Untertitel im TV — Was das Beispiel USA wirklich lehrt

Schwerhörige, Ertaubte und Gehörlose kämpfen schon lange, doch erfolglos: Im deutschen Fernsehen gibt es zu wenig und zu schlechte Untertitel (mehr hier/hier). Ich denke darum, wir sollten die Argumentation ändern — und nicht immer nur Untertitel für Hörbehinderte fordern! Das legt gerade das Beispiel USA nahe.

Die werden oft als Vorbild gelobt. Weil die Möglichkeit zur Einblendung von Untertiteln gesetzlich vorgeschrieben ist, sind für fast jede Sendung Untertitel zuschaltbar — nicht nur für Spielfilme, auch Serien und Live-Sendungen wie Nachrichten, Talk- oder Comedy-Shows. An öffentlichen Orten werden sie oft standardmäßig eingeblendet. In jeder Bar laufen die Fernseher ganz selbstverständlich mit Untertiteln.

Foto: It's always sunny in Philadelphia / screenshot via hulu.com

Sogar im Internet-Fernsehen gibt es Untertitel, obwohl Internetstreaming nicht der gesetzlichen Pflicht unterliegt. (Hier ein Screenshot von It’s always sunny in Philadelphia via hulu. Die ersten beiden Staffeln sind saukomisch, sehr zu empfehlen!)

Paradiesische Zustände also für Schwerhörige. Doch es ist nicht nur Behindertenliebe, die das alles möglich gemacht hat.

Untertitel haben in den USA einen ganz anderen Stellenwert. Sie sind nicht nur für Hörbehinderte, sondern dienen im sprichwörtlichen Schmelztiegel Amerika auch dem Zusammenhalt der Nation, der Masse von Amerikanern und Einwanderern, die nicht so gut Englisch können. Wir reiten da also auch auf einer anderen Welle mit. Mehr Info bei der englischen Wikipedia und der US-Rundfunkbehörde FCC — und beim Magazin The Atlantic gibt’s auch noch einen sehr lesenswerten Text.

Hulu.com ist auch ein gutes Beispiel: Die Bloggerin Jamie Berke berichtete gerade, auch dort habe der Blick auf ganz andere, normalhörende Zielgruppen den Ausschlag gegeben, Untertitel einzuführen: nämlich Menschen, die heimlich bei der Arbeit oder Lebenspartner, die getrennt voneinander Fernsehen schauen wollten. Zumindest erstere Markteinschätzung ist wahrscheinlich gar nicht mal so unrealistisch!

Ich glaube darum: Wir sollten den Nutzen von Untertiteln für andere Zwecke und Zielgruppen als nur Hörbehinderte herausstellen! Denn Untertitel sind nicht nur für die letzteren praktisch. Gut, über Fernsehen am Arbeitsplatz und Eheleute, die auch noch getrennt vor ihren Glotzen versacken kann man geteilter Meinung sein ;-). Aber: Wir sollten auch in Deutschland versuchen, Einwanderer und Leute, die Deutsch lernen wollen, mit ins Boot (oder zumindest die Argumentation) zu holen. Persönlich empfinde ich es auch als sehr angenehm, wenn in Bars oder anderen öffentlichen Orten der Fernseher nicht plärrt, man aber bei Lust oder Bedarf die Nachrichten oder den Kommentar beim Sport mitlesen kann. Wikipedia zitiert übrigens eine britische Studie, nach der von den 7,5 Millionen Untertitelnutzern 6 Millionen keine Hörbehinderung haben.

Untertitel sind nicht nur für Schwerhörige gut. Und das sollte man öffentlich deutlich machen. Oder was meint Ihr? Ich sage: Wider das Schmonzettenabo!

Übrigens, bei Untertiteln im Kino finde ich die Lage in den USA eher schlechter als in Deutschland. Immerhin kommt bald diese kleine Freude ins Kino…

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10 Antworten zu “Untertitel im TV — Was das Beispiel USA wirklich lehrt

  1. Hier in England laufen oft in Cafés, am Bahnhof oder am Flughafen Fernseher mit UT. So können die Leute, die TV schauen wollen schauen und der Rest wird nicht durch den Ton gestört.

  2. Es gibt eine neue Initiative in Dtl. für mehr Untertitel, wenigstens in den Öffentlich-Rechtlichen:
    http://www.untertitel-petition.de/index.php

    Bitte mitmachen und weitersagen!

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  7. Pingback: Dobschat » GEZ: Zahlen für (fast) nichts

  8. Tja, nun ist das Jahr 2014 und Untertitel sind immer noch schlecht. Grad zur WM hab ich sie angemacht, weil mich die Übersetzung der einzelnen Hymnen interessierte und dann vergessen abzuschalten und was ich dann las war erschreckend. Eine so lustlose, wortkarge und einfältige Wiedergabe des gesprochenen… Muss das so? Z.B. damit man leichter folgen kann? Ansonsten fast schon beleidigend, so eintönig war das. Ich war sehr überrascht.

  9. Tja, so ist das. 1:1 Untertitel live gut hinzukriegen ist nicht ganz einfach (technisch gesehen). Das mag etwas damit zu tun haben. Ist aber selbstverständlich keine Entschuldigung.

    Jedenfalls gibt es viele, die diese verkürzende Form von Untertitel diskriminierend finden.

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