„Hi, ich heiße Not quite like Beethoven, und ich bin schwerhörig.“ Traum und Wirklichkeit beim Kennenlernen

Nein. Wie ein anonymer Alkoholiker will ich mich Unbekannten nicht vorstellen — doch wie sonst soll man unter Normalhörenden auf die eigene Schwerhörigkeit hinzuweisen? Verschweige ich’s, laufe ich Gefahr komisch, uninteressiert und uninteressant auszusehen. Es spricht also durchaus was dafür, gleich bei der Namensnennung dazu zu sagen: Diese Person hört nicht gut.

Aber zum einen gibt es wirklich anderes, positiv Besetztes, mit dem ich meinen ersten Eindruck und meinen Namen gerne verbinden würde. Und leider bringt das gar nicht mal so viel. Denn was „Hi, ich bin schwerhörig“ bedeuten soll, wie man sich daraufhin verhalten soll, weiß trotzdem noch niemand. Im Gegenteil: Meine Erfahrung ist, dass dies viele Leute verunsichert. Wo Zwanglosigkeit und Spontaneität die Norm sind — also auf einer Ausstellungseröffnung, beim geselligen Abendessen, auf einer Party — ist das einzige, was der Hinweis sicher bringt, dass mir sofort ein Makel anhaftet. Ohoh, da wird’s schwierig. Hmm, hier wird was nicht so locker. Kaum jemand ergreift dann die Flucht. Aber die meisten Leute entscheiden recht schnell, dass sie nicht ganz so dringend was mit mir zu tun haben müssen. Das ist es was „Ich bin schwerhörig“ leistet.

Was für Normalhörende angenehm und zwanglos ist, ist für mich darwinistisch – Survival of the Fittest. Nicht ganz so dringend reicht schon und ich gehe dabei unter. Ausnahme ist eigentlich nur, wenn es irgendwelche zusätzlichen Gründe gibt, sich mit mir abzugeben. Sei es dass wir zusammenarbeiten, schon seit ein paar Jahren im gleichen Sportverein sind und keiner von uns austreten wird. Ich einfach unwiderstehlich attraktiv aussehe. Oder, leider wesentlich häufiger als das, ich Informationen habe oder helfen kann.

Wohlgemerkt, ich sage nicht, dass das so sein sollte. Ich sage, das ist meine Erfahrung. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der auf so eine Ansage mit einem freundlich-interessierten: Oh, interessant, was heißt denn das? Wie ist das denn? reagiert hätte. Also meine Schwerhörigkeit einfach locker zum Gesprächsthema gemacht hätte. Wie man’s etwa macht, wenn man sagt: „Hi! Ich heiße Not quite like Beethoven, ich bin Glasbläser aus New York.“

Man wird ja wohl träumen dürfen…

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20 Antworten zu “„Hi, ich heiße Not quite like Beethoven, und ich bin schwerhörig.“ Traum und Wirklichkeit beim Kennenlernen

  1. Hallo NqlB,
    ich lese dein Blog sehr gerne. Ich mag deinen Schreibstil!

    Zum Thema: Natürlich kommt es darauf an, in welcher Situation man sich gerade befindet. Am Postschalter wird man vielleicht viel eher über diese Behinderung reden (wollen), als wenn man neuen Freunden vorgestellt wird.

    Mit „… und ich bin schwerhörig“ würde ich dann aber auch hier nicht anfangen. Denn, was soll der, mit dieser Information überforderte, Gegenüber anfangen? Besser, man sagt ihm konkret, wie er sich verhalten soll. „Ich verstehe Sie schlecht/Ich höre schlecht. Könnten Sie das bitte noch einmal etwas langsamer/lauter wiederholen?“

  2. Michi, danke für die Blumen, freut mich, dass Du hergefunden hast!
    Ansonsten mach ich’s genauso wie Du: Sobald es Probleme gibt Anweisungen geben – meist noch mit zeigen aufs Hörgerät.

  3. Bei einer hallo kennenlernaktion komme ich mit der Methode, „Hi ich bin der Daniel. Gerne möchte ich das verstehen was du mir sagst. Aber wegen meiner Hörschwäche ist das nicht immer leicht.

    So weißt mein gegenüber, das ich mich aktiv um ihn bemühe und ist nicht wie bei anderen Anfängen vor den Kopf geschlagen. Sondern trägt das seine bei.

    Kommunikation lebt von beiden Seiten, wenn man sich interesant macht, läuft auch hier eine gute Unterhaltung.

  4. So finde ich das sehr geschickt gemacht. Hab ich genau so auch noch nicht gemacht, danke, probiere ich mal!

  5. Im Laufe meines Lebens habe ich lustige und traurige Reaktionen erlebt, wenn ich sagte, ich bin schwerhörig. Diejenige, die mir am Besten in Erinnerung bleibt, war, dass mein Gegenüber sofort aufhörte zu reden und nur noch mit den Händen rumfuchtelte.
    Heute gehe ich immer wieder situativ und individuell vor, es gibt für mich keine Regel, außer dass ich erst mal kommuniziere und dann entscheide, wann ich wie etwas sage.

  6. Hehehe, das ist ja wirklich eine seltsame Reaktion! Also: Fuchtelte? Oder hat der versucht, per Gebärdensprache mit Dir zu reden?

  7. Nix mit Gebärden,
    aber der Witz war ja,
    dass ich ganz normal mit ihm geredet habe
    und auch erst verstanden und geantwortet habe.

  8. Skurril. Aber er wollte sicher hilfreich sein.

  9. Ja bestimmt, aber von dem Tag an war mir klar, wie wenig Informationen die Allgemeinheit über den Kommunikationsbedarf von „Schwerhörigen“ hat. Ich kann es nicht verdenken, zumal Hörschädigung oft entweder mit Altersschwerhörigkeit oder bei jüngeren mit Gehörlosigkeit mit ihrer Gebärdensprachorientierung assoziiert wird.

  10. Die Allgemeinheit hat einfach Null Informationen über den Kommunikationsbedarf von Schwerhörigen. Ist aber eigentlich auch kein Wunder, denn es hat ihr (meist) keiner gesagt. Und unter der Fassade des Funktionierens läuft schon ohne schweres Hören alles mögliche schief.

  11. Tja, das ist wirklich nicht ganz einfach. Andererseits gibt es doch sehr viele hörbeeinträchtigte Personen, daß es schon nichts aussergewöhnliches mehr ist, mitzuteilen, daß man nicht gut hört.
    Man muss nur sofort stoppen, wenn da dann Leute viel zu laut reden (
    Puh Hyperacusis ) oder eben Gebärden einsetzen, überdeutlich sprechen
    ohne Stimme, also nur die Lippen bewegen. Oder eben tatsächlich fragen:
    Wie muss man mit Dir sprechen, damit Du mich verstehst?
    Diese Variante empfinde ich persönlich noch am angenehmsten.

    Aber ich sagte oft nichts von meinen Hörgeräten ,kaschiert durch die Frisur… Ich beobachte aber genau, ob mein Gesprächspartner das nun merkt oder nicht, an der Mimik… . Einmal sagte ich zu einer Person, die
    ich seit 20 Jahren kenne, ich bin von Kindheit an erheblich schwerhörig. Antwort:
    ich habe da nie drauf geachtet, ist mir nie aufgefallen !
    AHA, also merken das viele vielleicht gar nicht…. 🙂
    Es kommt ja auch bei normalhörenden öfters vor, daß sie was nicht verstehen, nicht hinhören usw.

    Manche sagen auch naja, die einen hören halt schlecht, die anderen
    sehen schlecht, aber sowas ist KEINE Behinderung . Nun ja.

    War man immer schwerhörig, hat man ja als Kind schon eine Hörtaktik
    von alleine entwickelt.

  12. Eine Hörtaktik ja, aber eine Vorstell-Taktik? : )
    Viele Grüße!

  13. ja stimmt, das ist ja vom Thema abgekommen. Die Vorstelltaktik
    ist schon die beste, die weiter oben dieser Daniel geschrieben hat, diese
    Methode wirkt sympathisch.
    ist nachahmenswert

  14. thanks honey

    ich hab mich so oft über den kommentar: ‚aaach ist doch nicht schlimm, die [hörgeräte] sieht man ja gar nicht‘ geärgert, dass ich eigentlich gar niemanden mehr darauf hinweise.
    einmal war ich so verärgert über diesen kommentar, dass ich geantwortet habe, ‚ja klar isses nicht schlimm, genau wie aids oder krebs zu haben, das sieht man ja auch nicht – und müssen wir nicht alle sowieso mal sterben?‘
    grrrrrrr……. (darauf gab es einen schwer entsetzten blick, hahaha)

    der gipfel war aber, eine ältere dame hat das mal auf einer feier zu mir gesagt und ich hab genau gesehen, an ihrer art der kommunikation, dass sie selber sehr schlecht hörte. meine freundin hat sie später darauf angesprochen und gefragt, ob sie nicht auch mal zum akustiker wolle und sie meinte – achtung! – ‚auf gar keinen fall, so laufe sie nicht rum, wie sieht das denn aus!‘
    tscha…. soviel zum gut gemeinten, aaach ist doch nicht schlimm….

  15. Nette Geschichte. Aber typisch. Und vermutlich hat sie den Widerspruch gar nicht bemerkt, die beiden Dinge gar nicht miteinander in Verbindung gebracht.

  16. Hallo Ihr, bei sowas wie sich einander vorstellen mache ich das häufig so wie Daniel, und ich lächle die Person an, ich stelle mich kurz vor, und erläutere kurz dass ich nicht so gut höre wie mein Gegenüber. Nach dieser Einleitung erkläre ich kurz, wie er am besten kommuniziert, dabei sprech ich den Ehrgeiz desjenigen an. Danach entwickelt mein Gesprächspartner wirklich den Ehrgeiz deutlich zu sprechen. Man muss es einfach den Leuten schmackhaft machen. Sozusagen das Leckerli für die Person hinstellen. Man könnte auch sagen : positiver Verstärker. Wenn er sich trotz Bitte dreht, und er redet, während sein Profil sichtbar ist, dann verstummt man, bis er wieder den Blick zu einem selber wendet. Nun strahlt man ihn an, und wenn er keine adäquate Antwort bekommt auf das, was er im Profil da gerade genuschelt hat, lernt er so dass man nur dann eine positive Antwort bekommt, wenn man sich dran hält. Als Verstärker setz ich dafür mein Lächeln ein, ein Lob, ab und zu in das Gespräch hingestreut, oder eben nach dem Gespräch. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass man die flottohrigen Leute sich ein wenig „erziehen“ muss 😉 Hilfreich ist auch, wenn das elektrische Öhrchen aufffällig genug ist, oder man eben drauf achtet dass man gut sichtbar ist, also eben keine graue Maus. Das zeigt man im Kleidungsstil, im Verhalten. Und es zahlt sich aus. Aber auch das humorvolle Versprechen, dass er den besten Zuhörer des Lebens bekommt, wenn er sich so verhält wie es eben für uns Schwerhörige nötig ist 🙂 Was allerdings passieren kann, ist der Kommentar : Ah, Du bist schwerhörig/hörbehindert/gehörlos, aber das merkt man doch gar nicht bei Dir, Du sprichst wie jemand mit flotten Ohren.. Da werde ich sauer. Bloss weil ich gut spreche ( und das Glück hatte, genug von HG`s als Kind zu profitieren) heisst das nicht per se automatisch, dass ich nicht schwerhörig wäre. Egal ob ich Cree spreche, oder Deutsch spreche.. Und genau dieses Gut-sprechen-können bedeutet Probleme mit flott hörenden, denn damit vergessen die gern schnell, dass ich schwerhörig bin – so nach dem Motto : Die spricht so gut, dass die doch gar nicht schwerhörig sein kann.. die automatische Schlussfolgerung. Mit dem sollte man auch rechnen, weil viele Leute sich vorstellen, dass wer hörbehindert ist, der spricht automatisch auch schlecht ( und ist per se auch etwas „begriffsstutzig“). Zu Thanks Honey : Das das anders sein könnte, kommt vielen auch nicht in den Sinn. Aber die Dame im obigen Beispiel hat eben nicht überlegt, ob sie selber das auch so sehen würde, wie Du, Thanks honey. Es hat sie ziemlich sicher an ihre eigene Schwäche erinnert. Allerdings muss man ältere Leute häufig zum HG überreden, und es ihnen schmackhaft machen, das ist anders als bei uns, da wir es ja selbstverständlich sehen. Und gerade ältere Leute sind oft sehr stur… Dieses Ach nicht so schlimm kenne ich eher von einer anderen Variante : Dann nämlich wenn sie irgendwas gesagt habe, und ich habe es nicht verstanden sagen die das genau so. Meist auch so dahingesagt : Ach ist nicht so wichtig ( und wenn das nicht so wichtig war, warum zur Hölle sagt derjenige das dann ?) In beiden Fällen ist es eine Art Ignoranz. So, nun gehe ich wieder ans Pow-Wow 😉

  17. thanks honey

    Zitat von timetohear.
    >>Dieses Ach nicht so schlimm kenne ich eher von einer anderen Variante : Dann nämlich wenn sie irgendwas gesagt habe, und ich habe es nicht verstanden sagen die das genau so. Meist auch so dahingesagt : Ach ist nicht so wichtig ( und wenn das nicht so wichtig war, warum zur Hölle sagt derjenige das dann ?)<<

    dieses hasse ich am allermeisten, glaub ich 😀
    aber ich hab mir angewöhnt, bei dieser aussage immer so einen wutanfall zu bekommen, dass jeder der mich kennt, diesen satz nicht mehr sagt, sondern das gesagte wiederholt – und ich hab arabisches blut in mir….*zwinker*

    tscha, man muss als schwerhörige/r seine umwelt leider doch ganz schön miterziehen… furchtbar aber fruchtbar (manchmal zumindest)

  18. thanks honey

    und Alexander, wegen der älteren dame und ihrer unbemerkt widersprüchlichen aussage, stimmt. das hast du genau richtig erkannt. sie hat’s nicht gemerkt. da ich bei dem folgegespräch meiner freundin aber nicht dabei war, hat sie wohl nicht damit gerechnet, dass mir das auch noch zu ohre— äh hörgeräten kommt 😉
    für mich ein interessanter einblick in die seltsamen mechanismen der hilflosigkeit unserer ‚gesunden‘ mitmenschen, die versuchen ‚behinderte‘ zu trösten…
    ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob ich wüsste, wie man mit schwerhörigen umgeht, wenn ich selber nicht betroffen wäre. insofern will ich gar keine urteile herausschleudern, die mich dann irgendwann selber treffen.

  19. TanteMaedel

    Ich habe mir angewöhnt erst mal nicht zu sagen, dass ich schwerhörig bin,sondern es irgendwann im Gespräch einfliessen zu lassen. Ich habe nämlich keine Lust auf Mitleid und/oder Verunsicherung. Das hat den Effekt, dass sie ganz normal mit mir reden und so verstehe ich nun mal am Besten. Wenn mein Gegenüber, deutlicher spricht, ist das normale Mundbild weg und das macht es für mich schwieriger. Wenn sie lauter sprechen, verzerrt es den normalen Klang.Wenn sie gebärden, irritiert mich das, weil ich meine volle Konzentration auf das Hören und Lippen ablesen brauche. Deswegen lasse ich uns beide immer erst unsere Kommunikation erfahren, für mich, um mich an das Mundbild und den Klang zu gewöhnen, für den Anderen, damit er sieht, dass man mit mir ganz normal reden kann. Die Info mit meiner Schwerhörigkeit lasse ich irgendwann in einem Nebensatz einfliessen, damit derjenige bei nicht verstehen, dies einordnen kann.

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