„Die eigenen Gedanken können sehr laut werden in der Stille“ — Enno Park über Leben und Arbeiten als fast ganz Ertaubter

Für mich eine der tollsten Seiten am Bloggen ist, dass man sehr schnell auf interessante Leute stößt. Und manchmal stellt sich dann heraus, dass man mehr gemeinsam hat als man gedacht hätte. Ertaubung zum Beispiel.

Foto: Enno Park

Enno Park ist ein Blogveteran, er hat schon gebloggt, bevor er wußte, dass man das so nennt: Vor 10 Jahren hat er angefangen, online Filmkritiken zu veröffentlichen, dabei die aktuellste immer zuoberst. Kostproben gibts bei filmstarts und filmfacts.  Jetzt schreibt er seit etwa fünf Jahren unter die ennomane, vor kurzem hat er dort auch eine Rubrik für Hörthemen begonnen: Krachstille. Meist aber ging es ihm in letzter Zeit um politische Dinge, zum Beispiel über die Europawahl.

Für Not quite like Beethoven spricht Enno Park über seine Ertaubung als Teenager und das Durchbeißen in Studium und Arbeit mit einer unsichtbaren Behinderung.  Außerdem über den Sinn von Bloggen und Twittern für Hörbehinderte und den Nutzen der Schwerhörigkeit. Nach dem Klick!

Bitte beschreibe mir kurz wie Du hörst.

Ich bin an Taubheit grenzend schwerhörig. Das heißt, ohne Hörgeräte nehme ich nur extrem laute Geräusche wahr. In der Disco ist das ein eher leises Wummern. Ein erster, leichter Hörschaden wurde mit 10 Jahren festgestellt, es folgten eine Odyssee von Arzt zu Arzt mit schleichender Verschlechterung und immer stärkeren Hörgeräten. Bis ich mit 16 wegen des Verdachts einer Autoimmunreaktion (könnte man vereinfacht Innenohr-Rheuma nennen) mit einer massiven Dosis Kortison behandelt wurde. Seitdem ist mein Gehör stabil. Das war quasi 5 vor 12.

Du sagst selbst, Du kommst mit Hörgeräten so gut zurecht, dass viele Leute nichts von Deiner Schwerhörigkeit bemerken. Gilt für Dich je unsichtbarer die Hörbehinderung desto besser?

Nein, gar nicht. Sobald ich in akustisch schwierige Situationen gerate, reagiere ich scheinbar seltsam. Die Leute verstehen nicht, dass ich sie nicht verstehe. Intuitiv zeige ich dann einfach aufs Hörgerät. Dann erwarten die Leute gar nicht erst, dass ich normal höre. Trotzdem muss ich ihnen immer langwierig erklären, dass sie mich nicht anschreien oder mir nicht ins Ohr reden sollen. Das Leben ist definitiv einfacher, wenn man die Hörgeräte nicht versteckt.

Heute bist Du selbständiger Mediengestalter, Texter und Software-Entwickler. Hat die Schwerhörigkeit Deine Studien- und Berufswahl beeinflusst?

Und ob. Zunächst einmal war die Schule gegen Ende so anstrengend, dass ich überhaupt keine Lust hatte, zu studieren. Also habe ich mir nach dem Abi an der Regelschule etwas akustisch unanstrengendes gesucht: Mediengestalter. Später habe ich privat und im Rahmen meines Jobs programmieren gelernt. Der Job ist hervorragend für Gehörlose geeignet. 2003 habe ich dann doch noch ein Studium der Wirtschaftsinformatik begonnen. Die ersten Semester gingen total in die Hose, bis mir die Stadt Lüneburg und die Arbeitsagentur eine Hörhilfe mit Mikro für die Dozenten spendierten. Mein Gewerbe ist nur als Nebengewerbe angemeldet, da schließlich auch ein Student von irgendwas leben muss und dies die flexibelste Möglichkeit ist. Ich habe mir eine fast perfekte, telefonfreie Nische geschaffen. Bis zum Herbst 2009 arbeite ich an  meiner Diplomarbeit, dann muss ich mich entscheiden, ob ich weiterhin  selbstständig bleibe.

Auf Deiner geschäftlichen Homepage weist Du direkt und ziemlich locker auf Deine Schwerhörigkeit hin und bittest die potentiellen Kunden, mit Dir per Email Kontakt aufzunehmen. War es schwer für dich, das so offen hinzuschreiben? Welche Resonanz, wenn überhaupt welche, bekommst Du auf diesen Hinweis?

Nein, das war überhaupt nicht schwer. Ich habe von Anfang an niemals ein Geheimnis draus gemacht. Ein potentieller Kunde weiß sofort, woran er ist. Ich hatte bisher nur einen Interessenten, der mich ablehnte, weil es ihm persönlich wichtig war, mit seinem Auftragnehmer telefonieren zu können. Das ist natürlich legitim, aber der Mann wäre damit bei mir nicht gut aufgehoben gewesen. Mich stressen Telefonate sehr. Und ich muss mehrere Geräte zusammenstöpseln, um leidlich telefonieren zu können. Selbst dann verstehe ich oft nur die Hälfte. Meiner Erfahrung nach hat die Kommmunikation per Mail sowieso nur Vorteile: Alles ist schriftlich fixiert und man wird nicht permanent während der Arbeit vom Telefon abgelenkt. ch vereinbare lieber regelmäßige  Treffen. In normalen Meetings und Besprechungen hat es noch nie Probleme gegeben.

In Deinem Blog hast Du kürzlich gefordert, Blogger und Twitterer sollten endlich aufhören sich um sich selbst zu drehen. Sie sollten raus zu den Leuten, Begegnungen herbeiführen, gleichsam mit dem Netz Nachbarschafts- und Sozialarbeit leisten. Was kann man mit Bloggen und Twittern für Hörbehinderte erreichen?

Akzeptanz schaffen. Wir Hörgeschädigte haben per Blog die Möglichkeit, uns frei zu artikulieren. Das hat schon mit Webseiten wie dem Taubenschlag angefangen. Im Web kann ich meine Schwerhörigkeit hinter mir lassen. (Ganz stimmt das nicht: Ich ignoriere Podcasts.) In Kneipen, auf Versammlungen und überhaupt an öffentlichen Orten war echte Teilnahme kaum möglich. Als ich letztes Jahr in Berlin auf der Demo gegen die Vorratsdatenspeicherung war, sind von dem, was da über die Lautsprecher ging, nur Wortfetzen bei mir angekommen. Das Web bietet Schwerhörigen nicht nur die Möglichkeit, ohne Grenzen mitzumischen, sondern auch ihre Sicht außerhalb eines „Gehörlosen-Ghettos“ zu artikulieren.

Was ich mir für die Zukunft aber Wünsche, wäre politischer Druck. Die öffentlich-rechtlichen Sender sollen bitte künftig ausnahmslos alle Sendungen mit Videotext-Untertiteln versehen. Die Hörgeräte-Finanzierung seitens der Krankenkassen ist katatstrophal und nicht jeder kann alle paar Jahre mal eben 4000 Euro zuzahlen. Der bürokratische Aufwand, Hörgeräte oder gar eine Hörhilfe fürs Studium (mal eben 2000 EUR) über einen anderen Träger finanziert zu bekommen, ist ein 12-monatiger, kafkaesker Papierkrieg.

Ich habe persönlich das Gefühl, dass der Staat hier versucht zu sparen, indem er all diejenigen abschreckt, die da nicht mehr durchsteigen. (Gleichzeitig muss ich eine Lanze brechen für die Sachbearbeiter, die wirklich aufgeschlossen waren und helfen wollten. Es ist nicht ihre Schuld.) Schwerhörige haben keine Lobby und können sich oft nicht so gut wehren. Das könnte sich durch das Web erstmals ändern.

Und zum Schluss: Hat Dir Deine Schwerhörigkeit eigentlich auch ewas gebracht?

Wenn man so ungefähr bis 14 mehr oder weniger normal hört, bedeuten Schwerhörigkeit und Hörgeräte zunächst einmal Einschränkung. Behinderung in dem Wortsinn, dass man an bestimmten Dingen gehindert ist, diese erste Phase der Minderwertigkeitskomplexe (besonders amüsant in Verbindung mit der Pubertät), entzündete Gehörgänge, Kosten, Arzttermine, überhörte Wecker, missratene Flirts, Akustiker, die um 18 Uhr schließen. Warum gibt es Hörgerätebatterien immer noch nicht an Tankstellen oder in Automaten?

Die positive Seite: Man muss nicht zur Bundeswehr 😉 Im Ernst: Der Sehsinn schärft sich. Ich nehme oft Dinge war, die andere Leute nicht bemerken. Ich kann sehr gut Körpersprache – oder wie Du es in Deinem Blog beschreibst – Menschen lesen. Die negative Reaktion mancher Leute auf meine Behinderung hilft mir, sie auf meine persönliche Idioten-Liste zu setzen, bevor ich anderweitig schlechte Erfahrungen mit ihnen sammeln muss. Lippenlesen kann manchmal spaßig sein, funktioniert aber nie so perfekt, wie Hörende sich das vorstellen. Das wichtigste ist aber: Dieser herrliche, bisweilen meditative Zustand der absoluten Stille, den ich durch simples Ausknipsen herbeiführen kann. Das ist ungemein entspannend und hilft enorm, sich z.B. ohne Ablenkung auf die Arbeit zu konzentrieren. Die eigenen Gedanken können sehr laut werden in so einer Stille.

Danke, Enno, dass Du dir Zeit für meine Fragen genommen hast!

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4 Antworten zu “„Die eigenen Gedanken können sehr laut werden in der Stille“ — Enno Park über Leben und Arbeiten als fast ganz Ertaubter

  1. Pingback: die ennomane » Blog Archive » Schlecht hören im Job

  2. Pingback: “Die eigenen Gedanken können sehr laut werden in der Stille” | Enno Park

  3. „Die eigenen Gedanken können sehr laut werden in der Stille“ das ist sehr treffend ausgedrückt. Deshalb haben mir die Zeiten ohne Hörgerät ,zum Beispiel zuhause, sehr selten angst gemacht. Angst bekomme ich nur , wenn ich ein sehr lautes Geräusch nicht zuordnen kann.
    Seltsamerweise habe ich mich in jungen Jahren selten sehr bewusst mit meiner Schwerhörigkeit auseinander gesetzt. Ich war allerdings froh, dass ich Gebärdensprache lernen konnte, die ich als Unterstützung erlebe.
    Dann ist ein Gespräch oder Vortrag nicht ganz so anstrengend. Oder man hat Gelegenheit, die Hilfe eines Schriftdolmetschers zu bekommen, dann ist es auch leichter, einem Vortrag zu folgen.
    Froh und dankbar bin ich übrigens auch, dass viele Kirchengemeinden mittlerweile auch bemüht sind, schwerhörig gewordenen Gemeindegliedern zu helfen, damit sie im Gottesdienst mithalten können. Oft werden Texte,Gebete oder Liednummern mit Hilfe von Beamern an eine Leinwand projiziert.
    Inzwischen steht endlich mal wieder der Antrag auf ein neues Hörgerät an.
    Bin gespannt, ob mir ein zuzahlungsfreies Gerät genügen wird.
    Grüssele Dorena

  4. Ja, das mit den Kirchengemeinden ist wirklich auffällig. Eine gute Sache!

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