Not quite like Beethoven in Amerika: Schwerhörigkeit und die Fremdsprache I

Seit letztem Sommer lebe ich in den USA. Genauer gesagt, in Cambridge, direkt neben Boston (und für mich gefühlt ganz nah bei New York). Die meiste Zeit über bin ich dort an der Harvard University und bastele meine Doktorarbeit zuende. Das Ganze ist zwar diesen Sommer — also bald — schon wieder vorbei. Aber ich will doch noch ein bißchen mehr darüber erzählen. Vor allem natürlich, wie meine Schwerhörigkeit mich dabei beeinflußt und wie ich Probleme bewältigt habe oder auch nicht. So sieht es bei mir aus:

Widener Library, Harvard - Foto: Not quite like Beethoven, all rights reserved

Ich beginne mal beim wohl Auffälligsten, Schwerhörigkeit und die Fremdsprache: Wie ist das und wie komme ich damit klar?

Zuerst mal. Ich kann sehr gut Englisch. Geschrieben und schreibend habe ich also gar keine Probleme. Sprechen geht auch, obwohl mir mittlerweile häufiger als früher falsche oder eigenartige Betonungen unterlaufen. Habe ich zumindest das Gefühl. Genau weiß ich es nicht, ich habe ja keinen Vergleich.

Das heißt, ich komme mit Fremdsprachen in vielfacher Hinsicht genauso klar wie mit Deutsch auch: Mit wo immer es geht — und vor allem wo es um was geht, beruflich, beim Verabreden oder Termine ausmachen — auf Schriftlichkeit ausweichen.

Ansonsten zehre ich von meinem in guten Zeiten angefressenen Sprachspeck: Ich hatte das große Glück, schon immer viel mit Fremdsprachen zu tun zu haben. Als Baby redete meine Mutter mit mir Französisch. Daran kann ich mich zwar nicht erinnern, ich bin aber sicher, das hilft mir heute. Als nur leicht schwerhöriges Kleinkind ging ich eine zeitlang zu einem französischsprachigen– ja was eigentlich? Spiel- und Singkurs nennt man sowas, glaube ich. Als Kind und Jugendlicher wollte ich dann vor allem Englisch lernen und das habe ich ausgiebig getan, solange ich noch nur mittelgradig schwerhörig war. Französisch wurde in der Schule meine zweite Fremdsprache. Und zu Studienbeginn musste unbedingt noch Spanisch dazu. Ich liebte es, fremde Sprachen um mich zu haben und fremde Worte aus meinem Mund kommen zu hören.

Dabei lernte ich schnell, dass ich für mich selber lernen — und immer was geschrieben sehen — musste: Ich habe in der fünften Klasse bestimmt zwei Monate „Yes, I läm“ gesagt, weil das war, das ich verstanden hatte. Und niemand hat mich korrigiert. Als ich selbst zufällig beim Lesen darauf stieß, war mir das sehr peinlich. Das ist mir nie wieder passiert — ich habe immer viel gelesen. Und vor allem die Texte der Lieder, die ich hörte, immer mitgelesen. Das hat mir unheimlich viel gebracht. Ich kann heute noch mehr Lieder von Queen auswendig als deutsche Volkslieder. Und ich hörte zwar schlecht, dafür aber immer umso genauer hin. Ich wollte unbedingt den nativen Tonfall hinkriegen. Deutscher Akzent war mir ein Graus.

Was Menschen zu mir sagten, habe ich damals mit ein bißchen gutem Willen und Wiederholen eigentlich alles verstanden. Nur Aufgezeichnetes und Fernsehsendungen, beliebtes Hilfsmittel im Sprachunterricht, waren für mich nichts. Zum Glück hatte ich immer hilfsbereite Lehrer. Wenn bei Prüfungen Sprachverstehen aus dem Lautsprecher drankam, habe ich vorher mit ihnen gesprochen. Und dann entweder den Text vorgelesen oder gleich zum Selbstlesen bekommen.

Jetzt allerdings bin ich ja fast vollständig ertaubt. Dass mein Hörvermögen schlechter wurde, habe ich beim Englischen vor allem daran schnell gemerkt, dass ich britisches Englisch kaum noch verstehen konnte. (Ich habe eigentlich immer amerikanische Lehrer gehabt und auch schonmal eine Zeitlang in den USA gelebt.) Von anderen starken Akzenten auf Englisch ganz zu schweigen. Asiatisch oder romanisch gefärbte Aussprache? Um Gottes Willlen, NICHTS versteh ich da!  Als ich einmal mit einem Italiener zusammenwohnte, habe ich dessen Freunden gegenüber schnell behauptet, ich könnte gar kein Englisch. Radebrechen auf Spanisch war mir lieber als ein englischer Wortteppich, nur notdürftig über italienische Melodie und Intonation gelegt. Ich höre halt zu wenig und verstehe darum nur das gut, was ich kenne, sprich: Ich verstehe auch die Fremdsprache nicht anders als Deusch. Nicht, was gesagt wird, sondern was mein Gedächtnis mit dem Lückentext anfangen kann.

Wie es war, in diesem Zustand ins Ausland arbeiten zu gehen lest Ihr in Teil 2, über Sprachtests und Visa-Interviews!

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5 Antworten zu “Not quite like Beethoven in Amerika: Schwerhörigkeit und die Fremdsprache I

  1. Alles Gute! :o) (daumendrück)

  2. Dann sollst du deine Sprachen aber gut pflegen, denn eine neue zu lernen, wird wohl schwierig, oder? — Wie würde das denn gehen können?

  3. Pingback: Not quite like Beethoven in Amerika: Als Schwerhöriger Sprachtests meistern – und Visabeamte nerven « Not quite like Beethoven

  4. Passt nicht ganz in den Beitrag aber darf man mal nach Studiengang und Thema der Doktorarbeit fragen?

  5. Pingback: Eine Art Fegefeuer — Schwerhörigkeit und die Fremdsprache VI | Not quite like Beethoven

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