Macht starke Schwerhörigkeit spießig?

Früher bin ich mal alleine durch den Libanon und Syrien gereist, wußte mittags nicht wo ich abends schlafen würde. Ich fand das toll. Und ich hatte Vertrauen in mich, obwohl ich damals schon ziemlich schlecht hörte. Alles war recht schwer, aber es ging noch. Ich glaube heute würde ich mir das nicht mehr zutrauen. Oder sagen wir besser: Ich würde mir nicht zutrauen, dabei Spaß zu haben. Dabei geht es noch nicht mal um so Dinge wie zufällig Leute kennenlernen. Das ist mir selbst zuhaus schon sehr lange nicht mehr passiert – einfach weil ich nicht mehr einfach so mit fremden Menschen reden kann.  Hahaha, ängstliche Eltern hätten ihre Freude an mir als Kind! Nein, es geht um das Reisen selber das schwierig wird, um das sich Zurechtfinden und Zurechtkommen und -gehen wenn man nicht weiß wie, wo und was läuft.

Auf diese Weise macht mich die Ertaubung vom Lebenswandel her, wie soll ich sagen? Brav? Langweilig? Spießig gar? So nennt man doch glaube ich Personen, die sich durch Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung und ein starkes Bedürfnis nach sozialer Sicherheit hervortun.

Jedenfalls fühle ich mich inzwischen oft nur dann wirklich wohl, wenn ich genau weiß wie die Dinge um mich herum laufen. Wenn alle Abläufe vertraut sind. Wenn ich weiß, dass wenn ich einen mittelgroßen Cappuccino bestelle, die erste Frage lautet: Für hier oder zum mitnehmen? Die zweite: Welche Sorte Milch? Und die dritte: Wie heißt Du? (Nicht dass ich was dagegen hätte. Aber leider will die wunderhübsche Frau hinter dem Tresen hier das nur wissen, damit man mich ausrufen kann, wenn mein Kaffee gleich fertig ist.)

Was hat mich das an Aufregung und peinliche Momente gekostet bis ich diese Reihenfolge raus und mir gemerkt hatte. Weil ich die Fragen mal wieder nicht verstanden hatte. Ja weil ich einfach nicht darauf kam, was man mich noch fragen könnte, nachdem ich schon gesagt hatte was ich will und dass ich meinen Kaffee hier trinken würde.

Aber da gibt’s hier in Amiland sowieso soviele Wahlmöglichkeiten, die sie einen da fragen, wenn man was bestellt: Milch vollfett, 2%, mager oder halb und halb? Steak rare, medium rare, medium oder well done? Brot zum Sandwich Roggen, Sauerteig, Baguette, Vollkorn oder Rosine? Und so geht das endlos weiter… Immerhin, das ist alles Standard, man kann es lernen und dann brauche ich es nicht mehr zu verstehen, sondern nur noch: nicht zu vergessen. Bis dahin aber kann das  ganz schön unangenehm werden, so mitten im Lokal. Und mit einer langen Schlange von Leuten hinter mir, die auch drankommen wollen und unruhig werden nach dem dritten Mal Nichtverstehen. Wenn ganz arg Not am Mann war, hab ich mich ein paarmal mit „Was würdest Du denn empfehlen? Aha, das nehme ich“ rauszureden versucht, wenn ich mitbekommen habe, dass ich eine Wahl habe, aber nicht weiß welche. Klappt aber nicht immer. Manchmal haben sie keine Meinung, manchmal paßt die Frage nicht. Und manchmal bekomme ich einfach nur was richtig richtig doofes…

Außerdem bin ich in Gruppengesprächen eher still, steche inzwischen kaum noch durch geistreiche Bemerkungen oder Witz im Gespräch hervor. Und während sich alle anderen nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag bei Bier oder Wein wieder in Fahrt reden, Spaß haben und lang und länger sitzen, bekomme ich nicht viel oder gar nichts mit, werde müde — und bin inzwischen eher dafür bekannt sehr früh nach Hause zu gehen.

Wie lange kann man sich innerlich jung und wild fühlen, wenn man so ganz und gar nicht die entsprechenden Gewohnheiten hat, das entsprechenden Leben pflegt?

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6 Antworten zu “Macht starke Schwerhörigkeit spießig?

  1. the fräänk

    Das mit der Spießigkeit will ich mal für Dich bestreiten, auch wenn wir uns eine Weile nicht gesehen haben. Ich schiebe meine fortschreitende Gemütlichkeit auf das Alter. Seit dem 40. Geburtstag meiner Schwester steht endgültig fest: Auch ich werde (demnächst) irgendwann so alt werden.
    Und wie gemein von Dir: Statt einem Foto von „wunderhübsche Frau hinter dem Tresen“ gab der Link nur die Homepage des Cafés wieder, und auch noch ohne Rubrik „Team/Staff“.

  2. Ich würde ja auch eine Lanze für die Spießigkeit brechen (Gemütlichkeit!), wenn damit bei Dir nicht einherginge, dass Du das Gefühl hast, Dein von mir sehr geschätztes unerschöpfliches Reservoir an „geistreiche[n] Bemerkungen oder Witz“ im Gruppengespräch nicht mehr so richtig an den Mann – oder in diesem Falle die flotte Dame mit dem Milchschaum zum hiertrinken – bringen zu können…

    Wie könnte das denn gehen können, auch mit Gruppen, und über Augenblitzen und feines Lächeln und vor Allem ohne, dass Du irgendwann abschaltest hinaus?

  3. Ich hätte das ja gepostet, aber leider habe ich von der flotten Dame kein Foto – in der oben beschriebenen Café-Atmosphäre ist selbst ohne den Druck einer Schlange hinter mir an sowas wie Kontaktaufnahme nicht zu denken. Aber mal sowas von ganz und gar nicht.

    Ansonsten danke für die Aufmunterung. Es geht ja nicht nur ums „Wildsein“. Auch z.B. um kurze gemütliche Wortwechsel mit den Leuten, die gerade vom Tisch aufstehen, an den man sich gleich setzt. Solchen, die man auf der Straße fragt, was denn hier los sei mit den vielen Menschen da. Und eben um auch für 40jährige standesgemäße Abendessensgelage. Wie’s da geht und besser gehen könnte, schreib ich demnächst mal, wollte ich ja sowieso schon lange.

  4. …man ist jung, wie man sich fühlt

  5. Pia Butzky

    Jetzt finde ich gerade das Thema nicht mehr, wo du über Räume und Restaurants geschrieben hattest, aber die Frage, ob Schwerhörigkeit spiessig macht, hat mich als Erstes in deinem Blog fasziniert – und passt auch für „Räume“.

    Zum Thema Spiessigkeit:
    Mir fällt auf, dass man in Upper Class Gefilden nicht schwerhörig sein darf, wohl aber in prolliger Umgebung. Zum Einen wird immer leiser gesprochen, je höher man aufsteigt. Zum Anderen sind die Einrichtungen mit teurem Ambiente immer hallig und akustisch hart, es gibt Glastische (Kaffeetasse auf Glastisch = Horror!), die Decken sind kirchenartig hoch, der Boden nie mit Teppich bedeckt sondern knarrendes Parkett oder Fliesen (igitte). Man bzw. frau trägt grundsätzlich Schuhe mit hack-hack-Hacken. Kein Satz kommt geradeaus daher, alles muss phrasig gefüllt und zersäuselt werden. Man muss ständig Stopfmaterial wieder aus den Sätzen rausfegen, um an die eigentliche Aussage zu kommen. Für Schwerhörige wie mich heisst das: Nachfragen, nochmal fragen, und „wie war das letzte Wort?“ noch mal fragen.

    Am Telefon ist stündlich ein anderer fremder Mensch (in Unternehmen). Das Schlimmste: Es gibt keine zutrauliche Herzlichkeit. Selbst nette Menschen sind in so einer Umgebung auf Sparflamme gedreht, halten weiten Abstand beim Sprechen und bewegen das geschminkte Gesicht nur im Nanobereich.

    Anders der Proll oder kleine Spiesser:
    Da ist kein Wort zuviel und alles eine klare Ansage. Lieber zu laut als zu leise und immer eindeutig. Ob etwas nett oder ärgerlich gemeint ist, zeigt das Gesicht (Ausnahme: Berlin. Die gucken sogar beim Nettsein fies.)
    Die Räume sind immer klein und überwiegend plüschig (wunderbar für die Akustik), und wo scheusslich gekachelt wurde, sind zum Ausgleich wieder Kissen und Teddybären verteilt und unzähliges Kleinzeug an die Wände gepappt, das die Schallwellen zum Brechen bringt. Nicht nur die 😉

    Als Schwerhörige habe ich es dann gut.

    Ja, Schwerhörigsein ist leichter in den unteren Schichten. Nur eines habe ich als positiv erlebt: Je wichtiger ein Mensch geworden ist, je mehr Macht und Einfluss er hat, desto langsamer und bedachter spricht er (oder sie). Deshalb kann ich gut mit „Bossen“. In der Karriereleiter sind diejenigen meistens unten, die zu hastig und viiieel zu viel sprechen.

    Für Schwerhörige heißt das:
    Meide das Mittelfeld.

  6. Liebe Pia, danke fuer Deine soziokulturellen Betrachtungen 🙂 Eigentlich wuerde ich das alles unterschreiben, so kenn ich das auch. Andererseits — ganz so gradlinig wuerd ich’s dann auch wieder nicht sehen. 😉 „Unten“ mögen sie nicht so leise sprechen, aber oft „uebersteuert“, und auch oben gilt es m.E. eigentlich präzise zu sein. (Denn Zeit ist schliesslich Geld.)

    Ob das nun heisst, dass man sich aufs Mittelfeld konzentrieren sollte–keine Ahnung 🙂

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