Not quite like Beethoven in Amerika: Wie ist es denn da so?

Was mein Leben in Harvard angeht, habe ich bisher nur etwas über Schwerhörigkeit und die Fremdsprache geschrieben. Weil heute Sonntag ist, hier mal ein bißchen was anderes — ein Auszug aus einem Brief, den ich kurz nach meiner Ankunft letzten September geschrieben habe. Über meinen Wohnort Boston Cambridge, Harvard und wie es ist, hier zu leben:

Harvard Square, Foto: Not quite like Beethoven, all rights reserved

Ich bin hier ganz ohne Karte oder Reiseführer angekommen. Also musste ich mich als erstes mit so was versorgen. Nach einigem Überlegen habe ich mich schließlich nicht für einen Reise-, sondern für einen Wohn- und Lebeführer entschieden: „The Harvard Unofficial Guide“  Ein Büchlein von Studenten, das ist bestimmt interessanter als so ein Reiseführer, dachte ich. Ziemlich am Anfang steht folgende Zeile, die mich sehr getroffen hat. “You told everyone you were going to college in Boston. Well, you lied. You go to school in Cambridge, and that school is called Harvard, you evasive wimp.“ Tja, dachte ich. Wo er recht hat, hat er recht, der „Guide“. Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen: Ich wollte halt nicht immer gleich Harvard sagen. Ich finde, das klingt so angeberisch – und ich dachte, Cambridge sei ein Stadtteil von Boston. Ist es aber nicht. Cambridge hat etwas über 100.000 Einwohner, es ist die fünftgrößte Stadt in Massachusetts.

Also okay, Cambridge ist sein eigenes Städtchen, von Boston durch den Charles River getrennt. Wie mir nach der ersten Woche scheinen will, ist es ein ganz netter Ort zum Leben. Gefällt mir gut. Viele Cafes, Bars und Restaurants. 40% der Einwohner sind übrigens zwischen 18 und 29. Ich glaube das schafft nicht mal Friedrichshain. Viele schöne Frauen – mit, nebenbei, doch im Durchschnitt erheblich mehr Oberweite als in ’schland. Oft schön anzusehen, aber ein Schelm, wer dabei push-up denkt. Oder gar Handgreiflicheres. Oder liegt es doch an der Diät?

Naja, egal. Das Ganze ist eine für mich eigenartige Mischung aus Stadt und Dorf. Bei aller Amerikanischheit wirkt es teilweise doch geradezu europäisch. Sowas bin ich aus USA gar nicht gewohnt: Die Leute gehen tatsächlich zu Fuß – und sogar Fahrräder gibt es. Allerdings merkt man an diesen beiden Sorten Verkehrsteilnehmern dann doch wieder, dass dies die Staaten sind. Die passen hier nämlich einfach nicht ins System. Man könnte sagen: Netter Versuch!

Zum Beispiel haben die Autos in den USA die Eigenheit, dass sie an einer roten Ampel nie vor der Linie halten, sondern immer schon halb in der Kreuzung stehen. Dieses Problem ist ja in Deutschland völlig unbekannt, was aber, glaube ich, auch nur daran liegt, dass bei uns die Ampeln fast immer auf derselben Seite stehen auf der man hält. In den Staaten stehen sie grundsätzlich auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung. Würde man bei uns so amimäßig über die Linie ziehen, könnte man die man die Ampel gar nicht mehr im Blick behalten. Und das geht ja nun gar nicht, schließlich muss gleich bei Gelb losgefahren werden. Das Problem haben wir also nicht. Wir sind schon schlau, was?

Harvard Square, Foto: Not quite like Beethoven, all rights reserved

Jedenfalls – genauso benehmen sich die Autos wenn da ein Fußgänger steht, der über die Straße will. Der Effekt: Man steht so an der Ampel, es wird grün und man hat eine Motorhaube oder sogar eine Beifahrertür vor sich. Besonders absurd wird das Ganze, wenn ein Autofahrer, was nicht selten vorkommt, nett sein will und extra stoppt, um einen rüberzulassen. Dann machen sie das nämlich oft ganz genauso. Als Fußgänger steht man so da, sieht ein Auto kommen und denkt sich: Ich warte mal bis das vorbei ist. Es stoppt aber genau vor der eigenen Nase – und der Fahrer schaut einen durch das Beifahrerfenster erwartungsvoll an.  Und was Fahrräder angeht: In Cambridge gibt es zwar hier und da Fahrradwege, doch das sind einfach auf die Straße gemalte Linien. Die meisten Autofahrer denken anscheinend, das sind Taxispuren. Und verhalten sich entsprechend, wenn kein Taxi zu sehen ist.

Worauf mein „Harvard Guide“ mit seiner Publikumsbeschimpfung hinauswollte, war jedoch etwas anderes: Nämlich die Harvard-Blase. Das ist das dem Berliner nicht ganz unbekannte Phänomen, dass man sich in der näheren Umgebung einigelt, in der es alles gibt was man so braucht. Mit der Folge, dass man so gut wie nie mehr rauskommt. Um den Harvard Square herum sieht man es den Leuten auf der Straße an, selbst wenn sie nicht den offiziellen Schriftzug oder das offizielle Crimson-Rot tragen. Dieser Teil von Cambridge ist wie Universitätsstädtchen in Deutschland halt auch. Übrigens gibt es hier ja nicht nur Harvard, sondern auch noch das MIT und im Umkreis von fünf Meilen noch fünf weitere, auch nicht schlecht renommierte Unis. Ich jedenfalls scheine in diese Umgebung zu passen – obwohl ich keine Ahnung von gar nichts hatte wurde ich in den ersten Tagen ungefähr alle fünf Minuten nach dem Weg gefragt. Könnte allerdings auch daran gelegen haben, dass an dem Wochenende besonders viele planlose Leute unterwegs waren, nämlich all die Freshmen, die frischen Erstsemester, die meist von ihren vor Stolz platzenden Eltern hergebracht wurden, um ihr Studium zu beginnen.

Dass es die Harvard-Blase tatsächlich gibt und wie machtvoll sie ist, wurde mir am dritten Tag klar. Denn da bin ich mal kurz nach Boston reingefahren – und obwohl ich ja kaum angekommen war, hab ich den Unterschied gleich bemerkt. Die Leute sind anders angezogen, sie laufen schneller, auf mich wirkt es normaler. Es war – schon nach drei Tagen! – auch irgendwie eine erleichternde Erfahrung. Mal sehen wie sich das weiter entwickelt, wenn ich viel arbeiten muss, werde ich vermutlich auch eher in der Blase leben.

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