Not quite like Beethoven in Amerika: Als Schwerhöriger Sprachtests meistern – und Visabeamte nerven

So ist also die Lage bei mir: Englisch im Prinzip gut — aber alles was mündlich abläuft, ist für mich schwer bis oft genug unmöglich. Ist auf Deutsch nicht anders, aber die Fremdsprache gibt mir in schwierigen Situationen den Rest. Wie ist es, in diesem Zustand für ein Jahr zum Arbeiten in die USA zu gehen? Schwerhörigkeit und die Fremdsprache, Teil 2.

Es fing schon mit wahnsinniger Anspannung an: Für die Finanzierung musste ich einen Sprachtest machen. Und fürs Visum zum persönlichen Interview in die Botschaft. Nun, eigentlich weiß ich ja, dass nichts zu befürchten habe. Hab nix gemacht. Und Englisch kann ich. Half aber nichts: Was ging mir das Herz in die Hose! Ich hatte solche Angst vor diesen Gesprächen. Und meine letzte Sprachprüfung war schon lange her. Damals hatte ich noch fast doppelt so gut gehört wie jetzt.

Schweißausbrüche also, vor der Prüfung beim Warten draußen auf dem Gang. Ging dann aber sehr gut. Denn Hörverstehen wurde in einer Weise geprüft, die mir sehr entgegenkam.

Ich sollte zuerst einen kurzen Text schreiben, warum ich ins Ausland, warum in die USA und warum nach Harvard will und was ich dort zu tun gedenke. Nach einem kurzen Smalltalk-Teil wurde dann darüber gesprochen. Und das fiel mir wiederum leicht. Denn das Gespräch kreiste um erwartbare und darum recht leicht verstehbare Themen. Erst: das Wetter, wer bin ich, was mache ich so etc. Dann um solche, die ich selber gerade hingeschrieben hatte.

Klar, die genauen Fragen musste ich schon verstehen, doch das fällt unter diesen Umständen relativ einfach. Und wo es doch nicht geklappt hatte, half mir die andere Strategie, die jeder Schwerhörige kennen sollte: Nachfragen, aber nicht mit „was?“, sondern indem man das eigene Verstehen oder die eigene Vermutung artikuliert: „Sie möchten wissen, warum dies und nicht jenes?“ „Was daran wichtig ist?“ „Ob ich das und das tue?“

Es lief so gut, ich habe den ganzen Rest des Tages geglüht vor Stolz.

Als praktischen Tipp für Schwerhörige kann man also sagen: Versucht darauf hinzuwirken, dass bei Prüfungen des Hörverstehens entweder über alltägliche Dinge gesprochen wird, oder über Bereiche, in denen Ihr Euch auskennt. Normalerweise dürfte sowas machbar sein. Entweder die Prüfung ist sowieso schon so aufgebaut (Vorher nachfragen wie die Verbindung zwischen schriftlicher und mündlicher Prüfung ist!), oder vorher den Kontakt zum Prüfer suchen.

Dann das Vorsprechen bei der US-Botschaft. Auch dort, Warten mit schweißnassen Handflächen. Und nicht mal meine Hose konnte mein Herz halten, als sich herausstellte, dass das Interview nicht im Büro eines Mitarbeiters stattfand. Es hätte auch ein gut gefülltes Postamt sein können — Geschnatter im ganzen Raum, von Wartenden und den etwa zehn Menschen, die an den Schaltern vor der Glasscheibe standen. Und von den blökenden Lautsprechern, aus denen die Stimmen der Botschaftsmitarbeiter zu ihnen drangen. Oh Mann!

Ich habe dann auch so gut wie nichts ohne vier- bis fünfmal nachfragen verstanden. Hätte währenddessen bestimmt drei frische Hemden anziehen können. Mein Visum habe ich trotzdem bekommen. Und ich glaube, das hatte was damit zu tun, dass es dem Interviewer schnell zu mühsam war. Schließlich warteten noch bestimmt 50 andere. Nach drei allgemeinen Fragen (der Art „Wo wollen Sie in den USA hin?“!)  bedankte er sich („Thank you, thank you, that’s enough. It’s enough!“) und verabschiedete mich. Dazu, über eventuelle Finanzierungslücken zu reden, kam es gar nicht.

Wer hätte gedacht, wozu Nichtverstehen so alles gut ist. Nur als Strategie kann ich das glaub ich nicht empfehlen…

In Teil 3 von „Schwerhörigkeit und die Fremdsprache“: Kann man als Ertaubter eine neue Sprache lernen?

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6 Antworten zu “Not quite like Beethoven in Amerika: Als Schwerhöriger Sprachtests meistern – und Visabeamte nerven

  1. Wussten denn die Prüfer / der Botschaftsmitarbeiter, dass Du schwerhörig bist?

  2. Ja. Allerdings habe ich das erst während der Gespräche erwähnt. Ich mache das meistens so: Nicht ankündigen, aber beim ersten Mal Nichtverstehen sagen und dabei aufs Hörgerät zeigen. Hat sich als praktikabelste Lösung erwiesen.

  3. Danke für diesen Post. Macht ungemein Mut! Habe exakt denselben Bammel vor solchen Situationen. (Und bisher auf fast genau die gleichen Erfahrungen gemacht. Vor allem, dass man „zu mühsam“ wird, ist gelegentlich ganz hilfreich…)

  4. Oh! Da bin ich ja schnell noch mal retroaktiv stolz auf dich. 🙂

    Uebrigens haben alle meine New Yorker BBQ-Gäste betont, wie toll sie dich fanden. Und ich glaube, dass hatte etwas damit zu tun, dass man sich mit dir eben doch total prima unterhalten kann.

  5. Enno, ich freue mich über jeden, dem das Mut macht. Ich würde auch immer zu Auslandsaufenthalten raten statt dagegen.

    Quatsch, Berlinessa, das waren natürlich meine looks 😉

  6. Pingback: Eine Art Fegefeuer — Schwerhörigkeit und die Fremdsprache VI | Not quite like Beethoven

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