Konversation und ihre Tücken: Wie macht man ein nettes Abendessen mit Schwerhörigen?

Mein täglich Brot beim geselligen Abendgelage zu mehreren ist: Ich komme einfach nicht mit.

Ich kann dem Lauf der Unterhaltung nicht folgen und oft nicht mal verstehen, wenn mich überraschend jemand direkt anspricht. Da ich nicht weiß, worüber geredet wird – was, selbst wenn ich den Anfang mitbekommen habe, nach drei, vier Wortwechseln der Fall ist – kann ich auch keine passenden Beiträge machen. Sondern im besten Fall ein neues Thema ansprechen. Was mir auch nicht immer einfällt. Und im schlechtesten seltsam unpassende Beiträge machen.

Man wechselt ja auch nicht einfach so das Thema, der Zeitpunkt muss schon passen. Wissen, was schon besprochen wurde, worüber sich gerade jemand ereifert oder begeistert hat, ist auch nicht schlecht. Und schließlich ist Reden ja ein Ping-Pong-Spiel: Man muss den Ball auch aufnehmen und wieder zurückspielen, antworten auf die Antworten der Leute. Das ist was anderes als eine Serie von Monologen. Und man muss den Moment finden, wenn der eine Sprecher schon fertig ist, der nächste aber noch nicht begonnen hat.

Konversation – im Grunde also eine Wissenschaft für sich. Nur halt eine, die die meisten Leute so verinnerlicht haben, dass sie sie kaum bemerken, selbst wenn sie nicht besonders gut darin sind. Je länger ich still bin, umso schlimmer wird das Ganze. Umso schwieriger, doch noch ins Gespräch hineinzukommen. Und ständig nachfragen worum es denn ginge, ist nicht nur anstrengend, sondern unterbricht eben auch den Gesprächsfluss. Das macht man nicht allzu häufig, vor allem wenn man nicht alle Leute gut kennt.

Und so wachen bei solchen abendlichen Gelagen, wenn es gut läuft, alle anderen nach einem anstrengenden Arbeitstag wieder auf, kriegen Interessantes berichtet, können selbst erzählen, reden sich in Fahrt, lernen sich besser kennen – und bei mir drehen die Gedanken irgendwann ab, kehren in mich selbst zurück. Anderes fängt meine Aufmerksamkeit. Während die anderen miteinander beschäftigt sind, sehe ich mir die anderen Gäste, den Raum, ggf. die Bedienung an. Hänge meinen Gedanken nach. Und werde ziemlich schnell müde, denn auch nur zu versuchen zu verstehen ist verdammt anstrengend! Ich kann praktisch nie entspannt und angelehnt sitzen in der Runde, immer alert und vorgebeugt, den Kopf geneigt. Ständige Anspannung in Kopf, Hals und Körper, statt Erholung, Den Arsch plattgesessen hab ich mir zudem ja meist schon tagsüber.

Dann stehe ich jedes Mal vor der unbequemen Wahl weiter dazubleiben, um Zeit mit meinen Freunden zu verbringen, ein bißchen mitzulachen, dabeizusein. Zu hoffen doch noch irgendwann mal was zu verstehen. Vielleicht nur nicht schon wieder früh und allein nach hause zu gehen. Oder eben: Nach Hause zu gehen.

Wie könnte man es denn besser machen? Sehr schwierig, finde ich. Das fängt schon beim Stimmung Machen an. Was liegt da näher als im Hintergrund ein bisschen Musik laufen zu lassen? Das große Licht ausmachen, vielleicht sogar Kerzenschein. Beides fand ich auch mal: angenehme Atmosphäre. Jetzt allerdings brauche ich Licht (zum Lippenlesen). Und wäre ich der Stimmungskiller, wenn alles nach meinen Bedürfnissen laufen würde. Helles (sprich: Iiih, grelles) Licht. Dazu Stille im Hintergrund. Langweilig. Find ich ja eigentlich auch. Doch für Schwerhörige wird, wenn es ums Unterhalten geht, jegliche, auch noch so leise Musik zum Störgeräusch.

Außerdem: Ich habe ja schon einmal beschrieben wie man am besten mit Schwerhörigen redet und dabei auch das ideale Gespräch unter mehreren. Das bezieht sich übrigens nicht nur aufs Lippenlesen, irgendwie kommt auch der Schall besser an, wenn man in meine Richtung redet. In den Kommentaren wurde dann gefragt, ob das nicht vielleicht ein bisschen viel verlangt sei. Ja, das ist es. Finde ich zumindest. Ich finde, man kann schon Ansprüche stellen – und nette Leute gehen darauf ja auch so gut es geht ein. Aber es gibt eben Grenzen. Nicht nur, wie ich dort gefordert habe, ständig Ansehen ist vollkommen überzogen und in der Runde selbst bei gutem Willen nicht machbar.

Auch eine andere denkbare Regel: Dass immer nur einer spricht oder – Gott bewahre – erst sprechen darf wenn entweder er sich auf den Platz vor mir gesetzt hat oder ich zu ihm hingehechelt bin und mich vor ihm aufgepflanzt habe. Nicht machbar. Ja, nicht einmal wünschbar. Weil es eben so vollkommen gegen den Charakter der ganzen geselligen Angelegenheit geht. Die ich mir ja auch wünsche. Wir sind ja nicht auf Arbeit hier.

Worauf es hinausläuft und was es so schwierig macht ist: Um richtig gut zu verstehen, müsste ich eigentlich verlangen (und durchsetzen!), dass ich als Schwerhöriger wie ein Chef oder ein Fürst behandelt werden müsste. Die für alle wichtigste Person am Tisch sein, zu der alle sprechen, auf die und deren Regungen hin alle sich orientieren. Immer im Mittelpunkt stehen, wo man weder ständig hin kann, noch ständig hin will.

Soweit also zu den Idealen. Über die Gebrauchsanweisung für Schwerhörige hinaus hier knapp ein paar Tipps, die es mir und meinesgleichen leichter machen:

  • Gute Atmosphäre bedeutet nicht zwangsläufig, dass es dunkel sein muss. Man kann auch mit kleinen Lichtern oder genügend Kerzen für ausreichende und trotzdem angenehme Atmosphäre sorgen.
  • Keine oder nur sehr leise Musik im Hintergrund.
  • Wenn der Schwerhörige mit Fremden zusammensitzt. Diese einander mit ein paar Sätzen vorstellen. Damit fällt nicht nur allen das Warmreden leichter, sondern der Schwerhörige hat auch gleich noch eine Ahnung, was so gesprochen werden könnte und auf welche Themen er das Gespräch bringen könnte.
  • Sitzordnung: Am Besten sitzen Schwerhörige in einer Ecke oder zumindest mit dem Rücken zur Wand. So dass er auf beiden Seiten Leute hat, aber nicht überall um ihn herum gesprochen wird.
  • Anschauen beim Reden hilft, wie gesagt. Das geht auch wenn man mit anderen redet mal kurzzeitig. Einfach mal beim Reden den Blic k in die Runde schweifen lassen. Sollte man eh machen, ist netter.
  • Ich sehe es schon so, dass ich selbst dafür verantwortlich bin, am Gespräch teilzuhaben. Aber praktisch muss ich leider sagen: So ganz allein schaffe ich es nicht. Darum ist jedem mein Dank gewiß, der, wenn ich nicht mehr klar komme (=länger still bin), zwischendrin nochmal Bescheid sagt, worüber gerade so gesprochen wird.
  • Und ganz wichtig ist: Geduld mit mir haben. Mit Schwerhörigen überhaupt, meine ich.

Danke schön!

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9 Antworten zu “Konversation und ihre Tücken: Wie macht man ein nettes Abendessen mit Schwerhörigen?

  1. Wir üben das morgen beim Dinner on THE PATIO. 🙂 Am besten sitzt du mir gegenüber.

  2. Gibst Du denn Menschen, die mit Dir am Tisch sitzen, diese Tipps auch schonmal vorher? Oder empfindest Du das eher als unhöflich? Und: Wie ist das, wenn Du mit Freunden in einer Runde bist? Sind die das gewohnt? Haben die die Regeln schon intus?

  3. Micherinnert das gefühlsmäßig daran, als ich das erste mal in Argentinien war und nur ein bischen spanisch konnte. Dann saß ich da in Runden von schnellsprechenden Menschen und habe immer wieder Brocken verstanden, aber oft die Zusammenhänge nicht. Daher war ich so gegen 9 abends oft „kopftot“. Ich war einfach müde und angespannt (ähnlich wie du es beschrieben hast). Kannst du Parallelen erkennen, als du damals in Spanien warst (oder war dein Spanisch schon so gut, das du zumindest der Fremdsprache gut folgen konntest) ?

  4. @Trotzendorff. Da der Herr Notquite wohl gerade irgendwo zwischen Boston und Berlin schwebt, fühle ich mich als langjährige Freundin zur Antwort berufen. 🙂

    Ich muss sagen, dass ich hier sehr viele verstehensfördernde Dinge lerne, die mir Notquite so noch nicht gesagt hat. Vieles habe ich (und sicherlich viele andere Freunde) intus. Doch vieles muss ich immer mal wieder gesagt bekommen, weil ich es mir doch so schwer vorstellen kann.

    Aber ich werde seit diesem einem Posting zum Thema „Schluck dein Essen runter“ vor dir, lieber Notquite, nie wieder mit halbvollem Mund mit dir sprechen. Ich wünschte bloß, ich könnte schneller kauen. 😉

  5. Zum Thema „Immer wieder gesagt bekommen“ fällt mir ein: Ich habe einen Freund, der nicht riechen kann. Ich vergesse das STÄNDIG, sage also, ja, da hat es soundso gerochen, und hier duftet es aber gut nach Essen, nicht wahr? Antwort: …
    So ist das. Aber irgendwann krieg ichs vielleicht doch auf die Reihe???

  6. Schön, zu sehen, dass es hier so weitergeht, während meiner Abwesenheit, danke Berlinessa 🙂

    @Trotzendorff: Vorherige Einweisung oder Merkblätterausteilen mache ich nicht. Das würde ich tatsächlich als nicht unhöflich aber unpassend sehen. Ich versuche, in der Situation, sobald Schwierigkeiten auftreten (also sehr schnell), darauf hinzuweisen. Schwierig wird’s halt nur wenn mir die Situation entgleitet — was, je tauber ich geworden bin, immer häufiger vorkommt. Und wie Berlinessa schon sagte, so grob wissen die meisten meiner Freunde Bescheid, so explizit wie hier im Blog habe ich das aber noch nie gesagt. Regel und Regelbefolgung sind ja auch nochmal zwei Schuhe – und das hat leider nicht einmal nur was mit gutem Willen zu tun…

    @Achim: Genauso ist das, wie mit einer Fremdsprache, die ich nicht kann. Nur dass es nicht mit der Zeit besser wird… Als ich damals in Spanien war konnte ich noch besser hören. Aber schon damals war die Fremdsprache das kleinere Problem…

    @Andrea: Kriegst Du bestimmt. Aber so ist das halt mit den unsichtbaren Behinderungen…

  7. Ach, so eine Kommentarbeantworterin in Vertretung hat schon was. 😉

  8. Hervorzuheben ist hier natürlich, dass dies nicht qua Amt geschah. Sondern nur weil so charmant und intelligent gefragt wurde…. 😉

  9. Pingback: High Noon, oder: Mit Kollegen Mittagessen | Not quite like Beethoven

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