Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #2: Offen sein, es nicht alleine versuchen, Initiative ergreifen

Ich glaube,  der folgenreichste Irrtum über Schwerhörigkeit/Taubheit ist, dass sie nur einen alleine betrifft. Hab ich früher selber mal gedacht, stimmt aber nicht. Hörbehinderung betrifft die Kommunikation. Und damit immer auch andere. Egal ob in der Familie, unter Freunden — oder im Job unter Normalhörenden.

Darum ist dies ein ganz, ganz grundsätzlicher Tipp: Von Anfang an offen sein, es nicht alleine versuchen und die Initiative ergreifen! Selbst habe ich mich damit lange sehr schwer getan. Zum Teil weil ich mir selbst, dem Chef und den Kollegen nicht eingestehen wollte, dass ich bei bestimmten Dingen (wo es um Kommunikation geht) möglicherweise Probleme habe. Und weil ich niemandem zur Last fallen und die Abläufe stören wollte. Ich dachte, da gibt’s nur Ärger, wenn ich das mache. Aber ich habe viel Lehrgeld bezahlt. Denn wenn es Probleme gibt, sind auch andere davon betroffen. Und wenn es schnell gehen muss, ist keine Zeit mehr.

Außerdem habe ich festgestellt: Es kommt viel souveräner rüber, einfach zu sagen: „Hier könnte es Probleme geben. Aber das macht nichts, denn so und so können wir sie meistern.“

Also als erstes: Vorab mit allen wichtigen Personen sprechen — Chefs, Teamkollegen, Untergebene und andere wichtige Ansprechpartner wie z.B. in der Reiseabteilung. Es reicht nicht, dass sie über die Hörbehinderung Bescheid wissen. Denn kaum einer weiß, was das konkret bedeutet und wie sie damit umgehen sollen. Wie man mit Schwerhörigen und Tauben am besten spricht und was sie für Bedürfnisse haben. Das muss man ihnen erklären. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die allermeisten Leute sehr hilfsbereit sind — wenn man ihnen nur klar sagen kann, wie sie das sein können. Und der Ton macht selbstverständlich die Musik.

Wichtig ist auch, über gute Kommunikationswege für Routineaufgaben und erwartbare Szenarien zu sprechen. Was gibt es im Unternehmen sonst für Möglichkeiten, schwierige Situationen schriftliche Kommunikation oder persönliche Gespräche in ruhiger Umgebung zu zu ersetzen? Wie erreichen Euch die Abteilungen, wenn mal Not am Mann ist und es dringende Rückfragen gibt? Was kann alles per Email erledigt werden? Macht es Sinn, für bestimmte Dinge SMS zu nutzen? Wofür sollte oder man sich persönlich treffen? Kann man Chat-Programme einsetzen? Wäre Twitter eine Alternative? Insbesondere die IT-Abteilung ist da Ansprechpartner, es gibt mehr elektronische Hilfen zur betriebsinternen Zusammenarbeit und Kommunikation als manches Unternehmen denken könnte (eine einführende Übersicht hab ich z.B. hier gefunden). Über solche Dinge sollte man sich natürlich vorher selbst Gedanken gemacht haben. Und wenn man dabei konkrete Vorschläge machen kann, wie Arbeitsabläufe verbessert werden könnten — um so besser für alle.

Weil der Tipp so grundsätzlich ist, fällt es mir schwer hier konkreter zu werden. Aber über Kommentare und Nachfragen freue ich mich – und antworte gern. In den folgenden Tipps werden dann einige wiederkehrende Szenarien angesprochen. Als Nächstes: Bewerbungsgespräche.

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9 Antworten zu “Taub im Job, trotzdem erfolgreich, Tipp #2: Offen sein, es nicht alleine versuchen, Initiative ergreifen

  1. …wo doch bald 4th of July ist, hier mal eine – wie ich fand – ganz schlaue und sogar lustige Fußnote, frei nach not-quite-like-Beethoven zum Thema “Hier (gibt) es Probleme (…). Aber das macht nichts, denn so und so könn(t)en wir sie meistern”:

    http://www.nytimes-se.com/

    😉

    Siehe auch: http://gawker.com/5084164/fake-new-york-times-declares-iraq-war-over-heres-who-did-it

  2. Leichter gesagt als getan

  3. Das ist es allerdings. Hat ja auch keiner gesagt, dass es ein Honigschlecken ist. Aber es lohnt sich…

  4. da ich ja ’nur‘ einseitig [, da aber] ertaubt bin, fragen mich mittlerweile kollegen, auf welche seite sie sich setzen sollen, damit ich gut verstehen kann :). du hast völlig recht, es kommt [fast] nur auf das ’sich trauen, darüber zu sprechen‘ an!

  5. Gefährlich. Wenn erstmal bekannt ist, mit welchem Ohr Du nix hörst weiß gleich jeder, den Du auf die Seite setzt, was Du von seinen Beiträgen hältst 🙂

  6. theoretisch schon :). praktisch aber verwechseln selbst meine eltern [!] das manchmal, so daß es leider so ist, daß nur schätzungsweise drei fünf leute aus meinem freundes-/bekannten-/kollegenkreis aktiv darauf achten, links von mir zu bleiben…

  7. Na, alles hat seine vor und Nachteile…

  8. Passt vielleicht nicht ganz, aber ich schreib’s dennoch hier hin:

    Als ich schwanger war, hatte ich bei der Arbeit ständig Rückenschmerzen. Bei uns gibt es trotz Vorschrift keinen Ruheraum. Obwohl ich im öffentlichen Dienst arbeite. Es gibt aber ein winziges Duschbad, das vor allem als Lagerraum dient. Da habe ich mich, wenn ich’s nicht mehr aushielt, auf dem Boden ausgestreckt.

    Ich habe niemandem von meinen heimlichen Pausen auf dem Fliesenboden erzählt. Weder meinem Mann, der Gleichstellungsbeauftragten noch meinen Kollegen.

    Ich wollte nicht, dass irgendjemand denkt, ich sei nicht mehr so leistungsfähig. Ich wollte insgesamt nicht, dass jemand denkt, etwas sei anders mit mir.

    Das Gefühl, unzulänglich zu sein, nahm mir die Stimme.

    Die werten Leser, die ihr ganzes Leben mit einer Behinderung unterwegs sind, werden jetzt wohl nicht in Mitleid zerfließen. Eine Schwangerschaft geht vorbei und ist eigentlich etwas, worüber man sich freut. Ich finde es erstaunlich, dass es so schwer ist, dazu zu stehen, was mit einem los ist. Gerade in einem Zusammenhang, in dem Berührungsängste oder die Befürchtung, abgewiesen zu werden oder auf kein Verständnis zu stoßen, nicht gegeben sind.

  9. Ich hoffe, es war wenigstens ein heimeliger Fliesenboden.
    In Arbeitszusammenhängen ist es, finde ich, leider so, dass es oft genug noch einen Idioten oder mehrere gibt, die einem aus sowas einen Strick drehen. Klar, man braucht das eigentlich nicht zu fürchten, kann sich dagegen zur Wehr und durchsetzen oder sogar gehen. Aber will man sich die Mühe machen? Manchmal will man auch nicht alles erklären gegenüber jedem. Und es fängt ja ganz klein an: Berufskleidung und Schminke, all das ist ja auch schon dazu da, die eigene Person abzuschirmen und das kann schon entlasten.

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