gottesgabe? Vielleicht von beidem ein bißchen…

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11 Antworten zu “Das ist ja unheimlich mit Dir! Schwerhörigkeit und die anderen Sinne

  1. Hmmm. Jetzt habe ich ein bißchen nachgedacht, aber mir kommt der Vergleich mit dem Schrank, der weg ist, immernoch nicht so wahnsinnig platt vor wie anscheinend einigen Kommentatoren (nein: eMailschreibern, schade, dass ich nicht weiß, was drin stand!). Klar, es ist ein Vergleich. Klar, die hinken immer. So weit, so angreifbar.

    Aber ich habe ihn so verstanden, dass er zumindest den Fall einer langsamen Ertaubung so darstellt, dass etwas, das ein im Alltag vielleicht gar nicht in seiner Wichtigkeit wahrgenommenes Möbelstück durch sein Fehlen nun ekklatant auf die Leerstelle hinweist.

    Schwierige Situation. Man muss dann – so stelle ich es mir vor – verstehen, dass es A diese Leerstelle nun gibt, man muss B mit dem (zunehmenden – ok, da hinkt der Schrankvergleich) Verlust umgehen, und C andere Wege (oder andere Kulturtechniken oder einen anderen Zugang zur Welt oder oder) finden, seine Sachen zu verstauen (sprich: zu kommunizieren).

    Das war jetzt sehr lang, und nicht so klar, wie ich es gerne hätte, aber ich denke noch. Denkst Du ein bißchen mit mir mit?

  2. Du bist aber philosophisch drauf 😉 In dem alten Blogeintrag hat die Schrankmetapher gerade wegen ihrer Klobigkeit ganz gut gepaßt.

    Auf der Ebene von Nervenzellen und Gehirn glaub ich paßt es wenn überhaupt eher auf plötzlichen Hörverlust. Der geht nämlich meist mit Tinnitus einher und es gibt die Theorie dass dieser eben durch die plötzliche „Leere“ kommt.

    Deine Möglichkeit B und C, also das was man bewußt machen kann, betreffen glaub ich eher die Leere oder das Nichtmehrdasein von was im eigenen Leben und im Selbstbild als im Gehirn. Wobei das natürlich nicht vollkommen was anderes ist, weil es neuronale Grundlagen hat…

  3. Zufall oder Suggestion?!

  4. Ich glaube, es ist im weiteren Sinne Übung. Menschen senden ja auch nonverbale Signale aus, und gerade diese teilweise unbewusst/ungesteuert. Wer seine aktuelle Gefühlslage nicht zeigen möchte, hat seine Worte oft im Griff – den Tonfall, die Gestik und Mimik aber schon weniger, und Feinheiten wie Haltung und Blicke meist nicht wirklich.
    Es scheint mir logisch, dass derjenige, der die (gesteuerten) Worte nicht hört, sich auf die übrigen Signale konzentriert und deshalb oft ein feineres Gespür dafür hat, was in einem Menschen vorgeht.

  5. Mila, Zufall oder Einbildung läßt sich nicht ausschließen. Ich kann das ja auch nicht in jedem Falle nachprüfen. Denke aber, es hat, wie die Frau N. sagt, was mit der Aufmerksamkeit für einen anderen Ausschnitt der ganzen Signale zu tun, die man so abgibt.

  6. Wer blind ist, kann nicht besser hören, sondern aufmerksamer. Genauso beschreibt Du auch gerade, dass Du schlecht hörend aufmerksamer siehst. Spannend wäre, ob Du auch aufmerksamer fühlst, also vielleicht in höherer Auflösung oder intensiver. Meiner Beobachtung nach verteilt sich das Bewusstsein dann auf nur noch vier Sinne, die daher logisch intensiver Ausgebaut werden können. So kamm ein blinder durch Übung aus dem Echo selbst erzeugter Clicks ein visuelles Bild im Bewusstsein erschaffen. Spannend wäre auch ob Du oder vielleicht taube, entsprechend mit dem Blick einüben können. Also quasi visuelle Akustik. Oder vielleicht geschärftes peripheres Sehen…? Unabhängig davon darf man auf geschärfte Beobachtungsgabe immer stolz sein. Bringt einen sehr weit.

  7. Kurz, bin noch im Urlaub: Hochinteressant, das Ganze, ja. Und ich finde auch sehr wichtig, solche Dinge hervorzuheben und ggf. auch mal stolz drauf zu sein. : )

  8. In welchem Land, wenn man fragen darf?

  9. tantemädel

    Es ist witzig, dass gerade vor ein paar Tagen eine Bekannte mir sagte, dass es unheimlich mit mir sei. Ich würde Themen ansprechen, die sie gerade bennennen wollte. Ich kam ins grübeln. Da ich ab drei Jahren versorgt wurde und vorher nichts hörte, musste ich mit meinen anderen Sinnen die Welt wahr nehmen und das war nun mal Gestik und Mimik. Dies habe ich anscheinend bei behalten und es einfach mit hören und Mund ablesen ergänzt. Außerdem hat sich mein Blickwinkel erweitert, in dem Sinne, dass ich Bewegungen am Rande meines Gesichtsfeld wahr nehme und registriere. Es is ein wunderbarer Ausgleich. Manchmal werden mir diese Eindrücke, die ich wahr nehme zu viel und unbewusst klinke ich mich aus, indem ich das Sehen ausschalte und nur in einem kleinen Radius wahr nehme und so aus der Situation raus gehe. Ich frage mich, ob ich deswegen es liebe, auch mal ganz allein zu sein, wenn es zu viele Sinneseindrücke gab, so wie der Hörende ab und zu die Stille genießt.

  10. Das kommt mir bekannt vor, ich erlebe es genauso. Ist sicher nicht auf Schwerhörige bzw. Sinneseingeschränkte begrenzt. Aber die Fokussierung begünstigt es, so wie viele ja die Augen schließen, wenn sie genau hören oder fühlen wollen.

  11. tantemädel

    nur die Ohren schließen, das geht nur bei uns und wir können alles schließen, wenn wir wollen…ach nee die Nase nicht…puh, mein Hund hat gerade gepupst 😉

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