Nicht immer nur die gleichen Jobs! Berufswahl für Schwerhörige und Hörbehinderte

Umgekehrt wird ein Schuh draus! Das Thema Berufswahl und Jobsuche für Hörbehinderte beschäftigt mich schon länger. Und da ich, seit Enno gestern diesen inspirierenden Artikel geschrieben hat, sowieso an kaum was anderes denke, hier ein kleiner Zwischenruf — der natürlich nur meinen ganz persönlichen Weg und besonders meine Erfahrung in Harvard widerspiegelt.

Ich denke nämlich, man sollte umgekehrt an die Sache herangehen als es die meisten tun — so zumindest mein Eindruck aus persönlichen Gesprächen und den Fragen, die mich ab und zu erreichen und die ich in einschlägigen Foren lese.

Da wird dann – meist von Schülern und Studenten oder ihren Eltern – gesagt, es stünde Berufswahl oder Umorientierung an. Und als allererstes gefragt, welche Jobs sich denn für Hörbehinderte eigneten. Eigene Interessen und persönliche Fähigkeiten kommen erst auf Nachfrage oder gar nicht. Ich finde: Das ist genau der falschen Ansatz. Denn damit wird die Hörbehinderung zum Hauptkriterium gemacht. Auf diese Frage kann man nur mit Jobs und Berufen antworten, in denen Hörbehinderte schon immer/typischerweise gearbeitet haben. Oder solchen, in denen man zufällig mal welche bemerkt hat.

Sicher, so ist es einfacher. So ist es sogar viel einfacher, die Frage nach dem richtigen Job für einen zu beantworten. Man läßt sich einfach eine Reihe von Jobs vorschlagen und wählt dann daraus aus. Aber ich glaube so sollte es nicht laufen. Ich habe das zwar früher auch so betrieben, aber mittlerweile herausgefunden, dass ich so nicht glücklich werde. Außerdem: So bleibt Behinderung die bestimmende Kategorie, so landen Behinderte immer nur in den gleichen Jobs.

Statt Hörbehinderung zum ersten Kriterium bei Berufswahl und Jobsuche zu machen, sollten wir den schweren Weg nehmen: Zuerst die eigenen Interessen und Fähigkeiten erkunden. Was können wir gut? Was wollen wir erreichen? Und vor allem: Was macht uns glücklich? Und dann den mühseligen und meist langwierigen Prozess des Recherchierens, mit Leuten Redens und sich Ausprobierens beginnen um den passenden Beruf und die passende Position zu finden. So kommt man dann auch darauf, dass man ein paar Dinge vielleicht gerade wegen der Behinderung gut kann.

Klar, eine gewisse Realitätsnähe sollte man behalten: Kann man als Hörbehinderter die Funktionen erfüllen, die dieser Job verlangt? Und vielleicht wichtiger: Kann man damit glücklich werden, wenn man ständig Funktionen erfüllen oder in Umgebungen arbeiten muss, die einen auf die Behinderung zurückwerfen? Stichworte: Telefonieren oder Unterhaltungen im Störschall. Aber das sollte eben nicht der erste, sondern der zweite Schritt sein.

Denn: Man kann nur an Aufgaben wachsen, die einen ein bißchen fordern (fordern, nicht überfordern!). Gut, das mag Euch vielleicht ein wenig sehr amerikanisch schmecken, ich war ja nun lang genug da. Aber ich finde es auf Dauer befriedigender. Und wenn man erstmal einen interessanten Beruf oder Job herausgefunden hat — dann erst kann und sollte man herausfinden ob man nicht mithilfe technischer Geräte, organisatorischer Änderungen und kleiner Kniffe die geforderten Funktionen auch mit Hörbehinderung und unter Normalhörenden erfüllen kann. Dazu werde ich dann bald wieder schreiben wenn ich meine Serie fortsetze Taub im Job, trotzdem erfolgreich: 12 Tipps für Schwerhörige, ihre Chefs, Kollegen und Kunden.

Berufswahl und Jobsuche für Hörbehinderte — Wie seht Ihr das?

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42 Antworten zu “Nicht immer nur die gleichen Jobs! Berufswahl für Schwerhörige und Hörbehinderte

  1. „So bleibt Behinderung die bestimmende Kategorie“ – das ist der entscheidende Satz, nqlb, und darauf sollte man sich nicht, niemals einlassen. Viele Gründe hast Du schon genannt, vieles lässt sich mit Organisation, Hilfsmitteln usw. tatsächlich machen und noch viel mehr ließe sich machen, wenn alle sich trauen würden. Ich weiß, das ist schwierig, ich bin da auch nicht gut drin – aber gerade das ist (speziell bei Hörbehinderten?) das Problem. Aber schließlich leben wir im Zeitalter des „diversity managements“

    Ein zusätzlicher Gedanke noch: als ich sieben war, wurde meine Schwerhörigkeit diagnostiziert und es hieß: „in drei Jahren ist das Kind taub“. Zu Ende der Schulzeit, während des Studiums und auch in jeder Entscheidungsphase danach habe ich immer wieder auch den HNO befragt – Prognosen bewegten sich zwischen „rechnen Sie jederzeit mit Ertaubung und wählen Sie entsprechend“ und „naja, mit 40 wird wohl nichts mehr gehen“. Mittlerweile bin ich einiges über 40, höre immer noch, zugegeben: mittlerweile schlechter, und habe einen sehr anspruchsvollen ‚hörenden‘ Job – den ich zunehmend so umdefiniere, das er weiter für mich passt.

    (NB: Ein Tipp für die Kategorie „Taub im Job“: selber Chef werden – macht vieles leichter ;-))

    Was ich damit sagen will: Volle Zustimmung zum Betrag und Mut zum eigenen Weg!!

  2. Danke. Mit der Prognose fortschreitender Ertaubung ist natürlich schwieriger umzugehen, da muss man einfach auch vom schlimmsten Fall ausgehen und sich ein bißchen darauf vorbereiten. Siehe die Diskussion in den Kommentaren hier.

    Und zum Selberchefwerden: 🙂 Das hab ich auch schon öfter gedacht! Aber selbst wenn das auch als Berufseinsteiger möglich wäre, es gibt ja schon gute Gründe, warum man erstmal Erfahrung in den Positionen haben sollte deren Chef man dann ist. Außer natürlich es geht ums Sein-eigener-Chef-Werden. 😉

  3. Ich sehe das ähnlich und habe meinen Job und mein Studium auch alleine nach meinen Interessen ausgewählt. Ich muss aber zugeben, dass die Informatik ein Bereich ist, indem es hörgeschädigte relativ einfach haben, da vieles eh per IM ausgetauscht wird. Kundensupport am Telefon macht bei uns eh eine andere Abteilung und die relevanten Sachen bekomme ich dann per IM oder Mail zugeschickt. Ist alles kein großes Problem.

    Man sollte aber trotzdem realistisch bleiben: Jobs, bei denen ein gutes Gehör Grundvoraussetzung ist (z.B. Flugzeugpiloten), werden uns immer verschlossen bleiben. Die Anzahl dieser Jobs ist insgesamt aber sehr gering.

    Was mich mal interessieren würde: Was sind denn typische Jobs für Hörgeschädigte? Da ich kaum Kontakt zu anderen Hörgeschädigten habe (bin sehr gut in der „normal“ hörenden Welt integriert), weiß ich nicht, was ich mir darunter vorstellen soll.

  4. Ich denke, das ist ein guter Rat für sämtliche Jobsuchenden 😉

  5. lars,

    ganz typische beispiele, die mir und ganz vielen gehörlosen aus diversen bundesländern vorgeschlagen (eher: suggestiert) wurde: maler, raumausstatter, gärtner, schneider, technischer zeichner, tischler und einige handwerkliche berufe. auch heute noch, wo doch die meisten dieser berufe in diesem zeitalter ausgestorben sind. kein wunder, dass die gehörlosen, die auf die berufsberater „gehört“ haben, in hoher anzahl auf der straße stehen und unfreiwillig hartz4 beziehen …… dabei könnten sie wesentlich bessere optionen bekommen, würde man (angefangen von der frühförderung über die schul“bildung“, logopäden hin zum tode stets von den artikularischen verbesserungen von mama / oma) sich nicht ausschließlich auf die „oralistische“ methode fixieren und versuchen, aus dem gehörlosen einen hörenden zu machen. wenn man dem gehörlosen eine „normale“ schulbildung ermöglicht, in dem neben lautsprache die DGS gebärdet wird, so dass jeder von ihnen alles 100% versteht („ich habe nicht verstanden“ heißt nicht, dass der hörgeschädigte geistig behindert ist!), dann steht jedem hörgeschädigten so ziemlich alle wegen offen!

  6. Da hab ich wenig hinzuzufügen. Generell geht es immer um im weiteren Sinne handwerkliche Berufe (im Unterschied zu kommunikativen). Heute gehören sicher auch Programmierer, Designer und Mediengestalter dazu.
    Untypische, herausfordernde aber machbare Berufe sind z.B. Politiker (vgl. nur die Diskussion um die gehörlose Politikerin Helene Jarmer) oder auch Architekten oder Manager in großen Unternehmen. Generell Beratungs-, Leitungs- und Führungsaufgaben. Auch Mediation oder Kommunikationstraining. Obwohl man dafür m.E. zumindest als Schwerhöriger einiges mitbringt. Ich hoffe zB demnächst ein Interview mit einem schwerhörigen Kommunikationstrainer führen und hier posten zu können.
    Und wie Lars ja schon angedeutet hat, die neuen Formen elektronischer Kommunikation und Zusammenarbeit (wie IM=Instant Messaging, also Skype, ICQ etc. oder auch Camfrog, Twitter und Wikis) machen auch vieles möglich.

  7. ja jetzt gibt es immer mehr „außergewöhnliche einzelfälle“, die jedoch immer mehr werden … schwerhörige wie gehörlose (in deinem erläuterten fall, nqlb, im september wird eine gehörlose frau mit schwerpunkt kommunikationspsychologie selbständig. mit dem sh kommunikationstrainer meinst du sicher oliver r.?)

  8. Mit 50% Hörbeeinträchtigung durfte (!) ich normale Schule, normale Berufsausbildung u. 20 Berufsjahre (med. techn. Laborassistenz)absolvieren. Je nach Personalmangel wurde ich versetzt mit der Begründung, es wäre dann wegen der Höreinschränkung für mich einfacher. Das ist der größte Mist und eine sehr schlimme Belastung, denn immer wieder muß man sich in der neuen Abt. bei den Mitarbeitern den Standpunkt und sein Image erarbeiten. Es wird die menschliche Schwäche/Einschränkung aus Angst um den Arbeitsplatz nur vorgeschoben. Der sg. Kündigungsschutz, Arbeitshilfen etc. ist alles nur Fassade !!! Heute gehe ich meinen eigenen Weg (Kinderbetreuung) und nutze logischer Weise die neuen Medien. Technische Hilfmittel (auch Hörgeräte) werden immer besser, teurer & da wären wir – wie immer und überall – bei den Kosten gelandet. Jeder kann sich denken…. Eins ist Fakt, die Stigmatisierung klebt an uns von der Wiege bis zur Bahre. Niemand muss sich wegen seiner Behinderung beschämen lassen und da wir die Welt nicht ändern, können wir nur bestmöglich Lärm meiden und uns (als Schwerhöriger) anpassen an die hörenden netten Mitmenschen. Die unverständigen, ungeduldigen, bevormundenden, überfürsorglichen und angeblich mitleidenden Leute gab & gibt´s immer. Das Interview interessiert mich sehr – bis bald also und liebe Grüsse

  9. Kerstin, genauso soll das sein, dass die Ausnahmen zur Regel werden…

    Kace-68, klingt als sei Dir mitunter übel mitgespielt worden. Freu mich, dass es jetzt und selbständig besser ist!

  10. Juergen Hobrecht

    Ich kann nur nur mit langer Berufserfahrung in den Medien absolut zustimmen: Erst die Frage, was liegt mir, was fasziniert mich? Dann die die Frage, wie kriege ich das mit meiner Behinderung geregelt? Und übrigens: auch erst die Frage nach den Neigungen und dann, die Frage nach der Kohle, weil Qualität meist Geld nach sich zieht und nicht umgekehrt.
    Ich bin 1957 mit einer spina bifida geboren und fahre im Rollstuhl. Anfang der Siebziger haben mich meine Eltern in ein Berufsbildungswerk zum Test geschickt. Ich sollte in einem Behinderteninternat zum Uhrmacher ausgebildet werden. Ich habe durchgesetzt, Sozialpädagogik zu studieren und habe nachher festgestellt, dass mein Geduldsfaden für Soziales zu eng ist. Als Quereinsteiger bin ich dann Journalist geworden, weil ich mir das irgendwann in den Kopf gesetzt hatte. Ich habe im Laufe der Jahre etliche Auftraggeber getroffen, die ich nur vom Telefon kannten, die mich entsetzt angestarrt haben: „Was Sie, im Rollstuhl…“ Ich habe das immer auch irgendwie genossen und kann nur jedem raten, sich seine Träume nicht austreiben zu lasen.

  11. Man könnte sich nun natürlich wieder über die Stereotype über Behinderte, hier Rollstuhlfahren, aufregen. Dass das im Umkehrschluss eigentlich bedeutet, dass erwartet wird, es hätte sich schon beim Telefonieren zeigen müssen. Aber ich finde man kann auch einfach das Gefühl genießen, Erwartungen übertroffen zu haben!

  12. Kace-68 schreibt, man solle sich für Erfolg im Beruf (und vielleicht auch grundsätzlich) an die „netten Hörenden“ halten und sich von den „unverständigen, ungeduldigen, bevormundenden, überfürsorglichen und angeblich mitleidenden Leute(n)“ fernhalten.

    Ich nutze jetzt einfach mal diese Gelegenheit für (m)eine „hörende Perspektive“ auf diesen blog. So gern ich es nämlich vermeiden würde, so kann ich doch nicht immer gänzlich ausschließen, auch mal „unverständig, ungeduldig, bevormundend, überfürsorglich und angeblich mitleidend“ zu sein oder doch zu wirken. Nicht nur mit Freunden oder Kollegen, die nicht gut hören, übrigens ;-).

    Dass sich das in meinem und vielen anderen Fällen (hoffentlich) ändert, liegt zu einem ganz großem Teil an diesem blog, den ich – keinesfalls nur, aber auch deswegen – mit Genuß und Gewinn lese. Dankeschön!

  13. Oh bitte sehr, Judith. Ist mir ein Vergnügen!

  14. Hallo Judith & not quite like beethoven,

    es gibt sie tatsächlich – die Leute – die den Ton in Gruppen angeben & das ist überall so. (z.B. Klassenclown wär Gegenpart).
    Selbstverständlich bin ich nicht der Mensch der hofiert u.a. als Mittel zum Zweck, würde knallrot werden :-). Es steht den anderen frei Position zu beziehen oder sich der Meinung enthalten. Leider sind die wenigsten couragiert, tatsächlich ihre Meinung zu vertreten. Lt. Statistik ist die Tendenz der Zustimmung der Integrationsämter zu Kündigungen im Interesse des Arbeitgebers steigend und als Schwerbehinderter wieder auf den 1. Arbeitsmarkt zu kommen ist sehr schwer.

    Zitat von Judith *nicht immer gänzlich ausschließen, auch mal “unverständig, ungeduldig, bevormundend, überfürsorglich und angeblich mitleidend” zu sein oder doch zu wirken* natürlich hat jeder Gefühle und ist anderer Meinung, nur sich verstellen und die andern merkens nicht? Das ergibt kein gutes (Selbst-) Zeugnis! Muss man sich „verbiegen“ um es nur anderen stets recht zu machen???

  15. „Lt. Statistik ist die Tendenz der Zustimmung der Integrationsämter zu Kündigungen im Interesse des Arbeitgebers steigend“
    Könntest Du da eine Quelle verlinken?

  16. hm? wenn Du mir schreibst wie`s geht und wie machts Du das Bildchen rein???

  17. ich hoffe es funktioniert: http://www.integrationsaemter.de/files/602/ZBinfo_1208.pdf

    Statistiken richtig lesen, d. h. Änderungskündigungen mit Einverständnis des behinderten Menschen sagt nicht aus, ob derjenige hier glücklicher mit den Arbeitsbedingungen ist. Solche Änderungen werden schlechter bezahlt und sind damit im Interesse des Arbeitgebers.

  18. Danke für den Link, sehr interessant! Allerdings kann ich da nicht herauslesen, was Du oben geschrieben hast („Tendenz der Zustimmung der Integrationsämter zu Kündigungen im Interesse des Arbeitgebers steigend”).
    Da steht die Zahl der Anträge der Arbeitgeber auf Zustimmung zur Kündigung ist von 2005-2007 zurückgegangen. Und in 2007 wurde in knapp jedem vierten Fall (23%) am Ende doch nicht gekündigt. Wie diese Quote früher war steht da leider nicht.

    Auffällig viele (Kündigungen in 2007 sind Änderungskündigungen — ich weiß aber gar nicht wie dieses Verhältnis bei Nicht-Schwerbehinderten ist, ob das also so auffällig ist…
    Pardon, das hab ich falsch gelesen, wie häufig Änderungskündigungen waren steht da gar nicht. Wenn man sie beim Wort nimmt steht da auf S.4, dass kaum Änderungskündigungen mit dem Verlust des Arbeitsplatzes endeten. Wobei mir nicht ganz klar ist ob damit gemeint ist, das die Kündigungen nicht durchgesetzt wurden (also Weiterbeschäftigung bei gleichem Vertrag) oder nur, dass weiterhin Beschäftigung im gleichen Unternehmen erfolgt (die Kündigung also wirksam wurde und die Änderung angenommen).
    In jedem Fall hätten Änderungskündigungen sicher eine gesonderte Behandlung verdient. Nicht nur weil sie sich nicht so einfach in das Schema Erhalt/Verlust des Arbeitsplatzes einordnen lassen sondern auch weil ich schon gern genaueres über die Art der Änderungen wissen würde (immer nur weniger Geld? oder auch andere Aufgaben? oder Zeiten?) und ob es da Trends gibt. Und ob man damit zufrieden ist steht natürlich auch nochmal auf einem ganz anderen Blatt – übrigens auch als Arbeitgeber.

  19. wer genaueres wissen will, kann so vorgehen: Auf der Hauptseite Integrationsaemter in der Suchfunktion *Kündigung (mit einer Jahreszahl)* eingeben und dann erscheint eine Liste, wo man sich einen entsprechenden Artikel raussuchen kann. Hier noch ein Link fürs Amüsement
    http://www.joerg-rudolf.lehrer.belwue.de/kurse/gkmathe_00/statistik.htm und schau hier: http://www.existenz24.biz/gruendung/index.php/2007-08-11/wie-man-mit-statistiken-luegt-tricks-die-man-kennen-sollte-teil-1.html

    Uebrigens hast Du falsch getippt nqlb, bin leider nicht berufstätig und meine Familie muss derzeit von ALG leben

  20. hallo ihr!

    ich habe gerade mit großem interesse die diskussion gelesen. ich selbst bin auch mittlerweile gehörlos, 24 jahre alt und studentin. mein abitur hab ich auf ’ner „hörenden“ schule gemacht und bin danach ganz schnell in’s psychologie studium eingestiegen. ohne dolmetscher, nur mitschreibkräfte und nach dem vordiplom ging es einfach gar nicht mehr, kräfte waren aufgezehrt. interessant ist, dass ich ganz zu beginn medienkultur (so hieß der studiengang damals noch) mit nebenfach anglistik studieren wollte. von beidem wurde mir dringlich abgeraten und mein fehler war mich davon beeinflussen zu lassen. jetzt studier ich BA gebärdensprachen, das studium ist interessant und ich bereue es nicht, allerdings fällt mir da wieder auf, dass es alleine bei einer 6-wöchigen praktika suche schon groooooße probleme gibt. auf anfragen ob ein praktikum möglich ist kommt jetzt zum … 24. mal die begründung „in unserem hause ist telefonieren obligatorisch. wir wünschen ihnen viel erfolg bei ihrer weiteren berufslaufbahn“. das nervt doch sehr, da man eben nicht einmal eine chance bekommt. ich denke, es ist auch irgendwie eine prinzipien sache oder…? schlagwort: equality.

  21. @innovashun

    Wenn Sie als Studentin (equality bedeutet Gleichheit) BA gebärdensprachen (Was ist das eigentlich?) *erwarten* Anfragen – schriftlich? – für 6 – Wochen lange Praktikas stellen WARUM schreiben Sie denn alles klein??? EQUALITY ???

  22. Bei einem fürs Studium vorgeschriebenen Praktikum? Das ist ja ganz blöd! Und 24 Absagen klingt schon sehr ungewöhnlich. Hat da die Uni keine Kontakte und Beratung, wie man Unternehmen am besten anspricht? Oder sind die alle in einer bestimmten Branche wo Telefonieren wirklich so wichtig ist — werden ja wohl keine Callcenter sein, oder?

  23. ehm … den kommentar von kcae-68 verstehe ich nicht ganz??!!! ich weiß, was die deutsche übersetzung von „equality“ bedeutet. BA ist die gängige Abkürzung für ‚Bachelor‘ und bezeichnet einen studiumabschluss. ich schreibe in meinem privaten leben alles klein, die anfragen erfolgten schriftlich und in korrekter deutsch grammatik. daran kann es nicht gelegen haben.

    at nqlb:
    doch, es gibt beratung und kontakte. allerdings handelt es sich hierbei um ein praktikum das ich im rahmen des ba studienganges für den bereich abk absolvieren muss. abk steht für „allgemeine berufsqualifizierende kompetenzen“ und ist ein bereich speziell für geisteswissenschaftler in dem die studenten bewerbungstraining, diverse praktikums-seminare und verschiedene projektseminare angeboten bekommen um sie ‚flexibel‘ zu machen, da es DEN beruf für geisteswissenschaftler nicht gibt (so wird es gesagt). das heißt dieses praktikum sollte im geisteswissenschaftlichen bereich stattfinden und in diesem abk bereich bin ich die einzige gehörlose. ich hatte die idee/den wunsch bei kulturstiftungen, kulturzentren und theatern eins zu absolvieren mit schwerpunkt ‚kulturmanagment‘ da mich dieser 1. sehr angesprochen hat und 2. ich mich selber sehr oft ärgere das viele poetry slams, lesungen und theaterstücke für mich und andere schwerhörige oder gehörlose nicht zugänglich sind. daher wollte ich einen einblick gewinnen wie die organisation dieser veranstaltungen abläuft, fundraising und kundenkontakte um später vielleicht eine breitere zugänglichkeit ermöglichen zu können. hochgegriffen vielleicht aber mein ganz konkretes ziel.

  24. korrektur:

    korrekter deutschER grammatik 😉

  25. und noch mehr fehler .. excuse moi, es ist 23.30 und ich kam gerad von der arbeit nach hause.

  26. Klingt wie ein schwieriger Bereich, das stimmt, aber das macht ja nichts. Wenn dich das begeistert, wirst Du sicher auch Wege finden, dort zu arbeiten. Und hoffentlich auch bald einen Praktukumsplatz. Ich wünsche Dir Glück! Den „Kulturbereich“ hörbehindertenfreundlicher zu gestalten find ich ein tolles Anliegen.

  27. @innovashun

    Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid, das ezniige, was wcthiig ist, ist dsas der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion sehten. Der Rset knan ttoaelr Bsinöldn sien, todzterm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das legit daarn, dsas wir nihct jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als Gnaezs.

    Wenn Sie den Text trotz aller orthographischen Kapriolen lesen konnten, dann ist ihr Hirn auch in der Lage, mit einem Antiterrorkomitee fertig zu werden. Buchstäblich, nicht wörtlich.

    Nun lach mal wieder und alles wird leicher sein! Ein gepflegtes DEUTSCH öffnet vielleicht auch manche Tür????

    Schöne Grüsse an alle Leser/-innen.

  28. Luxus-Hotelier ist ja vielleicht auch nicht der Beruf, der einem so nahegelegt wird, wenn man nicht (so gut) hört, oder? Aber ein Beispiel zeigt, dass es anscheinend doch geht. Und sehr gut sogar – da hat einer selbstbewusst, mutig und sehr erfolgreich nach den (fünf) Sternen gegriffen:

    http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,172496,00.html

    Und guckt Euch mal die Speisekarte an! Hmmmm….

  29. Die ZEIT hat das anscheinend auch mitgekriegt:

    http://www.zeit.de/2001/10/Die_Kunst_W
    uensche_von_den_Lippen_zu_lesen

  30. Es ist eine sehr interessante Diskussion, wirklich, zumal ich ja auch so einen „Exoten-Beruf“ habe jetzt. Sooo exotisch ist der gar nicht (ein kaufmännischer Branchenberuf), aber wie es scheint bin ich wohl die erste hochgradig Hörgeschädigte in Deutschland die genau diesen Beruf macht. Den ich auch nur mit einer Menge Gekabbel mit dem Umschulungskostenträger bekommen habe, weil es eben KEIN typischer Gehörlosenberuf ist. Weil bei mir von vornherein klar war, dass Handwerk nicht drin ist wollten die was Soziales aus mir machen. Wollte ich allerdings nicht.

    In dem BFW in dem ich zur Umschulung war stand Gehörlosen, Ertaubten und Schwerhörigen eigentlich das ganze Reportoire der Berufe die dort ausgebildet worden offen – in hörenden Klassen mit Dolmetscher. Das hat gute Seiten, aber auch schlechte. Gute natürlich in Fällen wie meinem, Schlechte in so weit, als dass da Kräfte ausgebildet werden, die auf dem Markt niemand will oder braucht. Dazu zählen nicht nur die Metall- und Zeichenberufe, sondern eben auch die kaufmännischen Berufe bei hochgradig Hörgeschädigten. Das ist im Prinzip nicht sinnvoller oder -loser als andere Ausbildung auch, aber ich hatte damals eine Dolmetscherin die zeitgleich für den IFD tätig war und die erzählte mir folgendes:

    „40h die Woche am Kopier – 850€ netto, wenn überhaupt.“

    Mich hat das nicht demotiviert, ich sehe sowas eher nüchtern, aber jetzt wo ich fertig bin merke ich, dass sie recht hatte. Ich bekomme nämlich keine Absagen von Arbeitgebern weil ich so ein unsicheres Deutsch, so schlechte Sprache, so geringes Sachverständnis oder sonstige Komponenten die beim typischen Gehörlosen zu finden seien mögen aufweisen würde. Ich werde abgelehnt, weil ich so eben nicht bin. Ich kann mit Hörenden komplett konkurrieren, ich habe Fähig- und Fertigkeiten, die viele von denen nicht haben, ich hatte eine sehr gute Prüfung und falle eigentlich überhaupt nicht auf. Und DAS ist der Grund warum sie mich nicht wollen. Ich würde mich nämlich nicht unter Wert verkaufen, ich würde einfordern, dass meine Fähigkeiten eingesetzt werden können etc. Und das wollen die nicht. Die wollen diesen „Was? Die ist TAUB und war auf Gehörlosenschule“ nicht.

    Unabhängig davon ob etwas prinzippiel möglich ist sind da also auch ökonomische Gründe dahinter und – so meine Ansicht – historische. In der Weimarer Republik wären wir nämlich nicht so „selektiv“ behandelt worden, die Hörgeschädigten sicher eher als andere Behindertengruppen, aber mir haben mehrere Historiker gesagt, der Zustand wie wir ihn kennen, kam erst durch das 3. Reich und die „unwertes Leben“-Propaganda.

    Übrigens:

    Ich durfte weder

    – Pharmazie
    – Historik
    – Fachübersetzen Englisch

    noch Buchhandel (und meine hörende Ausbildung war in dem Bereich) studieren. Bekommen hätte ich (Hörgeschädigten-)Pädagogik oder was mit Computer. Hat mich nur leider beides nicht interessiert.

  31. Andererseits, das noch kurz dazu weil’s mir im Nachsatz einfällt, kam eine bestimmte Agentur im Gespräch darauf, dass ich doch Lektorin sei. Woher die es wussten weiß ich nicht, aber es stimmt, ich bin ehrenamtlich Teil eines Lektorats. Nun, man hätte gehört, dass ich mir hin und wieder auch Texte von Gehörlosen vornähme, von denen ja sehr viele Probleme mit Rechtschreibung, Grammatik und Satzbau hätten. Stimmt auch. Ob es nicht lukrativ wäre so einen Service genau auf die Zielgruppe zugeschnitten anzubieten, ich sei ja so gut in Marketing. Ich hatte das Gefühl die wollten so ein bisschen Richtung „Ich-AG“. Aber es hat auch gezeigt, dass die eigentlich nichts über Gehörlose wissen. So eine Sache wäre nämlich alles andere als lukrativ. Im Gegenteil. Viele Gehörlose möchten nämlich gar nicht korrigiert werden. Und wo es keine Aufträge gibt kann auch kein Goldesel grasen.

  32. Hallo Salomea,

    wieso *durftest* Du weder
    „- Pharmazie
    – Historik
    – Fachübersetzen Englisch
    noch Buchhandel (und meine hörende Ausbildung war in dem Bereich) studieren“.

    Normalerweise kann einem das Studieren doch niemand verbieten, höchsten hat man eine Wartezeit, weil man den NC nicht erreicht?!?

    Fragt verwirrt: frauke

  33. Hallo Frauke,

    die Antwort ist so skurril wie einfach: Ich bin taub und ein tauber Mensch hat so was in Deutschland nicht zu machen.

    Ich wäre vermutlich eine gute Historikerin gewesen. Ich hatte eine Arbeit zur Ansicht bei einer Uni, die diesen Studengang damals angeboten hat – ich nehme an sie tun es immer noch -, eingereicht und bekam sie zurück mit dem Vermerk, sie hätten an die 100 Arbeiten gekriegt und eine Rangliste erstellt, meine wäre Nr. 20. Ich war also besser als 80 Hörende und das Thema war unter Studierenden damals auch noch nicht Mainstream. Ich war also nicht nur besser sondern Origineller und auch nüchterner, ich hatte nämlich nicht Partei ergriffen (Thema war RAF). Und deshalb hätte die Uni sich das mit mir vermutlich auch vorstellen können. Aber es gibt auch etwas dass sich Regierungspräsidium oder auch Landschaftsverband nennt und die können dir auch dazwischen funken. Und wenn es nur die Dolmetscher sind, die sie nicht bezahlen wollen. Dann springen nämlich auch die Unis ab (so kenne ich das).

    Buchhandel (obwohl ich Bibliothekarsassistentin war) und Fachübersetzen Englisch (obwohl ich damals weitaus mehr gesprochen habe als Deutsch und in der Kollegschule die Klausuren meiner Mitschüler korrigiert habe weil kein Lehrer mit mir mithalten konnte) wurde grundsätzlich von jeder Uni, von jedem Präsidium, von jeder Beratung etc. abgeblockt – angeblich zu kommunikativ. Obwohl ein Übersetzer mit Text arbeitet und eben nicht in Kontakt mit Menschen ist und im Buchhandel oder in einem Bibliotheksposten – ich kann, katalogisieren, ordern, restaurieren. Da gibt’s keine Kunden. Aber nein, wir sind hier ja in Deutschland und da gibt es keine Tauben in solchen Funktionen. Hat es nicht zu geben. Also wirst du nicht zugelassen.

    (Ich habe später übrigens 3 Monate in der Bibliothek einer englischsprachigen Schule gearbeitet – für die war das kein Problem).

    Und Pharmazie, darüber haben die gar nicht erst diskutiert. Hat keine tauben Apotheker zu geben -fertig aus. In den Niederlanden könnte ich ohne groß Bohei eine eigene Apotheke aufmachen. Aber das Geld um dort zu studieren hatte ich nicht.

    Ich hatte den Post gestern Abend sehr spontan geschrieben und da denke ich nicht immer an alles Wichtige, aber man muss denke ich auch sehen, dass „Berufswahl nach Neigung“ eine SEHR hörende Perspektive ist. Es wäre natürlich schön wenn das so einfach möglich wäre, und im Ausland ist es das oft, aber ich glaube auch, dass es kein einfaches Thema ist, weil man immer auch den „kulturellen“ Faktor bedenken muss.

    Wie läuft so eine gehörlose Bildung im Normalfall ab?
    Wie viele von den heute erwachsenen Gehörlosen hatten die Chance ihre Schulbildung so vermittelt zu bekommen, dass sie ihnen etwas nützte (also in Gebärdensprache)?
    Was passiert bildungstechnisch mit einem früh Ertaubten oder Schwerhörigen? Hier werden immer nur die „Sonderfälle“, also die die es irgendwie in der hörenden Welt geschafft haben, erwähnt. Der Regelfall als Menschen wie ich, bei denen es als späte Teenager los ging , und davon kenne ich einige, landet auch auf „Gehörlosenschulen“ und für’s Abi auf den wenigen Schulen die es in Deutschland anbieten.
    Wie ist die Kommunikation dort? Ich gehöre, glaube ich/hoffe ich, zur letzten Generation „komplett oral“ an der Schule wo ich für’s Abi war.
    Wenn so jemand auf so eine Schule muss (auch das kann das Regierungspräsidium und zum Teil auch die Landschaftsverbände „channeln“) wie groß ist dann seine Chance in der Zeit wirklich mit seiner Hörschädigung klar zu kommen? Und wie fit ist er deshalb wirklich hinterher für den Arbeitsmarkt? Und was ist mit Noten? Ich hatte teilweise Lehrer die haben Einserkandidaten Sechser verpasst weil sie gebärdet haben. Derjenige der hinterher das Zeugnis sieht weiß das nicht und zieht falsche Rückschlüsse.
    Wenn es dann um Berufswahl geht: Es mag sein, dass relativ viel möglich IST, und manchmal wird es das wenn Geld im Spiel ist. Zum einen in sofern als dass Arbeitsagenturen duale Ausbildungsplätze bei Firmen erkaufen, zum anderen aber auch weil ich keinen hochgradig Hörgeschädigten (damit meine ich jetzt sowohl ettaubt als auch gehörlos oder hochgradig schwerhörig) meiner Generation kenne, der einen für einen Hörgeschädigten außergewöhnlichen Studiengang gemacht hat, dessen Eltern nicht selber nicht wenig verdienen. Ich denke das wertet den jeweiligen Studenten gegenüber der Uni vielleicht auf, weil gedacht werden könnte „Wenn die Eltern nicht dumm sind kann er es ja auch nicht sein“. Das mag ein Stück weit konform gehen, damit wie generell Studierende von Unis gewählt werden.

    Kulturell ist aber eben immer auch noch dieses Stigma „Taub- Stumm- Dumm“, das wir alle aufgeklebt bekommen. Und woher kommt das? Ein paar hundert Jahre falsche Gehörlosenbildung und eine bestimmte Zeitspanne in der neueren deutschen Geschichte.
    Und dieser Aufkleber klebt manchmal unsichtbar auf unseren Akten bei Arbeitsämtern etc.

    Mir hat letzte Woche die Frau in der Agentur ein Stellengesuch gegeben, das sehr interessant ist. Was drin steht kann ich alles und es ist auch Marketing (ich liebe Marketing, aber es würde zum Beispiel niemand in Deutschland eine Weiterbildung zur Marketing-Fachwirtin finanzieren. Meine Noten und Ausarbeitungen spielen da keine Rolle) dabei. Der Kontakt zu diesem Arbeitgeber läuft aber anonymisiert, also über einen anderen Sachbearbeiter der Agentur. Sie hat noch während ich da war diesen Bearbeiter angerufen und gefragt, ob es überhaupt Sinn macht mich zu bewerben und der zweite Satz war in etwa „Nein, die hört nichts mehr ABER spricht und kann gut ablesen. Also richtig taubstumm ist sie nicht, ganz anders.“ Nur als Beispiel. Die müssen sich untereinander also schon selbst die Blockaden nehmen.

    „Kulturell“ kann aber auch von der anderen Seite gesehen werden. Das ist etwas, das ich in meinem BFW beobachtet habe. Viele Gehörlose wünschen sich, dass sie hier die selben Möglichkeiten haben wie in z.B. Amerika. Das ist auch gut. Viele möchten aber auch um jeden Preis die Homogenität ihrer Gruppe erhalten und ich glaube – nur meine persönliche Meinung – dass sie dafür auch von sich aus ein Stück weit in Kauf nehmen nicht alles lernen zu können. Ich musste mir zum Beispiel nach dem ich nach der Umschulung in meine alte Stadt zurückkam sagen – von Gebärden in Schriftsprache übersetzt – lassen: „Du spinnst doch. Musst mal dein eigenes Ding machen um uns in den Rücken zu fallen.“ Das hat damit gar nichts zu tun. Ich habe meinen jetzigen Beruf erlernt weil man mir damals gesagt hat, ich könnte durch diesen Umweg entweder eventuell doch noch in den Pharmabereich – wo sie diesen Beruf weder wollen noch brauchen wie ich jetzt weiß – oder in den Rehatechnik-/Sanitätshausbereich, und der hat mein Interesse eben auch. Ursprünglich hatte ich vom BFW übrigens eine Empfehlung für einen Beruf in dem Englische Korrespondenz eine große Rolle spielt. Den hat der Kostenträger nicht finanzieren wollen, weil „eine Taube stellt in dem Metier keiner ein“. Na ja, wäre schön gewesen, aber mein jetziger ist auch gut. Wenn es denn Arbeit gebe. Derzeit gibt es vielleicht 50 Stellen in Deutschland darin.

    Es hängen übrigens nicht alle Gehörlosen dieser „Homogenitäts“-Sache an. Nicht dass man mich falsch versteht. Ich habe auch nichts gegen die Gehörlosen. In meinem BFW gab es einen Mann, der auch einen Exotenberuf gelernt hat (auch eine kaufmännische Branche) bzw. noch lernt und den Wunsch hatte, das praktische Element darin hinterher speziell für Gehörlose anzubieten – in diesem Fall Fitnesskurse -, die Idee ist gut. Ihn wird bloß keiner einstellen.

    Liebe Grüße

    (und wenn noch Fragen da sind: fragen!)

  34. Hallo Salomea,

    ich muss zugeben, ich bin immer noch verwirrt. Aber es interessiert mich, aus vielerlei Gründen, daher nochmal ein paar Fragen bzw. ein Sortierversuch.

    Vorab: Ich selbst bin ’nur‘ schwerhörig und vollständig (obs gut oder schlecht war, sei jetzt hier mal dahingestellt) in hörender Welt, ohne Kontakt zu anderen Schwerhörigen oder gar Gehörlosen aufgewachsen und habe auch einen entsprechenden Bildungsweg.

    Ich kann nachvollziehen, wieso Du, aufgrund Deiner Erfahrungen schreibst, Berufswahl nach Neigung sei eine „SEHR hörende Perspektive“. Ich glaube auch, Deine Argumente bezüglich „kulturell“ (teilweise würde ich es eher „Sozialisation“ nennen) nachvollziehen zu können. Trotzdem verstehe ich Deine Geschichte nicht ganz, unter inhaltlichen wie formalen Gesichtspunkten. Ich versuche mal zu sortieren:

    – Du hast eine Gehörlosenschule mit „komplett oralem“ Unterricht besucht und dort Abitur gemacht (vermutlich so Mitte/Ende der Achziger?)
    – Du hast danach(?) eine Ausbildung im Buchhandel gemacht und abgeschlossen(?).
    – Du hast inzwischen bei einem BFW eine Umschulung in einem kaufmännischen Beruf gemacht und bist derzeit arbeitssuchend.

    Was ich aber immer noch nicht verstehe: Irgendwann in dieser ganzen Zeit wolltest (oder willst) an einer deutschen Hochschule studieren.
    Normalerweise wird man zu einem Studiengang rein aufgrund formaler Kriterien, insbesondere des Vorlegenes der Hochschulzugangsberechtigung (sprich Abiturzeugnis o.ä.) zugelassen. Wieso hat das bei Dir nicht funktioniert? Wer sind die Leute bzw. Behörden/Zuständigen, die Geld (wofür?) bewilligen müssten? Ich kann ja verstehen, dass Du Dolmetscher o.ä. brauche würdest. Und ich weiß auch, dass die Bewilligung von Geldern dafür wie auch das Finden von geeigneten Dolmetschern nicht leicht ist, aber m.W. hat das keinerlei Bezug zur Studienfachwahl und zur Zulassung an einer Hochschule überhaupt. Wer also hat Dich nicht zugelassen? Auch die Geschichte mit der eingereichten Arbeit bei den Historikern verstehe ich in dieser Hinsicht nicht wirklich. War das eine Zulassungsbedingung? Ich bin überzeugt, dass man auch als Gehörloser/Gehörlose ein wirklich guter Wissenschaftler/in/Historiker/in sein kann – zumal in Bereichen, in denen es ohnehin hauptsächlich um Lesen und Schreiben geht.

    Also: Vielleicht bin ich ja blöd, aber erklär mir doch bitte, wieso ein Regierungspräsidium/Landesverband Dich am Studieren generell bzw. bestimmter Fächer hindern konnten/können. Es interessiert mich wirklich.

    Und nebenbei bemerkt: Hast Du Dich mal über/bei der FernUni Hagen informiert? Ein Studium dort müsste Dir doch entgegenkommen und auch möglich sein. Geschichte gibt es leider nicht mehr grundständig, aber als Schwerpunkt im B.A. Kulturwissenschaften.

    Viele Grüße!

  35. Hallo Frauke,

    okay, wir sortieren mal, war wohl auch ein bissvhen unübersichtlich:

    1) ich habe Ende der 90er als Hörende bei der 3 Monate nach Ausbildungsbeginn eine Schwerhörigkeit festgestellt wurde und in deren Schlepptau dann x Hörstürze (habe bei 11 oder so aufgehört zu zählen) kamen eine Bibliotheksausbildung angefangen. War schwerhörig schon nicht ganz einfach, weil mein Sprachverständnis relativ schnell komplett wegwar. Deshalb durfte ich auch die Abschlussprüfung nicht machen, sondern musste nach der Zwischenprüfung gehen (Kündigung von Seiten des Betriebes mit Zustimmung des Integrationsamtes). Ich war damals zu unwissend und zu fertig – bevor die das Integrationsamt dazu gehört haben haben sie versucht mich rauszumobben – um mich zu wehren, also auch zu klagen etc.

    2) Ich bin dann an eine Gehörlosenschule für’s Abi, weil es niemand anderer gemacht hätte. Das Präsidiumn darf dir übrigens Vorgaben machen auf welche Schule du zu gehen hast. Nicht toll, ist aber bei gravierenden Behinderungen so. Das war 1999-2002. Komplett oral. Ich habe mir vom damaligen Leiter des Bildungszweiges – Namen brauche ich nicht nennen, du wirst ihn zwar bei hörender Sozialisation nicht kennen, aber wenn man diesen Namen unter nicht-hörend sozialisierten fallen lässt bekommst du sofort eine „Reaktion“ – folgendes über Gebärdensprache sagen lassen müssen: „Lern das bloß nicht, du verblödest.“ (Was natürlich quatsch ist.)

    Das mit dem Abi hab ich gemacht um zu studieren. Aber es hat wie gesagt nicht geklappt.

    Ich weiß nun nicht was hinter den Kulissen beim Regierungspräsidium abgeht also wie die das genau schaffen, dass da was nicht zugelassen wird, aber mir hat ein gehörloser Student von der FH auf dem BFW-Campus erzählt, – weiß nicht ob es stimmt -, es gäbe da eine Behinderten- Quote oder so was und die Unis könnten sich selber aussuchen mit was für Behinderten sie die besetzen. Klingt skurril, könnte aber was dran sein. Das würde denen nämlich auch erlauben, bestimmte Behinderungsgruppen aus bestimmten Fächern rauszuhalten. Blinde dürfen auch nicht alles und ein Freund von mir der im Rollstuhl sitzt und Pädagogik machen wollte hat überall Absagen bekommen mit „Wenn dann Sonderpädagogik“, was er nicht wollte. Ist vielleicht auch willkürlich. Die Landschaftsverbände spielen da – glaube ich, ich bin da nicht mehr so am Ball – eine monetäre Rolle. Erstmal natürlich wegen der Dolmetscher, die sie auch nicht für jeden Studiengang akzeptieren müssen (falls es da überhaupt welche für gibt), und dann überhaupt, ich glaube, da gibt es auch Zuschüsse für die Unis. Ich werde mal den nächsten gehörlosen Studenten fragen den ich treffe. Ich bin kurioserweise oft für eine von denen gehalten worden. Und es glauben auch jetzt noch einige Leute, dass ich nach der Umschulung im BFW studiert hätte. Okay, das mag daran liegen, dass ich mich in bestimmten Kontexten laut IHK Ökonomin nennen darf und das klingt sehr studiert. Bringt nur leider trotzdem keinen Job. (Aber meinen hörenden Freunden auch nicht, unser ach so toll klingender Beruf ist eigentlich überflüssig).

    Und ja, das mit der eingereichten Arbeit war so eine Art Zulassungsbedingung. Du musstest was einreichen und danach haben die sich dann ihre Studis ausgesucht. Ich wäre gut gewesen. Ich brauche keinen auditiven Kanal um zu schreiben oder Vorträge zu halten. Letzteres kann ich erst seit ich diesen Kanal nicht mehr habe richtig gut. Ich war in der Umschulung immer besser in Referaten als die Hörenden. Und das obwohl ich eigentlich nur noch in solchen Kontexten oder mit guten Freunden Lautsprache anwende.

    Über Hagen hab ich auch schon nachgedacht, die sogenannte Euro-FH wäre auch toll, die machen viel Wirtschaftliches, also auch Marketing. Aber das ist ne Geldfrage und momentan hätte ich zwar die Zeit aber nicht das Geld. Und fördern würde das niemand. Hab ich schon alles probiert.

    Ich hoffe, ich konnte noch ein paar Unklarheiten beseitigen.

    Ach ja, und das Kulturministerium, die spielen da auch noch eine Rolle. Mir fällt ein dass ich mal einen Brief von denen bekam wegen der Historik-Sache. Nach welchen Kriterien die allerdings vorgehen, weiß ich nicht.

    Liebe Grüße

  36. Oh, mir fällt gerade was auf: Der Satz „…nach der Umschulung im BFW studiert hätte“ ist missverständlich. Er ist nicht zeitlich gemeint. Die glauben also nicht, dass ich erst Umschulung und dann Studium gemacht hätte, sondern Studium STATT Umschulung.

  37. @Salomea und frauke

    Ich habe die Berufswelt momentan verlassen müssen und nutze das Netz. Hier für Euch Links und ich setze nqlb´s Einverständnis 1-fach dafür voraus:

    Verständnis und Verständigung
    http://www.integrationsaemter.de/webcom/show_zeitschrift.php/_c-560/_cat-33/i.html

    Schule trifft Arbeitswelt Teil1
    http://www.integrationsaemter.de/webcom/show_zeitschrift.php/_c-560/_cat-38/i.html

    Sich regen bringt Segen. Salomea, Du darfst, kannst und mußt Dich nicht (!) mit weniger zufrieden geben. Offenbar hast Du das Zeug fürs Studium, nur welches?

    Wenn Du lachst lachen alle mit Dir & wenn Du weinst, dann weinst Du allein.

    Hier ist das Netz unsere (hörbeeintr. oder gehoerlos) Stärke. Wissen, informieren und dies auch anwenden bringt uns weiter und es dauert nicht mehr -zig Jahre etwas zu erreichen. Macht mal weiter im Blog !!!

    Liebe Grüsse von kace-68

  38. @kace-68:

    Danke für die Links, auch den im anderen Beitrag.

    Ich bin derzeit in meinem jetzigen Berufsfeld so eine Art Vorreiter, die – allen Anschein und meinen sämtlichen Informationen nach – erste taube Person die genau diesen Beruf in Deutschland macht bzw. gelernt hat. Ich denke das ist doch schon mal was. Und dass ich den Zoff mit dem Kostenträger für diesen Weg gewonnen habe auch – mit Hilfe des VDK ordentlich Rabatz geschlagen.

    Das BFW hat zwar vorher schon mittelgradig Schwerhörige in diesem Beruf ausgebildet, aber keine/r war so gut wie ich, deshalb bin ich hinterher auch ordentlich diffamiert worden. So wurde behauptet, ich hätte in der Mündlichen Abschlussprüfung – die ich nicht oral gemacht habe – Probleme gehabt, war nicht so. Ich war noch immer besser als viele Hörende. Die haben nur Angst, dass weil Salomea auf die Barrikaden gegangen ist inklusive Fachpresse jetzt alle fordern und dann können Sie die Gehörlosen nicht mehr klein halten. Ich habe also in meiner akuten Situation alles rausgeholt was ich rausholen konnte (Wenn man bedenkt, dass ich als ich angefangen habe mit meinem Kostenträger vor der Situation stand „Entweder du nimmst die Umschulung die wir für gut halten oder du kriegst gar keine und kommst aufs Abstellgleis“). Ich habe zwar nicht den Universitätstitel „Ökonomin“, darf mich laut IHK kontextbezogen so nennen Das darf für genau diesen Beruf mit genau meinem Hörstatus derzeit niemand. Und das ist ein Erfolg.

    Ich denke, wenn ich heute noch mal Richtung Uni gehen würde, ich würde was machen, das mit meinem jetzigen Beruf zu tun hat.

    Ich könnte nie Produktmanagerin bei z.B. Roche, Bayer oder AstraZeneca werden, weil das SEHR kommunikativ ist. Ich könnte auch nie Pharmareferentin bei Hexal, Merck oder Winthrop werden. Da musst du nicht bloß andere Leute in Grund und Boden quasseln sondern auch auditiv wahrnehmen wie das andere mit dir tun. So Junior Marketing Assistant bei Pfizer oder Tewa fände ich durchaus interessant. Im Ausland würde man mich mit entsprechendem Studium – Marketingwissenschaftlicher BA oder so – vielleicht auf so einen Posten lassen. Reizen würde es mich 😉

    Hier noch ein paar Beispiele aus meinem jetzt Ex-BFW von Leuten die auch nicht „wählen“ konnten:

    – Eine akustisch taube (also Töne hat sie noch gehört) ehemalige Kinderkrankenschwester musste Erzieherin machen.

    – Eine leicht schwerhörige studierte Medizinerin saß bei uns im kaufmännischen, weil sie nichts ihrem Beruf ähnliches machen durfte wegen der Ohren

    – Meine Ex-Kommilitonin, die mit 95%iger Wahrscheinlichkeit auch ertauben wird, musste diesen Beruf lernen. Etwas Soziales, wie sie wollte, durfte sie vom Kostenträger aus nicht.

    – Ein Gehörloser, der nach einem Arbeitsunfall bei dem er ein Stück Finger verloren hatte nichts mehr in Richtung Metall machen wollte hat ausschließlich genau diese Richtung von seiner Agentur bezahlt bekommen

    Nicht aus dem BFW, persönlicher Bekanntenkreis:

    Ein spätertaubter PTA, der darin keine Stelle bekam, hatte sich gewünscht Altenpflege zu lernen. In Rendsburg wird das für Gehörlose ausgebildet. Damit hat er argumentiert. Seine Agentur hat sich quergestellt. Ergebnis: mies abgeschlossene (weil desinteressiert) Kaufmännische Ausbildung. Arbeitslos.

    Und solche Beeispiele kenne ich viele. Leider.

    Dazu fällt mir noch etwas ein: In meinem BFW haben die Dolmetscher untereinander „Prognosen“ abgegeben, welcher Klient auf dem offenen Markt „lebensfähig“ – das Wort benutzten die wirklich, ich finde es nicht unbedenklich – sei. Ich war immer ganz vorne dabei. Aber die sehr hörend Orientierten haben sich mit den sehr sozialisationstechnisch gesehen – Gehörlosen nicht viel getan…. 😦

    Liebe Grüße

  39. Personen, die so drauf sind, dass sie ihre „Schützlinge“ klein halten wollen, haben im Bildungsbereich echt nichts verloren!

    Ich versteh schon, warum sich Behörden, die Umschulung/Arbeitssuche finanzieren schwer tun, sowas wie „Neigung“ zu berücksichtigen und lieber kurzfristig einen Job/Verdienstmöglichkeit wollen als an einer langfristigen Perspektive zu arbeiten, die zuerstmal sicher längere Arbeitslosigkeit bedeutet. Und ich weiß auch nicht genau wie man letzteres am besten in Gesetze und Programme gießt, v.a. weil es da niemals Sicherheiten gibt, das was draus wird. Aber das wäre der Weg, meiner Meinung nach.

  40. Am besten selbst Chef werden – passt auch zu Deinem an anderer Stelle genannten Lieblings-Sitzplatz:

    Wo setze ich mich bei Konferenzen hin?

    Wer sich wichtig fühlen will: auf einen Platz mit dem Blick zur Tür. Dort sitzen am liebsten die Chefs.
    Wer Streit vermeiden will: nicht gegenüber von dem Kollegen, der oft gegensätzlicher Meinung ist. Streithähne neigen nämlich auch zu konfrontativem Sitzen.
    Und wer generell seine Würde bewahren will: nicht direkt mit dem Rücken zur Tür. Das ist der statusniedrigste Platz, denn man muss sich umdrehen, wenn jemand eintritt, oder wird gebeten, schnell mal irgendwelche Unterlagen zu holen.

    (Quelle: FAZ online)

    Hihi! 😉

  41. Status, hm? Also ich hab das so sitzen in meiner Zeit in Algerien gelernt… 😉

  42. Pingback: Wie lebt man gut mit Schwerhörigkeit? Nochmal Evelyn Glennie « Not quite like Beethoven

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