Not quite like Beethoven und ich: Was ich vom Bloggen gelernt habe

Hörverlust ist ein eine dramatische und traurige Erfahrung. Solange meine Schwerhörigkeit nur leicht bis mittelmäßig war, hat mich das Thema nicht weiter interessiert. Es hat mein Leben sicher beeinflusst, aber ich habe mich nur selten eingeschränkt gefühlt und nie groß als Behinderter definiert. Erst in den letzten vielleicht zwei Jahren hat sich das geändert. Ich habe mich erstmals behindert gefühlt — in dem Leben, das ich führen wollte und durch den Hörverlust.

Was macht man in so einem Fall? Ich begann, autobiographisch gefärbte Bücher über Ertaubung zu lesen und mich mit anderen Betroffenen zu treffen. Man hört ja oft, es sei erleichternd zu merken, dass es anderen genauso geht wie einem selbst. Die Erzählungen und Beschreibungen dieser Anderen genauer anzusehen war für mich jedoch eine extrem deprimierende Erfahrung. Denn ich merkte, wie viel meiner Persönlichkeit und meines Charakters ich dem langjährigen und schleichenden Hörverlust verdankte. So viele Gefühle, so viele Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, die ich pflegte, die andere ganz genauso erlebten und pflegten! Im guten wie im schlechten, sowohl Dinge wie Belastbarkeit, eine gewisse Selbstgenügsamkeit und Zurückhaltung als auch eine hintergründige Mischung aus Frohsinn und Traurigkeit. Und natürlich — die Einsamkeit. Das war eine handfeste Krise: Wo bin da noch ich vor lauter Hörproblemen?

Ganz anders das Bloggen. Durch das regelmäßige Schreiben und das Interagieren mit Euch Lesern habe ich mir in gewisser Weise meine Persönlichkeit zurückerobert. In welcher Situation und warum ich angefangen habe, hab ich hier schonmal erzählt. Außerdem habe ich durch mein eigenes Blog und das Rumstöbern und Kommentieren in anderen ungemein interessante Menschen kennengelernt, viel gelernt, neue Themen entdeckt und neue Interessen entwickelt. Ich möchte das nicht mehr missen.

Um das zugleich voran zu treiben und zu teilen habe ich im letzten Eintrag diese Einladung ausgesprochen.

Advertisements

4 Antworten zu “Not quite like Beethoven und ich: Was ich vom Bloggen gelernt habe

  1. Interessanter Beitrag, der mich auch nachdenklich macht. Meine Schwerhörigkeit hat mich eigentlich nie besonders interessiert, ich bin von Geburt an Hochtontaub (ab ca. 1500 Hz höre ich nichts mehr) und kenne es deshalb nicht anders. Ich habe es irgendwie geschafft, halbwegs normal sprechen zu lernen, und das ohne größere Schwierigkeiten – vermutlich deshalb, weil mir damals gar nicht bewusst war, dass etwas anders ist. Nur das „s“ kann ich nicht richtig aussprechen, weil mir die Zischlaute fehlen, aber das war mir natürlich nicht bewusst. Das hat man mir erst gesagt, als ich schon weit über 20 war.

    In den letzten Monaten habe ich mir aber auch mehr Gedanken zu meiner Schwerhörigkeit gemacht, weil es einige Leute in meinem Umkreis gibt, die damit einfach nicht zurechtkommen. Ich beschloss, wieder einmal etwas zu unternehmen, testete unzählige Hörgeräte ohne Erfolg und entschied mich dann für die CI-Operation. Diese OP habe ich vor vier Wochen hinter mich gebracht, das CI ist aber noch nicht aktiv. Im Zuge dieser Lebensumstellung habe ich auch beschlossen, mein Blog umzustellen und mehr über Schwerhörigkeit und den Umgang mit dem CI zu schreiben. Ab diesem Wochenende geht es wahrscheinlich los.

  2. Das Web 2.0: Hier bist du Mensch, hier darfst du’s sein. 🙂

  3. Das ist auf jeden Fall etwas!
    Ich denke, man kann’s nicht einfach runterschlucken oder wegstecken. Hmm…was will ich eigentlich sagen?
    Es ist aber gut, dass das Bloggen Dir Spass macht 🙂

  4. Nikana, ja, das lange Desinteresse kenn ich, ist halt einfach Teil von einem. Mit dem neuen CI wünsche ich Dir jedenfalls viel Geduld und Erfolg! Finde ich toll, dass Du drüber schreiben willst, bin gespannt. Interessieren würde mich auch, was Dich letztlich dazu gebracht oder überzeugt hat, die OP zu machen und wie sie so in Dein Leben rein paßt — falls Du das öffentlich machen willst.

    Berlinessa, der olle Faust sagt’s bißchen pathetisch aber stimmt schon irgendwie…

    Oliver, das ist der Sommer, der macht dass man so redet 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s